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       # taz.de -- 50 Jahre Entebbe-Geiselnahme: „Das Weltbild bekam damals erste Risse“
       
       > Thomas Kram, ehemaliges Mitglied der Revolutionären Zellen, über die
       > Flugzeugentführung vom 27. Juni 1976, linken Terrorismus und alten
       > Debatten, die wieder aktuell wirken.
       
   IMG Bild: Die Geiseln nach ihrer Befreiung am 4. Juli 1976
       
       Am Vormittag des 27. Juni 1976 kidnappt ein deutsch-palästinensisches
       Kommando eine Maschine der Air France bei einem Zwischenstopp in Athen.
       Flug 139 befindet sich auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris. An Bord des
       Airbus A300 befinden sich zwölf Personen Besatzung und 258 Fluggäste.
       
       Die zunächst vier Entführer versehen die Ein- und Ausgänge des Flugzeugs
       mit Sprengsätzen. Nach einem Zwischenstopp in Bengasi, Libyen, wird die
       Maschine nach Entebbe, Uganda, umgeleitet. Dort stoßen drei weitere
       palästinensische Terroristen zu dem Kommando. Die Entführer behalten die
       106 israelischen und andere für jüdisch gehaltenen Reisende als Geiseln.
       Die übrigen lassen sie frei.
       
       Das Kommando will im Tausch mit den Geiseln 53 Gefangene in Europa und
       Israel freipressen – darunter Angehörige palästinensischer Organisationen,
       der Japanischen Roten Armee, der deutschen Rote-Armee-Fraktion (RAF) sowie
       der Bewegung 2. Juni. Eine israelische Spezialeinheit befreit in der Nacht
       zum 4. Juli 1976 die Geiseln, die in der alten Transithalle des Flughafens
       von Entebbe festgehalten wurden.
       
       Dabei sterben drei Geiseln, 20 ugandische Soldaten sowie Oberstleutnant
       Jonathan Netanjahu, ein Bruder des heutigen israelischen Regierungschefs.
       Das siebenköpfige deutsch-palästinensische Kommando wird bei der Befreiung
       getötet, darunter die beiden Mitbegründer der westdeutschen Revolutionären
       Zellen (RZ) Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann. Bereits ein halbes Jahr
       zuvor war ein Mitglied der RZ, Hans-Joachim Klein, am Überfall auf die
       Wiener Opec-Konferenz beteiligt, bei dem drei Menschen starben.
       
       Die Entebbe-Entführung, die sich nun zum 50. Mal jährt, markiert für die in
       den frühen 1970er Jahren entstandenen RZ schließlich einen Wendepunkt. Im
       Gegensatz zur RAF nimmt die Mehrheitsströmung der RZ in der Folge Abstand
       vom internationalen Terrorismus.
       
       Fortan agiert man wesentlich niedrigschwelliger und im Windschatten der
       Neuen Sozialen Bewegungen. Eine sich abspaltende Minderheit um die
       RZ-Mitglieder Johannes Weinrich [1][und Magdalena Kopp] bleibt allerdings
       auch nach Entebbe im Zusammenhang des Wadi-Haddad-Flügels der Volksfront
       zur Befreiung Palästinas (PFLP) und der daraus hervorgehenden Carlos-Gruppe
       des venezolanischen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez.
       
       Bereits vor der Entebbe-Entführung hatte der von Carlos im Auftrag der PFLP
       ausgeführte Überfall auf die Opec in Wien im Dezember 1975 in der Linken
       für Kopfschütteln gesorgt. Auf das Konto von Carlos und seiner Gruppe
       gingen in Europa in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche weitere Morde
       und Attentate – viele davon in Frankreich.
       
       Die Radikalisierung der Bewegung nach 1968 hatte in der alten
       Bundesrepublik viele Ursachen. Ohne den Nachhall des Nationalsozialismus
       und den Autoritarismus der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft ist sie
       kaum zu verstehen. Internationale und generell demokratische Erfahrungen
       waren gering, die Eskalationsspirale drehte sich schnell. Aus [2][der
       kritischen Diskussion darüber sind nach dem Deutschen Herbst] 1977 neue
       linke Projekte wie die Grünen oder Medien wie die taz entstanden, die
       Alternativen zu Fundamentalopposition und Eskalation aufzeigten.
       
       Zum Jahrestag der Flugzeugentführung diskutiert die taz mit einem Mitglied
       der früheren RZ die damaligen Ereignisse. Thomas Kram, Lehrer mit
       Berufsverbot, war 1975/76 Buchhändler in Bochum und noch „auf Probe“ bei
       den RZ. Er sollte für eine neu zu formierende lokale Zelle der RZ im
       Ruhrgebiet gewonnen werden.
       
       Kurze Zeit später gehörte er schon zu den „Erfahrenen“, die die
       Neuausrichtung der RZ weg von internationalem Terrorismus und Gefährdung
       von Menschenleben betrieben. In verschiedenen Papieren wandten sich die RZ
       in den 1980er Jahren gegen Antiamerikanismus und Nationalismus, die in
       Teilen der autoritären Linken und der westdeutschen Friedensbewegung
       vorherrschten.
       
       Kram, der sich 2006 den Behörden freiwillig stellte und danach wegen seiner
       Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung rechtskräftig
       verurteilt wurde, gilt auch als einer der Verfasser [3][des
       „Gerd-Albartus-Papiers“ der RZ von 1991]. Es ist die späte, nun auch
       öffentlich vorgetragene Kritik an Antizionismus und Antisemitismus in
       Teilen der autoritären Linken. Auslöser für die Schrift war das
       Bekanntwerden der Ermordung des RZ-Mitglieds Gerd Albartus durch Mitglieder
       der Carlos-Gruppe im Libanon 1987.
       
       Die Nachricht von seiner Liquidierung als angeblicher Verräter erreichte
       die RZ erst im Laufe des Jahres 1990. Sie beschleunigte neben den sich
       verändernden Zeitumständen – Mauerfall, Ende des Kalten Kriegs sowie der
       postfaschistischen Ära der alten Bundesrepublik – die Selbstauflösung der
       RZ in den 1990ern.
       
       taz: Herr Kram, als Sie sich den westdeutschen Revolutionären Zellen (RZ)
       1975/76 anschlossen, waren Sie 27 Jahre alt. Damals verübten die RZ
       zusammen mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) zwei
       spektakuläre terroristische Aktionen: den Überfall auf die Opec-Konferenz
       in Wien und die Flugzeugentführung nach Entebbe am 27. Juni 1976. Was
       dachten Sie, als Sie davon hörten?
       
       Thomas Kram: Von beiden Aktionen habe ich erst erfahren, als sie schon
       Schlagzeilen machten. 1975 war ich noch in der „Probezeit“. Es war ein
       Gebot der Klandestinität, dass ich nur so viel wusste, wie für das eigene
       Handeln notwendig war. Ich konnte also nur Vermutungen anstellen. Der
       Überfall auf die Opec-Zentrale blieb mir ein Rätsel. Der Anführer des
       Wiener Opec-Kommandos [4][Carlos, der Venezolaner Ilich Ramírez Sánchez],
       war für mich damals noch mehr Phantom als reale Person.
       
       taz: Und Entebbe? 
       
       Kram: Von der Entführung der Air-France-Maschine habe ich ebenfalls erst
       erfahren, als sie schon im Gange war. Es dauerte ein, zwei Tage, ehe ich
       realisierte, dass es sich bei den beiden deutschen Geiselnehmern um
       Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann handelte. Dennoch war die Situation für
       mich nicht vergleichbar mit dem Überfall auf die Opec. Das Ziel der
       Flugzeugentführung schien mir klar: Es ging um die Befreiung politischer
       Gefangener, auch aus deutschen Gefängnissen. Ein Ziel, mit dem ich mich
       damals identifizieren konnte.
       
       taz: Tatsächlich? Wir sprechen von der Entführung eines Flugzeugs mit 270
       Menschen an Bord. 
       
       Kram: Flugzeugentführungen waren Anfang der 70er Jahre an der Tagesordnung.
       Leila Khaled war eine Ikone der Linken, ein Poster von ihr hing in jeder
       zweiten WG. Sie gehörte der PFLP an, hatte an zwei Entführungen
       teilgenommen und dabei auch symbolisch ein unbemanntes Flugzeug zerstört.
       Zugleich standen wir wegen der Situation der Gefangenen unter riesigem
       Druck. Es war gerade einmal acht Wochen her, dass Ulrike Meinhof in ihrer
       Zelle in Stammheim tot aufgefunden worden war. Unter Umständen, die viele
       damals als Mord bezeichneten. Der Tod von Holger Meins lag etwas länger
       zurück, aber das Bild von seinem ausgemergelten Körper war noch in den
       Köpfen. Das Versprechen, die Genoss:innen rauszuholen, die im bewaffneten
       Kampf eingefahren waren, war eine Selbstverpflichtung der Stadtguerilla.
       
       taz: Deswegen die Entführung eines Flugzeugs mit all den potenziell
       tödlichen Konsequenzen? 
       
       Kram: Politisches Kalkül der Aktion war, dass die deutsche Regierung den
       Forderungen der Geiselnehmer nachkommen musste, wollte sie sich nicht
       schuldig machen am Tod jüdischer Menschen. Dass dieses Kalkül aus Sicht der
       PFLP vertretbar war, mich selbst aber in ein Dilemma hätte stürzen müssen,
       kam mir erst später in den Sinn. Wir wollten uns die unheilvolle deutsche
       Geschichte zunutze machen, um der Forderung nach Freilassung der Gefangenen
       zusätzliche Durchschlagskraft zu verleihen.
       
       taz: Sie sagen, aus Sicht der PFLP sei die Entführung vertretbar gewesen.
       Gelten für Terroristen arabischer Herkunft andere Maßstäbe als für
       deutsche? 
       
       Kram: Der Antizionismus der PFLP war zu der Zeit nicht religiös oder
       rassistisch motiviert, sondern richtete sich gegen die andauernde Besatzung
       eines Territoriums, das sie als ihres betrachtete. Sie agierte in der
       Tradition eines antikolonialen Befreiungskampfes, und der wurde nirgends
       nur mit Samthandschuhen geführt. Damit konnten wir solidarisch sein, aber
       nicht um den Preis des Vergessens, woher wir kamen. Auf uns lastete die
       Geschichte des Holocaust.
       
       taz: Die PFLP propagiert die Zerstörung des Staates Israel! 
       
       Kram: Ich kann mich an keine Diskussion in den RZ erinnern, in der wir die
       Programme der verschiedenen palästinensischen Organisationen auf den
       Prüfstand gestellt hätten. Klar war allenfalls, dass sich die Fatah und die
       PLO seit ihrer Vertreibung aus Jordanien zunehmend offen für eine
       Zweistaatenlösung auf diplomatischem Weg zeigten, während die PFLP an ihrer
       kompromisslosen Haltung festhielt und für ein freies Palästina auf
       sozialistischer Grundlage eintrat. Im Vordergrund stand aber etwas anderes,
       nämlich der Pragmatismus. Zur PFLP gab es Kontakte, und es gab ein
       beidseitiges Interesse an einer Zusammenarbeit, auch wenn die Ziele nicht
       dieselben waren.
       
       taz: Wie war Ihre persönliche Situation damals in den 70er Jahren, als sie
       sich den RZ anschlossen? 
       
       Kram: Mitte der 70er Jahre wohnte ich in Bochum und arbeitete im
       Politischen Buchladen als Nachfolger von Hannes Weinrich. Der war nach
       Frankfurt gezogen und arbeitete im Verlag Roter Stern. Wie auch Wilfried
       „Boni“ Böse und andere mit RZ-Hintergrund. Das Bochumer Buchladenkollektiv
       zählte sich zu den Spontis, bot aber der lokalen Linken insgesamt einen
       Treffpunkt. Menschen aller politischen Couleur. Autonomen, Studierenden der
       relativ neuen Ruhr-Uni, Angehörigen der Betriebsgruppe bei Opel,
       Franco-Gegnern aus Spanien, chilenischen Exilanten und nicht zuletzt auch
       Befürwortern des bewaffneten Kampfes. Auch einer Reihe von Leuten, die ich
       noch aus Westberlin kannte und die einen politischen Neuanfang im
       Ruhrgebiet suchten. Einer von ihnen war Gerd Albartus, der da schon zu den
       RZ gehörte.
       
       taz: Was war für Sie der ausschlaggebende Moment, warum Sie Mitte der
       1970er Jahre glaubten, die Bundesrepublik bewaffnet bekämpfen zu müssen? 
       
       Kram: Zu der Zeit spielte sicherlich die gescheiterte Reformpolitik der SPD
       unter Willy Brandt eine Rolle. Das Demokratieversprechen erwies sich als
       hohl und schien darauf abzuzielen, die 68er-Generation zu spalten. Wir
       sahen eine Faschisierung der Gesellschaft aus dem Innenministerium heraus,
       hatten den [5][rechtsextremistischen Bombenanschlag an der Piazza Fontana
       in Mailand vor Augen]. Die Niederlage der multinationalen Arbeiterklasse
       beim Ford-Streik 1973 war entmutigend. Und dann die Verhaftung der ersten
       RAF-Generation – sie sollte nicht das Ende des Experiments Stadtguerilla
       bedeuten. In Chile wurde die demokratisch gewählte Allende-Regierung 1973
       durch einen Militärputsch gestürzt. Ein Jahr später konnten aufständische
       Militärs in Portugal – ebenfalls mit Waffengewalt – die autoritäre Diktatur
       des Salazar-Regimes stürzen. Die Repression durch die Staatsgewalt nahm zu,
       und so schien es an der Zeit, verdeckte Strukturen aufzubauen. Außerdem
       spielten wie immer im Leben auch biografische Zufälligkeiten und
       Freundschaften eine Rolle.
       
       taz: Warum RZ und nicht RAF? 
       
       Kram: Die RZ hatten nicht den Anspruch, Partei oder Armee zu sein, die wie
       die RAF den frontalen Angriff suchte. Sie schlugen vor, sich in kleinen
       autonomen Gruppen, in Zellen zu organisieren, um so den Widerstand zu
       praktizieren. Etwa wie die Tupamaros in Uruguay, ein Bild, das Costa Gavras
       mit seinem Film „Der unsichtbare Aufstand“ geprägt hatte. Dass die
       Tupamaros 1975 militärisch besiegt waren und die RZ in der Zusammenarbeit
       mit der PFLP völlig anders agierten, stand dabei nicht zur Debatte.
       
       taz: In [6][einem früheren taz-Gespräch] sagten Sie uns: „Die Mehrheit der
       RZ begriff sich als sozialrevolutionäre Organisation und agierte nicht in
       der Logik des Befreiungsnationalismus.“ Können Sie das so sicher sagen, wo
       doch bekannt ist, dass vorherige RZ-Mitglieder wie Johannes Weinrich oder
       Magdalena Kopp nach 1976 weiter mit der PFLP zusammenarbeiteten und zur
       sogenannten Carlos-Gruppe um den international agierenden Terroristen
       Illich Ramírez Sánchez zählten? 
       
       Kram: Ob und wie lange die Carlos-Gruppe nach dem Debakel von Entebbe noch
       mit der PFLP – oder genauer gesagt mit der Gruppe von Wadi Haddad –
       zusammenarbeitete, weiß ich nicht. Es gab Differenzen, aber die waren
       meines Wissens eher pragmatischer als ideologischer Art. Für Carlos verlief
       ein klarer Trennungsstrich zwischen westlicher und Dritter Welt. Die Länder
       des Warschauer Pakts waren für ihn potenzielle Bündnispartner. Die
       Bevölkerungen in den USA, Frankreich oder der BRD waren für ihn hingegen
       mitverantwortlich für Armut und Elend. Das galt selbst für Linke in den
       Metropolen.
       
       taz: Aber diese eindimensionale Sicht war doch bereits sehr umstritten? 
       
       Kram: Es war ein Weltbild, das bei uns, die wir als privilegiert galten,
       vor allem Schuldgefühle produzierte. In der Folge von Entebbe bekam es
       erste Risse. Einige kritisierten, dass wir den Antizionismus der PFLP eins
       zu eins übernommen hatten. Sie regten an, als Ausdruck der Selbstreflexion
       eine der angeklagten NS-Verbrecherinnen des Düsseldorfer
       [7][Majdanek-Prozesses] nach Polen zu entführen und an die dortige Justiz
       auszuliefern. Im KZ Majdanek in Polen ermordeten die Nazis etwa 250.000
       Menschen. Es war eine Ironie des Schicksals, dass die Verhandlung gegen die
       ehemalige KZ-Aufseherin Hildegard Lächert parallel zu dem Prozess gegen
       zwei angebliche RZ-Mitglieder vor dem Landgericht Düsseldorf stattfand.
       Allerdings blieb es bei der Idee, sie hätte unsere Möglichkeiten
       überfordert.
       
       taz: Zurück zu Entebbe. Die RZ nahmen danach Abstand von internationalen
       terroristischen Aktionen. Wie verlief dazu intern die Diskussion? 
       
       Kram: Wir problematisierten, dass die frühen RZ die israelische und die
       palästinensische Gesellschaft als homogene völkische Gebilde betrachtet
       hatten und nicht als soziale Gefüge mit all den Widersprüchen, die andere
       kapitalistische Gesellschaften auch kennzeichnen. Wir hatten also keinen
       Grund, die Bevölkerungen mit ihren Regierungen beziehungsweise
       Organisationen gleichzusetzen und die oppositionellen Minderheiten zu
       ignorieren. Damit kritisierten wir implizit auch Flugzeugentführungen, die
       ja auf der Annahme einer Kollektivschuld basierten.
       
       taz: Von spektakulären antiisraelischen, antijüdischen, aber auch
       antiamerikanisch interpretierbaren Anschlägen nahm man also stillschweigend
       Abstand. Wie radikal war intern der Bruch nach Entebbe? 
       
       Kram: Zunächst einmal hatte das Scheitern der Geiselnahme zur Folge, dass
       wir uns untereinander in die Haare bekamen. Es gab eine erbitterte
       Kontroverse über die Frage, ob und wie wir auf die Befreiung der Geiseln
       reagieren sollten. Eine angedachte Aktion wurde zum Glück verhindert. Zu
       dem Preis, dass es im Herbst 1976 zum Bruch kam und sich zwei „Fraktionen“
       bildeten, die ein paar Jahre lang getrennt agierten. Beide Fraktionen
       mussten in der Folgezeit Rückschläge verkraften. Es kam zu Verhaftungen;
       dann der inszenierte Ausstieg von Hans-Joachim Klein, der für die RZ beim
       Opec-Überfall dabei war, ein schwerer Unfall bei einem Bombenbau,
       Illegalisierungen. [8][Dass Frauen aus den RZ sich autonom in der Roten
       Zora organisierten], bedeutete für uns zunächst auch einen herben Verlust.
       
       taz: Mitte der 1970er gab es eine breite Kritik in der Linken an der
       Polarisierung durch die Aktionen der bewaffneten Gruppen. Das Frankfurter
       Spontimilieu forderte wenige Wochen vor der Flugzeugentführung von Entebbe,
       „die Bomben wegzulegen und die Steine wieder aufzunehmen“. 
       
       Kram: Auf Entebbe 1976 folgte 1977 die Eskalation durch die RAF: Buback,
       Ponto, die Schleyer-Entführung, dann Stammheim und der Deutsche Herbst
       1977. Die Mehrheit der RZ entschloss sich daraufhin zu einer deutlichen
       Veränderung. Man wollte mit eher niedrigschwelligen Aktionen den
       Forderungen linker sozialer Bewegungen in der BRD Nachdruck verleihen. Auch
       organisatorisch bedeutete dies eine Neuzusammensetzung. Autonome Gruppen,
       die an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen waren, suchten – trotz
       Entebbe – Kontakt zu uns, weil sie sich davon eine Erweiterung ihres
       Aktionsradius versprachen. Nach nur drei Jahren RZ musste ich feststellen,
       dass ich inzwischen zur alten Garde gehörte, die zudem in der Minderheit
       war.
       
       taz: Die anderen, die wie Weinrich und Kopp weiter mit der PFLP und
       Carlos-Gruppe agierten, waren bei den RZ komplett raus? 
       
       Kram: Der Teil der RZler, der in die Kontakte des PFLP-Flügels um die
       Wadi-Haddad-Gruppe involviert war, hatte sich entweder in den Nahen Osten
       abgesetzt oder politisch neu orientiert. Der Bruch war also durchaus
       radikal, machte sich aber weniger an Erklärungen als personell fest.
       Weinrich verstand sich noch als Repräsentant der RZ, als er dies schon
       längst nicht mehr war. Faktisch gab es trotzdem immer wieder individuelle
       Kontakte zur Organisation Internationaler Revolutionäre (OIR), wie sich die
       Carlos-Gruppe nach dem Tod von Haddad 1978 nannte. Diese basierten aber
       eher auf alten Loyalitäten oder Freundschaften als auf politischem Konsens.
       
       taz: Sie gelten als Verfasser eines Papiers aus der Endphase der RZ. Es
       trägt den Titel „Gerd Albartus ist tot“ aus dem Dezember 1991. Was war der
       Auslöser für die nochmalige Auseinandersetzung mit Entebbe, wer war Gerd
       Albartus?
       
       Kram: Gerd Albartus gehörte zu den RZlern der ersten Stunde und war ein
       guter Freund. Anfang 1990 erhielten wir von einem Menschen, der noch
       Kontakt zur Carlos-Gruppe hielt, die Information, dass die Carlos-Gruppe
       ihn im Dezember 1987 im Libanon ermordet hatte. Ich wurde dorthin
       eingeladen, um mir Videoaufnahmen eines angeblichen Tribunals anzusehen,
       das ihn zum Tode verurteilt hatte. Die Einladung fand ich makaber und wies
       sie zurück, auch weil ich mich nicht sicher fühlte. Sollte es dieses Video
       tatsächlich geben, würde ich mich unter heutigen Umständen anders
       entscheiden.
       
       taz: In der Erklärung thematisierten Sie 15 Jahre nach Entebbe vieles
       kritisch, etwa die Zusammenarbeit mit palästinensischen Gruppen wie der
       PFLP, den Antizionismus und den Antisemitismus in der Linken. Wie war die
       Reaktion darauf? 
       
       Kram: Intern löste die Nachricht von der Ermordung von Gerd Albartus eine
       Debatte über die internationalen Verbindungen der RZ in den 70er Jahren
       aus, die für die Mehrzahl der Mitglieder zur Vorgeschichte gehörte und mit
       ihrer eigenen Praxis nichts zu tun hatte. In deren Zentrum standen die
       Kämpfe gegen das Atomprogramm, den Bau der Startbahn West am Frankfurter
       Flughafen, die Aufrüstung der Nato oder die Städtebau- und Sozialpolitik.
       Vor allem aber die gemeinsame Kampagne gegen die globale
       Flüchtlingspolitik. Sie basierte auf einem neuen Verständnis des
       Antiimperialismus und kann als Ausdruck einer politischen Neuorientierung
       verstanden werden, in die auch die Erfahrungen von Entebbe eingegangen
       sind. Ich würde behaupten, dass es den RZ mit der Zeit gelungen ist, sich
       aus eigener Kraft aus der Sackgasse zu befreien, in die sie sich durch
       Entebbe manövriert hatten.
       
       taz: Das heißt, was in den 70ern geschehen war, die Einbindung der RZ in
       den internationalen Terrorismus, war in den 80ern weitgehend abgekoppelt
       und verdrängt worden? 
       
       Kram: Die Mehrzahl der RZler hat sich durch die Nachricht von der Ermordung
       Gerd Albartus’ erstmals mit diesem Kapitel der Organisationsgeschichte
       befasst. Dabei standen zwei Themen im Vordergrund, die in den 70er Jahren
       zur ideologischen Grundausstattung der meisten Linken gehörten: der
       Antizionismus und der Internationalismus. Der Antizionismus, so
       kritisierten wir, sei im Zuge seiner zunehmenden Radikalisierung – oder
       „Entgrenzung“, wie es heute heißt – antisemitisch geworden. Nur so konnten
       wir uns nachträglich erklären, dass Böse und Kuhlmann mit ihren deutschen
       Biografien sich führend an einer Aktion beteiligten, deren Logik von
       vornherein die Geiselnahme von jüdischen Menschen und Israelis und deren
       Absonderung von den übrigen Passagieren beinhaltete. Dass es von dort bis
       zur Rampe in Auschwitz nicht nur in der medialen Aufbereitung, sondern vor
       allem in der Wahrnehmung der Opfer ein kleiner Schritt war, hätten wir
       wissen müssen. Pragmatismus gemischt mit historischem Halbwissen,
       politischer Naivität, moralischem Druck und Machtphantasien, die auf der
       Überzeugung basierten, Teil eines weltweiten Aufstands zu sein, trug dazu
       bei, dass wir im Kontakt mit Gruppen des palästinensischen Widerstands
       unsere politischen und ethischen Maßstäbe aus den Augen verloren hatten.
       
       taz: Und was bedeutete dies für die weitere Ausrichtung der RZ in Bezug auf
       die Konflikte im Nahen Osten? 
       
       Kram: Im Laufe der 80er Jahre hatten wir begriffen, dass die Agenda von
       Gruppen wie der PFLP mit unseren Vorstellungen vom Aufbau von
       Gegenmachtstrukturen wenig gemein hatte. Am Internationalismus, der sich
       auf die Befreiungsorganisationen bezog, kritisierten wir dessen implizite
       Widersprüchlichkeit. Unter dem Banner von Antiimperialismus und
       internationaler Solidarität förderte er die Idee autoritärer
       Nationalstaaten. Im Falle Israels die Auslöschung des einen zugunsten eines
       anderen, eines arabisch-islamisch dominierten Palästinas.
       
       taz: Gerd Albartus war 1977 wegen eines Brandanschlags auf ein Kino
       verurteilt worden, in dem der Spielfilm „Unternehmen Entebbe“ auf dem
       Programm stand. Albartus stand nach seiner Haftentlassung 1981 weiter in
       Kontakt mit der RZ-Hauptströmung, jedoch auch mit der Carlos-Gruppe, die in
       den 80ern eine Serie von Anschlägen auf Züge, Bahnhöfe und Einkaufspassagen
       in Frankreich verübte, dabei 15 Menschen tötete und 150 zum Teil schwer
       verletzte. Wie passte das zusammen? 
       
       Kram: Gar nicht. Ich hatte ja schon erwähnt, dass es trotz des Bruchs immer
       wieder individuelle Kontakte zur OIR von Carlos gab, die auf das Konto der
       jeweiligen Einzelpersonen gingen. Das galt auch für Gerd, der den Bruch im
       Knast verfolgt hatte und für sich nicht akzeptierte. Dafür machte er sowohl
       persönliche als auch politische Gründe geltend, und wir konnten ihn nicht
       daran hindern. Die OIR hatte ihm offensichtlich die Rolle zugedacht, die
       Verbindung zu regionalen Gruppen der RZ herzustellen, um bei Bedarf RZler
       für Zuarbeiten zu gewinnen. Aufgrund seines Status genoss er großes
       Vertrauen. Ob er in die genannte Serie von Anschlägen in Frankreich
       involviert war, weiß ich nicht. Sie war jedoch Anlass, jegliche Kontakte
       zur OIR endgültig abzubrechen, und das schloss entsprechende Gespräche mit
       Gerd ein.
       
       taz: Es gibt Gerüchte, eine angebliche Agententätigkeit für die ostdeutsche
       Stasi könnte eine Rolle bei seiner Ermordung im Nahen Osten gespielt haben? 
       
       Kram: Den Vorwurf, dass Gerd Albartus für die Stasi gearbeitet hat, halte
       ich für Unsinn. Er nutzte die Reisemöglichkeiten, die die DDR ihm bot, um
       sich zu Treffen mit der Carlos-Gruppe abzusetzen. Dabei hat er Gespräche
       mit Stasi-Mitarbeitern geführt. Es ging in erster Linie darum, bei der Ein-
       oder Durchreise wenig Spuren zu hinterlassen. Weil er sich diese
       Möglichkeiten auch noch zunutze machte, nachdem Carlos’ OIR ihren
       Stützpunkt in Ostberlin hatte aufgeben müssen, geriet er plötzlich in den
       Verdacht, Agent zu sein.
       
       taz: Gibt es wirklich keine neuen Erkenntnisse zu seinem Tod?
       
       Kram: Die damalige Lebensgefährtin von Carlos, Magdalena Kopp, bekräftigt
       in ihrem Buch „Die Terrorjahre“ die Vermutung, dass Gerd im Verdacht stand,
       ein Spitzel der Stasi zu sein. Deshalb sei er kurz nach seiner Ankunft von
       zwei Männern der Gruppe einem brutalen Verhör unterzogen worden, an dessen
       Ende er erschossen, verbrannt und in einem Erdloch verscharrt wurde. Diese
       Einzelheiten kannte ich nicht, als ich das Albartus-Papier entworfen habe.
       Das Buch von Magdalena Kopp ist meines Wissens die einzige Quelle, die
       Auskunft über die Hintergründe des Mords gibt. Es ist 20 Jahre alt.
       
       taz: Wie wichtig war für PFLP, Carlos-Gruppe, aber auch die RAF und den
       „antiimperialistischen“ Flügel der RZ der Support durch staatliche Dienste
       etwa arabischer oder parteikommunistischer Staaten wie der DDR? 
       
       Kram: Vermutlich war die Präsenz diverser Geheimdienste zumindest im
       Hintergrund größer, als wir uns eingestanden hatten. Eine detaillierte
       Antwort müssten die jeweiligen Beteiligten geben oder auch
       Historiker:innen, die Zugang zu den entsprechenden Archiven haben. Ein
       lesenswertes Buch ist etwa [9][das von Adrian Hänni], „Die unglaubliche
       Geschichte des Schweizers Bruno Breguet“. Es gibt auch eine Recherche über
       das Verhältnis der Stasi zu den RZ, die auf [10][den Seiten der
       Bundeszentrale für politische Bildung erschienen ist]. Die kommt zu dem
       Ergebnis, dass einige wenige RZler von „niedrigschwelligen Hilfen des MfS“
       profitierten, von einer regelrechten RZ-Stasi-Connection aber nicht die
       Rede sein könne
       
       taz: Viele sprechen heute wieder über Israel oder Palästina, als wären dies
       völkisch feststehende, homogene und natürliche Einheiten. Arabische
       Angriffskriege, Ablehnung der Teilungspläne, die Geschichte der
       Islamisierung und das Existenzrecht Israels werden häufig ignoriert. In
       Europa erleben wir eine neue Welle des antisemitischen Hasses. Wie sehen
       Sie das, oder anders gefragt: Was können wir aus Entebbe lernen? 
       
       Kram: Ende 2025 las ich die Einladung zu einem Workshop mit dem Titel „Eine
       alte Debatte neu lesen“. Gemeinsam sollte der RZ-Text zum Tod von Gerd
       Albartus diskutiert werden. Dabei ging es also um die heute so aktuellen
       Themen wie Antiimperialismus, Palästinasolidarität, das Verhältnis zu
       nationalen Befreiungsbewegungen und den Antisemitismus in der Linken. Die
       historischen Erfahrungen der RZ, die kritische Hinterfragung in dem Text
       von 1991, können dazu sicher ein paar Argumente beisteuern. Vielleicht
       bieten sie eine gewisse Orientierung in dem diskursiven Gewirr, das ich
       seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober und den Vergeltungsmaßnahmen des
       israelischen Staats wahrnehme. Wobei ich einen Aspekt ergänzen will, der in
       den 70er Jahren allenfalls eine beiläufige Rolle gespielt hat: die
       religiöse Aufladung eines historisch ohnehin schon komplexen Konflikts, mit
       der einige Akteure auf beiden Seiten die nationale Frage zusätzlich
       befeuern. „Die Menschen tun das Böse nie so vollständig und begeistert, wie
       wenn sie es aus religiöser Überzeugung tun“, hat Umberto Eco geschrieben.
       Die Erfahrung gibt ihm recht.
       
       27 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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   DIR [3] http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn04.htm
   DIR [4] /Ex-Terrorist-in-Paris-verurteilt/!5064442
   DIR [5] https://www.woz.ch/1949/fuenfzig-jahre-piazza-fontana/das-staatsmassaker
   DIR [6] /Augenzeugenbericht-eines-Ex-Guerilleros/!5726548
   DIR [7] https://de.wikipedia.org/wiki/Majdanek-Prozesse
   DIR [8] /Prozess-gegen-Rote-Zora-beginnt/!295504/
   DIR [9] https://www.nzz-libro.ch/produkt/adrian-haenni-terrorist-und-cia-agent-9783907291870-t-14059
   DIR [10] https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/545804/die-ddr-als-strategisches-hinterland/
       
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