# taz.de -- Theaterfestival in Brandenburg: Der Zauber des Milchwalds
> Der Theatersommer Netzeband ist wie eine Mischung aus „Jedermann“ und
> „Passionsspielen“. Jetzt feiert dieses besondere Dorffestival den 30.
> Geburtstag.
IMG Bild: Ein Stelldichein mit riesenhaften Puppen: „Unter dem Milchwald“ in Netzeband
In Netzeband wird man mit Vogelstimmen empfangen. Kaum hat der
Regionalexpress 6 die Betonkante des Bedarfshalts verlassen, ertönt ein
Konzert aus einer Vielzahl von Schnäbeln. Die Kyritz-Ruppiner Heide ist
nicht weit. 79 Vogelarten sollen dort auf [1][dem ehemaligen
Truppenübungsplatz, dem Bombodrom], leben, 28 davon als besonders
schützenswert klassifiziert. Ein paar Schritte weiter, im Zentrum des
Brandenburger Straßendorfs, mischt sich dann auch eine menschliche
Singstimme mit Opernarien à la Pavarotti ein. J. Warren Mitchell, in den
USA geborener Tenor, singt sich hier ein für sein Konzert in der
Temnitzkirche in Netzeband. Von der lokalen Presse bekam er bereits den
Beinamen „Stimme des jungen Pavarotti“ verpasst.
Es ist eine schöne Einstimmung auf den Theatersommer Netzeband, der von
Mitte Juni bis Ende August reicht. Kernelement ist die
Großfigureninszenierung des Hörspiels „Unter dem Milchwald“ von Dylan
Thomas, der in der Welt vor allem deshalb bekannt ist, weil [2][ein
gewisser Robert Allen Zimmerman] sich aus Verehrung für ihn Bob Dylan
nennen ließ.
Der originale Dylan, also Dylan Thomas, verewigte im „Milchwald“ das kleine
Fischerdorf, in dem er lange lebte. Jetzt führt dieses Llareggub ein ganz
besonderes Weiterleben in Netzeband. In dicken, weißen Lettern – ähnlich
wie der Hollywood-Schriftzug im fernen Kalifornien, nur etwas kleiner – ist
LLAREGGUB vor das Wäldchen gesetzt, das die Bühne ist. Die etwa vier Meter
hohen Figuren, die die Llareggub-Bewohner darstellen, werden aus den Tiefen
des Waldes nach vorn getragen. Aus Boxen kommen die inneren Stimmen der
Figuren. Und das Publikum – den Autokennzeichen nach zahlreiche Berliner,
aber auch OPR für den dortigen Landkreis Ostprignitz-Ruppin ist häufig
vertreten – erfüllt mit leuchtenden Augen die Imaginationsaufgabe, Stimmen
und Figuren miteinander zu verbinden.
Dass sowohl das Hauptwerk eines weithin vergessenen walisischen Lyrikers
als auch die „Stimme des jungen Pavarotti“ in ein Dorf mit weniger als 200
Seelen gelangen, ist dem Schauspieler, Regisseur, Theaterautoren und
Dorfbeweger Frank Matthus zu verdanken. Er kennt zum einen Mitchell aus der
gemeinsamen Zeit an der [3][Kammeroper Rheinsberg], die Vater Siegfried
Matthus einst gründete und deren Opernfestival er selbst einige Jahre
künstlerisch leitete. Matthus junior, geboren in Ostberlin, dank seiner
Großeltern in den Sommern aber auch oft in einem Nachbardorf von Netzeband
unterwegs, hob außerdem 1996 den hiesigen Theatersommer aus der Taufe.
## Das letzte Loch vor der Hölle
Das wiederum geht auf die Initiative des Landschaftsarchitektens Horst
Wagenfeld zurück. Der einstige Mitplaner der Bundesgartenschau 1987 in
Düsseldorf wollte am Strom der neuen Fördergelder im Osten teilhaben und
hatte sich in das kleine Dorf am Rande des einstigen Truppenübungsplatzes
verliebt. Das galt damals, so erzählt es jeder hier, als „das letzte Loch
vor der Hölle“: Vor der Nase die Autobahn, im Rücken das Bombodrom und über
den Köpfen die Tiefflieger. Einige Höfe waren verlassen, die Kirche stand
kurz vor dem Abriss – angeblich deshalb, weil der LPG-Vorsitzende mit
seinem Trecker nicht mehr den Bogen um die Kirche fahren wollte.
Wagenfeld rettete mit eigenem Geld und dem aus den Förderungen Kirche und
Gasthof. Auf dem Gelände des einstigen Gutshofs ließ er die Erde so
zusammenschieben, dass ein mit Gras bewachsenes Amphitheater entstand.
Dafür suchte er Künstler. „Sie dachten dann: ‚So jemand wie der Matthus in
Rheinsberg‘“, erzählt Frank Matthus die Geschichte. Gemeint war sein Vater.
„Aber dann sagte der ehemalige LPG-Vorsitzende zu ihm, es gäbe da noch
einen Matthus, einen jungen, und den kenne er, weil der immer zum Reiten
bei ihm war. So haben sie mich dann angesprochen, und so kam ich her“,
fasst Matthus junior, die einst langen Haare inzwischen viel kürzer, die
Initialzündung zusammen.
Er entwickelte mit seinem künstlerischen Partner Jürgen Heidenreich den
Theatersommer. Von Heidenreich, 2003 verstorben, hängt ein Selbstporträt in
der restaurierten Temnitzkirche. Mit dem länglichen Gesicht und dem
wallenden Bart erinnert er an Friedensreich Hundertwasser. Mit dem Wiener
Weltkünstler teilte Heidenreich nicht nur das Aussehen, sondern auch die
Vorliebe fürs Unorthodoxe. „Wenn man etwas Besonderes schaffen will, muss
man nicht vom Möglichen, sondern vom Unmöglichen ausgehen“, zitiert Matthus
dessen Motto. Und der Mann, der sowohl die nahe Heide als auch das
Heidnische im Namen hatte, kam auf die Idee, ein ganzes Dorf zu aktivieren,
um Puppen zu bauen und mit ihnen ein Stück aufzuführen, in dem dieses
walisische Dorf und seine Bewohner auftauchen, eben das Llareggub aus
„Unter dem Milchwald“.
Eine Kopie des damaligen Aufrufs hängt zum 30-jährigen Jubiläum in der
Temnitzkirche. „Anfangs kam kaum jemand. Aber dann sprach es sich herum“,
erinnert sich Susanne Moehrcke. Sie gehörte zu den Bastlerinnen der ersten
Stunde. Es handelte sich hauptsächlich um Frauen, die in der Wendezeit
längst den Job verloren hatten und nach anfänglichem Zögern erst dankbar
und schließlich begeistert waren, aus den eigenen vier Wänden
herauszukommen und gemeinsam etwas zu kreieren.
Das Grundprinzip der Puppen ist einfach: Eine Dachlatte, ein oder mehr
Querhölzer, daran befestigt Kleidungsstücke und obendrauf der Kopf. Der ist
mal ein beklebter und skurril verformter Luftballon, mal geben
Styroporverpackungen von den damals gerade frisch angeschafften
Fernsehgeräten und Videorekordern die Form vor. Manche Augen sind
Tischtennisbälle. Ohrgehänge sind aus Glasreinigern gefertigt. „Bringt
Haushaltsgegenstände mit“, hatte Heidenreich ausdrücklich gefordert.
## Ein Theaterwunder über die Generationen hinweg
Seit einigen Jahren sind diese vor 30 Jahren gefertigten meterhohen Figuren
bei der Inszenierung „Unter dem Milchwald“ wieder in Betrieb. Moehrcke,
Figurenbauerin und Spielerin der ersten Stunde, im Hauptberuf Ingenieurin
für Holztechnik, organisierte die Wiederaufnahme und ihre Liebe zu den
Figuren hat sie auf ihre Kinder übertragen. Sohn Janek, Student in Potsdam,
ist seit 2015 dabei und animiert unter anderem die Figur von Lord
Kristallglas. Seinen Freund Ian Henning hat er ebenfalls mit dem
„Milchwald“-Virus angesteckt – so sehr, dass er trotz Studiums in Rostock
für Proben und Aufführungen regelmäßig nach Netzeband kommt.
Das ist wohl das größte Theaterwunder, dass dieses Stück, 1996 unter
Mitwirkung des halben Dorfes kreiert, immer noch aufgeführt wird, von der
zweiten, mittlerweile gar dritten Generation.
In seinem Stolz auf diese Tradition sieht Matthus seinen Theatersommer
mittlerweile auf gutem Wege, dereinst dem Kultstatus der
„Jedermann“-Aufführungen in Salzburg und der [4][Passionsspiele von
Oberammergau] nahezukommen. Wie die Bayern wartet Netzeband mit
Einwohnerbeteiligung auf, wie in Salzburg gibt es den jährlichen Rhythmus
und die Mitwirkung professioneller Schauspieler. Der Text für die
Milchwald-Show kommt über Lautsprecher, vor 30 Jahren aufgenommen mit den
Stimmen bekannter Bühnenprofis.
Das Prinzip dieses Synchrontheaters wendet Matthus seit 2006 auch auf die
jeweils neu entwickelten großen Produktionen an. Für diesen Sommer plant er
das Opernspektakel „Die Nacht des Schicksals“. Da werden sogar
aufgezeichnete Arien des echten Pavarotti zu hören sein. In der Story geht
es um Investoren von weither, gegen die sich die Toten des Dorfs wehren.
Dem echten Investor Wagenfeld und dessen Frau Johanna, die das Dorf einst
vom „letzten Loch vor der Hölle“ zum Kulturort machten, hat die Gemeinde
inzwischen eine Stele errichtet genau vor der Temnitzkirche.
Matthus wiederum bespielt mit dem Förderverein inzwischen das ganze Jahr
über die Kirche. Der Verein erwarb auch das einstige Gutshaus, das
ebenfalls Kulturort werden soll. Die Tiny Houses, die Bühnenbildner Rob
Vogel als Wohnraum für die Schauspieler während der Proben auf dem Gelände
errichtete, sollen perspektivisch Touristen angeboten werden –
Kunstinteressierten, aber auch Vogelkundlern der nahen Heide sowie
Sternenguckern. Denn aufgrund der sehr geringen Lichtverschmutzung ist die
Heide als Sternenpark zertifiziert.
In Netzeband also der Milchwald, und über den Köpfen die Milchstraße.
27 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Tom Mustroph
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