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       # taz.de -- Kinderbücher für den Sommer: Picknick und Fieberträume
       
       > Nikolaus Heidelbach und Jockum Nordström illustrieren ein staunenswertes
       > Miteinander. „Stuxx“ erzählt von koreanischem Kimchi und der ersten
       > Liebe.
       
   IMG Bild: Szene aus Nikolaus Heidelbach, „Simone“, erschienen im Von Hacht Verlag
       
       Simone ist ein Flusspferd und seit vielen Jahren schon Babysitterin. Wallis
       Mutter hatte die korpulente Nilpferddame einst beim Babyschwimmen
       kennengelernt und sogleich als Betreuerin für ihre Tochter engagiert.
       Seither kümmert sich Simone um Wally, holt sie vom Kindergarten ab und
       brachte ihr auch das Rollerfahren bei.
       
       Doch nun soll das Mädchen bald eingeschult werden und die Mutter möchte die
       Babysitterin entlassen. „Bevor der Ernst des Lebens beginnt“, wollen das
       Flusspferd und Wally deshalb heimlich zu einer letzten gemeinsamen Reise
       aufbrechen. „Simone“, Nikolaus Heidelbachs jüngstes Bilderbuch, erzählt von
       ihrem Flussabenteuer, von Abschied und Veränderung.
       
       1955 in Lahnstein am Rhein geboren, lebt der vielfach ausgezeichnete
       Bilderbuchillustrator und -autor heute weiter flussabwärts in Köln.
       
       Auf formatfüllenden Aquarellzeichnungen in Blaugrün hält er die Stationen
       der Reise aus unterschiedlichen Perspektiven fest und entwickelt dadurch
       eine fesselnde Dramaturgie. Durch Heidelbachs zeichnerische Präzision
       erhält die surreal anmutende Szenerie mit Kind und Flusspferd etwas
       selbstverständlich Reales.
       
       ## Niemals niedlich, immer unerschrocken
       
       Kinder sind [1][die Helden in Nikolaus Heidelbachs Bilderbüchern]. Oft sind
       sie blass, niemals niedlich, doch immer unerschrocken. Neugierig begegnen
       sie den unwahrscheinlichsten Situationen mit größter Nonchalance.
       
       Unbefangen treibt Wally auf dem breitem Rücken des schwimmenden Flusspferds
       an Städten und Frachtschiffen vorbei. Gemeinsam rasten sie mit eleganter
       Picknickdecke am Ufer, begegnen einem riesigen Wels und stürzen sich
       unerschrocken den Wasserfall hinunter.
       
       Simone und Wally bilden ein eingespieltes Team. Heidelbach, der in
       Studienzeiten selbst Babysitter war, ergänzt seine ausdrucksstarken
       Darstellungen jeweils mit wenigen Zeilen, [2][feinem Humor, erfrischend
       unpädagogisch]. Vom Start bis zum Ziel hat die fürsorgliche Nilpferddame
       mit den türkis lackierten Nägeln an alles auf der Reise gedacht. Einen
       Besuch bei „Simones Leuten“ erlebt Wally dann als ein rauschendes Fest, und
       so wird aus dem Abschied von der Babysitterin fast eine Art Wasserballett.
       
       ## Comic, Malerei und Péridot Verlag
       
       Ebenfalls in Köln lebt der Comiczeichner Ferdinand Lutz. 2021 gründete er
       dort noch während der Coronapandemie den Péridot Verlag für grafische
       Kunst. Neben dem zweimal jährlich erscheinenden Kindercomicmagazin Polle
       verlegt der Herausgeber in unregelmäßigen Abständen außergewöhnlich
       illustrierte Bücher nicht nur für Kinder.
       
       Eine besondere Entdeckung im Verlagsprogramm sind die Bilderbuchcomics von
       Jockum Nordström. Als Maler wird der Zweiundsechzigjährige inzwischen von
       der renommierten New Yorker Galerie David Zwirner vertreten.
       
       Die eigenwillig gestalteten Geschichten von „Sailor und Pekka“, dem alten
       Seemann und seinem sprechenden Hund, hatte sich der schwedische Künstler
       ursprünglich für seine Söhne ausgedacht. Bereits auf dem Vorsatz der Bücher
       überraschen wilde Fotocollagen oder psychedelische Farbstiftzeichnungen und
       machen sofort hellwach.
       
       In einem virtuosen Stil- und Materialmix begegnen sich in Nordströms
       Bildgeschichten allerhand Menschen und antromorphisierte Tiere. Ungelenke,
       skizzenhafte Figuren treffen auf maßstabsgetreue Architekturzeichnungen.
       Und Panels im Comicraster wechseln mit formatfüllenden Doppelseiten ab.
       
       ## Sailor und Pekka
       
       „Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt“, der erste Titel aus
       Nordströms sechsteiliger Reihe, wurde 2024 ins Deutsche übersetzt. Sailor
       braucht einen neuen Pullover, Pekka möchte zum Friseur. Auf dem Weg in die
       Stadt bleibt ihr Auto liegen. Zu Fuß treffen sie einen weinenden Clown. Der
       hat seine Trompete im Park verloren.
       
       Als Sailor sich nach dem Einkauf am Hafen noch ein Vogel-Tattoo bei Jack
       stechen lassen will, entdeckt Pekka dort plötzlich das vermisste
       Instrument. Abends zu Hause klingelt ihre nette klavierspielende Nachbarin
       Frau Jackson und beim gemeinsamen Essen erzählt Sailor, was alles passiert
       ist.
       
       Ute Wegmann, die mit viel Leidenschaft über dreißig Jahre die Radiosendung
       „Die besten sieben Bücher für junge Leser“ im Deutschlandfunk moderierte,
       zeigte sich von „Sailor und Pekka“ 2024 so begeistert, dass sie für den
       vorliegenden zweiten Band nun mit der Kunsthistorikerin Maria
       Müller-Schareck das Nachwort verfasst hat.
       
       In dem gemeinsamen Text unterstreichen sie Nordströms einmalige Fähigkeit,
       seine Bilderbuchwelt in „Vibration“ zu versetzen und gleichzeitig den
       Figuren mit ganz wenigen Strichen unterschiedliche Befindlichkeiten
       einzuschreiben.
       
       ## Schwindliger Seemann
       
       In „Sailor ist krank“ geht es dem kräftigen Seemann eines nachmittags
       richtig schlecht. Ihm ist schwindelig, er zittert am ganzen Leib und muss
       sich hinlegen. In seinen Fieberträumen erscheinen ihm die seltsamsten
       Gestalten.
       
       Pekka bringt erst mal Tee und eine Decke, dann läuft er zu Frau Jackson.
       Sie ruft gleich den Arzt. Sailor hat eine ernste Lungenentzündung. Der Hund
       soll schnell mit dem Rezept zur Apotheke laufen. Unterwegs aber hilft Pekka
       erst noch Sven Olsson mit dem Gartenschlauch, begegnet einer Frau, die
       lustige Luftballons verkauft und entdeckt Krokodillederschuhe vor der
       Bäckerei. 
       
       Nicht zuletzt wegen der vielen kuriosen Details und Erzählstränge folgt man
       auch dieser zweiten Bildgeschichte über Sailors Krankheit und seine
       Genesung nur allzu gerne. In der Welt von „Sailor und Pekka“ treffen die
       unterschiedlichsten Charaktere aufeinander und begegnen sich stets mit
       hilfsbereiter Freundlichkeit. Dann eines Abends steht Frau Jackson wieder
       vor der Tür, sie tanzen ein paar Takte zur Musik, und alles ist gut.
       
       ## Jugendroman von Will Gmehling
       
       Stuxx Leben scheint wesentlich komplizierter. Er ist fast vierzehn Jahre
       alt, versetzungsgefährdet und nicht besonders beliebt. Der Junge hat keine
       Hobbys und treibt auch keinen Sport. Eigentlich interessiert er sich nur
       für Autos und für Luzie Karsunke aus seiner Schule. Stuxx, dieser
       Einzelgänger aus prekären Verhältnissen, ist der Ich-Erzähler in Will
       Gmehlings gleichnamigen Coming-of-Age-Roman. Eigentlich heißt er Stefan Uwe
       Max Dönnerschlach.
       
       Den Namen hatte sich seine Mutter ausgedacht, als sie noch mit der Familie
       zusammenlebte. Jetzt kümmert sich der Vater, der bei der Straßenreinigung
       arbeitet, alleine um ihn und die jüngere Schwester. In der
       zusammengestückelten Wohnung teilt sich der Teenager das kleine Zimmer mit
       Lila, die noch in den Kindergarten geht. Stuxx beobachtet, wie erschöpft
       der Vater abends zusammensackt, wenn er die Schwester zu Bett gebracht hat.
       
       Alleine kurvt der Junge nachmittags mit dem klapprigen Fahrrad durch die
       Stadt oder am Rheinufer entlang. Immer wieder landet Stuxx auf seinen
       Touren zufällig in der Straße von Luzie Karsunke, für die er heimlich
       schwärmt. Nicht überall ist es so trist wie in seiner Nachbarschaft.
       
       2020 erhielt Will Gmehling für sein Kinderbuch „Freibad“ [3][den Deutschen
       Jugendliteraturpreis]. Bereits in dieser Erzählung rückte der Autor eine
       Familie ins Zentrum, in der das Geld immer knapp ist und der Sommerurlaub
       im Freibad stattfindet. In seinem ersten Jugendroman gelingt es Gmehling
       mit klaren Sätzen, lakonischen Dialogen und treffenden Beobachtungen die
       großen Veränderungen in den flüchtigen Momenten lebendig festzuhalten.
       
       Stuxx monotoner Alltag kommt überraschend in Bewegung, als der schlaksige
       Gong aus seiner Klasse koreanisches Kimchi mit ihm teilt, er mit Luzie
       Karsunke einen ersten Kaffee am Kiosk trinkt und eine Gruppe Senioren seine
       natürliche Begabung für das Boule-Spiel entdeckt. Plötzlich fühlt Stuxx
       sich lebendig. Jetzt erst bemerkt er, dass es Frühling wird.
       
       27 Jun 2026
       
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   DIR Eva-Christina Meier
       
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