# taz.de -- Was wir von Madonna gelernt haben: Sie ist ein heller Lichtstrahl
> Am 3. Juli erscheint das erste neue Album von US-Superstar Madonna seit
> 2019. Ein guter Anlass, um die Verdienste der Queen of Pop
> herauszustellen.
IMG Bild: Madonna live in New York, 1987
## How to shake that Body
„Madonna hat geradezu gefunkelt vor Energie, sie strahlt heller als alle
anderen im Saal.“ Mark Kamins erinnert sich an eine charismatische
Tänzerin, die 1982 ständig im New Yorker Club „Danceteria“ war, wo er als
DJ Cutting-Edge-Musik auflegt. Die Tanzfläche wird Madonnas Laufsteg: Als
Fab 5 Freddy, der Graffiti- und Rap-Pionier, sie dort sieht, verpflichtet
er die junge Frau für einen Auftritt als Tänzerin. „Madonna wusste
definitiv how to shake that body“, schreibt er in seinen Memoiren.
Und lobt ihre von Mark Kamins produzierte Debütsingle [1][„Everybody“]
(1982) als straßenschlaue Aneignung verschiedener zeitgenössischer Stile:
Rap-Sprechgesang, britische Girlgroup-Posen à la Bananarama und das zackige
Beatdesign des Latin-Freestyle, einem lokalen, puerto-ricanisch geprägten
New Yorker Sound. Madonna ist die erste Künstlerin der 1980er, die vom
Dance-Underground nach oben gespült wird, und ihm dabei immer die Ehre
erweist. Der Videoclip für „Everybody“ wird im queeren New Yorker Club
„Paradise Garage“ gedreht, dessen DJ Larry Levan die Madonna-Songs oft
auflegt.
Von dort wandert ihre Musik weiter ins Radio, wo sie zuerst vom New Yorker
DJ Frankie Crocker gespielt wird. Für Madonnas Debütalbum ist ihr Freund,
DJ John „Jellybean“ Benitez der Multiplikator. Zunächst produziert er
„Holiday“. Als B-Seite veröffentlicht, wird es 1983 zur New Yorker Hymne,
dann zum Welthit. Jellybean zieht die Latin-Freestyle-Schrauben an,
highlightet die Drums für den Dancefloor und sorgt umgekehrt dafür, dass
Madonna als Komponistin selbstbewusster wird. Zum Dank schreibt sie ihm den
Song [2][„Sidewalk Talk“], der 1984 unter seinem Namen veröffentlicht wird.
Müßig zu erwähnen, dass Madonnas subversiver Einsatz von Underground-Props
im Mainstream vom Popdiskurs der 1980er-Jahre weitgehend ignoriert wird.
Geschmackssicher agiert sie jedenfalls bis heute. Julian Weber
## Material Girl
Es gibt eine Lücke zwischen „Disco 77“ mit [3][Ilja Richter] („Licht aus,
Spot an!“) und dem Erscheinen von Madonna auf der Bildfläche. Die Lücke
heißt bei mir Neue deutsche Welle, David Bowie, New Wave. Das alles habe
ich eher live, auf dem Plattenteller und auf Partys erlebt. Madonna war
dann ein Bildschirmphänomen, der gerade erfundene Videoclip in
Cinemascope-Format. Wie viele Reizposen passen in einen Song, was kostet
die Welt?
Madonna war tanzbar und anschlussfähig, auch wenn in den Schuppen, in denen
ich damals verkehrte, [4][eher Cramps, Psychobilly], Soul oder Indie
gespielt wurde; wir sprechen hier von der Zeit vor der Hamburger Schule.
Aber Madonna war immer auch etwas anderes als Töne und Zeilen.
Nicht, dass Images, Styles, Zeichen bei anderen Musikerinnen keine Rolle
gespielt hätten, aber bei Madonna war das (ist es vielleicht noch, ich weiß
nicht) das eigentliche Material. Dass man darauf auch tanzen kann, war eher
die Probe aufs Exempel, dass man die Inszenierung, das Spiel verstanden
hatte. Als Hetero, der ich bin, auf „Like a virgin“ zu tanzen, ist mir aber
nicht immer gelungen. Intellektuell find ich den Song super. Es ist ja jede
Liebe ein erstes Mal.
Gerade habe ich mir noch mal, nach bestimmt 20 Jahren, den Videoclip zu
„Material Girl“ angesehen. An die affirmativ hedonistische
Marilyn-Monroe-Zitate hatte ich mich selbstverständlich erinnert, das ist
drin im kollektiven Gedächtnis. Aber den B-Strang des Videos, der wahre
Liebe mit (Inszenierung von) Armut und Knutschen im Ford verknüpft, hatte
ich total vergessen. Dieser B-Strang ist echt seltsam. Konterkariert die
Unschuld der weißen Margariten das Material Girl des A-Strangs? Ist das ein
Widerspruch? Oder eine Ergänzung? Das ist vielleicht das Besondere an
Madonna. Es muss immer etwas Rätselhaftes bleiben. Dirk Knipphals
## Krähengleich in der Wüste
Etwas stimmt nicht mit meinem Algorithmus. Wenn ich [5][„Frozen
Musikvideo“] in die gängigste aller Suchmaschinen eingebe, spuckt diese
zuerst den gleichnamigen Disneyfilm aus. Ich habe die Geschichte um
Prinzessin Elsa nie gesehen, kann mir aber kaum vorstellen, dass
irgendetwas daran popkulturell bedeutender sein könnte als der Song, den
Madonna im Januar 1998 als erste Singleauskopplung ihres Albums [6][„Ray of
Light“] veröffentlichte.
Oder als eben dieses Video, in dem sie in bodenlager Gothic-Couture aus
Jean Paul Gaultiers Kollektion „Ode to Frida Kahlo“, inszeniert von Chris
Cunningham krähengleich über die Mojave-Wüste schwebt. Alle bemalten sich
danach die Hände mit Henna und versuchten sich in die Kabbala einzulesen.
Überliefert ist, dass Madonna Patrick Leonard, von dem „Frozen“ wie so
viele ihrer Hits stammen, angewiesen habe, er solle ihr etwas zwischen dem
oscarprämierten Sound des Spielfilms „Der englische Patient“ (1996) und
Nine Inch Nails schreiben.
Mit Unterstützung [7][des britischen Produzenten William Orbit] gelang das
auch. Diese epischen Streicher, das Flächige, Ambienthafte, die Drums, die
Synthies, Madonnas Stimme. Wer „Frozen“ nur ein einziges Mal gehört hat
(wünsche ich keinem), erkennt den Song sofort wieder. Es lohnt sich
ohnehin, „Ray of Light“, Madonnas bis dahin futuristischstes, mystischstes,
experimentellstes Album, einmal wieder von Anfang bis Ende zu hören. Es ist
ihr bestes, zumindest bislang. Beate Scheder
## Falls Madonna anruft
Der coolste und zugleich lustigste Housetrack des Jahres 1996 stammte von
Junior Vasquez und hieß [8][„If Madonna Calls“]. Das zentrale Element des
Stücks ist die Stimme von Madonna, aufgenommen von Vasquez’
Anrufbeantworter. Madonna fragt: „Are you there?“ Dann gibt sie ihren
Aufenthaltsort durch: „Call me in Miami.“ Eine männliche Stimme
kommentiert: „If Madonna calls: I’m not here.“
Vasquez erklärte, das Stück sei ein bitch track, auf dem eine Queen die
andere lese. „To read“ bedeutet in der Sprache der Dragqueens und Kings der
New Yorker Ballrooms, andere humorvoll – aber, wenn es sein muss, auch
zickig und ein bisschen böse – auf die Schippe zu nehmen und ihre Schwächen
zu sezieren.
Vasquez reagierte mit seinem Stück angeblich darauf, dass Madonna in
letzter Minute einen Auftritt im Tunnel absagte, wo Vasquez als Resident DJ
arbeitete. Sie war not amused und beendete ihre Zusammenarbeit mit dem
Produzenten. Damit endete eine Ära, denn Vasquez hatte Madonnas Songs nicht
nur so remixt, dass sie auch auf den anspruchsvollen Dancefloors der von
queeren Afroamerikaner*innen und Latinos dominierten House-Szene
funktionierten:
Er hatte Madonna Vogueing nahegebracht, was die Künstlerin zu ihrem Stück
[9][„Vogue“] von 1990 inspirierte. Darin verknüpfte Madonna die durch
Hollywood popularisierten großen Namen des amerikanischen Tanzes – „Ginger
Rogers, Fred Astaire“ – mit dessen Ursprüngen in marginalisierten
Communitys. Das Musikvideo choreografierten Jose Gutierez Xtravaganza und
Luis Camacho vom House of Xtravaganza.
„Vogue“ ragt aus Madonna’s Œuvre heraus, weil es der Kultur des Vogueing
erstmals Aufmerksamkeit verschaffte. Es ist ein Meisterstück kultureller
Aneignung, im Guten wie im Schlechten. Dass sie so beleidigt auf „If
Madonna Calls“ reagierte, nahm ihrer Persona ein bisschen den Glanz. Ulrich
Gutmair
## Gut katholisch
Madonna, Tochter konservativer italienischer Einwanderer, rebellierte laut
ihrer Biografie von 1988 schon als Mädchen gegen das katholische Dogma,
wonach eine Frau entweder eine Heilige ist oder eine Hure. Sie verlegte
sich in ihrer Frühphase in den 80ern lieber darauf, möglichst verwirrende
Signale zu senden: Jungfrauenpose und „Fuck-me-Blick“.
Betende Hände, aber untenrum fast nix an. Brautkleid und „Boy-Toy“-Gürtel.
Im Ländlich-Katholischen aufgewachsene Mädchen wie meine Freundinnen und
ich liebten diese schlichten, aber effektiven Provokationen. Wir probten zu
[10][„Burning up“] vor dem Spiegel offensives weibliches Begehren („Don’t
put me off, cause I’m on fire/And I can’t quench my desire“) oder
schmachteten lasziv-pseudounterwürfig, mit Omas Rosenkranz um den Hals, zu
„Like a Prayer“ („I’m down on my knees, I wanna take you there“).
So richtig feministisch war das nicht – oder doch gerade? Darüber stritten
wir mit Hingabe. Erst recht später, als Madonna von der Provo-Göre zur
muskulösen „Ambitious-Blonde“-Selbstoptimierungsmaschine mutierte. Selbst
im Alter von 67 ist Madonnas katholischer Muskel noch bestens trainiert,
wie ihr aktuelles Video beweist: Laserstrahlen aus dem Schlüpfer! Das ist
so lustig und cheesy, dass ich sie dafür schon wieder liebe. Nina Apin
## Primadonna inter pares
März 2020, die ganze Welt ist von Corona geschüttelt und hockt im Lockdown
zu Hause, verbunden durch kleine leuchtende Endgeräte. Während man auf
denen in Deutschland Boris Becker beim Klatschen betrachten kann, fühlen
sich auf der ganzen Welt Prominente dazu berufen, sich zum Zustand der Welt
zu äußern – auch Madonna.
Mit dunklem Haaransatz im blondierten Dutt und mit perfekt geschminktem,
durch vermutlicherweise diverse Schönheitseingriffe mittlerweile alterslos
und löwenartig anmutendem Gesicht sitzt die Sängerin im milchigen Wasser
einer erstaunlich unexzentrischen Badewanne. Die Gliedmaßen schützend um
den, nach ihren Fitness 2010er-Jahren erstaunlich sinnlichen Körper
geschlungen ([11][„Hard Candy“] war nicht nur ein Albumtitel, sondern wurde
gleich eine eigene Sportstudio-Kette), umgeben von schwebenden
Rosenblättern, seufzte sie ihre Botschaft ins Internet: Corona sei „der
große Gleichmacher“.
Es sei egal, wie arm oder wie reich, wie schön oder wie lustig man sei, vor
dem Virus sei niemand gefeit. Das sei das Schreckliche – und das Wunderbare
an ihm. [12][Der nicht mal einminütige Clip] war so bizarr, so schwer zu
lesen, dass er tagelang für Spekulationen sorgte. Madonna [13][als
lebensmüde Ophelia]? Als Hohepriesterin einer darwinistischen
Virusgottheit? Oder einfach schlechte Social-Media-Beratung?
Mittlerweile ist das Video aus dem Instagram-Feed des Stars verschwunden,
Madonna sieht sich trotz neuer, unkonventioneller Promo-Kampagne in
diversen digitalen Medien, unter anderem der Dating-App Grindr, heute mehr
als analogen Typ: Im April bezeichnete sie Instagram im [14][Gespräch mit
dem <i>Interview Magazine</i>] als „mesmerizing and soul destroying“ – wie
überaus passend. Hilka Dirks
28 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.youtube.com/watch?v=cOqr_x_9fMc
DIR [2] https://www.youtube.com/watch?v=JKOA7kugWV0&list=RDJKOA7kugWV0&start_radio=1
DIR [3] /Zum-Dutschke-Attentat-vor-50-Jahren/!5494757
DIR [4] https://www.youtube.com/watch?v=33eE1KUNJV8&list=RD33eE1KUNJV8&start_radio=1
DIR [5] https://www.youtube.com/watch?v=XS088Opj9o0&list=RDXS088Opj9o0&start_radio=1
DIR [6] https://www.youtube.com/watch?v=x3ov9USxVxY&list=RDx3ov9USxVxY&start_radio=1
DIR [7] https://www.youtube.com/watch?v=_HczQX8Lwug
DIR [8] https://www.youtube.com/watch?v=vtf1AHF0qCU&list=RDvtf1AHF0qCU&start_radio=1
DIR [9] https://www.youtube.com/watch?v=GuJQSAiODqI&list=RDGuJQSAiODqI&start_radio=1
DIR [10] https://www.youtube.com/watch?v=pufec0Hps00&list=RDpufec0Hps00&start_radio=1
DIR [11] https://www.youtube.com/watch?v=ZsrNtTu0CgI
DIR [12] https://www.youtube.com/watch?v=5UYU4Slh34I
DIR [13] /Neues-Musikvideo-von-Taylor-Swift/!6121414
DIR [14] https://www.interviewmagazine.com/music/madonna-confessions-on-a-dancefloor-nadia-lee-cohen
## AUTOREN
DIR Hilka Dirks
DIR Nina Apin
DIR Ulrich Gutmair
DIR Dirk Knipphals
DIR Beate Scheder
DIR Julian Weber
## TAGS
DIR Madonna
DIR Popstar
DIR Katholizismus
DIR Dancefloor
DIR USA
DIR Feminismus
DIR GNS
DIR Reden wir darüber
DIR Madonna
DIR Madonna
DIR Lesestück Meinung und Analyse
DIR Hacking
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Neues Album von US-Superstar Madonna: Was genau gibt sie denn preis?
Madonnas „Confessions II“ wird gefeiert als Rückkehr zur großen Form. Über
weite Strecken klingen ihre Geständnisse gar nicht so aufregend.
DIR Die Queen of Pop wird 60: Happy Birthday, Madonna!
Die Mutter aller Popikonen hat Geburtstag. Die Lektion, die sie uns
erteilt, lautet: Pop gehört keinem und jedem – weil er nichts und alles
bedeutet.
DIR Madonna wird 60: Die Verjugendlichung ist vorbei
Nur absolute Vollidioten würden behaupten, dass Madonna „noch“ gut aussehe
und „noch“ sexy sei. Madonna ist Kunst. Auch mit 60.
DIR Neues Album von Madonna: Liegestuhl auf dem Olymp
„Rebel Heart“ steckt voller Ambivalenzen. Von intimer Verletzlichkeit bis
zur Kritik an Verschwörungstheorien ist alles mit dabei.