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       # taz.de -- Roman „Eisen“: Monteur der Avantgarde
       
       > Gusel Jachina kommt dem Regisseur Sergej Eisenstein in ihrem Roman nahe.
       > Nebenbei erzählt sie, wie der Osten auf den Westen prallt und beide um
       > Vorherrschaft ringen.
       
   IMG Bild: Sergej Eisenstein, circa 1925
       
       „Maskirovka“, so wird die bis heute gültige, bereits seit den 1940ern
       angewandte sowjetrussische Militärstrategie genannt, bei der der Gegner
       durch einen Mix aus Desinformation, technischen Tricks und
       Fiktionalisierung hinters Licht geführt werden soll – mit zuweilen
       tödlichen Folgen.
       
       Masken spielen eine Hauptrolle in Gusel Jachinas dokumentarischem Roman
       „Eisen“, der eine fiktionalisierte Biografie des berühmten sowjetischen
       Filmregisseurs Sergej Eisenstein (1898-1948) unternimmt. Einem Künstler,
       der sich zu Lebzeiten oft verstellen muss, um an Zensur und Politik vorbei
       zu überleben. Eisensteins erste Tat als Filmschaffender ist 1924 der
       Umschnitt des expressionistischen Stummfilmklassikers „Dr. Mabuse“ von
       Fritz Lang, den er mit der Cutterin Esfir Schub für den sowjetischen Markt
       bearbeitet, bis der Film unter dem Titel „Vergoldete Fäulnis“ in den Kinos
       anlaufen darf.
       
       „Eisen“ gelingt als Roman eine Verdichtung von individueller,
       künstlerischer und historisch-politischer Ebene. Wer Eisensteins Memoiren
       „Yo. Ich selbst“ kennt, kommt durch den Kaleidoskopcharakter, mit dem die
       Autorin das Leben des Regisseurs neu auffächert, auf die Kosten. Wer
       bislang wenig über Eisenstein weiß, wird von ihrem Werk angeregt, mehr zu
       erfahren.
       
       Der Zwiespalt aus Fakt und Fiktion – so beschreibt es Jachina – wird
       Eisenstein schon im großbürgerlichen Elternhaus in Riga vermittelt. Der
       Vater, ein oft abwesender Architekt und Patriarch, die Mutter, eine sexuell
       selbstbestimmte Frau, die Gefühlsmasken im Umgang mit der Familie und der
       Hausangestellten trägt – von gütig bis kalt. Diese „wechselten wie die
       Bilder in einer Laterna magica“, schreibt Jachina. Die Trennung der Eltern,
       ihre theatralischen, auch gewalttätigen Streitereien prägen das Kind und
       führen zum Wegzug der Mutter nach Sankt Petersburg.
       
       ## Den Plot offenhalten
       
       Der Filmemacher sei „ein sehr komplizierter, widersprüchlicher,
       irrlichternder Mensch“, schickt die tatarische Autorin in einer kurzen
       Ansprache an die Leser:innen voraus, der ihrer Meinung nach nicht
       enträtselt sei. Daher will sie von dem Regisseur „ein künstlerisches Bild
       möglichst nahe an den Tatsachen“ entwerfen. [1][Gusel Jachina liefert auch
       eine Beschreibung der sowjetischen Gesellschaft in Eisensteins Zeit, und
       sie erzählt nebenbei, wie der Osten auf den Westen prallt, wie beide um
       Vorherrschaft ringen. ]
       
       [2][[Link auf Beitrag 5548255]]Den Plot offen und unerwartet zu halten, ist
       der Autorin über weite Strecken gelungen, in denen die 49-Jährige eine
       auktoriale Erzählperspektive einnimmt, die distanziert und zugleich
       mitfühlend klingt. An keiner Stelle ist „Eisen“ jedoch so „over the top“
       inszeniert, wie etwa der britische Regisseur Peter Greenaway in seinem
       Spielfilm „Eisenstein in Guanajuato“ den Kollegen dargestellt hat.
       
       Jachina spiegelt Eisensteins Karriere an den politischen Umbrüchen und
       kinematografischen Einfällen und kanalisiert diesen ständigen Wandel in
       einem ruhigen erzählerischen Fahrwasser. Sie lässt dadurch etwas
       postheroische Luft aus dem Starregisseur und nimmt die psychologische Ebene
       des Menschen näher in den Blick. „Eisen“ macht den immensen politischen
       Druck, den sein Wirken umgab, begreifbar, falsche Flurbereinigungen werden
       ausgespart.
       
       Makellos übersetzt hat Helmut Ettinger, einstiger Chefdolmetscher von Erich
       Honecker und DDR-Diplomat in China, der bereits die früheren Romane der
       Autorin ins Deutsche gebracht hat. Kriegsgegnerin Jachina hat ihre Heimat
       nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine Richtung Kasachstan
       verlassen. Damit hat sie mit dem tragischen Helden ihres Romans etwas
       gemein, der 1941 aus Schutz vor der angreifenden Wehrmacht mitsamt den
       sowjetischen Filmschaffenden aus kriegswichtigen Gründen von Moskau nach
       Almaty umgesiedelt war und vor Ort seinen letzten Film „Iwan der
       Schreckliche“ realisiert hat.
       
       ## Hinter der Maske eines Gelehrten
       
       Ausführlich wird in „Eisen“ (so der Spitzname des Regisseurs) auch das
       filmische Werk behandelt. Eisensteins Stummfilmdebüt „Panzerkreuzer
       Potemkin“ kam vor 100 Jahren ins Kino und feiert 1926 zunächst vor allem im
       Deutschland der Weimarer Republik, in Frankreich und den USA größere
       Erfolge als in der UdSSR. In Skandinavien, Italien und Spanien wurde der
       Film dagegen verboten. Akribisch beschreibt Jachina (die die Moskauer
       Filmhochschule im Fach Drehbuch absolvierte), die internationale
       Rezeptionsgeschichte, schildert auch, wie der Filmemacher und sein Stab
       Strapazen von Dreharbeiten in der Sowjetunion erleben und mit welchen
       Tricks sie in der Ausstattung die Mangelwirtschaft umgehen und beim Schnitt
       die Zensur. „Eisenstein verbarg sich hinter der Maske eines Filmgelehrten“,
       formuliert Jachina.
       
       „Potemkin“, Eisensteins Verfilmung eines niedergeschlagenen
       Matrosenaufstands während des russisch-japanischen Kriegs 1905, wird auch
       durch die gewagten Bilder des Kameramanns Eduard Tissé zu einem
       künstlerischen Erfolg der jungen Kunstform Kino.
       
       Die Autorin zeichnet Eisenstein als einen Kulturschaffenden, der der jungen
       Sowjetunion mit seinen Filmen zu größerem Ansehen verhelfen will, aber
       schon bald an die Grenzen von Macht und Wohlwollen stößt. Der mit seinen
       Selbstzweifeln so hadert, dass die Mutter ihm gute Kritiken aus der
       internationalen Presse vorlesen muss. Ein international gefeierter
       Regisseur, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1929, während er im
       Ausland filmwissenschaftliche Vorträge an der Sorbonne und in Cambridge
       hält, von den kapitalistischen Fliehkräften der US-Filmindustrie zerrupft
       wird und mit seinem künstlerisch anspruchsvollen Stoffen in Hollywood
       scheitert; der zahlreiche Projekte, wie einen monumentalen (vom
       US-Schriftsteller Upton Sinclair finanzierten) Film über Mexiko (1930),
       nicht zu Ende bringt. Und hier kommen wieder die Masken ins Spiel:
       Mexikanische Totenmasken, die den sowjetischen Regisseur faszinieren und zu
       eigenen Figuren in seinen Filmen anregen.
       
       Zurück in der UdSSR gerät Eisenstein 1932 tiefer in die Mühlen des
       Stalinismus und muss regelmäßig beim gefürchteten Diktator vorsprechen, dem
       „Zuschauer Nummer eins“. Jachina schreibt von Stalin nur als „Er“ und
       „Ihm“. [3][Dem Stalin-Revival des Putinismus liefert sie keine
       Steilvorlagen.] Im Gegenteil, in den eiskalten Szenen mit dem Diktator
       stellt die Autorin die Kaninchenstarre des untergebenen Künstlers ohne
       Zuckerguss dar. Überleben wird er den stalinistischen Terror wohl nur, weil
       seine Filme nützlich für die Außendarstellung der UdSSR sind und
       propagandistisch ausgeschlachtet werden können. Enge Freunde Eisensteins
       werden dagegen reihenweise in Gefängnissen und Straflagern ermordet.
       
       ## Spektakuläre Schnitttechniken
       
       Bereits vor Stalins Schreckensherrschaft war die Sowjetunion ein
       gewalttätiger Ort, in einer allgemein gewalttätigen Epoche, Gusel Jachina
       ordnet dieses blutige Geschehen in neun Kapitel ein, die jeweils nach
       Filmtiteln anderer Regisseure benannt sind, deren Werke von Eisenstein
       beeinflusst sind. „Matrix“ heißt das letzte Kapitel, benannt nach einem
       Film der Wachowski-Schwestern.
       
       Eisensteins künstlerische Gratwanderung fädelt die Autorin wie an einer
       Perlenkette auf. Für seine spektakulären Schnitttechniken, „Montage der
       Attraktionen“ genannt, wird er gefeiert. Als Avantgardist schafft es
       Eisenstein in den 1920ern, Filmkunst, Geschichte und technische Gegenwart
       so zu vereinen, dass die jeweiligen Kontraste bestehen bleiben. Aus Mangel
       an dokumentarischen Wochenschauaufnahmen entwickeln sich Eisensteins Werke
       in der UdSSR selbst zu Nachrichtenbildern, seine Fiktion wird Realität. Die
       Realität bekommt eine Maske.
       
       „Das Ziel der kommunistischen Gesellschaft ist die Aufhebung der
       Klassenunterschiede“, formuliert [4][Georg Lukács]. Sergej Eisenstein – so
       stellt es Jachina auf der individualistischen Ebene ihres Romans dar –
       rebelliert mit der Filmkunst gegen den bürgerlichen Vater, zeichnet und
       schauspielert lieber, als in dessen Fußstapfen zu treten, und schließt sich
       nach den Wirren der Oktoberrevolution (in der er als Soldat der Roten Armee
       weit hinter den Linien Gräben aushebt) zunächst einer
       Propagandatheatergruppe an, für die er Bühnenbilder entwirft. Als
       erfolgreicher Künstler kommt er mit der Proletarisierung der Sowjetunion
       nicht mehr zurecht.
       
       „Eisen“ lässt die theoretischen Macken des frühen Kommunismus eher außen
       vor, die psychologischen Macken von Eisenstein und den Aufstieg des Films
       als neue Sphäre der Kunst bekommt Jachina spielerisch unter einen Hut. Die
       Verhärtung in der zweiten Hälfte der 1920er, als die Herrschaft der
       sowjetischen Führung autokratische Züge annimmt, die Kollektivierung, der
       Formalismusstreit, all das wird elegant gestreift. Eisensteins Umgang mit
       Frauen, seine ungeklärte Sexualität, sein enges, gleichwohl gestörtes
       Verhältnis zur Mutter. Aber auch der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm,
       die liberale Atmosphäre im Berlin der 1920er, die Businessmentalität in
       Hollywood. „Eisen“ ist vorzüglich recherchiert und birgt eigentlich den
       Stoff für drei, vier Romane in sich. Und trotzdem liest man die Story in
       einem Zug weg.
       
       Gusel Jachina: „Eisen“. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger,
       Kanon-Verlag, Berlin 2026, 568 Seiten, 32 Euro
       
       15 Jul 2026
       
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