# taz.de -- Buch über Exilanten in Hollywood: Traumfabrik im Würgegriff
> Jan Jekals Buch „Paranoia in Hollywood“ skizziert eindrucksvoll die
> Exilantengemeinde in Hollywood während des Zweiten Weltkriegs – und die
> Verwerfungen danach.
IMG Bild: Thomas und Katia Mann im Garten ihres Hauses in Kalifornien 1941
Eine Männerleiche schwimmt in einem Pool. Der Erschossene spricht, erzählt
seine Geschichte: die vom erfolglosen Drehbuchautor, der eines Tages in der
Villa einer früheren Stummfilmdiva strandet und ein altes Drehbuch von ihr
überarbeiten soll. Doch wie kam es dazu, dass seine Glückssträhne jäh
endete?
[1][Billy Wilders’ Film] „Sunset Boulevard“ von 1950 gilt heute als
Meisterwerk, das Film noir, Gesellschaftssatire und Hollywoodkritik
intelligent verwob. Entstanden ist das subversive Werk in einer Zeit
übelster Restriktionen: Filmschaffende konnten leicht ins Visier des „House
Committee for Unamerican Activities“ (HUAC) geraten, der „Kommission für
unamerikanische Umtriebe“.
Der Berliner Kulturjournalist Jan Jekal zeigt in seinem für den Preis der
Leipziger Buchmesse nominierten Sachbuch „Paranoia in Hollywood“, wie sich
die Stimmung in Hollywood kurz nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich drehte
– auf das liberale künstlerische Milieu wird zunehmend politischer Druck
ausgeübt, um linke, kommunistische, sozialkritische Stimmen auszugrenzen –
diffus umschrieben durch den neu kreierten Begriff des „Unamerikanischen“.
Nachdem das Feindbild des Nazismus verschwunden war, setzten konservative
bis rechtsextreme Kräfte auf ein neues Schreckgespenst von links. Die seit
dem Kriegseintritt der USA am 7. Dezember 1941 weitgehende Einigkeit der
Gesellschaft im Kampf gegen Hitler war schnell dahin, eine Spaltung setzte
ein. Gerüchte reichten aus, um über Biografien, Schicksale zu entscheiden.
Denunziationen verdächtiger Personen wurden eingefordert.
Hoover war Hollywood ein Dorn im Auge
Hinter den Diffamierungen und Verdächtigungen standen Politiker. Zunächst
war es ein einzelner demokratischer Abgeordneter, John E. Rankin, mit
ausgeprägt antisemitischen und rassistischen Ansichten, der den schon 1934
gegründeten, ursprünglich gegen Nazi-Aktivitäten gerichteten HUAC-Ausschuss
1945 wiederbelebte. Funktionäre wie FBI-Direktor [2][J. Edgar Hoover]
unterstützten das Komitee. Das „dekadente“ Hollywood war ihm schon lange
ein Dorn im Auge …
Jekals Buch setzt lange vor dieser „Hexenjagd“ an. Er beschreibt zunächst,
wie sich in Hollywood eine neue Exilantengemeinde bildet. In den 30er
Jahren und insbesondere nachdem die Nazis an die Macht kamen, verlassen
immer mehr Kulturschaffende Deutschland. Die USA scheinen eine Demokratie,
in der Schutzbedürftige sich sicher wähnen können. Insbesondere jüdische
Künstlerinnen und Künstler sehen sich in Europa bedroht, wie auch solche
mit linker, regimekritischer Haltung. Los Angeles mit seiner Filmindustrie
bietet ihnen zudem Arbeitsmöglichkeiten. In Hollywood gibt es bereits viele
schon früher Ausgewanderte, die die Traumfabrik prägten. Zur zentralen
Figur dieser Community wird die erfolgreiche Drehbuchautorin Salka Viertel.
Die ehemalige Schauspielerin österreichisch-jüdischer Herkunft lebt seit
1928 in den USA. In ihrem Haus in Santa Monica veranstaltet sie Salons, in
denen sich regelmäßig eine illustre Gesellschaft versammelt: Der
Nobelpreisträger Thomas Mann trifft hier auf die Komponisten Theodor W.
Adorno und Arnold Schönberg. Adorno arbeitet zusammen mit Max Horkheimer an
epochalen philosophischen Schriften wie der „Dialektik der Aufklärung“.
Auch der Dramatiker Bertolt Brecht und der Komponist Hanns Eisler sind mit
Viertel befreundet. Viele von ihnen haben es nur durch Bürgschaften ihrer
die US-Staatsbürgerschaft besitzenden Bekannten geschafft, hier sesshaft zu
werden.
Der 33-jährige Jekal ist selbst nach Los Angeles gereist, hat Wirkungsorte
wie das Thomas Mann House oder Lion Feuchtwangers Villa Aurora in Pacific
Palisades besucht. Er hat die Lebensläufe teils prominenter und teils
vergessener Exilanten studiert und skizziert deren Schicksale in
eindringlicher, oft berührender Weise. Nicht jeder dieser Geflüchteten hat
beruflich Erfolg, selbst ein Bertolt Brecht kann gerade mal ein Drehbuch
verkaufen. Sein Komponistenfreund Hanns Eisler ist umgänglicher und kann
einige Filmmusiken schreiben, wird sogar mehrfach oscarnominiert. Alle
Exilanten treibt der Kampf gegen die Nazis an, sie beteiligen sich an
Kriegseinsätzen, drehen Dokumentationen oder kümmern sich um
Truppenbetreuung wie [3][Marlene Dietrich].
Diese vielseitigen Beiträge werden keine Rolle mehr spielen, als sich zwei
Jahre nach dem Krieg die Stimmung ändert und manch Exilant wie Hanns Eisler
vor den HUAC zitiert wird. Zuvor Vertriebene wie Thomas Mann sehen darin
„die Herrschaft faschistischer Gewalt“, sie hassen „das Committee und seine
activities fast schon so wie einst Hitler“. Sie spielen mit dem Gedanken,
die neue Heimat wieder in Richtung altes Europa zu verlassen. Den Umständen
zum Trotz entstehen in dieser bedrückenden Zeit viele wegweisende
Kunstwerke.
Jekal zeichnet ein packendes, facettenreiches Panorama deutscher Exilanten
in Hollywood während der Nazidiktatur und des beginnenden Kalten Krieges.
Ein abgründiges Porträt der USA entsteht dabei, das direkt in die Gegenwart
weist.
19 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Ralph Trommer
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