URI: 
       # taz.de -- Vorschau auf WM-Start des Iran: Der Terrorkick
       
       > Das iranische Team startet in die WM. Damit sind viele Probleme
       > verbunden. Das größte: Die Elf ist Propagandainstrument eines finsteren
       > Regimes.
       
   IMG Bild: Ist ja nur Fußball: Das iranische Nationalteam wird in Teheran vor der WM verabschiedet
       
       Wenn die iranische Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 2026 aufläuft,
       wird das Regime in Teheran jubeln. Die Teilnahme allein ist bereits ein
       politischer Erfolg. Während hierzulande medial diskutiert wird, wie
       politisch Fußball sein darf, sind in Iran Politik und Sport untrennbar
       verbunden. [1][Sahar Khodayari wusste das.]
       
       Die junge Frau war Fan des Vereins Esteghlal Teheran. Ihr Traum war denkbar
       bescheiden: Sie wollte ihre Lieblingsmannschaft im Stadion sehen. Doch seit
       der Revolution von 1979 waren Frauen von Fußballstadien weitgehend
       ausgeschlossen. Also verkleidete sich Sahar 2019 als Mann und ging
       trotzdem. Sie wurde entdeckt und festgenommen. Als sie erfuhr, dass ihr
       eine Haftstrafe drohen könnte, zündete sie sich vor dem Gerichtsgebäude
       selbst an. Wenige Tage später starb sie an ihren Verletzungen. Ihr Tod
       wurde weltweit kurz betrauert und dann weitgehend vergessen.
       
       Nicht vergessen hat ihn [2][der kurdische Spieler Vouria Ghafouri],
       damaliger Kapitän von Esteghlal. Er solidarisierte sich öffentlich mit
       Sahar. Später unterstützte er auch die „Frau Leben Freiheit“-Bewegung in
       Iran. Er wurde verhaftet, aus dem WM-Kader 2022 ausgeschlossen und bei
       Esteghlal suspendiert.
       
       Ghafouri ist nicht der einzige Fußballer. Auch Amir Nasr Azadani bezahlte
       seine Solidarität mit den Protesten 2022 teuer. Der Fußballer wurde
       festgenommen und zu 26 Jahren Haft verurteilt. Statt auf dem Rasen zu
       stehen, sitzt er heute im Gefängnis. Hat Fifa-Präsident Gianni Infantino
       Azadani und Ghafouri im Kopf, wenn er sagt, Fußball sei unpolitisch und man
       solle sich „einfach entspannen“?
       
       ## Irritierende Diskussion
       
       Autoritäre Regime lieben internationale Sportereignisse. Sie bieten Bilder
       der Normalität. Die Welt soll vergessen, was außerhalb der Stadien
       geschieht. Während die Kameras der internationalen Medien auf Tore, Fans
       und Jubelszenen gerichtet sind, verschwinden die Schlagzeilen über die
       Gefängnisse, Hinrichtungen und Folterkerker. Während die Islamische
       Republik Iran sich auf der größten Bühne des Weltfußballs präsentieren
       darf, wurden seit Beginn dieses Jahres mehr als 700 Menschen hingerichtet.
       Das Regime vollstreckt Todesurteile inzwischen mit einem Tempo, das selbst
       für die Islamische Republik außergewöhnlich ist. Wer heute auf die
       iranische Nationalmannschaft blickt, darf deshalb nicht so tun, als
       handelte es sich um einen gewöhnlichen Teilnehmer.
       
       Die Art, wie über die WM diskutiert wird, ist irritierend. Da geht es um
       Visa-Fragen und diplomatische Spannungen zwischen Washington und Teheran –
       alles wichtige Themen, keine Frage. Aber die entscheidende Perspektive
       fehlt zu oft: die der Menschen in Iran. Jene Menschen, die Anfang des
       Jahres miterleben mussten, wie friedliche Proteste mit tödlicher Gewalt
       niedergeschlagen wurden. Jene Menschen, die heute unter einem Regime leben,
       das sich für den Krieg an der eigenen Bevölkerung rächt.
       
       Wenn die Nationalmannschaft nun unter der Flagge dieses mörderischen
       Regimes aufläuft, dann kann das Team nicht losgelöst vom politischen System
       betrachtet werden. Das bedeutet nicht, dass alle Spieler automatisch
       Unterstützer des Regimes wären, einige stehen bestimmt selbst unter Druck.
       Aber die Bilder ihrer Auftritte werden von den Machthabern genutzt und
       genau das ist der Kern des Problems.
       
       Die WM findet in einer Zeit statt, in der Menschenrechte weltweit unter
       Druck geraten. In den USA jagt die Migrationsbehörde ICE Migrant:innen,
       [3][in Mexiko] kämpfen Angehörige zehntausender Verschwundener um
       Aufklärung, und das Regime in Iran versucht gleichzeitig, sich durch die
       Spiele auf der Weltbühne als ein Teilnehmer wie jeder andere zu
       präsentieren. Aber Normalität ist kein Zustand, den man sich durch Fußball
       erschleichen kann.
       
       Wer die WM verfolgt, sollte deshalb nicht nur auf die Tore schauen, sondern
       auch auf die Menschen, die in Iran für ihren Wunsch nach Freiheit verfolgt,
       gefoltert und getötet werden. Auf die Fußballer, die hinter Gittern sitzen,
       weil sie ihre Meinung geäußert haben. Die größte Gefahr ist, dass der Sport
       instrumentalisiert wird, um Politik und Menschenrechtsverbrechen unsichtbar
       zu machen.
       
       14 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Stadionbann-fuer-Frauen-im-Iran/!5623448
   DIR [2] /Was-bedeutet-Iran-Krieg-fuer-den-Fussball/!6159381
   DIR [3] /WM-in-Mexiko/!6183432
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Daniela Sepehri
       
       ## TAGS
       
   DIR Fußball-WM
   DIR Schwerpunkt Iran
   DIR Sportpolitik
   DIR Social-Auswahl
   DIR Reden wir darüber
   DIR Fußball-WM
   DIR Fußball-WM
   DIR Schwerpunkt Iran-Krieg
   DIR Fußball-WM
   DIR Fußball-WM
   DIR Kolumne Press-Schlag
   DIR Fußball-WM
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Nach dem WM-Aus Irans: Verzerrter Wettbewerb
       
       Noch nie hat ein WM-Gastgeber so schamlos in das sportliche Geschehen
       eingegriffen wie die USA. In Irans Team beklagt man fehlende Fairness.
       
   DIR 11 Highlights dieser Fußball-WM: Fifa-Chef für fünf Minuten, Ruderer und seltsame Zeichen
       
       Die größte Fußball-WM aller Zeiten bietet schon nach gut einer Woche ein
       Übermaß an Geschichten. Die taz präsentiert elf ganz besondere
       Begebenheiten.
       
   DIR Abkommen zwischen USA und Iran: Der unbeliebteste Frieden
       
       Die USA und das Mullahregime haben ein Abkommen geschlossen, um ihren Krieg
       zu beenden. Nicht mitbedacht ist dabei die iranische Bevölkerung.
       
   DIR Iran bei der Fußball-WM: Nationalistische Projektionsfläche einer Männerherrschaft
       
       Einfach nur Fußball gucken, ganz ohne Politik, ist für Iraner:innen oft
       nicht drin. Das liegt nicht nur an der Zensur der Bilder aus dem Stadion.
       
   DIR Iran bei der Fußball-WM 2026: Der WM droht ein Eklat
       
       Der Krieg überschattet die WM-Teilnahme Irans. Mannschaft und Fans sehen
       sich in den USA Schikanen ausgesetzt. Irans Sportminister droht.
       
   DIR Iran und die Fußball-WM: Geschmacklose Schmeicheltour
       
       Gianni Infantino bearbeitet den iranischen Fußballverband mit seinem
       Grinsen. Der Fifa-Chef tut alles, um einen WM-Boykott Irans zu verhindern.
       
   DIR WM-Spiel England gegen Iran: Fußballer mit Haltung
       
       Vor dem Spiel schweigen die iranischen Spieler bei der Hymne. Englands
       Kapitän trägt eine Armbinde mit der Aufschrift „no discrimination“.