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       # taz.de -- Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen: Das ist ja fast klassenkämpferisch
       
       > Jochen Ott soll die SPD als Spitzenkandidat aus dem Umfragekeller holen.
       > Und dann fordert er auch noch CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst heraus.
       
   IMG Bild: Bei der Landtagswahl im April soll er für die SPD abräumen: SPD-Landtagsfraktionschef Jochen Ott
       
       In Nordrhein-Westfalen (NRW) zieht die SPD mit ihrem Fraktionschef Jochen
       Ott als Spitzenkandidat in die Landtagswahlen ein, die im April nächsten
       Jahres anstehen. Nach einer starken, fast klassenkämpferischen Rede
       votierten die Delegierten beim SPD-Landesparteitag in Düsseldorf 207 Mal
       mit Ja und nur sieben Mal mit Nein für den Kölner. Bei nur einer Enthaltung
       macht das satte 96,2 Prozent.
       
       Der 52-jährige Ott hatte zuvor klargemacht, dass er tatsächlich [1][an das
       Wunder glaubt], den regierenden CDU-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst zu
       schlagen. Dazu will der einstige Gesamtschullehrer die SPD als Partei der
       „arbeitenden Durchschnittsbürger:innen“ positionieren.
       
       Ott bedient sich klassischer SPD-Prosa: Seine Partei stehe in NRW für eine
       „faire Verteilung von Chancen und Lasten in unserer Gesellschaft“, wolle
       „Nordrhein-Westfalen wieder gerecht machen“. Das Aufstiegsversprechen durch
       Bildung wolle er genauso wiederbeleben wie bezahlbare Mieten durch eine
       „Offensive für sozialen Wohnungsbau“. Otts Biografie soll seine Vorschläge
       glaubwürdig machen.
       
       Der SPD-Spitzenkandidat präsentiert sich als Kind eines
       „Fernmeldehandwerkers“ und späteren Personalrats der Post und einer
       „Sekretärin bei Klöckner-Humboldt-Deutz“, einem Motorenhersteller.
       Aufgewachsen im Kölner „Armenhaus“ Höhenberg, verdanke er seinen eigenen
       sozialen Aufstieg seinen Eltern, Lehrer:innen, Freund:innen und
       Unterstützer:innen in der Katholischen jungen Gemeinde ebenso wie im
       Sportverein.
       
       ## Plötzlich ist Margaret Thatcher in Düsseldorf
       
       Der Satz der einstigen britischen Premierministerin Margaret Thatcher,
       „There is no such thing as society“, nach dem es eben „gar keine
       Gesellschaft, nur Einzelne“ gebe, sei ebenso falsch wie die ihm zugrunde
       liegende neoliberale Politik, sagt Ott. Er hingegen wolle NRW zum
       „familienfreundlichsten Land in Deutschland“ machen. Er wirbt deshalb mit
       kostenfreier verlässlicher Kita-Betreuung, weniger Unterrichtsausfall und
       einem kostenlosen „Jugendticket“ für den öffentlichen Nahverkehr.
       
       Außerdem wollen die Sozialdemokrat:innen ein sogenanntes
       „Kinder-Chancen-Geld“ einführen: 5.000 Euro werde das Land bei der Geburt
       jedes Kindes anlegen. Die könnten „mit dem 18. Geburtstag“ dann für den
       „Start ins Berufsleben“, für „Ausbildung, Umzug oder Führerschein“ genutzt
       werden, so der Wüst-Herausforderer.
       
       Tatsächlich hat das Konzept der Familienfreundlichkeit der SPD auf lokaler
       Ebene bereits ein Traumergebnis beschert: [2][Bei der Kommunalwahl im
       vergangenen September] wurde Otts Parteifreund Marc Herter so mit
       fulminanten 63,6 Prozent als Oberbürgermeister von Hamm im östlichen
       Ruhrgebiet wiedergewählt. Auch im Stadtrat stellt die SPD seitdem mit 46,2
       Prozent die mit Abstand stärkste Fraktion, CDU und AfD folgen mit
       deutlichem Abstand.
       
       In Land und Bund dagegen fahren die Genoss:innen derzeit katastrophale
       Umfrageergebnisse ein. In ihrem einstigen Stammland NRW, wo die SPD zuletzt
       zwischen 2010 und 2017 mit Hannelore Kraft die Ministerpräsidentin stellte,
       dümpelt die Partei [3][irgendwo zwischen 14 und 18 Prozent] herum.
       
       ## Wüst gilt als sicherer Wahlsieger
       
       Die CDU als Hauptkonkurrent liegt hingegen seit der Landtagswahl 2022
       stabil über 30 Prozent. Die Grünen als kleiner Koalitionspartner kommen
       aktuell auf Werte zwischen 14 und 18 Prozent. Christdemokrat Wüst gilt bei
       vielen deshalb bereits heute als sicherer Wahlsieger. Der
       SPD-Landesvorstand weiß das, gibt sich aber trotzdem angriffslustig:
       „Diejenigen, die sagen, Wüst hat schon gewonnen, werden sich noch wundern“,
       erklärt Co-Landeschefin Sarah Philipp deshalb schon in ihrem
       Eingangsstatement.
       
       Umso desillusionierter blicken viele Genoss:innen auf die Arbeit der
       schwarz-roten Bundesregierung, die der SPD gerade verheerende
       Umfrageergebnisse [4][von nur noch 13 Prozent beschert]. Zu spüren bekam
       das auch die aus dem nordrhein-westfälischen Duisburg stammende
       Co-Bundesvorsitzende Bärbel Bas, die auch beim Landesparteitag dabei ist.
       Dort versichert die Bundesarbeitsministerin, [5][die anstehenden Reformen]
       bei Rente, Pflege, und Krankenversicherung seien „kein Selbstzweck“,
       sondern müssten [6][„das Leben am Ende strukturell für die Menschen
       verbessern“]. Der Applaus für die SPD-Bundeschefin bleibt zurückhaltend.
       
       Mit den mehr als vier Minuten Standing Ovations nach Otts Rede vergleichbar
       ist er längst nicht – auch dann nicht, als Bas höhere Steuern für
       Spitzenverdiener:innen andeutet. Umstritten ist längst auch der
       zweite Co-Parteichef Lars Klingbeil: Der Bundesfinanzminister und
       Vizekanzler müsse dringend vom „Überlebens- in den Überlegensmodus“
       umschalten, sagt ein Genosse am Rande der Landesdelegiertenkonferenz.
       
       Ott, der zur Finanzierung seiner Wahlversprechen dringend auf höhere
       Steuereinnahmen angewiesen sein wird, gibt sich dagegen kämpferisch. Er
       warnt vor einem „Klassenkampf von oben“, den „rechtslibertäre Millionäre
       und Milliardäre“ zusammen mit der AfD führen würden. Die SPD müsse im
       Wahlkampf klarmachen, dass die AfD „nicht die Partei der kleinen Leute“
       sei, sondern Arbeitskollegen „deportieren“, Gleichberechtigung abschaffen
       und Arbeitsplätze durch den Austritt aus der Europäischen Union vernichten
       wolle.
       
       Gerade das Beispiel von Elon Musk beschäftigt Ott. Über sein Satellitennetz
       Starlink bestimme dieser sogar den Kriegsverlauf in der Ukraine
       entscheidend mit: „Niemals darf ein einzelner Mensch solche Macht haben“,
       erklärte Ott. Denn mit dem Aufstieg Musks, der [7][mit dem Börsengang
       seines Raumfahrunternehmens Space X] gerade zum ersten Billionär der
       Geschichte geworden ist, stellt sich für den Sozialdemokraten schon fast
       die Systemfrage: „Wenn einzelne Menschen so reich werden, dann ist der
       Kapitalismus kaputt.“
       
       13 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Jochen-Ott-SPD-Spitzenkandidat-in-NRW/!6148465
   DIR [2] /Kommunalwahlen-in-Nordrhein-Westfalen/!6110270
   DIR [3] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/nrw.htm
   DIR [4] https://www.wahlrecht.de/umfragen/
   DIR [5] /Bafoeg-Reform/!6178489
   DIR [6] /Rente-mit-63-auf-der-Sparliste/!6184061
   DIR [7] /SpaceX-geht-an-die-Boerse/!6186401
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Andreas Wyputta
       
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