# taz.de -- Deregulierung in Argentinien: Alle Freiheit für die Künstliche Intelligenz
> Mit einem Super-Rigi-Gesetz und der Möglichkeit KI-verwalteter Firmen
> will Buenos Aires die Tech-Giganten ins Land holen. Libertäre freut das.
IMG Bild: Will gezielt KI- und Big-Data-Unternehmen ködern: Argentiniens Präsident Javier Milei
Präsident Javier Milei will Argentinien zum weltweit liberalsten Standort
für künstliche Intelligenz machen. „Argentinien lädt die KI ein, sich
selbst zu befreien“ – so lautet der Titel eines Artikels, [1][den Milei in
der britischen Tageszeitung Financial Times veröffentlichte]. Darin
verspricht er eine möglichst geringe Regulierung von KI-Systemen, niedrige
Steuern und attraktive Bedingungen für Technologieunternehmen sowie die
Einführung sogenannter [2][nicht menschlicher Unternehmen], die teilweise
oder vollständig von KI-Systemen verwaltet werden könnten.
Auch einen Gesetzentwurf als Rechtsrahmen für diesen Einsatz künstlicher
Intelligenz hat Mileis Regierung dem Kongress bereits vorgelegt. Wie der
Präsident in seinem Meinungsbeitrag schreibt, ist das Ziel, „den
attraktivsten Rechts- und Steuerrahmen für jene KI-Unternehmen anzubieten,
die das 21. Jahrhundert gestalten werden“.
Kern ist eine Rechtsform für sogenannte [3][nicht menschliche Unternehmen].
Diese könnten vollständig von KI-Systemen oder autonomen Algorithmen
geführt werden, ohne menschliche Geschäftsführer oder Beschäftigte.
Flankierend will die Regierung noch in diesem Monat ein sogenanntes
Super-Rigi-Gesetz vom Kongress verabschieden lassen. In Anlehnung an
[4][das bestehende Rigi-System (Régimen de Incentivos para Grandes
Inversiones – Gesetz zur Förderung von Großinvestitionen), das insbesondere
Investitionen in Bergbau sowie Öl- und Gasförderung anlocken soll], sollen
damit gezielt KI- und Big-Data-Unternehmen geködert werden. Es sieht vor,
Unternehmenssteuern zu reduzieren, Import- und Exportabgaben wegfallen zu
lassen und die Möglichkeit zu eröffnen, Streitigkeiten vor ausländischen
Schiedsgerichten auszutragen – und das alles über einen Zeitraum von drei
Jahrzehnten. Unterschied zum bisherigen System: Das Gesetz soll statt für
Investitionen ab 200 Millionen erst ab solchen von einer Milliarde
US-Dollar gelten.
## Spekulationen über Einstieg von Thiel
Ob dadurch Arbeitsplätze geschaffen werden, ob andere Industrien abgebaut
werden oder ob die Umwelt und das Klima geschädigt werden, spielt in diesem
Modell keine Rolle, das als extraktivistisch bezeichnet werden kann –
schließlich brauchen KI und Rechenzentren massenhaft Strom, der erst
erzeugt werden muss. Der übergreifende Konsens ist es, US-Dollar zu
erwirtschaften und jeglichen Protest zu erschweren.
Dazu passt, dass Peter Thiel, der wohl bekannteste Vertreter des
technologischen Libertarismus, jetzt einen Wohnsitz in Buenos Aires hat.
Thiel hat den Onlinezahlungsdienst PayPal mitgegründet sowie Facebook
finanziert. [5][Sein Konzern Palantir verkauft weltweit Programme], die es
Unternehmen, Regierungen, Geheimdiensten oder dem Militär erlauben, riesige
Datenmengen auszuwerten.
Dem 58-jährigen deutsch-amerikanischen Tech-Unternehmer ist Argentinien
nicht mehr fremd. Im April kaufte er für rund 12 Millionen US-Dollar ein
Haus im Reichenviertel Barrio Parque von Buenos Aires – und er wurde im
gleichen Monat im Präsidentenpalast von Milei empfangen. „Es war ein
Treffen zweier Anarchokapitalisten“, sagte Milei anschließend. Was
besprochen wurde, ist nicht bekannt. Zu vermuten ist aber, dass sich Thiel
über die genannten Vorhaben informiert haben dürfte.
## Die Rolle von Fracking
Eine weitere Spur führt nach Patagonien, in die gigantische geologische
Schieferformation Vaca Muerta. Thiel ist Mitbegründer des
milliardenschweren Risikokapitalfonds Founders Fund, der in zahlreiche
Technologieunternehmen investiert, auch in Crusoe Energy Systems, das seit
2023 in Vaca Muerta aktiv ist. Vaca Muerta gilt als das [6][zweitgrößte
unkonventionelle Erdöl- und Erdgasvorkommen der Welt]. Beim Fracking von
Schieferöl entweicht auch sogenanntes Begleitgas, ein Gemisch toxischer
Stoffe, darunter das [7][Treibhausgas Methan], die oft abgefackelt werden.
Hier setzt Crusoe Energy an. Zusammen mit dem argentinischen Start-up
Unblock Energy kündigte das Unternehmen 2023 an, solch ungenutztes Gas vor
Ort in Strom umzuwandeln, um damit mobile Rechenzentren für das Schürfen
von Kryptowährungen wie Bitcoin zu betreiben.
Das derzeit größte von Unblock betriebene Rechenzentrum Argentiniens
verfügt über eine Kapazität von 20 Megawatt und ist auf [8][Bitcoin-Mining]
spezialisiert. Aber das dürfte nur eine erste Entwicklungsstufe darstellen.
Das eigentliche Ziel könnte sein, eine neue Generation
[9][energieintensiver KI-Rechenzentren] in Patagonien zu schaffen, zumal
auch die benötigten Wasserressourcen vor Ort verfügbar wären und auch das
kühle Klima vorteilhaft wäre.
Für die argentinische Regierung würden damit gleich zwei Fliegen mit einer
Klappe geschlagen. Nach Angaben der Weltbank weist das Land nach Venezuela
die zweithöchste Abfackelrate Lateinamerikas auf. Zwischen 2016 und 2021
verzeichnete das Land sogar den weltweit stärksten Anstieg der sogenannten
Flaring-Intensität.
Das wird zunehmend zum Problem für die Exportvorhaben bei Öl und Gas.
Beispielsweise hat die Europäische Union 2024 eine [10][Methanverordnung]
beschlossen, die schrittweise strengere Anforderungen an die Emissionen bei
der Förderung und dem Transport von Erdgas vorsieht. Ab 2030 sollen Importe
nur noch zugelassen werden, wenn sie bestimmte Grenzwerte für die
Methanintensität einhalten. Und ab Ende 2027 will Argentinien erstmals in
großem Umfang Flüssigerdgas (LNG) nach Europa liefern. Vor einigen Wochen
haben die deutsche staatliche Energiegesellschaft Securing Energy for
Europe und das argentinische Konsortium Southern Energy einen Vertrag über
die Lieferung von bis zu zwei Millionen Tonnen LNG pro Jahr abgeschlossen.
Die [11][Vereinbarung läuft zunächst bis 2035] und gilt als Meilenstein für
Argentiniens Einstieg in den globalen LNG-Markt.
Aktuell hilft die Öl- und Gasknappheit infolge der militärischen Konflikte
der Regierung in Buenos Aires. Denn die EU hat deswegen eine flexiblere
Anwendung der Methanvorschriften beschlossen. Argentinien kann seine
LNG-Exportvorhaben vorantreiben und gleichzeitig versuchen, das Problem des
abgefackelten Gases technologisch zu lösen.
Noch hat Thiel keine neue milliardenschwere Investition angekündigt. Noch
sind der angekündigte Rechtsrahmen für KI-Unternehmen und das
Super-RIGI-Gesetz keine beschlossene Sache. Sobald die Vorhaben aber
erfolgreich durch den Kongress sind, könnte Patagonien zu einem
strategischen Standort für Big Data und KI werden.
19 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.ft.com/content/f93022fe-43f7-437d-abd8-06c457c0a43c
DIR [2] /KI-gefuehrte-Unternehmen/!6181291
DIR [3] /KI-gefuehrte-Unternehmen/!6181291
DIR [4] /Oekonom-ueber-Mileis-Wirtschaftspolitik/!6056578
DIR [5] /Einsatz-von-Palantir-in-Deutschland-Fast-alle-Bundeslaender-sind-dagegen-ein-Grund-zur-Entwarnung/!6186360
DIR [6] /Megaprojekt-in-Patagonien/!6178360
DIR [7] /Potentes-Treibhausgas/!6177018
DIR [8] /Apokalypse-der-Woche/!5964126&s=bitcoin+mining/
DIR [9] /Oekobilanz-von-Rechenzentren/!6188265
DIR [10] /Potentes-Treibhausgas/!6177018
DIR [11] /Milliardenvertrag-fuer-Fluessigerdgas/!6135225
## AUTOREN
DIR Jürgen Vogt
## TAGS
DIR Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
DIR Argentinien
DIR Fracking
DIR Javier Milei
DIR Peter Thiel
DIR Digitalisierung
DIR Schwerpunkt Klimawandel
DIR Schwerpunkt USA unter Trump
DIR Digitalisierung
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Ökobilanz von Rechenzentren: Europas Rechenzentren sind klimafreundlicher als US-Pendants
Wo werden Rechenzentren mit fossilem Strom betrieben, wo mit saubererem?
Eine neue Studie bringt Licht ins Dunkel.
DIR Katherina Reiches nächster Streich: Eine Zukunft für die Erdgasindustrie
Das staatliche Unternehmen Sefe plant Flüssiggaskäufe bis 2050. Bis dahin
soll Deutschland aber quasi fossilfrei sein. SPD und Grüne sind empört.
DIR Religiöser Fundamentalismus in den USA: Kult der Härte
„Katholibans“ wie J. D. Vance und Peter Thiel destillieren aus dem
Christentum das Aggressive, das Strafende heraus – und nutzen es für ihre
Agenda.
DIR Umweltfolgen von künstlicher Intelligenz: 250 Eiffeltürme Elektronikschrott
Wasser, Land, Strom: KI braucht Ressourcen und verursacht Müll. Ein
UN-Report zeigt, wie groß das Problem ist – und welche Lösungen es gibt.