# taz.de -- Deutschland und China: Mit Peking reden, Brüssel stärken
> Deutschland braucht China. Belastbar wird ein Dialog aber erst, wenn
> Berlin ihn europäisch absichert: mit Regeln und eigener industrieller
> Stärke.
IMG Bild: Gelten Regeln noch, wenn der politische Wind dreht?
Als Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche Ende Mai nach China
reiste, warb sie bei ihren Gesprächspartnern aus Politik und Wirtschaft um
Vertrauen, Stabilität und fairen Wettbewerb. Am 9. Juni kam Ling Ji, Chinas
Vizeminister für Handel, nach Brüssel und erörterte mit Ditte Juul
Jørgensen, Generaldirektorin für Handel und wirtschaftliche Sicherheit der
EU-Kommission, die Einrichtung eines Mechanismus für Handels- und
Investitionskonsultationen. Beim EU-Gipfel Mitte Juni schließlich suchten
die Staats- und Regierungschefs nach einer gemeinsamen Antwort auf „globale
makroökonomische Ungleichgewichte“.
Gemeint war vor allem China: mehr Schutz vor wettbewerbsverzerrenden
Praktiken, ohne Peking offen zu provozieren. Drei Termine, ein politischer
Moment. Berlin sucht den direkten Draht nach Peking. Peking bietet Brüssel
neue Gesprächsformate an. Gleichzeitig klingt die EU-Kommission härter als
lange gewohnt: Der gegenwärtige Zustand der Handels- und
Investitionsbeziehungen mit China ist nicht nachhaltig. In mehreren
Hauptstädten wird über schärfere Handelsverteidigung gesprochen.
Aus der Europäischen Volkspartei (EVP) kommt der Ruf nach einer
entschiedeneren Linie. Alle reden über Dialog, und doch wird Europas Ton
robuster. Darin liegt kein Widerspruch. Es ist die neue Normalität
europäischer Chinapolitik. Ohne Gesprächskanäle bleiben Verfahren blind für
praktische Engpässe. Ohne Verfahren bleibt Gespräch eine höfliche Form der
Unverbindlichkeit. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob
Deutschland mit China sprechen soll, sondern, was dieses Sprechen wert ist,
wenn Deutschland in Europa die Bedingungen des Dialogs nicht mitträgt.
Die deutsche Versuchung ist alt und bequem. Dialog erscheint als Ausdruck
von Vernunft, Brüsseler Härte als Störung. Man hält Kanäle offen, weil
deutsche Unternehmen in China produzieren, verkaufen und entwickeln. Das
ist nachvollziehbar. China ist für Deutschland kein fernes Dossier, sondern
Teil der industriellen Gegenwart. Gerade deshalb reicht Beziehungspflege
nicht mehr aus. Wer in Peking Stabilität sucht, darf in Brüssel nicht jene
Hebel schwächen, die Stabilität überprüfbar machen.
## Es braucht verlässliche Lieferungen
[1][Die Reise der Bundeswirtschaftsministerin] war deshalb kein Gegenbild
zu Europa, sondern ein Testfall. Sie sprach über Kooperation, Rohstoffe,
Lieferketten und fairen Wettbewerb. Das war die richtige Spannbreite.
Problematisch wird es erst, wenn die Sprache der Stabilität die Asymmetrien
verdeckt. Dialog kann Abhängigkeit sichtbar machen, ordnen, manchmal
entschärfen. Er schafft aber keine zweite Lieferkette, baut keine
Raffinerie, keine Magnetproduktion und kein Beschwerdeverfahren. Vertrauen
füllt kein Rohstofflager.
Das lässt sich an einem unscheinbaren Gegenstand zeigen: dem
Permanentmagneten. Er steckt in Elektromotoren, Windanlagen, Robotern,
Sensoren und auch in sicherheitsrelevanter Technik. Er ist klein, aber
seine Lieferkette ist politisch groß. Bei seltenen Erden und Magneten liegt
Europas Verwundbarkeit weniger im Bergbau allein begründet als in der
Verarbeitung. Dort ist China so stark, dass schon Genehmigungsfristen Macht
entfalten können. Ein Werk muss nicht wissen, ob Peking grundsätzlich
liefern will. Es muss wissen, ob der Lastwagen nächste Woche kommt.
Abhängigkeit beginnt hier nicht mit der großen Blockade, sondern mit der
kleinen Unsicherheit. Welche Unterlagen verlangt eine Behörde? Wie lange
dauert eine Exportlizenz? Darf der Lieferant planen? Gibt es einen
Beschwerdeweg? Schon das Warten verändert Machtverhältnisse. Was auf dem
Papier wie Verwaltung aussieht, wird in der Werkhalle zur Verwundbarkeit.
Reiches Forderung nach verlässlichem Rohstoffzugang traf deshalb den
richtigen Punkt. Sie löst ihn aber nicht, solange Verlässlichkeit vom
Einzelfall und politischem Wohlwollen abhängt.
Hier liegt der nüchterne Sinn von „De-Risking“. Der Begriff klingt nach
Brüsseler Fachjargon, beschreibt aber eine einfache politische Aufgabe:
Abhängigkeiten so zu begrenzen, dass ein einzelner Engpass nicht ganze
Produktionsketten erpressbar macht. Das ist keine Absage an Handel und
keine verdeckte Entkopplung. Es ist die Einsicht, dass offene Märkte
politische Sicherungen brauchen, wenn Zugang, Lizenzen und Vorprodukte
selbst zu Druckmitteln werden können.
## Kontrollierbare Verfahren
Ling Jis Brüsseler Besuch verschärfte diese Frage. Peking spricht von
Dialog, Stabilisierung, pragmatischen Ergebnissen und gegenseitigem Nutzen.
Das ist nicht wertlos. Auch harte Politik braucht Räume, in denen über
Lieferprobleme, Verfahren und Eskalationsrisiken gesprochen wird. Doch der
Maßstab ist nicht die Existenz eines Gesprächsformats, sondern sein
Ergebnis. Werden Fristen überprüfbar? Werden Beschwerden bearbeitet? Gelten
Regeln auch dann, wenn der politische Wind dreht?
Während China Gesprächsformate anbietet, versucht Brüssel, Abhängigkeit in
Verfahren zu übersetzen. Genau das ist die eigentliche Machtform der EU.
Europa ist keine Rohstoffmacht und keine zentral gelenkte
Industrieökonomie. Seine Stärke liegt darin, Zugang zum Binnenmarkt an
Regeln zu binden: prüfen, belegen, befristen, anfechten, durchsetzen. Aus
dem diffusen Gefühl unfairer Konkurrenz muss ein Verfahren werden, das
begründet, angefochten und kontrolliert werden kann.
Das gilt auch für die industrielle Konkurrenz. Bei Elektroautos, Batterien
oder Solartechnik geht es nicht darum, chinesischen Erfolg zu bestrafen.
Europa hat keinen Anspruch darauf, vor Konkurrenz bewahrt zu werden. Das
Problem entsteht dort, wo staatlich gestützte Skalierung auf einen offenen
Markt trifft und europäische Standorte dauerhaft unter Druck setzt.
Niedrige Preise können entlasten. Wenn aber industrielle Fähigkeiten
verschwinden, wird Handelspolitik zur Standortpolitik. Dann reicht es
nicht, Fairness zu erbitten.
Sie muss nachweisbar und durchsetzbar werden. Allerdings ersetzen solche
Verfahren keine Industriepolitik. Zölle bauen keine Magnetfabrik.
Antidumpingverfahren senken keine Energiepreise. Diversifizierungspflichten
schaffen noch keine neuen Minen, Raffinerien oder Batteriecluster. Europa
kann Bedingungen nur stellen, wenn es selbst handlungsfähiger wird: bei
Energie, Forschung, Recycling, Standards und Produktion. Regelmacht ohne
industrielle Substanz wird zur Geste. Industriepolitik ohne Regeln wird zur
Subvention ohne Richtung.
## Zwischen Standortangst und europäischer Verantwortung
Für Deutschland ist das unbequem. Die Autoindustrie und andere stark in
China engagierte Wirtschaftsunternehmen fürchten Gegenreaktionen. Das ist
keinesfalls irrational. Wer Werke, Zulieferer, Forschung und Absatz tief in
China verankert hat, bekommt jede Verschärfung schnell zu spüren. Andere
Branchen sind mit einem chinesischen Wettbewerb konfrontiert, der nicht
mehr nur billiger ist, sondern technologisch und strukturell immer stärker
wird.
Berlin steht zwischen Marktinteresse, Standortangst und europäischer
Verantwortung. Aus dieser Ambivalenz darf kein Vetorecht gegen europäische
Handlungsfähigkeit werden. Wer jedes schärfere Verfahren aus Sorge vor
Kosten abschwächt, macht Abhängigkeit zur Politik. Wenn die Koalition in
Berlin bilaterale Sonderverständigungen sucht, während man in Brüssel auf
gemeinsame Regeln baut, schwächt es auch die eigene Verhandlungsposition.
Ein Gesprächspartner ohne Hebel bittet um Nachsicht. Ein Gesprächspartner,
der Regeln durchsetzen kann, verhandelt. Für die Bundesregierung lautet die
Wahl daher nicht Harmonie oder Handelskrieg, sondern: Bremst Deutschland,
vermittelt es nur, oder führt es? Führen hieße, den deutschen Wunsch nach
Stabilität europäisch zu disziplinieren. Was in Peking besprochen wird,
muss in europäische Regeln passen. Was bilateral zugesagt wird, darf
gemeinsame Verfahren nicht unterlaufen. Und was Brüssel beschließt, muss in
Berlin industriepolitisch ernst genommen werden.
Eine robustere europäische Linie muss deshalb anders erzählt werden: nicht
als Gegenstück zum Dialog, sondern als dessen Bedingung. Moderne
Chinapolitik braucht Kanäle, in denen Probleme benannt werden können, und
Regeln, die verhindern, dass es beim Benennen bleibt. Am Ende geht es nicht
um Abschottung. Dazu ist China zu groß, zu innovativ und zu tief in
Lieferketten, Klimapolitik und Standards eingebunden.
Aber Offenheit ist kein Naturzustand, sondern muss organisiert werden:
durch Reziprozität beim Marktzugang, transparente Genehmigungen, belastbare
Fristen, Beschwerdewege, Diversifizierung und eigene europäische
Kapazitäten. Katharina Reiches Chinareise und Ling Jis Brüsseler Gespräche
erzählen deshalb dieselbe Geschichte. Es gibt wieder die Forderung nach
mehr Dialog. Die Frage ist, ob er trägt.
Souveräne Chinapolitik wird nicht lauter, sondern genauer. Sie sagt Ja zu
Gesprächskanälen und Nein zur Unverbindlichkeit. Deutschland muss mit China
sprechen. Doch wer in Peking redet, muss Brüssel stärken.
27 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Wirtschaftsministerin-Reiche-in-China/!6182193
## AUTOREN
DIR Stefan Messingschlager
DIR Stefan Messingschlager
## TAGS
DIR China
DIR Handelspolitik
DIR Europäische Union
DIR Defizit
DIR Lieferketten
DIR Reden wir darüber
DIR Social-Auswahl
DIR KP China
DIR China
DIR EU-Gipfel
DIR EU-Gipfel
DIR Reiseland China
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR US-Gericht verkündet Strafmaß: 30 Jahre Haft für chinesischen Immobilienmagnaten Guo
Er war ein Immobilienmagnat, hatte Verbindungen zur Regierung. Nun muss der
Geschäftsmann Guo Wengui wegen Betrugs ins Gefängnis.
DIR Flugzeug crasht in Hochhaus in Peking: Behörden bestätigen Flugzeugabsturz
In Peking kracht ein Flieger in ein Hochhaus. Fast einen Tag lang schweigen
die Behörden und Staatsmedien. Nun gibt es erste offizielle Angaben.
DIR EU-Gipfel: Merz gegen Handelskrieg mit China und Dialog mit Russland
Auf dem EU-Gipfel in Brüssel gab es Streit über den richtigen Kurs in der
Außen- und Wirtschaftspolitik. Schnelle Lösungen zeichnen sich nicht ab.
DIR EU-Gipfel: Europas Ringen um Stärke
Wirtschaftliche Genesung steht auf der Agenda der Staats- und
Regierungschefs für die kommenden Tage. Aber auch Kraftgewinnen gegenüber
Russland und China.
DIR China ist hypermodern und autoritär: Eigentlich ganz schön hier
Während Trump und Xi in Peking Deals aushandeln, wird das hypermoderne
China immer beliebter. Zeit, sich an den Wert der Demokratie zu erinnern.