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       # taz.de -- Nachruf auf Künstler David Hockney: Eine echte Marke
       
       > David Hockney war ein Superstar der internationalen Kunstszene. Nun ist
       > der Maler, der sich selbst als „etwas schüchtern“ bezeichnete, gestorben.
       
   IMG Bild: Der Künstler David Hockney im Mai 1999 in der Royal Academy vor seinem Gemälde „A Closer Grand Canyon“
       
       David Hockney war anfangs ein Propagandist in eigener Sache und sehr viel
       später ein Aushängeschild künstlerischer Frivolität. Seine malerische
       Exzellenz war eher ein Vehikel, eine Möglichkeit, das Establishment
       zugleich zu veralbern und zu betören. Er war ein Kind seiner Zeit, ja, aber
       sehr früh schon ein Pate dieser Zeit. Wohin auch immer er ging, tat sich
       ein Vorhang auf, schien die Jahresuhr einen Sprung nach vorn zu machen.
       
       Mit 33 Jahren kam die erste Retrospektive. Seine Kunst sah immer aus wie
       Spiel. Sein Cross-over von Gattungen und Stilen wurde immer wieder auf
       Bildformeln getrimmt, die etwas Modellhaftes an sich hatten, etwas
       Illustratives. Deren Wurzeln lagen im kindlichen Staunen. Nie hat Hockney,
       in 60 Jahren, den Draht zum großen Publikum verloren. Am Donnerstag ist er
       mit 88 Jahren in London gestorben.
       
       Sein berühmtestes Bild war, anders als fast der ganze Rest des malerischen
       Werks, in Acryl gemalt. Übermannshoch und fast quadratisch zeigt es die
       idealisierte Ansicht eines Bungalows mit zwei Palmen unter wolkenlosem
       Himmel, gesehen über den Swimmingpool hinweg; über die Diagonale mit einem
       hellgelben Sprungbrett ergänzt.
       
       Das bösartig ins Hohle gewendete Zitat der Farbfeldmalerei wird kunstvoll
       überhöht durch „Einen größeren Spritzer“, den jemand, ins Wasser springend,
       hinterlassen haben muss. Ausgeführt ist dieser als technisches Wunder.
       Dort, wo die Hand des Malers sichtbar wird, offenbart sich nicht die Seele.
       „[1][A Bigger Splash]“ entstand in Los Angeles 1967, eine lässige
       Grußpostkarte an das Swinging London, das David Hockney für eine gehobene
       Stilübung von Privilegierten hielt.
       
       ## Zurückschauen auf Matisse, van Gogh, Picasso
       
       Die coole Betrachtung kalifornischer Standards ist dann bis zum Exzess
       ausgeführt worden in Ed Ruschas Werk. Hockney jedenfalls war dabei, als das
       „Sunshine & Noir“ am Pazifik in seine vollimprägnierte Form wuchs. Vom
       äußersten Punkt der Entwicklung der westlichen Kunst aus konnte er gelassen
       zurückschauen auf die europäischen Traditionen, auf Gauguin, Cézanne,
       Matisse, van Gogh, [2][Picasso], die er später durchspülte wie der
       Betreiber eines akademischen Waschsalons. Er wusste, dass er das
       Wiedererkennen auf seiner Seite hatte, im Sinne des Gegenstands und seiner
       malerischen Form.
       
       Mit 23 Jahren, im Royal College of Art, malte Hockney in einem kleinen
       Verschlag, in den alle im Vorübergehen reinglotzen konnten. Statt Pin-ups,
       wie die Kommilitonen, hängte er sich Bilder halbnackter Männer auf, aus
       amerikanischen „Physique“-Magazinen. Seine frühen Gemälde borgen bei der
       Art Brut von Jean Dubuffet, der wiederum auf die Werke von Kindern und
       Geisteskranken verwies – „eine Kunst ohne Vorurteil“. Diese wendete der
       Engländer in archaische Geheimbotschaften des Schwulseins.
       
       Die Codierung von Buchstaben durch Zahlen (4.8. für DH) glaubte er bei
       [3][Walt Whitman] (23.23.) entdeckt zu haben. „Doll Boy“, datiert auf 1963
       – aber vielleicht früher entstanden –, heute in der Hamburger Kunsthalle,
       bezieht sich auf den zügellosen Rock-’n’-Roll-Star Little Richard, schwer
       zu sagen, ob Hommage oder Angstbild. Dass aus einem kritzelnden Hockney mal
       ein müheloser Porträtist werden sollte, war damals gänzlich unvorstellbar.
       Noch quälte ihn etwas.
       
       Hockney begann früh, nach Amerika zu pendeln, mit dem Schiff zunächst. Im
       Dezember 1968 muss es gewesen sein, dass der britische Zoll seine aus New
       York mitgebrachten Magazine Golden Boys und Naked Youth beschlagnahmte. Es
       handele sich dabei angeblich um Pornografie. Der Maler widerstand, forderte
       die Behörden heraus, drohte mit Klage und bekam die Magazine schließlich in
       einem großen Umschlag an die Tür geliefert, auf dem „On Her Majesty’s
       Service“ gedruckt war.
       
       ## Hedonistische Bildwelt
       
       Seine Zeichnungen, Fotografien und Gemälde waren lange belebt von den
       athletischen Idealfiguren mit großem Gesicht, das man allerdings vom
       nächsten kaum unterscheiden kann – der all-American boy. Hockney, sich
       selbst als „etwas schüchtern“ beschreibend, wurde sehr früh ein Star, dann
       ein Superstar der internationalen Szene, der sich nahezu ausschließlich mit
       schwuler Entourage bewegte. Die Modelle waren zugleich Assistenten oder
       andersherum. Seine hedonistische Bildwelt ist in der westlichen Welt sehr
       schnell selbstverständlich geworden.
       
       Immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen, probierte Hockney neue
       Techniken aus. So führten ihn seine Versuche mit handgeschöpftem Papier in
       der New Yorker Dependance des Druckunternehmens Gemini – 1980 – zu großen
       Formaten, die aus dicht beieinanderhängenden Blättern bestanden, ein
       Prinzip, das er sogleich mit der Polaroidfotografie variierte. Hier
       überlagerten sich die Bildausschnitte, sodass ein perspektivisches Flimmern
       entstand. Danach kamen offene fotografische Collagen, Kaskaden, zerborstene
       Schau-Fenster, wilde Bühnen zwischen Zeit und Raum. Später, als er begann
       taub zu werden, würde er sagen: Ja, aber dafür sehe ich besser.
       
       Das Stückeln und Parzellieren wurden Methode: 96 kleinere Leinwände, an der
       Atelierwand roh montiert, wurden zur Matrix für seine rot glühende Ansicht
       eines amerikanischen Naturtheaters, über sieben Meter lang: „A Closer Grand
       Canyon“ war das Paradestück einer großen Ausstellung zunächst in Paris,
       dann in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn 2001.
       
       Bald darauf folgten Versuche, mit dem iPhone und dem iPad zu zeichnen, mit
       elaborierter Software, natürlich, und auch diese Bildkonvolute drängten in
       raumgreifende Montagen. Hockneys Versuche in benachbarten Gattungen und
       alternativen Techniken führten ihn immer wieder zurück zur Malerei, die vom
       visuellen, technisch-lüsternen Aspekt seiner Experimente befeuert wurde. Es
       gab offensichtlich keine Grenzen mehr. Gerade das [4][Wuchern seines Werks]
       zeigte sich als entscheidendes Stilmerkmal, als tatsächliche Handschrift.
       
       ## Dandy mit gebleichtem Haar
       
       Geboren als viertes von fünf Kindern in kleine Verhältnisse in Yorkshire,
       blieb David Hockney erdverbunden, der Empirie verpflichtet, war von
       Wissenshunger getrieben. Den umfassenden Text zu einem autobiografischen
       Protokoll seiner „early years“ sprach er auf Tonkassetten. Er porträtierte
       seine Eltern in Öl; seine Mutter, in Regenkleidung, setzte er in die Mitte
       einer schwarz-weißen Fotocollage vor die Ruinen der Abtei von Bolton, an
       einem Novembertag.
       
       David Hockney war ein Dandy, das Haar blond gebleicht und eine große, runde
       Brille wie Le Corbusier, anfangs. Seine Kleidung war bunt und grafisch,
       etwas zwischen Pierrot und Lebemann. Ein Markenzeichen waren
       verschiedenfarbige Socken. Er rauchte wie Königin Margrethe und liebte die
       Oper.
       
       Seine Inspirationen aber kamen nicht, wie bei Richard Hamilton und [5][Andy
       Warhol], aus einer negativen Verliebtheit in die Zeichensprache der
       Warenwelt. Deshalb ist sein Werk – die frühen Pool-Serien, die aus
       Warenprospekten entwickelt waren, ausgenommen – als Pop Art nicht richtig
       bezeichnet. Pop war David Hockney selbst, eine echte Marke.
       
       12 Jun 2026
       
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