# taz.de -- Gerichtsurteil stärkt Fußgänger: „Dann schaffe ich mein Auto ab“
> Bremen will das Parken auf Gehwegen eindämmen – aber nur ganz vorsichtig,
> um die Autofahrer nicht zu verärgern.
IMG Bild: Mit zwei Rädern auf dem Gehweg: aufgesetztes Parken in Bremen
O weh, ein Parkraumkonzept! „Neustadt verliert jeden fünften Parkplatz“,
titelt der Weser-Kurier: 776 Parkplätze verschwänden in dem Bremer
Stadtteil, wenn die Stadt nun ihre Pläne verwirkliche. Man hätte auch
schreiben können: „Fußgänger sollen mehr Raum bekommen“. Und korrekt wäre
auch, Achtung: „Die Neustadt gewinnt über 1.000 Parkplätze dazu“. Denn: An
vielen Stellen, an denen Bremer*innen bisher illegal geparkt haben, soll
das noch in diesem Sommer legalisiert werden.
Der Westteil der Bremer Neustadt, durch die Weser von der Altstadt
getrennt, hat ein paar raue schmutzige Ecken, dazwischen kleine Straßen mit
bunten Häuschen und winzigen wilden Vorgärten. Schnuckelig ist das, manche
sagen auch eng. Denn auf beiden Gehwegen, überall, stehen Autos. Wer zu Fuß
geht, kann sich im Gänsemarsch vorbeidrücken. Mit Kinderwagen muss man
gelegentlich auf die Fahrbahn wechseln; mit Rollstuhl – na ja, wollen Sie
nicht lieber woandershin?
Korrekt war das noch nie: Aufgesetztes Gehwegparken ist bundesweite Praxis,
aber nur an wenigen ausgewiesenen Stellen erlaubt. Man hat halt nie
hingeschaut oder, besser noch, das [1][Ordnungsamt hat ganz bewusst
weggeschaut.] So weitermachen ist nicht mehr möglich: Bremer
Bürger*innen hatten wegen der zugeparkten Gehwege quer durch die
Instanzen gegen die Straßenverkehrsbehörde geklagt. 2024 [2][entschied das
Bundesverwaltungsgericht:] Die Stadt muss etwas unternehmen.
Ein Urteil, das auch anderswo genau betrachtet wird. In Bremen aber bietet
der unmittelbare Handlungsdruck den Fans von freien Fußwegen ordentlich
Rückenwind gegen die autovernarrteren Teile der Politik und der Behörden.
Die Verkehrsbehörde wirbt mittlerweile selbst mit einer gerechteren
Umverteilung des öffentlichen Raums. Parken soll vor allem für Externe
teuer und unbequem werden. Wer hier lebt, kann einen Bewohnerparkausweis
bekommen.
## Wo, wenn nicht hier?
Die politischen Bedingungen in der Neustadt scheinen erst mal ideal: Bei
den Beiratswahlen für die Stadtteilparlamente gingen 70 Prozent an Grüne,
SPD und Linke, in dieser Reihenfolge. [3][Wo, wenn nicht hier, soll man
Autofahrer*innen engere Grenzen setzen?] Bei der Bürgerbeteiligung
seit Januar gingen trotzdem die meisten Likes an die Forderung
„Aufgesetztes Parken erlauben“.
Das, was nun geplant ist, ist so auch ziemlich vorsichtig: Ab November gibt
es Bewohnerparken – und erstmals Kontrollen gegen das illegale aufgesetzte
Gehwegparken. Im Gegenzug aber gibt es Geschenke für Autofahrer*innen:
Tausende bisher illegale „Parkplätze“ auf Bürgersteigen werden legalisiert.
Gehwegparken soll nur dort explizit ermöglicht werden, wo 1,80 Meter Platz
fürs Nebeneinanderlaufen bleiben –eigentlich. Doch so breite Straßen gibt
es nicht viele, die Stadt akzeptiert deshalb auch 1,50 Meter Restbreite,
wenn ab und zu „Begegnungszonen“ das Ausweichen ermöglichen. Dann gibt es
noch die „Sonderlösung“ für neun Straßenabschnitte mit hohem Parkdruck:
Dort sollen dann 1,20 Meter zum Gehen reichen. Insgesamt bleiben 87 Prozent
aller Parkreihen, die in der westlichen Neustadt aktuell genutzt werden,
erhalten, in Zukunft dann legal.
Es ist leicht, über dieses vorsichtige Vorgehen den Kopf zu schütteln. Aber
Autofahrer*innen sind eben selbst im links-grünen Bremen keine
Randerscheinung. Und es stimmt ja: Das Beharren auf Prinzipien lässt über
Nacht noch keinen Volvo verschwinden. Ob es auf Dauer klappt? Auf einer
Beiratssitzung, das erzählt Beiratsmitglied Azalea Rahman von der SPD, habe
eine Bürgerin gedroht: „Wenn das so kommt, dann schaffe ich mein Auto ab.“
Die Hoffnung lebt.
29 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Lotta Drügemöller
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