# taz.de -- Robert Seethalers Roman „Die Straße“: Ecken und Kanten des Lebens
> Robert Seethalers neuer Roman ist ein Wimmelbild für Erwachsene. „Die
> Straße“ möchte von der Fülle menschlicher Sehnsüchte und Widersprüche
> erzählen.
IMG Bild: Straßenleben im Berliner Wrangelkiez. Hier könnte Robert Seethalers Roman spielen
Der Plot von Robert Seethalers neuem Roman „Die Straße“ ist so einfach wie
seine Schreibweise. In kurzen Abschnitten, nie länger als ein paar Seiten,
lässt er die Bewohner einer Straße zu Wort kommen. Manchmal ist es so, als
höre man zwei Passanten bei einem Gespräch zu; manchmal scheinen es die
inneren Stimmen von Menschen in ihren Wohnungen zu sein.
Es ist die grenzenlose Vielfalt der Biografien, von Erfahrungen, Meinungen
und Blicken auf die Welt. Kurz: „Die Straße“ ist Ausdruck der Faszination
über die Fülle des menschlichen Lebens.
Da ist zum Beispiel [1][der Büchersammler,] der am Ende seines Lebens für
seine 17.000 Bücher im Souterrain eines Hauses ein Antiquariat eröffnet.
Schon in den 1990er Jahren, in denen das Leben der Straße, an der das
Antiquariat liegt, über ein Jahr lang geschildert wird, war der Verkauf von
Büchern nicht einfach. Außerdem sind Feuchtigkeit und der Bücherwurm ein
Problem, aber dann, am Ende eines Tages, sind 26 Bücher verkauft „und die
Auslagenscheiben geputzt, sodass kein Stäubchen mehr zu sehen ist.
Ansonsten lasse ich die Dinge auf mich zukommen. Ich bin glücklich.“
## Einer trinkt zuviel
Der Allgemeinarzt Dr. Aysal, der mehrere Male auftaucht, reibt sich für
seine Patienten auf, lebt allein und [2][trinkt „ein bisschen zu viel“.]
Zur Mittagszeit sitzt er im „Südstern“, immer am selben Platz, und wählt
das Mittagsmenü; spät abends dann findet man ihn oft im „Goldenen Mond“.
Als eine Mutter mit ihrem gelb angelaufenen Säugling in seine Praxis kommt,
fragt er sie, warum sie nicht früher gekommen sei, und überweist das Kind
sofort ins Krankenhaus. Dort stirbt es dann an einer Lebererkrankung. Aber
das wird nur kurz erwähnt, das Leben in der Straße geht weiter.
Eine Blumenhändlerin wird nach einem Selbstmordversuch gerade noch
rechtzeitig auf dem Boden ihres Ladens gefunden, bedeckt mit 150 nie
abgeschickten, ausführlich im Roman zitierten Liebesbriefen. Der Mann, an
den sie gerichtet sind, ein Reifenhändler, hat nie etwas von ihrer Liebe
erfahren und wird von anderen für einen Aufschneider und Blender gehalten.
Und weiter hinten im Roman steht ein Herr, dessen Wohnung zwangsgeräumt
wurde, vor dem Haus, in dem er einmal gewohnt hat. Als es zu regnen
beginnt, holt er einen Regenschirm aus einer Kiste. „Es war ein rosaroter
Kinderschirm mit Mickymäusen drauf. Als der Lkw abfuhr, stand er noch lange
da, mit rosa beschattetem Gesicht unter den tanzenden Mäusen.“
## Kitsch und Tod
Kitsch und Tod liegen in diesem Roman dicht beieinander und verfehlen ihre
Wirkung nicht: „Die Straße“ stand wochenlang auf Platz 1 der
Spiegel-Bestsellerliste. Den nach Robert Seethalers eigener Schätzung rund
300 Stimmen des Buches bleiben auf den 240 Seiten nur wenig Raum, um sich
zu entfalten. Dabei hätten viele Ereignisse und Figuren das Zeug zu einem
ganzen Roman.
In früheren Büchern Seethalers, zum Beispiel in dem Roman „Der Trafikant“,
der ihn bekannt machte, waren die Figuren noch langsam und ausführlich
entwickelt worden. Auch in „Das Feld“ sind es ganze Kapitel, in denen die
Stimmen der Toten auf einem Friedhof erzählen. In „Die Straße“ werden die
Menschen, ihre Sehnsüchte, ihre Widersprüche und ihre Fehler auf wenige
Sätze reduziert.
Das vermittelt oft den Eindruck von Tratsch und endet nicht selten in
Klischees. Da ist der „schwitzende Politiker“, nach dessen erwartet
selbstgefälliger Rede auf dem Straßenfest „der Himmel“ aufbricht „und die
Sonne“ hervorkommt. Da ist der Chef einer Immobilienfirma, der seinen
zögernden Mitarbeiter beauftragt, Mieter mit perfiden Strategien aus einem
Haus zu schmeißen.
Auch die Stimmen aus dem Altenheim „Abendschein“, die sich – ja welch eine
Überraschung! – über das Essen beschweren, klingen wie eine Mischung aus
„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ und [3][Heinz Erhardt:]
„Morgen werde ich der Heimleitung einen Brief schreiben. Es ist nie zu spät
für den Aufstand.“ Das ist natürlich Rollenprosa, und ja, es ist die
knallharte Wirklichkeit, nur: Will und sollte man das in einem Roman lesen?
„Die Straße“ ist wie ein Wimmelbild für Erwachsene. Ecken und Kanten des
Lebens sind so abgeschliffen, dass sie niemandem mehr wehtun. Abgründiges
kommt zwar vor, aber von den dramatischen Folgen erfährt man so gut wie
nichts. Die Kombination aus Kitsch und Tod in Verbindung mit religiösen
Motiven machen das Buch dann letztlich zu einem Erbauungstext für die
Mühseligen und Beladenen.
## Ein inoffizieller Heiliger
Ein Erbauungstext, der Trost spendet, allerdings einen inoffiziellen Trost,
so wie der oft erwähnte Heilige Jolander ein inoffizieller Heiliger ist,
den es gemäß der offiziellen Heiligsprechung gar nicht gibt. Seine am Rand
der Straße stehende Skulptur soll in den 1970er Jahren von Berufsschülern
im Kunstunterricht aus Ytong-Steinen geschaffen worden sein und den
Obdachlosen Paul Otto Sedlak darstellen.
Aber einer, der immer wieder zu Wort kommt, glaubt innig an ihn: „Heiliger
Jolander, bitt für mich, denn ich ritze ihren Namen in unseren Hausflur …
Marija am Treppenabsatz, Marija am Geländer, Marija neben den Briefkästen,
… Marija an ihrer Tür, ganz klein und zart, in Bodennähe, wo nur ich es
sehen kann.“
So ritzt auch dieses Buch.
27 Jun 2026
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