# taz.de -- Wir-Gefühle und das DFB-Team: Im Rückwärtsgang
> Bei der WM 2010 begeisterten sich viele an der Internationalmannschaft.
> Mit dem Erstarken der Nationalisten ist die Angelegenheit kompliziert
> geworden.
IMG Bild: Das DFB-Team hat vielfältige Optionen: Hier kommt Jonathan Tah (r.) für Antonio Rüdiger
Es war einmal ein deutsches Nationalteam, das von sehr vielen in diesem
Land für sein schönes Spiel und seine kulturelle Vielfalt seiner Spieler
geschätzt wurde. Es stand für modernen Fußball und eine moderne
Gesellschaft, für einen kreativen sowie freiheitlichen, toleranten Geist.
So ähnlich lautete damals während der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika
zumindest eine Erzählung, die sich großer Beliebtheit erfreute. Es war eine
Geschichte des Fortschritts in eine bessere Zukunft. [1][Der Begriff der
„Internationalmannschaft“] fand damals in den Medien große Verbreitung.
Die Zeiten, in denen noch nationale Reinheitsgebote für die DFB-Elf galten,
schienen endgültig vorbei zu sein. Knapp die Hälfte des WM-Kaders 2010 von
Bundestrainer Joachim Löw (11 Spieler) hatte migrantische Wurzeln. Bei der
Heim-WM 2006 waren es lediglich drei Spieler gewesen. Die Reform des
Staatsangehörigkeitsrechts in Deutschland im Jahr 2000, die den Geburtsort
zum entscheidenden Faktor machte, entfaltete seine Wirkung. Gewiss, wie das
Gesetz kam auch die Anerkennung dieser Fußballer als deutsche
Nationalspieler reichlich spät und war mit dem sportlichen Erfolg
verknüpft. Und womöglich haben sich Mesut Özil, Sami Khedira oder Jérôme
Boateng etwas gewundert, dass noch einmal die „andere“ Herkunft ihrer
Eltern so sehr thematisiert wurde, um das Gemeinsame zu beschwören.
Heute hört sich diese positive Erzählung aus dem Jahre 2010 geradezu
märchenhaft an, wie eine Geschichte aus grauen Vorzeiten. Denn die Frage,
wie halte ich es mit dem deutschen Nationalteam, ist eine, die mittlerweile
ebenso spaltet wie vereint. Schon das historische erste deutsche
WM-Ausscheiden 2018 in der Vorrunde [2][wurde mehr oder minder Mesut Özil
persönlich angelastet,] weil er sich ja mit dem türkischen Präsidenten
Recep Tayip Erdoğan fotografieren ließ.
Freilich gab es schon 2010 einen konstanten Anteil in der deutschen
Bevölkerung mit rechtspopulistischen Ansichten, die nicht in den Jubel über
das neue Gesicht der DFB-Elf mit einstimmten. Nur ihre Diskursmacht war
äußerst bescheiden, die AfD noch nicht gegründet. Über die Risse unter der
schönen Oberfläche konnte man gut hinweggehen.
## „Nicht-deutsche“ Nationalspieler
Der Anteil derer, die in der deutschen Nationalmannschaft nicht als
biodeutsch einzustufen sind, ist weiter auf einen neuen Rekordwert
gewachsen. Im Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann sind es bei dieser
Weltmeisterschaft mit 14 Spielern knapp über die Hälfte. Und am Verhältnis
der AfD zu diesem Team, das Deutschland repräsentiert, lässt sich ganz gut
veranschaulichen, wie diese Partei mit den landesweit stärksten
Umfragewerten die Gesellschaft umbauen möchte. Der
AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah bezeichnete im Vorfeld der EM
2024 noch als Abgeordneter des Europaparlaments das DFB-Team als
„Söldnertruppe“ und „Fremdenlegion“.
Anlässlich der aktuellen Weltmeisterschaft verkündete [3][Björn Höcke], der
AfD-Landesvorsitzende Thüringens, ex negativo, wie sein DFB-Traumteam
aussähe. Er sprach auf einer Veranstaltung über die einheitlich aussehenden
asiatischen und afrikanischen Nationalteams und erklärte dann: „Die
westliche Hemisphäre wirkt wie gleichgeschaltet, alles verschwimmt und wenn
sie das Trikot tauschen, weißt du gar nicht mehr, wer ist jetzt von welcher
Mannschaft.“
Er offenbarte sein Zugehörigkeitsverständnis nach Hautfarbe. Rassismus in
Reinform. Ähnlich deutlich äußerte sich via Social Media der
brandenburgische Landtagsabgeordnete Dominik Kaufner, der zuvor als
Gymnasiallehrer arbeitete. Er schrieb, „dass die DFB-Auswahl einen
erheblichen Anteil nicht-deutscher Spieler hat und damit die Qualität einer
authentischen deutschen Nationalmannschaft verloren hat“.
Die AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla distanzierten sich
zwar nach Informationen der taz fraktionsintern von dieser Äußerung, aber
auch an ihr Verhalten zum Nationalteam weist Vorbehalte und ein
offensichtliches Dilemma auf. Denn ein Großteil der AfD-Wählerschaft hängt
in diesen Tagen vor den TV-Bildschirmen wie alle anderen auch. Und sollte
bei diesem Nationenwettbewerb die Deutschen unvorhergesehen erfolgreich
abschneiden, was dann?
## DFB sorgt sich um gesellschaftliches Klima
Es ist kompliziert. Die nationalen Zugehörigkeitsgefühle sind flüchtiger
geworden. Dies ist ein universaler Trend. Von den 1.248 Spielern in den
WM-Kadern der 48 Nationen wurden 292 außerhalb des Landes geboren, für das
sie antreten – das entspricht 23 Prozent. Doppelt so viel wie noch bei der
WM 2006 in Deutschland.
Weidel und Chrupalla ließen sich vor dem Turnier mit einem Duplikat des
WM-Pokals fotografieren. Ein interessantes Motiv, das die konfuse Haltung
der Partei zum Nationalteam bestens illustriert. Anders als sonst
verzichteten die beiden auf nationale Symbolik. Einen schwarz-rot-goldenen
DFB-Fanschal oder das farblich so gestaltete Nationaltrikot wollten sie
lieber nicht tragen. Die Identifikation mit dem Nationalteam gilt
offenkundig nur für den Erfolgsfall, wenn der Pokal geholt wird.
Dem DFB macht diese Entwicklung mächtig Sorgen, wie Andreas Rettig,
Geschäftsführer Sport, [4][der taz in einem Interview erzählte.] Der
Fußballverband kann und will sich nicht vor gesellschaftlichen Realitäten
verschließen und strebt wie jeder Sportverband den maximalen Erfolg an. Zum
Gespräch hatte Rettig extra eine grafisch aufbereitete
Mannschaftsaufstellung vom DFB-U19-Pokalfinale der Junioren ausgedruckt.
Die Spieler der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und VfL Wolfsburg hatten
nahezu alle eine doppelte Staatsbürgerschaft und ein zweites Fähnchen am
Namen geheftet. Er verwies auf den weiter wachsenden Anteil der Menschen in
Deutschland mit Migrationshintergrund. Derzeit liegt er durchschnittlich
bei etwa 30 Prozent, bei den unter Fünfjährigen bei 43 Prozent. Schon jetzt
kämpft der DFB darum, dass die talentiertesten Doppelstaatler unter seinen
Nachwuchsfußballern sich im letzten Moment nicht doch noch für die Türkei,
Kroatien oder Kamerun entscheiden.
## Verschämte Einladung der Linken
Eine Gesellschaft, die Menschen mehrheitlich vermittelt, dass sie
eigentlich nicht dazugehören und schon gar nicht in die deutsche
Nationalmannschaft sollen, könnte abstoßend wirken. Das sei eines der
großen Themen, die den DFB umtreibe, bekannte Rettig. Fußball stehe für
Vielfalt, Teilhabe und eine offene Willkommenskultur.
Doch ein Dilemma im Umgang mit dem Nationalteam hat nicht nur die AfD. Beim
Bundesparteitag der Linken in Potsdam wurde das Public Viewing des
WM-Spiels Deutschland gegen die Elfenbeinküste auf einem Flyer geradezu
verschämt beworben: „Ja, WM wird auch im kleinen Rahmen gezeigt: keine
Fahnen, kein Nationalismus, kein Stress.“ Laut dem Nachrichtenmagazin Focus
wollte ein Delegierter einen Dringlichkeitsantrag diskutieren lassen, der
das Public Viewing kritisch einordnen sollte. Auch um die Fifa sollte es
dabei gehen.
Anscheinend kann diese Internationalmannschaft, die ein engstirniges
Verständnis des Nationalen ad absurdum führt, ebenfalls keine Fans unter
den Internationalisten gewinnen. Eine kleine Graswurzelbewegung aus jungen
Menschen in Berlin versucht derweil in diesen WM-Tagen via Instagram selbst
designte Nationaltrikots unter das Volk zu bringen. Mit Bundesadler auf der
Brust, schwarz-rot-goldenen Linien und einer klaren Botschaft auf dem
Rücken: [5][„Germany against Fascism“] Im nationalen Gewand wird den
Nationalisten von der AfD und Co der Kampf angesagt. Eine sympathische,
aber vielleicht etwas zu verworrene Idee.
Vielversprechender scheint es zu sein, den Anteil der DFB-Kicker mit
Migrationshintergrund immer weiter hervorzuheben. Das hätte indes etwas
Kontraproduktives, markiert man die Spieler dadurch doch wieder als etwas
Besonderes. Wünschenswert wäre, darüber nicht mehr sprechen zu müssen. Aber
die Diskursmacht hat sich längst verschoben.
## Binäre Logik führt in die Irre
Sollten nun alle aufrechten Demokraten dem deutschen Nationalteam die
Daumen drücken, wider alle Expertenerwartungen die Weltmeisterschaft zu
gewinnen? Allein schon aus Freude an der Schadenfreude, weil die AfD einem
Multikulti-Team seine Glückwünsche unterbreiten müsste. Ein Gedankenspiel,
das verständlich und verführerisch sein mag, jedoch völlig in die Irre
führt.
Wirklich viel wäre nicht damit zu gewinnen. Die Erfolge des Löw-Teams 2010
und 2014 hatten keine anhaltende Wirkung. Am Ende war und ist es eben nur
Fußball. Anhängerinnen und Anhänger einer offenen Gesellschaft bedienen
sich sowieso besser nicht dieser binären AfD-Logik, die nicht nur zwischen
Deutschen und Nicht-Deutschen, sondern auch gern zwischen Gewinnern und
Verlierern unterscheidet. Was Özil widerfahren ist, sollte abschreckend
genug sein.
Wer Mesut heißt, sollte sich auch künftig besser nicht an autoritäre
Despoten heranwanzen. Wer Friedrich heißt, kann sich dagegen mit noch so
vielen Trikots neben Trump ablichten lassen. Das ist ebenfalls eine Lehre
dieser Weltmeisterschaft. Es ist noch ein verdammt weiter Weg, bis von der
Internationalmannschaft gesprochen werden kann. Die Rückschritte der
letzten Jahre haben das Ziel in weite Ferne rücken lassen.
27 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Das-deutsche-WM-Team/!5141181
DIR [2] /Kommentar-Bierhoffs-Oezil-Kritik/!5519256
DIR [3] /Bjoern-Hoecke/!t5008289
DIR [4] /DFB-Geschaeftsfuehrer-vor-der-WM/!6178420
DIR [5] https://www.gaf-de.com/products/germany-against-fascism-trikot
## AUTOREN
DIR Johannes Kopp
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