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       # taz.de -- Schnipo Punk: Von der radikalen Quatschigkeit
       
       > Gewollter Unernst funktioniert nicht. Doch es ist möglich, dem Ernst das
       > Lebens etwas entgegenzusetzen.
       
   IMG Bild: Existentiell bedeutsam: Mit dem Sterni in der Hand vor dem Späti und dann loslassen – das Bier
       
       Ich könnte niemals mit einer Person zusammen sein, die nicht witzig ist,
       sage ich einer Freundin, als ich vor Makan sitze, dem Späti des Leipziger
       Ostens.
       
       Das ist natürlich mit [1][meiner existenziellen Angst verbunden], einfach
       kein humorvoller, sondern ein schrecklich ernsthafter Mensch zu sein.
       
       Die Bahn fährt langsam an den ausgestreckten Beinen jener Menschen vorbei,
       die sich hier das ein oder andere alkoholische Getränk zum Erreichen eines
       verschwommenen, benebelten Bewusstseinszustandes in die Rübe kippen – mich
       inbegriffen. Ich bin dankbar für das Sterni-Bier in meiner Hand, denn ich
       habe mich den ganzen Tag mit dem sogenannten Ernst des Lebens
       auseinandergesetzt.
       
       Wie schaffe ich Geld ran, mache ich jetzt doch eine Ausbildung, wieso ist
       die Wohnungslosigkeit gerade so sichtbar? Der übliche privatpersönliche und
       der große Weltschmerz eben. Wenn ich aus dem Klangteppich um mich herum
       Gesprächsfetzen auffange, merke ich, dass die Menschen zwischen
       [2][interessanten Hobbys] und kuratierter Selbstdarstellung switchen. Hier
       ein Hobby für die körperliche Gesundheit (Muay Thai), da eine Tätigkeit für
       die Selbstgerechtigkeit (Nachbarschaftsarbeit), dort ein Hobby, welches man
       zum Beruf machen will (Schreiben) – und plötzlich ist man schon drin, im
       Sich-zu-ernst-Nehmen.
       
       ## Zu stark kuratiert
       
       Man will schön, talentiert, witzig, abgefuckt oder cool sein und plötzlich
       ist man irgendwie nur eine Blaupause und nichts davon wirklich. Die
       Kleidung, die man wählt, ist schlicht oder zu stark kuratiert und will zu
       viel. Und wenn man zu viel will, geht der Witz verloren.
       
       Dieser Späti ist ein Ort, bei dem ich das Gefühl habe, er nimmt sich nicht
       ernst. Er ist ein Do-it-yourself-Ort an einer großen Kreuzung, vor dem jede
       Nacht Menschenmassen auf den Bordsteinen hocken. Wer hier eine
       Veranstaltung machen will, hat die komplette Entscheidungsgewalt, es werden
       einfach die Räume zur Verfügung gestellt und man kann sich alles
       einrichten, wie man es braucht.
       
       An den großen Glasfenstern hängen Poster der Veranstaltungen, die hier bald
       stattfinden werden. Ich sehe darauf Bands mit den Genres Schnipo [3][Punk],
       Psychadelic Art Hip-Hop, Gore Music, McFit Bootyshake Hits. Ich habe um
       Gotteswillen keine Ahnung, was Schnipo Punk sein soll, aber ich liebe es.
       Ich will ein Leben, dass Schnipo Punk ist.
       
       ## Bittersüße Ambivalenz
       
       Es gibt eine bittersüße Ambivalenz in diesem Begehren nach Quatschigkeit.
       Wer Quatsch begehrt, ist den Quatsch nicht wert. Radikaler Quatsch kommt
       aus sich selbst heraus. Wenn er erwartbar wird, geht er zielgerichtet
       geradeaus, das macht ihn wieder ernst, weil er etwas aussagen, bedeuten
       will!
       
       In meinem Nachdenken über Quatsch beobachte ich zwei Menschen, die auf den
       Bordsteinen Liegestütze machen, aus ihren Gläsern trinken und sich nach
       einer Liegestütze ein High Five geben. Als sie hinfallen, lachen sie, der
       Inhalt des einen Glases fließt fröhlich die Wurznerstraße hinunter.
       
       Das ist es! Das ist der Schnipo McFit Booty Shake Quatsch. Sie scheitern.
       Und in diesem Scheitern gedeiht ein Witz, in dem die eigentlichen
       Möglichkeitsräume durchschimmern. Deshalb will ich mehr Dinge ausprobieren
       und scheitern. Zum Beispiel spaßige Texte verfassen, sozusagen Schnipo Punk
       McFit Booty Shake Literatur.
       
       Ist das Resumé, dass man jetzt gar nichts mehr ernst nehmen sollte? Wenn es
       zur Maxime wird, will es wieder zu viel. Auch der Quatsch braucht einen
       Kontrastraum, in dem er gedeihen kann. Im Kuratierten entsteht der Bruch.
       Im Scheitern liegt die große Quatschigkeit.
       
       30 Jun 2026
       
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