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       # taz.de -- Fotoprojekt über Krebserkrankte: „Es geht nicht nur um die Narben“
       
       > Bei Sofia Kröplin wurde mit 29 Brustkrebs diagnostiziert. Sie
       > fotografierte sich selbst mit Glatze und Blut – und bald weitere
       > Betroffene. Was treibt sie an?
       
   IMG Bild: Elizabeth Morales-Emmert, 47, Grundschullehrerin, Brustkrebs, Mastektomie mit Brustaufbau sowie inzwischen auch Brustwarzenrekonstruktion
       
       taz: Frau Kröplin, im Sommer 2022 wurde bei Ihnen [1][Brustkrebs
       diagnostiziert]. An welchem Punkt in Ihrem Leben waren Sie damals? 
       
       Sofia Kröplin: Ich war 29 und hatte das Gefühl, unverwundbar zu sein. Das
       Thema Krankheit war sehr weit weg. Ich hatte damals ein eigenes
       Onlinemagazin und dachte, dass ich gerade richtig durchstarte. Dann wurde
       ich krank und alles hat sich verändert. Durch die Chemotherapie war ich
       sehr eingeschränkt, Worte zu formulieren, das Schreiben wurde immer
       schwieriger. Die ganze Erfahrung hat meine Sicht auf mich selbst und mein
       Umfeld sehr verändert. Mir war klar, dass ich mich weiter damit
       beschäftigen will und habe einen Fotokurs an der Berliner Ostkreuzschule
       gemacht.
       
       taz: Also sind Sie erst durch die Diagnose zum Fotografieren gekommen? 
       
       Kröplin: Genau. Mich selbst zu fotografieren, hat mir geholfen, einen
       Abstand zu gewinnen zu der Krankheit, den Schmerzen, der Einsamkeit. Ich
       hatte eine Aufgabe und eine spielerische Art, damit umzugehen und darin
       nicht mehr so viel Leid zu sehen.
       
       taz: Es gibt ein Selbstporträt von Ihnen, das Sie mit blutiger Nase und
       kahlem Kopf zeigt. Was bedeutet Ihnen dieses Bild? 
       
       Kröplin: Zu dem Zeitpunkt war ich zwei Monate in Chemotherapie und hatte
       gerade ein neues Medikament bekommen. Eine Nebenwirkung war das tägliche
       Nasenbluten. Das Bild zeigt mir, wie viel Stärke in unseren Körpern steckt.
       Wenn ich heute darauf zurückblicke, wie ich ausgesehen habe und wie sich
       mein Körper wieder regeneriert hat – da ist schon viel Stolz. Das
       Fotografieren hat bei mir auch eine Leere gefüllt. Ich habe angefangen,
       mich mit Betroffenen zu verbinden und mich meiner Angst, Nähe zuzulassen,
       gestellt.
       
       taz: Begegnungen, aus denen [2][Ihr Projekt „The Fight We Never Asked For“]
       entstand. Die Bilder und Interviews aus der Serie sind sehr intim. Wie sind
       Sie als Fotografin vorgegangen? 
       
       Kröplin: Hinter jedem einzelnen Foto steckt sehr viel Zeit und ein
       individuelles Konzept. Ich habe Vorgespräche geführt, mit den Menschen
       Kaffee getrunken oder ganz unterschiedliche Sachen unternommen, töpfern,
       ins Kino gehen, gemeinsam Sport machen. Mich interessiert die ganze Person,
       weniger die Krankheit selber. Und ich glaube, aus dieser Nähe heraus
       entstehen dann auch diese verletzlichen Bilder. Weil mein Gegenüber merkt,
       dass es mir nicht nur um ihre Narben geht, sondern um sie als Ganzes.
       
       taz: Wie war das für Sie, sich immer wieder mit der Krankheit
       auseinanderzusetzen? 
       
       Kröplin: Ich war überrascht, dass ich es geschafft habe, das Thema immer
       wieder so nah an mich ranzulassen. Ich bin an den Beziehungen, die daraus
       entstanden sind, sehr gewachsen. Es ist toll, mitanzusehen, wie Menschen,
       die an einem Tiefpunkt sind, auch wieder an einen Punkt kommen, an denen es
       ihnen besser geht. Diese Reise begleiten zu können, war sehr bereichernd.
       
       taz: Welche Momente aus den Fotosessions haben Sie besonders beeindruckt? 
       
       Kröplin: Bei vielen Menschen kommt der Krebs irgendwann wieder. Ich konnte
       mir lange nicht vorstellen, nochmal in eine Chemotherapie zu gehen. Und
       dass Leute es schaffen, für diesen erneuten Kampf Kraft aufzubringen,
       weiterzumachen, irgendwie die Freude am Leben nicht zu verlieren – das fand
       ich bewundernswert.
       
       taz: Der „Kampf“ steckt auch im Titel Ihres Projekts. Übersetzt heißt es:
       „Der Kampf, um den wir nie gebeten haben“. 
       
       Kröplin: Nach einer Krebsdiagnose wird man von der Gesellschaft schnell zum
       Kämpfer gemacht. Das habe ich auch so erlebt. Gleichzeitig entsteht dadurch
       das Gefühl, immer stark sein zu müssen. Dabei gibt es so viele Momente, in
       denen man einfach keine Kraft hat, und nur weinen oder schreien will. Es
       ist eine Reise, die wir uns nicht ausgesucht haben, aber trotzdem auf uns
       nehmen müssen.
       
       taz: Sie sind seit Anfang 2024 krebsfrei, Ihr Projekt geht immer weiter.
       Warum? 
       
       Kröplin: Weil es mir einfach Spaß macht. In meiner Arbeit habe ich auch
       nach meiner eigenen Geschichte gesucht und danach, was mich als Person
       ausmacht. Durch die Verbindung mit anderen Betroffenen konnte ich viele
       Fragen für mich beantworten. Ich finde meine Protagonisten sehr mutig in
       der Art, wie sie sich zeigen und habe viel Wärme und Offenheit von ihnen
       erfahren. Ich möchte sie weiter unterstützen und ihnen eine Stimme geben,
       so wie sie mir geholfen haben, meinen eigenen Weg zurück ins Leben zu
       finden.
       
       27 Jun 2026
       
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