# taz.de -- Die Wahrheit: „Im Osten geht die Sonne auf“
> Im Großsächsischen Reich des Jahres 2050 herrscht nicht nur blanke Not,
> sondern auch Björn Höcke.
Es ist eine kleine Sensation! Zum ersten Mal seit zwölf Jahren dürfen
wieder Journalistinnen und Journalisten in das – neben Nordkorea – wohl
isolierteste Land der Welt reisen: das Großsächsische Reich. Im Jahr 2038
hatte Regimechef Björn Höcke zuletzt einer Mediendelegation die Einreise
gestattet. Der Besuch endete damals im Eklat: Die Mehrheit der Presseleute
weigerte sich, bei einer Audienz vor dem „Großen Volksführer“ in die Knie
zu gehen, und wurde auf der Stelle wieder ausgewiesen.
Würde auch der neue Besuch mit einem solchen Skandal enden? Wohl alle
Reporter, die vor einer Woche in einem Reisebus die Grenze bei Eisenach
Richtung Osten passieren, stellen sich diese Frage. Die Wachtürme,
Minenfelder und Überwachungsdrohnen wirken einschüchternd. Auch der Ton der
Grenzbeamten ist schroff und wird durch den weichen sächsischen Akzent kaum
gemildert: „Daschen off!“
Wir werden nach ausländischen Medienerzeugnissen durchsucht. Zwei
Journalistinnen wird wegen ihrer unerlaubten Körperfarbe die Einreise
verweigert, einer Person wegen uneindeutiger Geschlechtlichkeit. Die
Stimmung entspannt sich erst, als hinter der Grenze die Reisebegleiter zu
uns in den Bus steigen, die uns während des gesamten Besuchs nicht mehr von
der Seite weichen werden. Sie verteilen kostenlosen Zichorienkaffee. Ihr
Anführer stellte sich als Ronny Pucke vor, Abteilungsleiter im
Großsächsischen Ministerium für Volksaufklärung.
Unser erster Halt ist ein Wotan-Tempel gleich neben der Wartburg. Wir
werden auf dem Vorplatz mit Waschbärbraten, Eichelbrei und Hassroder
Premium Pils bewirtet. Auch die veganen Kolleginnen und Kollegen in unseren
Reihen verzichten auf Beschwerden angesichts der offen getragenen
Schusswaffen unserer Gastgeber. Ronny Pucke hält einen langen Vortrag über
die historische Erfolgsgeschichte Großsachsens.
Da wir vor unserer Reise gründlich recherchiert haben, sind uns die
historischen Fakten nicht neu: Nachdem die AfD in den späten zwanziger
Jahren mit Hilfe einer heute vergessenen Kleinstpartei namens BSW in allen
ostdeutschen Bundesländern an die Regierung gelangt war, folgte 2031 eine
umstrittene Volksabstimmung zur gemeinsamen Abspaltung von Westdeutschland.
In einem kurzen, aber blutigen Krieg sicherten sich die Sachsen auch die
Herrschaft über das widerstrebende Berlin. Der Widerstand der Westdeutschen
beschränkte sich auf Protestnoten – zu groß war die Erleichterung darüber,
dass sich endlich trennte, was nicht zusammengehörte. Sogar die Materialien
zum Bau der neuen Mauer hatte die Rest-BRD zu vergünstigten Preisen an den
neuen Staat verkauft.
## Geschichtsunterricht heißt nun Deutschruhmeskunde
Die ersten Maßnahmen der Großsächsischen Regierung unter Reichsverweser
Björn Höcke hatten international für Aufsehen, im Land selbst unter den
nicht geflohenen Einwohnern aber kaum mehr für Protest gesorgt: die
Ausweisung aller Blutsfremden, die Ersetzung des Geschichtsunterrichts
durch das Fach „Deutschruhmeskunde“, das Verbot von Lastenfahrrädern,
Nagellack und Tofu.
Dass in den folgenden Jahren nicht alles im neuen Staat sich zum Besten
entwickelte, erwähnt Pucke in seinem Vortrag nicht. Zum Abschluss stimmt er
die angeblich von Björn Höcke selbst komponierte Reichshymne „Im Osten geht
die Sonne auf“ an. Einige mitreisende Redakteure aus der Axel Springer
Global Media Group singen mit – aus Höflichkeit, wie sie später erklären
werden.
Unsere Fahrt geht weiter. Am Rand der Landstraßen sehen wir schmucke
Fachwerkhäuser. Ihre Schornsteine qualmen. Unsere Bitte, doch einmal
anzuhalten, wird ohne Begründung abgelehnt. In den Dörfern und Städten sind
außer wenigen alten Frauen nur Männer zu sehen. Danach befragt, vertröstet
uns Ronny Pucke auf die nächste Station. Es ist die Technische Universität
in Carl-Schmitt-Stadt (vormals Chemnitz), wo wir einem Professor des
rassehygienischen Instituts vorgestellt werden. „Es ist wahr, viele Frauen
haben unser Reich leider verraten und verlassen, als sie vom Gesetz zur
Einführung der Gebärpflicht hörten“, erklärt uns der Forscher. „Aber wir
sind hier kurz vor dem Durchbruch zu einer Technologie, die das schwache
Geschlecht überflüssig machen wird: die künstliche Zeugung durch
Verschmelzung zweier Samenzellen!“
Wie sehr Großsachsen diese Erfindung benötigt, bleibt auf der weiteren
Fahrt nicht verborgen. Kinder sind kaum irgendwo zu sehen, auch nicht in
der Vorzeigesiedlung namens Anastasia 143, zu der wir nun gebracht werden.
Der örtliche Bauernführer Ragna Schmidt erläutert uns die autarke
Wirtschaftsweise: „Wir säen selbst, wir ernten selbst, wir essen selbst –
und mit dem, was wir gegessen haben, düngen wir auch gleich wieder selbst.
Wir brauchen nichts von Fremden und geben nichts an Fremde! Das ist unser
Kreislauf des Lebens!“
Zärtlich streichelt der Landmann ein Schaf, das für ihn mehr als nur ein
Nutztier zu sein scheint. Wir erkundigen uns nach einer Gruppe von älteren
Männern, die nackt einen nahegelegenen Hügel besteigen. „Die gehen
sterben“, erläutert Schmidt. „Nach der großen Remigration wurde das
verweichlichte System der sogenannten Altenpflege abgeschafft und durch
eine männlichere Lösung ersetzt.“
Die Spannung steigt in unserer Expedition, als wir uns der letzten Station
nähern: dem in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufwendig zur neuen
Reichshauptstadt ausgebauten Schnellroda. Einige Kollegen sind sichtlich
beeindruckt, als uns Ronny Pucke in die imposante, granitene „Halle des
Volkes“ führt. Gespannt erwarten wir den greisen Björn Höcke. Endlich
betritt er den Saal, gestützt auf einen Rollator. Mit einem Lift wird er
auf die Rednerkanzel gehoben. Die Jüngeren aus unserer Gruppe sind
überfordert, als Höcke danach mehr als eine Stunde über Schopenhauer, das
Turnen und die Wiederverzauberung der Welt spricht.
Peinlich berührt sind wir alle, als er dann plötzlich in Tränen ausbricht:
„Sie ahnen ja nicht, wie einsam es sich anfühlt, wenn man immer als das
absolut Böse dargestellt wird! Natürlich, ich habe meine Gefolgschaft hier
im Osten – aber die stirbt langsam aus. Das weiß ich ja selbst! Wie gern
würde ich doch noch einmal in meine Heimat zurückkehren! Ein letztes Mal im
Westerwald die Milch frisch aus der Zitze einer Ziege trinken!“
Anders als unsere Vorgänger muss uns niemand aus diesem Land werfen. Leise
ziehen wir uns freiwillig zurück und lassen den weinenden Führer aller
Sachsen in seiner leeren Halle allein.
28 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Michael Bittner
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