# taz.de -- Humboldt Forum feiert 5. Geburtstag: Ich bin begeistert und enttäuscht zugleich
> Zu kolonial kontaminiert, zu wenig Stadt: Die Bubble unserer Autorin ist
> nicht überzeugt vom Berliner Humboldt Forum. Und sie selbst? Ist peinlich
> verliebt.
IMG Bild: Nicht alle sind begeistert: Das Humboldtforum Unter den Linden in Berlin wird fünf Jahre alt
Gold schimmert im Halbdunkel, ein paar Frauen sitzen reglos auf einem
Sockel, mal spannt sich der Latex, mal saugt er sich an ihre Körper und
Muskeln treten hervor. Aus den Lautsprechern kommen Klänge wie aus dem All.
[1][Sarah Ama Duahs Performance „to build to bury to remember“] zeigt
Objekte als selbstbestimmte Körper, die den kolonialen Blick zurückwerfen
und hinterlässt bei mir ein Gefühl, das ich im Humboldt Forum erstaunlich
oft habe: Begeisterung, gefolgt von Scham.
Denn das Humboldt Forum ist mein fragwürdiger Crush. In meiner Bubble
finden es die meisten doof. Zu kolonial kontaminiert, [2][zu sehr Schloss],
zu wenig Stadt. Ich nicke dann meistens verständig, weil ja alles stimmt,
und gehe trotzdem wieder hin. In den fünf Jahren seit der Eröffnung besuche
ich dort Lesungen, Performances, Konzerte und Diskussionen und denke: Wie
gut ist das denn bitte? Dann schaue ich mich um und sehe vor allem ältere
Menschen in Funktionskleidung, höre Englisch oder Spanisch. Ich suche nach
Hinweisen, dass sich das Humboldt Forum endlich in die Stadtgesellschaft
hineingebohrt hat. Aber andere Leute treffen, die man von irgendwoher
kennt? Fehlanzeige!
## Wie jemand, der auf einer Party nicht ankommt
Ich habe dieses Haus schon Jahre vor Eröffnung gegen seine Kritiker*innen
verteidigt. Nicht, weil ich das Schloss wollte, ich bin ja nicht irre. Nach
dem [3][Abriss eines Stücks DDR-Architektur], das auf gutem Weg zu einer
Art Centre Pompidou Berlins war, nach neun Jahren Bauzeit und
entsprechenden Kosten steht da nun ein Betonkasten mit buttercremefarbener
Verkleidung. Unter anderem finanzstarke rechte Spender*innen haben dieses
Schloss ermöglicht, um etwas ins östliche Zentrum der Stadt zu holen, was
sie als preußischen Glanz empfinden.
Unterm Kuppelkreuz, das den Machtanspruch des Christentums im gottlosen
Berlin zementieren soll, residieren heute vor allem das Ethnologische
Museum und das Museum für Asiatische Kunst. Vielen erschien das von Anfang
an wie ein Flachwitz; mich faszinierte daran, dass während drinnen die
Bauarbeiten liefen, draußen über [4][Raubkunst], Restitution und
[5][koloniale Gewalt] gestritten wurde. Das Humboldt Forum wirkte wie ein
Debattenturbo, es brachte Fragen in die Mitte der Gesellschaft, die vorher
eher in Fachpublikationen verschwunden waren.
Fünf Jahre später erscheint das Humboldt Forum allerdings noch immer wie
jemand, der auf einer Party immer im falschen Raum steht und krampfhaft
versucht, ins richtige Gespräch zu kommen. Die offiziellen
Besucher*innenzahlen von 3,3 Millionen jährlich sind irreführend, denn es
werden auch jene mitgezählt, die bloß ein Selfie im Innenhof machen. Für
die Ausstellungen kamen zuletzt rund 634.000 Menschen. Das ist ordentlich,
aber der Louvre hat rund dreizehnmal so viele Besucher*innen. Das
eigentliche Problem ist ohnehin nicht die Statistik, sondern die Diskrepanz
zwischen Anspruch und Atmosphäre.
Das Programm ist oft großartig: das mexikanische Totenfest, das kurdische
Frühlingsfest, das Durchlüften-Festival, Veranstaltungen über bedrohte
Sprachen. Künstler*innen, Autor*innen und Musiker*innen arbeiten sich an
den großen Fragen der Gegenwart wie Demokratieschmelze, globale
Ungerechtigkeit und politische Angriffe auf die Kunstfreiheit ab – und das
oft klüger und mutiger als anderswo. Trotzdem bleibt das Publikum
touristisch.
So funktioniert es einfach nicht. Die Gründe sind banal und deshalb
besonders deprimierend: Das Humboldt Forum fährt ein Kulturprogramm, das in
Kosten und Besucher*innenzahlen dem großer Theaterhäuser ähnelt, es
verliert sich aber auf halber Strecke zwischen Rolltreppen wie im
Flughafenterminal und endlosen Betonfluchten. Danach steht man auf dem
Schlossplatz und hat – je nach Jahreszeit – die Wahl zwischen Erfrieren und
Hitzschlag. Ums Humboldt Forum herum gibt es keine Orte, an die man sich
flüchten kann, wenn die Veranstaltung aus ist.
Demnächst gehe ich trotzdem wieder hin. Diesmal zu einem Gespräch über
einen Fluss, der in Südbrasilien unter einem Shoppingcenter verschwand und
als Denkmal wieder auftauchte. Ich habe die Ankündigung gelesen und wollte
sofort hin. Das gehört zu meiner peinlichen Verliebtheit: Das Humboldt
Forum enttäuscht mich regelmäßig. Und ich freue mich immer wieder aufs
nächste Date.
27 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.humboldtforum.org/en/programm/termin/performance-en/to-build-to-bury-to-remember-156314/
DIR [2] /Berliner-Schloss/!t5424448
DIR [3] /Palast-der-Republik-im-Berliner-Schloss/!6008694
DIR [4] /Raubkunst/!t5017554
DIR [5] /Schwerpunkt-Kunst-und-Kolonialismus/!t5773861
## AUTOREN
DIR Susanne Messmer
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