URI: 
       # taz.de -- Antisemitismusbeauftragter für Unis: Ein Bewerber, der fast alle glücklich macht
       
       > Berlin steht kurz davor, eine Ansprechperson für Antisemitismus an
       > Hochschulen zu bekommen. Berufen wird wohl der Lehrer Mehmet Can vom
       > Campus Rütli.
       
   IMG Bild: Bei einer Uni-Besetzung haben Aktivist*innen „Intifada“ und ein rotes Hamas-Dreieck an die Wand eines Hörsaals gemalt
       
       Dass Berlin einen Beauftragten für Antisemitismus an Hochschulen bekommen
       soll, das hatte der Senat schon vor knapp einem Jahr im Juli 2025
       beschlossen. Nun steht seit einem Medienbericht vom Montag auch ein Name
       und eine Person im Raum: [1][Dem Tagesspiegel ] zufolge soll Mehmet Can
       künftig die neu eingerichtete Position bekleiden und die erste
       „Landesansprechperson zur Bekämpfung von Antisemitismus an Hochschulen“
       werden. Bestätigt ist das noch nicht: Da das Verfahren noch läuft, äußerte
       sich die Senatsverwaltung für Wissenschaft nicht dazu.
       
       Eins aber lässt sich bereits sagen: Wer sich in Berlin mit
       Antisemitismusprävention befasst, wird diesen Namen kennen. Mehmet Can ist
       Lehrer und Fachleiter für Gesellschaftswissenschaften an der
       Gemeinschaftsschule Campus Rütli in Neukölln, wo er sich seit Langem in der
       Antisemitismusprävention engagiert. Seine Unterrichtsangebote zu Nahost
       erhielten Aufmerksamkeit weit über die Schule hinaus und gelten als
       vorbildhaft. Für das Berliner Zentrum für Lehrer*innenbildung führt er
       Fortbildungen zum Umgang mit Antisemitismus an Schulen durch.
       
       „Mehmet Can ist eine hervorragende Wahl für diese Stelle und ich freue mich
       über dieses Ergebnis, wenn es so bleibt“, sagte Joel Ben-Joseph, jüdisches
       Mitglied der antisemitismuskritischen Hochschulgruppe Tacheles der taz.
       
       Auch Weggefährten und Institutionen begrüßen die sich abzeichnende
       Benennung. „Can ist tief verankert in antisemitismuskritischen
       Arbeitskontexten und wird daher sicher schnell das Vertrauen von
       Studierenden gewinnen“, sagt Rosa Fava, Expertin für
       Antisemitismusprävention und Referentin beim Bildungsforum gegen
       Antiziganismus. Cans Arbeit kenne sie seit Jahren, durch seine Expertise in
       der NS-Erinnerung einerseits und seine fundierten Kenntnisse des Islamismus
       andererseits gelinge es ihm gut, scheinbare Widersprüche zu überwinden.
       
       ## Anstieg von Antisemitismus an Hochschulen
       
       Die Amadeu Antonio Stiftung schrieb in den sozialen Netzwerken, Can sei
       seit vielen Jahren ein verlässlicher Kooperationspartner im Kampf gegen
       Antisemitismus. Er sei sicher „eine [2][integre und qualifizierte Person]“,
       kommentierte auch Volker Beck, Präsident der deutsch-israelischen
       Gesellschaft, auf der Plattform X.
       
       Dass Berlin eine zentrale Ansprechperson für alle Hochschulen einrichtet,
       hatte der [3][Senat mit einem „enormen Anstieg“ von antisemitischen
       Vorfällen] auch an den Berliner Hochschulen nach dem 7. Oktober 2023
       begründet. Die Landesansprechperson sei ein „weiterer Baustein zur
       Antisemitismusprävention an den Berliner Hochschulen“, sagte
       Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra (SPD) vor knapp einem Jahr. Die
       Ansprechperson solle die Hochschulen beraten und „antisemitischen
       Strukturen“ entgegenwirken. Zuvor hatten die Hochschulen bereits jeweils
       eigene Antisemitismusbeauftragte benannt. Der neu geschaffene Posten soll
       diese auch „in ihrem Aufgabenbereich stärken“, wie die Senatorin sagte.
       
       Verwundert über die Auswahl von Mehmet Can zeigt sich Ron Dekel, Präsident
       der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Man habe zwei
       Anforderungen an den Antisemitismusbeauftragten für Berlins Hochschulen
       gestellt: Eine in jüdischen Netzwerken bekannte Person sollte es werden,
       sodass das Vertrauen zu ihr bereits besteht, sowie jemand, der sich im
       universitären Kontext gut auskennt. In beiden Punkten sei Can für Dekel
       nicht die erste Wahl. Es gehe dem Präsidenten der JSUD in seiner Kritik an
       der Auswahl jedoch nicht darum, Mehmet Can zu diskreditieren.
       
       Ron Dekel bekräftigt gegenüber der taz auch die Notwendigkeit einer
       Landesansprechperson: „In Berlin haben die Universitäten entweder keine:n
       Antisemitismusbeauftragte:n, so wie an der Freien Universität, oder die
       Beauftragten legitimieren Antisemitismus, indem sie den sogenannten
       israelbezogenen Antisemitismus negieren“. Deswegen verweist die JSUD bisher
       selbst nicht an Beauftragte. „Wir haben schon Verschlechterungen von
       Situationen beobachten können, nachdem sich Betroffene an universitäre
       Antisemitismusbeauftragte gewendet haben“, sagt Dekel. Ein Grund dafür sei
       auch, dass diese für ihre Arbeit nicht ausgebildet seien.
       
       ## Suggestionen und Geraune
       
       Der [4][Tagesspiegel hatte in seinem Text Interna aus dem
       Bewerbungsverfahren zitiert] und dabei suggeriert, dass die Verwaltung sich
       für Can entschieden hätte, obwohl es fähigere Bewerber*innen gegeben
       habe. Doch die vermeintlichen Belege sind dünn. So heißt es dort etwa, die
       „politische Hausspitze habe sich direkt ins Verfahren eingemischt“, weil
       der Staatssekretär die Gespräche in der zweiten Auswahlrunde geleitet habe.
       Die journalistisch korrekte Einordnung wäre allerdings gewesen, deutlich zu
       machen, dass dies Teil des normalen Verfahrens ist. Es sei in Berliner
       Senatsverwaltungen üblich, dass Personalentscheidungen für Stellen mit
       „besonderer politischer Bedeutung“ den Staatssekretären „zur Entscheidung
       oder Mitzeichnung“ vorgelegt würden, teilte die Wissenschaftsverwaltung auf
       Nachfrage der taz mit.
       
       Schwierig ist auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Da es noch keine
       offizielle Bestätigung gibt, fehlt die Grundlage, aufgrund derer sich die
       Verantwortlichen oder Betroffenen äußern würden oder könnten.
       
       Um die Besetzung von Stellen für Antisemitismusbeauftragte hatte es in der
       Vergangenheit mehrfach Debatten gegeben. So hatte sich etwa der Zentralrat
       der Juden [5][zur Besetzung des Antisemitismusbeauftragten an der
       Technischen Universität geäußert und die Entscheidung der Uni kritisiert].
       Doch in dem konkreten Fall jetzt scheint es nicht mal diese Art der Debatte
       zu geben, denn die Reaktionen sind bisher einhellig: Auch zwei Tage nach
       dem Erscheinen sprechen sich Akteur*innen aus einem breiten politischen
       Spektrum ausnehmend wohlwollend für Mehmet Can aus. Lediglich die AfD
       zollte der Kritik Beifall. Der Antisemitismusbeauftragte dürfe kein
       „Palästina-Beauftragter“ werden, kommentiere der wissenschaftspolitische
       Sprecher der AfD Martin Trefzer den Bericht des Tagesspiegels.
       
       17 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/pro-judische-bewerber-im-nachteil-auswahl-von-antisemitismus-beauftragtem-fur-berlins-hochschulen-wirft-fragen-auf-15703920.html
   DIR [2] https://x.com/Volker_Beck/status/2066425431947903338
   DIR [3] https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.1582922.php
   DIR [4] https://www.tagesspiegel.de/berlin/pro-judische-bewerber-im-nachteil-auswahl-von-antisemitismus-beauftragtem-fur-berlins-hochschulen-wirft-fragen-auf-15703920.html
   DIR [5] /Uffa-Jensen-als-Beauftragter-der-TU/!6010293
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ann Toma-Toader
   DIR Uta Schleiermacher
       
       ## TAGS
       
   DIR Antisemitismus
   DIR Berliner Hochschulen
   DIR Antisemitismusbeauftragter
   DIR Berlin
   DIR Jüdische Studierendenunion Deutschlands (JSUD)
   DIR Reden wir darüber
   DIR Antisemitismus
   DIR Freie Universität Berlin
   DIR Antisemitismus
   DIR Antisemitismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Zahlen der Meldestelle Rias: Antisemitismus in Deutschland weiter auf Höchstniveau
       
       Erneut verzeichnet die Meldestelle Rias einen Negativrekord. Viele Fälle
       ereignen sich im Zusammenhang mit Israel. Der Judenhass von rechts wächst.
       
   DIR Boykott-Konferenz in Berlin: „Ein Vehikel für antisemitische Weltanschauungen“
       
       Die Hochschulgruppe „Tacheles“ kritisiert einen Boykott-Aufruf gegenüber
       israelischen Hochschulen. Das sei absolut nicht friedensfördernd.
       
   DIR Nahost-Debatte an Hochschulen: Studis finden ihren Asta zu wenig antisemitismuskritisch
       
       Nach den Studierendenparlaments-Wahlen fordert ein Bündnis an der TU einen
       klaren Kampf gegen Antisemitismus. Dem neuen Asta trauen sie den nicht zu.
       
   DIR Antisemitismus an Bildungseinrichtungen: Jede*r Zehnte ist mobilisierbar
       
       Unter Studierenden gibt es genau so viel Antisemitismus wie im Rest der
       Bevölkerung. Bildungsministerin Stark-Watzinger will dagegen vorgehen.