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       # taz.de -- Neue Linken-Spitze über Klassenpolitik: „Die Arbeiter nicht den Rechten überlassen“
       
       > Luigi Pantisano will Vorsitzender der Linken werden. Im Gespräch mit der
       > taz teilt er seine Gedanken zu Migration und kritisiert Cem Özdemir.
       
   IMG Bild: Architekt, Stadtplaner, Politiker: Luigi Pantisano sitzt seit 2025 im Bundestag
       
       taz: Am kommenden Wochenende [1][kandidieren Sie für den Linken-Vorsitz].
       Welche erste Frage würden Sie sich da selbst in einem Interview stellen? 
       
       Luigi Pantisano: Was ist mein Ziel als Parteivorsitzender? Die Antwort:
       Mein Ziel ist es, die Arbeiterinnen und Arbeiter für die Linke wieder
       zurückzugewinnen. Die SPD kann das nicht mehr. Die Grünen interessiert es
       nicht, die haben andere Schwerpunkte. Das ist unsere Aufgabe und
       Verantwortung.
       
       taz: Ein alter Traum linker Akademiker:innen. Zieht mit Ihnen wieder der
       Proletkult ins Karl-Liebknecht-Haus ein? 
       
       Pantisano: Es geht mir nicht um Kult, sondern um Respekt gegenüber den
       Leistungsträgern unserer Gesellschaft. Die Linke hat den Anspruch, mit den
       Menschen zu sprechen statt über sie. So wie wir es seit zwei Jahren an den
       Haustüren machen, sollten wir daher nun auch in die Werkstore und Betriebe
       gehen und dort den Menschen zuhören, wenn sie über ihre Nöte und auch ihre
       Wut sprechen.
       
       taz: Darauf haben die Arbeiter:innen bestimmt gerade noch gewartet. 
       
       Pantisano: Es wäre naiv zu glauben, wir würden da immer mit offenen Armen
       empfangen. Viele haben den Glauben verloren, dass Politik auch mal für sie
       gemacht werden kann und nicht immer nur für Lobbyisten und Superreiche.
       Ihre Enttäuschung über die katastrophale Regierungspolitik von Union und
       SPD ist zu Recht groß. Sie einfach den Rechten zu überlassen, ist doch
       keine Alternative. Wir müssen vielmehr ein Bewusstsein bei den arbeitenden
       Menschen dafür schaffen, dass sie zusammengehören, sich wehren können und
       wir mit ihnen zusammenstehen.
       
       taz: Das klingt ziemlich paternalistisch. 
       
       Pantisano: Keineswegs. Ich bin selbst in einer Arbeiter:innenfamilie
       groß geworden und hatte zunächst nur einen Hauptschulabschluss. Mein Weg
       zum Stadtplaner und Architekten war ein langer. Ich kenne beide Welten. Als
       Kind italienischer Gastarbeiter:innen weiß ich auch nur zu gut, wie es
       ist, wenn die Politik sich nicht für einen interessiert und auf einen
       herabschaut.
       
       taz: Ihr Bruder Alfonso Pantisano, der [2][Queerbeauftragte der Berliner
       Landesregierung], hat unlängst äußerst bewegend Ihre [3][Familiengeschichte
       im „Tagesspiegel“ aufgeschrieben]. Wie sehr prägt Sie Ihre Herkunft? 
       
       Pantisano: Sie prägt mich sehr. Meine Eltern sind Mitte der 1960er Jahre
       aus Kalabrien nach Deutschland gekommen. Ihr gesamtes Berufsleben lang
       haben sie unglaublich hart gearbeitet, und darauf waren sie stolz. Manchmal
       hatten sie zwei, drei Jobs gleichzeitig. So haben sie in einer Fabrik
       gearbeitet, die Schulbücher vom Klett-Verlag gedruckt hat. Sie selbst
       konnten die Bücher nie lesen. Meine Mutter war nur bis zur zweiten Klasse
       in der Schule, mein Vater bis zur fünften. Zu Hause bei uns gab es keine
       Bücher, dafür lief immer der Fernseher. Das Zimmer, in dem ich lebte, habe
       ich mir mit meinen drei älteren Brüdern geteilt. Ich kenne also
       Lebensrealitäten, die weit weniger privilegiert sind als die von
       Bundestagsabgeordneten.
       
       taz: Haben Sie sich gefreut, dass mit dem Grünen Cem Özdemir jetzt
       erstmalig ein sogenanntes Gastarbeiter:innenkind Ministerpräsident
       geworden ist? 
       
       Pantisano: Nein, auch wenn ich das sehr bedauerlich finde. Ich würde gerne
       sagen: Das ist ein Erfolg. Denn es braucht migrantische Vorbilder in den
       verschiedensten Positionen. Die sind wichtig für die vielen jungen
       Migrant:innen, die oftmals für alles herhalten müssen, was schlecht und
       schiefläuft in diesem Land. Aber Cem Özdemir inszeniert sich in meiner
       Wahrnehmung lieber als der bessere Deutsche, der im Zweifel
       Migrant:innen lieber in den Rücken fällt, statt ihnen den Rücken zu
       stärken. Seine Äußerungen in der von Merz angestoßenen Stadtbilddebatte
       waren unsäglich. Es erschließt sich mir auch nicht, wie er mit einem Boris
       Palmer herumkumpeln kann, trotz dessen ganzer rassistischen Aussagen. Das
       hätte er alles gar nicht nötig.
       
       taz: Sie kommen selbst aus Baden-Württemberg. Ihre Partei hat dort im März
       mit einem deutlich schlechteren Ergebnis als bei der Bundestagswahl den
       [4][Einzug in den Landtag verpasst]. Welche Lehren ziehen Sie daraus? 
       
       Pantisano: Wir haben es leider nicht ausreichend geschafft, zu vermitteln,
       dass es keinen großen Unterschied macht, ob die CDU mit den Grünen oder die
       Grünen mit der CDU regieren. Das ist ein Problem. Wir brauchen eine größere
       Basis an Wähler:innen, die aus fester Überzeugung und langfristig die Linke
       wählen. Dazu muss mehr Menschen klar werden, dass wir den Unterschied
       machen und nur mit uns eine solidarische sozialökologische Gesellschaft
       möglich ist. Dafür ist eine stärkere lokale und regionale Verankerung
       erforderlich. Das geht nicht von heute auf morgen. Vor zwei Jahren hatten
       uns viele schon totgesagt, jetzt haben wir über 126.000 Mitglieder. Da
       passiert sehr, sehr viel.
       
       taz: Sie schreiben [5][in Ihrer Bewerbung], Sie seien „mit Pausen seit fast
       30 Jahren in der Partei“. Was waren denn das für Pausen? 
       
       Pantisano: Das war vor allem eine größere Pause, als Oskar Lafontaine 2007
       Vorsitzender wurde, ohne dass es einen Aufschrei dagegen gab. Lafontaine
       ist bis heute darauf stolz, in der SPD maßgeblich dafür verantwortlich
       gewesen zu sein, dass Anfang der 1990er Jahre das Grundrecht auf Asyl
       faktisch abgeschafft wurde. Damals wie heute hat er dem rassistischen Mob
       nach dem Mund geredet. Das fand und finde ich unerträglich.
       
       taz: Sie sind 2017 wieder eingetreten. Seinerzeit war Lafontaines
       gleichtickende Ehefrau Sahra Wagenknecht Linken-Fraktionsvorsitzende im
       Bundestag. Wie passt das zusammen? 
       
       Pantisano: Ich bin mit dem Ziel eingetreten, daran mitzuwirken, [6][dass
       ihre Position nicht die Position der Linken wird], weil sie mit einer
       linken Haltung unvereinbar ist. Außerhalb wie innerhalb der Linken setze
       ich mich seit 30 Jahren dafür ein, dass sie so wird, wie sie jetzt ist:
       eine Partei, bei der bei aller Streitlust die Solidarität im Mittelpunkt
       steht, die nicht die einen gegen die anderen ausspielt, die Menschen mit
       Migrationsgeschichte und Geflüchtete als zentralen Bestandteil unserer
       Gesellschaft sieht und sie nicht zu Sündenböcken stempelt.
       
       taz: Ihre potenzielle [7][Co-Vorsitzende Ines Schwerdtner] hat das anders
       gesehen und wollte keinen Bruch der Linken mit Wagenknecht. Haben Sie sich
       darüber mal ausgesprochen? 
       
       Pantisano: Ja, das haben wir. Sie war damals noch nicht Mitglied und hat
       die Partei von außen betrachtet. Dass Ines jetzt den Parteivorsitz mit mir
       teilen möchte und auch Heidi Reichinnek meine Kandidatur unterstützt,
       zeigt, wie sich die Linke weiterentwickelt hat. Das Gemeinsame und die
       Zusammenarbeit stehen im Mittelpunkt.
       
       taz: Mit dem Gemeinsamen scheint es schnell vorbei zu sein, [8][wenn es um
       Israel und Palästina geht]. Auf Ihrem Parteitag dürfte es eine hitzige
       Diskussion darüber geben. Wo stehen Sie in dieser Debatte? 
       
       Pantisano: Ich bin ich stolz darauf, dass wir die einzige Partei sind, in
       der es den Raum gibt, über dieses Thema offen zu diskutieren. Wir haben
       eine junge Generation von Menschen, die groß geworden sind mit den
       schrecklichen Bildern vom 7. Oktober 2023 und den Völkerrechtsverbrechen in
       Gaza, den vielen Getöteten und dem komplett zerstörten Land. Und die
       stellen sich Fragen, und da haben wir eine gesellschaftliche Aufgabe,
       möglichst gemeinsame Antworten zu finden. In einer solchen Diskussion
       werden auch Fehler gemacht, aber das muss ebenso möglich sein. Wichtig ist
       allerdings, dass wir auf unsere Diskussionskultur achten.
       
       taz: Gibt es für Sie hier „rote Linien“? 
       
       Pantisano: Ja, ohne Zweifel. So halte ich das Infragestellen der Existenz
       Israels für nicht akzeptabel. Es kann für Linke keinen Zweifel am
       Selbstbestimmungsrecht der Völker geben. Es geht allerdings nicht, den
       Palästinenser:innen dieses Recht auf einen eigenen Staat zu
       verweigern. Die extrem rechte Netanjahu-Regierung verfolgt jedoch das Ziel
       eines Groß-Israel. Ihr Vorgehen im Gazastreifen, in der Westbank und im
       Südlibanon ist verbrecherisch und setzt auf die Vertreibung der dort
       lebenden Menschen.
       
       taz: Finden Sie es nicht befremdlich, wie locker vielen in Ihrer Partei die
       Wörter „Genozid“ und „Völkermord“ in Bezug auf Israel über die Lippen
       gehen, während sie zu dem mörderischen Treiben Russlands in der Ukraine
       nichts zu sagen haben? 
       
       Pantisano: Zu dem völkerrechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine
       haben wir von Anfang an klare Worte gefunden. In der Verurteilung von
       Völkerrechtsbrüchen darf es keine doppelten Standards geben.
       Selbstverständlich prangere ich weiterhin die russischen Kriegsverbrechen
       an und fordere den vollständigen Rückzug der russischen Truppen aus der
       Ukraine. Die haben da nichts zu suchen.
       
       taz: Ein weiterer Konfliktpunkt auf dem Parteitag dürfte die Diskussion
       über einen Diätendeckel sein. Sie sind dafür. Warum? 
       
       Pantisano: Weil ich finde, dass Mandatsträger:innen einer linken
       Partei nicht mehr verdienen sollten als diejenigen Menschen, für die sie
       Politik machen. Wir müssen aufpassen, mit den Füßen auf dem Boden zu
       bleiben. Es muss darum gehen, generell für höhere Löhne zu kämpfen. Das ist
       übrigens keine neue Diskussion, wir führen sie nur ziemlich spät. Ob in
       Österreich, Belgien oder Irland: Es gibt etliche linke Parteien, die einen
       Gehaltsdeckel haben. Das war schon bei der italienischen PCI zu Zeiten
       Enrico Berlinguers so.
       
       taz: In der deutschen Linken sorgt die Diskussion allerdings für ziemliche
       Verwerfungen. 
       
       Pantisano: Dass unsere Debatte so verhärtet erscheint, finde ich schade.
       Das ist gar nicht nötig. Schon jetzt geben die Linken-Abgeordneten über
       ihre Mandatsträger:innenabgabe nicht wenig ab, und die allermeisten
       spenden zudem sehr viel. Faktisch haben sie also eigentlich alle irgendeine
       Art von Gehaltsdeckel. Nun einheitliche transparente Standards und einen
       auch nach außen kommunizierbaren Rahmen aufzustellen, ist nichts, was uns
       entzweien muss. Über die konkreten Modelle kann diskutiert werden. Wichtig
       ist doch die Botschaft: Wir bereichern uns nicht, sondern stehen an der
       Seite der Beschäftigten in diesem Land, während sie von Merz und Co
       angegriffen werden.
       
       taz: Eine letzte Frage: Kann man eigentlich einen Politiker aus Stuttgart
       nicht zu „Stuttgart 21“ fragen? 
       
       Pantisano: Auf keinen Fall! Gerade erst sind ja [9][die neuesten
       Hiobsbotschaften] über weiter gestiegene Kosten, falsch verlegte Kabel und
       eine erneute Verschiebung des Eröffnungstermins gekommen. Jetzt soll
       „Stuttgart 21“ also im Jahr 2031 fertig sein. Das ist alles so absurd. Als
       jemand, der in Stuttgart groß geworden ist, empfinde ich da nur noch
       Empörung und Wut. Ich war mitbeteiligt, den Widerstand gegen dieses
       Irrsinnsprojekt zu organisieren. Die Manager der Deutschen Bahn und die
       politisch Verantwortlichen haben unsere Warnungen einfach mutwillig
       ignoriert. Doch alles, wovor wir und zahlreiche Expert:innen gewarnt
       haben, ist eingetreten. Hier handelt es sich um einen der größten
       wirtschaftspolitischen Skandale in Deutschland. Das Mindeste wäre es, jetzt
       endlich einen Untersuchungsausschuss auf Landes- wie auch auf Bundesebene
       einzurichten, um aufzuklären, wie es dazu kommen konnte.
       
       16 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Linken-Spitze/!6171437
   DIR [2] /Berlins-Queerbeauftragter-ueber-Pride/!5983935
   DIR [3] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/das-leid-italienischer-gastarbeiter-kinder-meine-eltern-schickten-mich-ins-internat-um-in-deutschland-ans-fliessband-zu-gehen-15052560.html
   DIR [4] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6160422
   DIR [5] https://www.die-linke.de/fileadmin/1_Partei/parteitage/Parteitag_Potsdam/Kandidaturen/PVors_Pantisano_Luigi.pdf
   DIR [6] /Linken-Politiker-ueber-Sahra-Wagenknecht/!5764666
   DIR [7] /Ines-Schwerdtner-vs-Katharina-Droege/!6161699
   DIR [8] /Streit-um-Israel-in-der-Linkspartei/!6164401
   DIR [9] /Erneute-Verzoegerung-bei-Stuttgart-21/!6186004
       
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