# taz.de -- Abstimmung über 10-Millionen-Frage: Die Schweiz will größer werden
> Mit 55 Prozent Nein-Stimmen setzten die Schweizer:innen am Sonntag ein
> deutliches Zeichen gegen Abschottung.
IMG Bild: Das ging auf keine Kuhhaut: Wahlwerbung der rechtspopulistischen SVP vor der Abstimmung über die 10-Millionen-Frage
Am Ende war es deutlich: Eine Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung hat
am Sonntag gegen die „Nachhaltigkeitsinitiative“ der Schweizerischen
Volkspartei (SVP) gestimmt. Sie wollte die Wohnbevölkerung rigoros bei 10
Millionen Menschen deckeln und die Zuwanderung drastisch einschränken.
Erste Umfragen vor wenigen Wochen hatten noch ein „Ja“ prognostiziert. Je
näher die Abstimmung kam, desto mehr verlor die Initiative aber an
Rückhalt. Am Ende setzten die Schweizer:innen, bei leichten Schwankungen je
nach Meinungsforschungsinstitut, mit knapp 55 Prozent Nein-Stimmen ein
deutliches Zeichen gegen die Abschottung.
Dennoch geht der Sonntag in die Geschichte des Alpenlandes ein. Noch nie
wurde in der Schweiz so viel Geld gegen eine Initiative mobilisiert. Das
breite Bündnis des Nein-Lagers, das von Linken bis hin zu den
Wirtschaftsverbänden reichte, brachte rund neun Millionen Franken auf, die
rechte SVP drei Millionen weniger.
Dieser Rekord ist nicht verwunderlich. Die Initiative hätte tiefgreifende
Folgen gehabt, auch für Deutsche. Sie schrieb nicht nur vor, dass die
Schweizer Wohnbevölkerung die Marke von zehn Millionen Menschen bis ins
Jahr 2050 nicht überschreiten darf, sondern gab konkrete
Handlungsanweisungen, damit die Anliegen auch durchgesetzt werden.
## Asylrecht verschärfen, Familiennachzug einschränken
Bereits bei 9,5 Millionen Einwohner:innen hätte das Asylrecht
verschärft und der Familiennachzug eingeschränkt werden sollen. Ab der
Überschreitung der Zehn-Millionen-Marke hätte die Schweiz das
Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen müssen. Aktuell zählt
das Land rund 9,1 Millionen Einwohner:innen.
Der Plan hätte vor allem künftige Migrant:innen getroffen. Das betrifft
besonders Deutsche, die die größte Zuwanderungsgruppe stellen: aktuell
leben über 330.000 in der Schweiz. Statt offener Grenzen hätte der Staat
die Zuwanderung rationieren müssen.
Trotz des Neins am Sonntag ist der Abstimmungskampf als Gewinn für die
rechtspopulistische SVP zu lesen. Sie hat es geschafft, ihre Kernanliegen –
die Begrenzung der Migration und Herauslösung der Schweiz aus der EU – mit
einer Vorlage zu verbinden, sodass wochenlang nur ihre Themen diskutiert
wurden.
## Rassistisch geprägter Diskurs
Besonders die Frage, wer dazugehört und wer nicht, sorgte für einen
rassistisch geprägten Diskurs. Während das Ja-Lager Falschaussagen streute,
wonach Migrant:innen nicht arbeiten würden und kriminell seien,
reduzierte das Nein-Lager sie vor allem auf ihre wirtschaftliche
Nützlichkeit.
Strategisch geschickt war der Schachzug der SVP, die eigenen
nationalistischen Anliegen unter dem Deckmantel der „Nachhaltigkeit“ zu
verpacken. Die Rechtspopulist:innen argumentierten mit dem Alltag der
Menschen: volle Züge, verstopfte Autobahnen, Zersiedelung und Wohnungsnot.
All das, so das Versprechen, sollte sich mit einer Annahme der Initiative
in Luft auflösen.
„Die Partei bediente damit ein diffuses Unbehagen, das viele Menschen
tatsächlich teilen“, sagt die Politologin Sarah Bütikofer auf Anfrage der
taz. Die Schweizer Bevölkerung ist in den letzten 20 Jahren um rund 20
Prozent gewachsen – deutlich schneller als ihre Nachbarländer.
## Politologin: „Gratismentalität“
Von der Zuwanderung hat die Wirtschaft allerdings auch stark profitiert.
Sie wächst kontinuierlich um ein bis zwei Prozent pro Jahr. Viele Branchen
wären ohne gut ausgebildete Arbeitskräfte aus dem Ausland längst
kollabiert. Doch das rasante Wachstum habe auch Kosten, sagt Bütikofer. Und
auf die hätte man in den letzten Jahren zu wenig geschaut, stattdessen
herrsche eine „Gratismentalität“.
In den Großräumen Genf und Zürich sind die Mieten explosionsartig
gestiegen; ärmere Schichten werden zunehmend an die urbanen Ränder
gedrängt. Und auch die Züge sind auf gewissen Strecken oft überfüllt – nur
verhindert ausgerechnet die SVP im Parlament einen Ausbau des
Schienenverkehrs.
In diese Gemengelage hinein platzierte die Partei ihre einfache Botschaft:
weniger Menschen, weniger Probleme. Doch während die urbane Schweiz das
Manöver durchschaute und die Initiative ablehnte, verfing das populistische
Versprechen vor allem im ländlichen Raum. Immerhin haben insgesamt 45
Prozent der Bevölkerung die Vorlage angenommen.
Es dürfte nicht die letzte dieser Art gewesen sein. Seit dem Jahr 2000 hat
die Schweizer Stimmbevölkerung rund 20-mal über Migrationsfragen
abgestimmt. Den letzten großen Coup landete die [1][SVP 2014 mit der
Annahme der „Masseneinwanderungsinitiative“].
Das erweckt den Eindruck, die Schweiz sei fremdenfeindlicher als andere
europäische Länder, was Studien allerdings widerlegen. Was sich hier
unterscheidet, sind die politischen Rahmenbedingungen: [2][Die direkte
Demokratie] ermöglicht es, fremdenfeindliche Ansichten immer wieder in die
Mitte der Gesellschaft zu tragen. Und die SVP versteht es, auf dieser
Klaviatur zu spielen.
14 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Kommentar-Einwanderung-Schweiz/!5048925
DIR [2] /Volksabstimmungen/!6178397
## AUTOREN
DIR Kai Vogt
## TAGS
DIR Schweiz
DIR SVP
DIR Asylrecht
DIR Reden wir darüber
DIR Social-Auswahl
DIR Schwerpunkt Flucht
DIR Schweiz
DIR wochentaz
DIR SVP
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Volksabstimmung in der Schweiz: Mit direkter Demokratie die Gesellschaft spalten
Die SVP ist mit ihrer Stimmungsmache gegen Migrant:innen gescheitert.
Eine gute Nachricht – und auch ein Weckruf für die Schweizer:innen.
DIR Migrations-Referendum in der Schweiz: Auch Deutsche unerwünscht
Am Sonntag stimmen die Schweizer ab, ob ihr Land seine Bevölkerungszahl
begrenzen soll. Die rechte Initiative führt dafür auch ökologische
Argumente an.
DIR Volksabstimmungen gegen Demokratiekrise: Übers Kreuz
Die Unzufriedenheit mit der Politik wächst, die AfD profitiert. Bundesweite
Volksabstimmungen könnten das ändern – worauf warten wir noch?
DIR Kommentar Einwanderung Schweiz: Ende der Freizügigkeit
Die Schweiz hat gegen „Masseneinwanderung“ abgestimmt. Der große Sieger ist
die SVP mit ihren ausländerfeindlichen Parolen.