URI: 
       # taz.de -- Räumungsbedrohtes RAW-Gelände: Investor kündigt Frieden auf
       
       > Statt einer Einigung streiten Eigentümer und Bezirk weiter um das RAW.
       > Derweil sollen erste Klubs bis zum Ende des Monats das Gelände räumen.
       
   IMG Bild: Auch das Cassiopeia ist durch die Pläne des Investors bedroht
       
       Samstagabend, kurz vor 10 Uhr, scheint die Welt auf dem RAW-Gelände in
       Berlin-Friedrichshain noch in Ordnung. Wummernde Bässe drängen aus den
       Klubs und Konzertlocations. Ein paar durchtrainierte Mittdreißiger treten
       gerade aus der Boulderhalle „Kegel“ auf den zerfurchten Betonboden des
       alten Reichsbahnausbesserungswerks. Ein paar Meter weiter vor dem Astra
       reiht sich die Schlange von Brasilien- und Marokko-Fans, die für das Public
       Viewing auf der Großleinwand anstehen, bis zur Warschauer Straße.
       
       Trotz der Beliebtheit ist die Zukunft des weit über die Stadtgrenzen
       bekannten soziokulturellen Biotops ungewiss. Statt einer endgültigen
       Einigung in den fast 11 Jahre andauernden Verhandlungen mit dem Bezirk,
       erklärte die Eigentümerin des Geländes, die Kurth-Gruppe, am Montag das
       Planungsverfahren als „endgültig für gescheitert“. Mehrere Projekte,
       darunter der Klub Cassiopeia, sollen das Gelände in den kommenden Wochen
       räumen.
       
       Für Florian Falkenhagen, Geschäftsführer des Cassiopeias, ist die Nachricht
       ein Schock. „Wir waren eigentlich guter Dinge, dass es zu einer Einigung
       kommt“. Doch stattdessen teilte die Eigentümerin Falkenhagen mündlich mit,
       den Klub bis zum Ende des Monats zu räumen. [1][Seit der Eigentümer den
       Mietvertrag Ende vergangen Jahres nicht verlängerte], ist das Cassiopeia
       nur geduldet. Miete bezahlen die Betreiber:innen allerdings weiterhin.
       „Da soll in zweieinhalb Wochen ein 20 Jahre alter Betrieb abgewickelt
       werden“.
       
       Falkenhagen spricht von einer „nie dagewesen Eskalationsstufe“ im Konflikt
       um das RAW-Gelände. Um zu verstehen, warum ein Klub der Leidtragende in
       einer Auseinandersetzung zwischen Bezirk und Investor ist, muss man ein
       wenig ausholen.
       
       ## Authentischer Nachwende-Spirit
       
       Nach der Wiedervereinigung fand die Deutsche Bahn wenig Verwendung für das
       Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) an der Warschauer Straße. Im Gegensatz
       zur alternativen Szene, die die alten Lokschuppen und Verwaltungsgebäude
       nach und nach mit Leben füllte. Abends Konzerte, nachts Klub, sonntags
       Flohmarkt, unter der Woche Zirkusschule, Proberaum, Skatehalle und vieles
       mehr. Wegen seines subkulturellen Charmes steht das RAW-Gelände seit Jahren
       in jedem Berlin-Reiseführer. „Das RAW-Gelände ist eines der letzten Areale,
       das noch so ist, wie Berlin groß geworden ist nach der Wende“, sagt Julian
       Schwarze, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Grünen.
       
       2015 kaufte die Kurth-Gruppe das Gelände. Der zuständige Bezirk
       Friedrichshain-Kreuzberg steht seitdem vor der scheinbar unlösbaren
       Aufgabe, eine profitable Entwicklung des Geländes zu ermöglichen und
       gleichzeitig den Erhalt der Subkultur zu garantieren.
       
       Bereits 2022 schien eine Einigung nah. [2][Der Bezirk versprach dem
       Investor einen 100 Meter hohen Büroturm, dafür sollte das sogenannte
       „kulturelle L“ langfristig gesichert werden.] Dabei handelt es sich um eine
       Reihe L-förmig angeordneter Gebäude, in denen neben Zirkusschule, Ateliers
       und der queeren „Bar zum schmutzigen Hobby“ auch das Cassiopeia angesiedelt
       ist. Insgesamt sind es rund 70 Projekte, deren Bestand über 30 Jahre lang
       durch die Beibehaltung niedriger Mieten gesichert werden sollte. Die
       Einigung priesen Investor und Bezirk als „Leuchtturmprojekt“ für eine
       behutsame Stadtentwicklung.
       
       Doch zu einer Umsetzung kam es nie. 2024 brach die Kurth-Gruppe zum ersten
       Mal die Zusammenarbeit ab, vorgeblich, weil der Bezirk zu langsam plante.
       Doch schnell wurde klar, dass die Kurth-Gruppe viel lieber profitablere
       Wohnungen auf dem RAW-Gelände bauen wollte.
       
       ## Kurth braucht den Bezirk
       
       Mit dieser Forderung nahmen Bezirk und Eigentümer die Verhandlungen im
       vergangenen Jahr wieder auf. Im Januar forderte der Investor sogar, durch
       [3][den neu beschlossenen „Bauturbo“] der Bundesregierung vor Abschluss des
       Planungsverfahrens bauen zu dürfen. Auch hier kam der Bezirk dem Eigentümer
       entgegen und zeigte sich offen gegenüber einer Wohnbebauung am östlichen
       Ende des Gebiets, im Gegenzug für einen langfristigen Erhalt des
       soziokulturellen Ls.
       
       Eine Einigung schien nahe und sollte eigentlich noch im Mai erfolgen. Doch
       der Bezirk zögerte, der Kurth-Gruppe das geforderte vorgezogene Baurecht
       zuzubilligen. Das Problem: Der berüchtigte Paragraf 34 im Baurecht erlaubt
       im ehemaligen Osten der Stadt eine Bebauung auch ohne Bebauungsplan,
       solange sich der Neubau von Nutzung und Höhe an der Umgebung orientiert. Im
       Falle des RAW-Geländes wäre das nur flache Gewerbebebauung.
       
       Doch sobald der Bezirk einzelne Wohngebäude durch den Bauturbo vorzeitig
       genehmigt, könnte die Kurth-Gruppe überall auf dem Gelände Wohngebäude
       errichten – was de facto das Ende des RAW-Geländes bedeuten würde.
       
       „In jedem Fall wäre das eine massive Bodenwertsteigerung für den Investor“,
       sagt Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) der taz.
       Genau dieses Szenario wollte der Bezirk mit einem Rahmenvertrag verhindern,
       den Schmidt zusammen mit der Bausenatsverwaltung dem Investor Mitte Mai
       vorlegte. Inhaltlich sei der Deal aber noch der gleiche: Büroturm und
       Wohngebäude, gegen langfristigen Erhalt des subkulturellen Ls.
       
       ## „Einseitig die Interessen Berlins“
       
       Doch die Kurth-Gruppe sieht sich durch den Rahmenvertrag hintergangen.
       Vorherige Absprachen in Bezug auf das Baurecht und der Finanzierung des
       subkulturellen Ls seien nicht berücksichtigt worden. „Der vom Land Berlin
       übermittelte, gänzlich neue Vertrag hätte nur einseitig Interessen Berlins
       zum Gegenstand und kein einziger Belang der Vorhabenträgerin wurde
       berücksichtigt“, teilte die Gruppe am Montag in einer Pressemitteilung mit.
       
       Unklar ist, wie es nun weitergeht. Auch im Bezirksamt herrscht
       Ratlosigkeit. „Für uns ist das absolut unverständlich. Ich appelliere an
       die Firma Kurth, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und den Entwurf
       mit dem Land zu besprechen“, sagt Florian Schmidt.
       
       Darüber, ob die Kurth-Gruppe das Projekt komplett aufgibt oder auf eine
       weitere Verhandlungsrunde hofft, lässt sich nur spekulieren. Fakt ist, ohne
       den Bezirk und ein abgeschlossenes Planungsverfahren kann der Investor
       seine Träume nicht realisieren.
       
       Eine der wenigen Möglichkeiten, die der Eigentümer hat, ist, Fakten auf dem
       Gelände zu schaffen und die bisherigen Nutzer:innen unter Druck zu
       setzen. So vermuten einige Mieter:innen, mit der die taz sprach, Kurth
       wolle die Nutzer:innen spalten. Einige Projekte, wie das Cassiopeia
       würden gekündigt, während andere neue Mietverträge erhielten.
       
       ## Von der Verwertung entziehen
       
       Stadtentwicklungspolitiker Julian Schwarze sieht in dem Streit um das
       RAW-Gelände ein mahnendes Beispiel für Berlins Liegenschaftspolitik. Statt
       das Grundstück selbst von der Bahn zu erwerben und somit langfristig zu
       sichern, müssen das Land und der Bezirk sich mit den Verwertungsplänen
       eines Investors arrangieren. „Warum gelingt es nicht, dass so eine Struktur
       losgelöst wird von Eigentümerinteressen“, sagt Schwarze, „solche Räume
       müssen geschützt und erhalten werden“.
       
       In der aktuellen Situation gehe es aber vor allem darum, zu verhindern,
       dass „nicht alles plattgemacht wird“. Daher sei es begrüßenswert, dass
       Bezirk, Senat und Nutzer:innen an einem Strang ziehen. „Der Ball liegt
       erst einmal bei der Kurth-Gruppe“, sagt Schwarze.
       
       15 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Zukunft-des-RAW-Gelaendes/!6170564
   DIR [2] /Berlins-Spielplatz-der-Subkultur/!5870041
   DIR [3] /Bau-Turbo-Gesetz-tritt-in-Kraft/!6122694
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jonas Wahmkow
       
       ## TAGS
       
   DIR Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
   DIR Clubsterben
   DIR Investoren
   DIR Jugendliche
   DIR Clubkultur
   DIR RAW-Gelände
   DIR Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
   DIR Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Friedrichshain-Kreuzberg vor der Wahl: Wenn die Krümel sprechen, hat der Kuchen Pause
       
       Ob Verkehrswende, Görli-Zaun oder Verdrängung auf dem RAW-Gelände: In
       Friedrichshain-Kreuzberg bleiben die Jüngsten ungehört. Ein
       Kiezspaziergang.
       
   DIR Bedrohte Clubkultur in Berlin: Tausche Party gegen Profit
       
       Ein Investor will ein Hotel neben dem Humboldthain errichten. Um das zu
       ermöglichen, hat der Bezirk extra ein Grundstück getauscht – für nur 30.000
       Euro.
       
   DIR Demo für Clubs auf dem RAW-Gelände: „Bewegt euren Arsch für ein besseres Morgen!“
       
       Auf dem Kurfürstendamm wird für den Erhalt des RAW-Geländes demonstriert –
       direkt vor dem Büro des Investoren, der die Zukunft des Areals bedroht.
       
   DIR Zukunft des RAW-Geländes: Clubkultur gegen Investorenträume
       
       Die Bars, Clubs und Ateliers auf dem RAW-Gelände kämpfen um ihre Existenz.
       Jetzt starten sie eine Plakataktion – und hoffen auf eine günstige Wendung.
       
   DIR Zukunftspläne fürs RAW-Gelände in Gefahr: Der Deal zwischen Investor und Bezirk steht auf der Kippe
       
       Seit Jahren könnte gebaut werden. Doch die Lage im RAW eskaliert. Betreiber
       der soziokulturellen Einrichtungen haben Angst vor der Zukunft.
       
   DIR Berlins Spielplatz der Subkultur: Auf goldenem Boden
       
       Das RAW-Gelände zeugt noch von Berlins wilder nachwendischer Zeit. Jetzt
       werden die Interessen zwischen Partymeile und Investorentraum neu sortiert.