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       # taz.de -- AfD-Brandmauer in der Wissenschaft: Normalisierung durch Dialog
       
       > Ein Bremer Wissenschaftler will einen Vortrag bei der AfD-nahen
       > Desiderius-Erasmus-Stiftung halten. Hilft das der Normalisierung
       > völkischen Denkens?
       
   IMG Bild: Einigkeit darüber, ob an der Brandmauer gegen die AfD festgehalten werden sollte, herrscht auch in der Wissenschaft nicht
       
       Die Brandmauer wird nicht bloß im politischen Raum geschleift. Auch in
       Wissenschaft und Wirtschaft werden [1][die Stimmen, das direkte Gespräch
       mit der AfD zu führen, immer lauter.] Angesichts Prognosen von rund 40
       Prozent im Osten und Wahlergebnissen um die 20 Prozent im Westen, halten
       viele eine Abgrenzung zur AfD für falsch.
       
       Bei der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung hält etwa Professor Jochen
       Zimmermann am 30. Juni einen Vortrag. Zimmermann ist
       Betriebswirtschaftswissenschaftler und arbeitet an der Bremer Universität.
       Sein Thema: „Brauchen wir eine Neujustierung der wirtschaftlichen Ordnung?“
       
       Anreisen zur Veranstaltung der Stiftung um [2][die ehemalige
       CDU-Politikerin Erika Steinbach] muss man nicht. Der Vortrag ist ein
       Webseminar, Kostenpunkt: 15 Euro. Dass der Vortrag stattfindet, bestätigt
       Zimmermann der taz schriftlich: „Ja, das trifft zu.“
       
       Inwieweit eine kritische Auseinandersetzung mit den Positionen der Stiftung
       erfolgen kann, ist unklar. Nicht, weil Zimmermann die
       wirtschaftspolitischen Ideen der Stiftung teilt, sondern so Zimmermann,
       weil „die Stiftung meines Wissens nach keine Positionen in
       Wirtschaftsfragen“ habe. Zimmermann zitiert von der Webseite der Stiftung:
       „Wir engagieren uns (…) für die Zukunft unseres Vaterlandes. Für
       Demokratie, für Rechtsstaat und für Meinungsfreiheit.“ Und weiter: „Mit
       unserer Stiftung engagieren wir uns für die kulturelle Identität unseres
       Landes mit seinen wertkonservativen Wurzeln.“
       
       ## Wissenschaftler für offenen Diskurs
       
       Zimmermann, der auch für die Welt schreibt, versichert, dass sein Vortrag
       „eine klare ordnungspolitische Linie unter veränderten geopolitischen
       Bedingungen“ habe. „Weder kulturelle Identitäten noch Wertkonservatismus
       helfen hier als analytische Kategorien“, so Zimmermann. Der Vortrag, den
       die taz vorab einsehen durfte, endet mit der Feststellung: „Eine wehrhafte
       Ökonomie kann Spannungen aushalten, weil sie ihre eigenen Fundamente
       schützt. Sie ersetzt die Illusion einer grenzenlosen Welt durch die
       Architektur einer stabilen Ordnung“.
       
       Wie ist das gemeint? Zimmermann hebt hervor, dass dem Vortrag zu entnehmen
       sei, „dass eine nationale oder völkische Perspektive weder beabsichtigt
       noch als Lösungsidee praktikabel“ sei.
       
       Dass die AfD in einigen Bundesländern [3][vom Verfassungsschutz als
       gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird,] beeinträchtigt Zimmermanns
       Gesprächsbereitschaft nicht.
       
       Wie die AfD-nahe Desiderius-Erasmus-Stiftung einzustufen ist, ist noch
       nicht geklärt. Noch erhält sie keine Bundesmittel. Für die staatliche
       Förderung müsste die Stiftung Gewähr für die „freiheitlich-demokratische
       Grundordnung“ bieten und für die „Völkerverständigung“ eintreten. Die
       inhaltliche Prüfung der Stiftung ist noch nicht abgeschlossen. Ein
       Rechtsstreit läuft.
       
       Dass die Stiftung eine Grenze überschritten haben könnte, findet Zimmermann
       offenbar nicht. „Natürlich ist mir bewusst, dass ein solcher Auftritt
       missverstanden werden kann“, schreibt er der taz. Wenn jedoch „das Gespräch
       mit bestimmten Milieus oder Institutionen bereits als Zustimmung zu deren
       Positionen interpretiert wird“, sei das wiederum problematisch.
       
       „Wie kommen wir in einer offenen Gesellschaft ohne einen offenen Diskurs
       weiter?“, fragt er zurück und: „Wie wollen wir denn Positionen rational
       weiterentwickeln, wenn wir nicht über sie streiten?“ Zimmermann sagt, es
       sei eine inhaltliche Auseinandersetzung nötig und es gehöre Mut dazu, diese
       anzugehen. Außerdem gehöre auch dazu, Ängste zu überwinden, in die falsche
       Ecke gestellt zu werden. Die „Suche nach einem Gespräch“ solle „nicht für
       Clickbaiting diskreditiert“ werden, schreibt Zimmermann.
       
       Eine Frage bleibt aber offen: Besteht nicht die Gefahr, dass ein
       Wirtschaftsliberaler die Normalisierung völkischen Denkens mit forciert,
       wenn er einen Dialog eingeht?
       
       16 Jun 2026
       
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