URI: 
       # taz.de -- Mutmaßliche Polizeigewalt in Berlin: Es wird ermittelt – gegen die Betroffenen
       
       > Nach einer taz-Recherche zu einem Fall von Polizeigewalt ermittelt die
       > Behörde gegen die Betroffenen. Vorwürfe gegen die Beamten werden
       > „geprüft“.
       
   IMG Bild: „Komplexe und unübersichtliche Einsatzsituation“
       
       Auch mehr als eine Woche nach dem gewaltsamen Polizeieinsatz am Rande eines
       Straßenfests in Friedrichshain läuft die Aufarbeitung schleppend. „Das
       Landeskriminalamt prüft die Einleitung von Ermittlungsverfahren wegen
       Körperverletzung im Amt“, sagte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik
       Meisel am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses.
       
       „Uns ist keine Strafanzeige beteiligter Personen bekannt“, fügte Slowik
       Meisel hinzu. Man sei aber in „engem Kontakt“ zur Rechtsanwältin der
       Betroffenen. Zudem habe sich [1][der Polizeibeauftragte] eingeschaltet.
       
       Die taz hatte [2][den Vorfall vom 7. Juni mithilfe mehrerer Videos und
       Zeugenaussagen rekonstruiert]: Demnach hatte die Polizei in jener Nacht den
       Durchgang von der Kreutzigerstraße zur Frankfurter Allee gesperrt. Als eine
       Gruppe von Passant*innen nach dem Grund fragt, eskaliert die Situation.
       Ein Polizist schubst einen der Passanten, jemand sagt „Arschlöcher“. Da
       rastet einer der Polizisten aus, geht gezielt auf eine Person los, andere
       Beamte folgen ihm, bringen den Mann zu Boden.
       
       Bei dem Betroffenen handelt es sich um Martin Bialluch. Der 57-Jährige war
       Staatsrat in Bremen, stellvertretender Regierungssprecher in Brandenburg
       und Pressesprecher für die Berliner Linkspartei. „Ich wurde geschlagen,
       getreten, hatte ein Knie im Nacken. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich
       umbringen“, sagte Bialluch nach dem Vorfall zur taz. Fotos zeigen blutende
       Wunden an seinem Kopf. Neben Bialluch wurden an dem Abend mindestens drei
       weitere Personen von der Polizei verletzt.
       
       Polizeipräsidentin Slowik Meisel schilderte im Innenausschuss die Sicht der
       Polizei auf das Geschehen. Demnach sei kurz vor dem Vorfall ein 34-Jähriger
       auf die Fahrbahn der Frankfurter Allee gestürmt, habe dadurch ein
       Polizeiauto gestoppt und den Beamten beide Mittelfinger gezeigt. Bei der
       Festnahme dieses Mannes soll sich die Gruppe um Bialluch mit ihm
       solidarisiert und die Maßnahme gestört haben. Diese Version stützten auch
       die Bodycam-Aufnahmen, die gesichtet worden seien, so Slowik Meisel.
       
       ## Widerstand und Gefangenenbefreiung
       
       Jetzt ermittelt der Staatsschutz gegen Martin Bialluch und weitere
       Beteiligte: „Es gab mehrere tätliche Angriffe, Widerstand, versuchte
       Gefangenenbefreiung und Beleidigung“, sagte Slowik Meisel. Fünf Polizisten
       seien verletzt worden.
       
       Auch Innenstaatssekretär Christian Hochgrebe (SPD) wollte am Montag nicht
       von Polizeigewalt sprechen: „Die Bewertung von komplexen und
       unübersichtlichen Einsatzsituation setzt eine umfassende Würdigung aller
       Umstände voraus.“ Einzelne Videosequenzen seien nicht die geeignete
       Grundlage. „Wir dürfen keine vorschnellen Schlüsse ziehen“, sagte
       Hochgrebe.
       
       Linken-Innenpolitiker Niklas Schrader kritisierte hingegen, dass es noch
       kein Ermittlungsverfahren gegen die beteiligten Polizist*innen gibt.
       „Das sind doch öffentlich einsehbare Videos“, sagte Schrader im Ausschuss.
       „Wenn man die anschaut, besteht doch schon ein Anfangsverdacht der
       Körperverletzung im Amt.“ Die Polizei hatte zuletzt unter anderem
       behauptet, es lägen „noch nicht alle für eine abschließende Bewertung des
       Geschehens benötigten Beweismittel vor“.
       
       Unterdessen wird die Kritik am Vorgehen der Polizei lauter. Bereits
       vergangene Woche hatten aktive und ehemalige Bezirkspolitiker*innen
       aus Friedrichshain-Kreuzberg eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht.
       „Die öffentlichen Aussagen der Polizei sehe ich als Täter-Opfer-Umkehr“,
       erklärte darin etwa SPD-Bezirksverordnete Hannah Sophie Lupper. Es werde
       ein Tathergang konstruiert, der so objektiv nicht vorliege. René Pérez
       Domínguez, Linken-Bürgermeisterkandidat für den Bezirk, forderte: „Der
       unprovozierte und unverhältnismäßige Einsatz von Gewalt darf nicht zur
       Normalität werden.“
       
       15 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Bericht-des-Polizeibeauftragten/!6090221
   DIR [2] /Mutmassliche-Polizeigewalt-in-Berlin/!6185823
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Hanno Fleckenstein
       
       ## TAGS
       
   DIR Polizeigewalt
   DIR Polizeigewalt
   DIR Polizei Berlin
   DIR Barbara Slowik
   DIR Friedrichshain-Kreuzberg
   DIR Polizeigewalt
   DIR Polizeigewalt
   DIR wochentaz
   DIR Polizeigewalt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Prozess wegen tödlicher Polizeigewalt: Neun Polizisten wegen lebensgefährlicher Fixierung angeklagt
       
       Eine Gruppe von Polizisten steht ab Mittwoch wegen gefährlicher
       Körperverletzung vor Gericht. Sie sollen einen Geflüchteten auf
       lebensgefährliche Art gefesselt haben.
       
   DIR Vorwurf der Polizeigewalt in Berlin: „Ich war mir nicht sicher, ob sie mich umbringen“
       
       Die Polizei attackiert in Berlin-Friedrichshain mehrere Personen nach einem
       Straßenfest. Die Verletzten erheben schwere Vorwürfe, die Polizei hat eine
       eigene Version.
       
   DIR Rechtslastige Polizeigewerkschaften: Hier spricht die Polizei
       
       Die Gewerkschaften DPolG und GdP tragen populistische Narrative in die
       Medien und die Politik. Wie schaffen sie das? Eine Datenrecherche.
       
   DIR 30-Jähriger nach Polizeigewalt im Koma: Polizeiforscher kritisiert Staatsanwaltschaft
       
       Seine Freunde in Köln riefen den Notarzt – und der die Polizei. Jetzt liegt
       der 30-Jährige Pedro C. im Koma. Wie ist das passiert?