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       # taz.de -- Nachwuchsfußball in den USA: Der große Wachstumskick
       
       > Der Dallas Texans Soccer Club ist einer der besten Ausbildungsklubs in
       > den USA. Dort spricht man von einem Fußball-Boom – verstärkt nun durch
       > die WM.
       
   IMG Bild: Erfolgreiche Ausbildungsarbeit bei den Dallas Texans: Ein Nachwuchsteam hat mal wieder etwas zu feiern
       
       Der Trophäenraum des Dallas Texans Soccer Clubs ist prall gefüllt: Pokale
       vieler Jugendteams der Mädchen und Jungen reihen sich aneinander, Wimpel
       von Klubs aus aller Welt, Fotos mit den ganz Großen, darunter das eines
       Klubfunktionärs mit einem jungen Lionel Messi. Und natürlich hängen hinter
       Glas die signierten Trikots jener, die aus Dallas in die große weite
       Fußballwelt aufbrachen.
       
       Besonders stolz ist man auf den hier ausgebildeten Clint Dempsey,
       Ex-Kapitän des US-Nationalteams. Er stammt aus einer Wohnwagensiedlung in
       Texas und kam zum Fußball, weil er mit den vielen lateinamerikanischen
       Migrantenkindern dort kickte. Eine geradezu klischeehafte
       US-Fußballbiografie. Die WM soll nun helfen, dass Fußball auch jenseits der
       traditionell begeisterten Latinx-Communities das ganz große Ding wird.
       
       Die Rasenplätze der Dallas Texans sind derzeit verwaist, es ist
       Sommerpause. Aber der Dallas Texans Soccer Club, gelegen in einem
       unscheinbaren Vorort, ist einer der bekanntesten Jugendklubs des Landes.
       Hier im tiefen Süden begannen 1993 3 Jungenmannschaften, heute kicken nach
       Klubangaben über 140 Teams. Über 2.000 Jungen und Mädchen von der U5 bis
       zur U19 träumen hier bisweilen von der Profikarriere. Mittlerweile haben
       die Dallas Texans zahlreiche Ablegerklubs, darunter in Houston, San
       Antonio, in Florida und im kanadischen Ottawa. Insgesamt komme man auf
       18.000 Spieler:innen. Gründer und Patriarch ist ein Mann, der hier seinen
       eigenen amerikanischen Traum lebt.
       
       Hassan Nazari empfängt im Zimmer neben dem Trophäenraum. Der 69-Jährige
       kommt schnell ins Plaudern, er bringt seine eigene große Fußballbiografie
       mit. Hassan Nazari war iranischer Nationalspieler. Er gewann mit dem Team
       1976 den Asien-Cup, kam 1976 bei Olympia bis ins Viertelfinale und nahm
       1978 an der WM teil. „Damals hatte Iran eine sehr starke Liga“, erinnert er
       sich, „wir waren Profis und haben gut verdient.“
       
       ## Iranische Aufbauhilfe für die USA
       
       Mit seinem Klub Taj Teheran, ab der Revolution 1979 Esteghlal – ein
       vielsagender Namenswechsel, denn „Taj“ bedeutet auf Persisch Krone,
       „Esteghlal“ Unabhängigkeit – habe man gegen große Klubs wie den FC Bayern
       und den brasilianischen FC Santos Freundschaftsspiele bestritten. Geld
       dafür sei da gewesen. Nazaris großes Idol hieß Franz Beckenbauer. Außerhalb
       der Saison trainierte er regelmäßig beim 1. FC Köln mit, damals ein
       Topteam, es gab da eine Connection zu Trainerikone Hennes Weisweiler. „Wenn
       alles stabil geblieben wäre, wäre Iran heute wie die Türkei in der Uefa
       dabei.“
       
       Doch die Schah-Diktatur blieb nicht stabil. Kurz nach der WM kam die
       Revolution, die in die radikalislamische Diktatur mündete. Nazari floh,
       spielte zunächst einige Jahre in Dubai, obwohl er nach eigenen Angaben
       Angebote aus Köln und von Real Madrid vorliegen hatte. „Ich wollte nahe an
       meiner Familie bleiben. Wir dachten, die Lage beruhigt sich und ich kehre
       zurück.“ Hassan Nazari kehrt nie zurück. Nach Stationen in Dubai und Katar
       wechselt er in die USA – und bleibt. Zum Angriffskrieg seiner neuen Heimat
       auf die alte will er sich nicht äußern. Nur so viel: „Ich denke, das
       iranische Team war mutig und hat gut gespielt, wenn man die Umstände
       bedenkt.“ Manche im Team seien sicher gegen das Regime, andere dafür, aber
       eine WM solle die Länder zusammenbringen. Das sei nicht gelungen. Und er
       ist enttäuscht, dass niemand im Fußball die wettbewerbsverzerrenden
       Ausreiseauflagen für Iran kritisierte.
       
       Als Nazari in den USA ankam, wurde in dem Land gerade der erste Versuch
       gestartet, Soccer zu popularisieren, auch mit seinem Idol Franz
       Beckenbauer. „Auf Profilevel sah der Fußball damals gut aus, aber auf dem
       Jugendlevel gab es kaum Klubs, es war schlecht organisiert und es spielten
       kaum Kinder“, erinnert sich Nazari. „Ich wollte eine Umgebung schaffen wie
       die, in der ich aufgewachsen war. Professionell, wo alle von klein an auf
       demselben Gelände trainierten.“ Das sei damals sehr unüblich gewesen. 1993,
       im Zuge des neuen US-Anlaufs rund um die Heim-WM 1994, gründet Nazari die
       Dallas Texans. Er ist ein Hansdampf in allen Gassen, hat selbst die
       Trainer-A-Lizenz und kümmert sich zugleich um die Organisation. „1994 kam
       viel Begeisterung. Aber als die WM ging, verschwand sie.“
       
       Viele hätten keinen Sinn darin gesehen, ein großes Gelände mit Klubhaus und
       Umkleiden zu errichten. „Sie sagten: Das hier ist ein Baseball-Land. Oder:
       Das hier ist ein Football-Land.“ Aber worin die Amerikaner:innen gut
       seien, das sei ehrenamtliche Arbeit für ein ehrliches Projekt. Er habe auch
       viel Unterstützung erfahren. „Es gibt keine netteren Menschen als in den
       USA.“ Heute sei die Stimmung gegenüber Fußball völlig anders. Der Sport
       laufe ständig im TV, und Sportpromis aus dem Football oder Basketball
       würden ihre Kids zuerst zum Fußball schicken. Die US-Frauen sind ohnehin
       Spitzenklasse. Hassan Nazari glaubt: „Heute sind die USA eine
       Fußballnation.“
       
       ## TV-Zuschauerrekord in den USA
       
       Diese Aussage ist vom Direktor eines Fußballklubs vielleicht nicht so
       überraschend. Doch auch die New York Times schrieb kürzlich: „Heute ist
       Soccer wie Espresso, Yoga oder andere einst exotische Importe alltäglich im
       amerikanischen Leben präsent.“ Übertragungen etwa der Premier League
       erreichen Millionen Zuschauer:innen. Die Stadien zur WM sind trotz der
       Mondpreise voll. Das Spiel gegen Bosnien-Herzegowina war das meistgesehene
       Fußballspiel aller Zeiten im TV mit 24,4 Millionen Zuschauer:innen. Und
       lateinamerikanische, afrikanische und arabische migrantische Communities
       haben Fußball immer mehr als US-Alltagsgut etabliert.
       
       Eine Marktanalyse des Instituts Ampere Analysis von 2024 befand, dass
       Fußball nun drittbeliebtester Sport in den USA hinter Football und
       Basketball sei – und damit Baseball auf Platz 4 verwies. Laut These der New
       York Times allerdings nicht so sehr wegen des seit Langem in der weißen
       Mittelschicht beliebten Kinderfußballs, sondern wegen der globalisierten
       Fußballübertragungen und der Fankultur. In den USA besteht die Fanbasis
       laut einer YouGov-Umfrage zu rund einem Drittel aus Frauen. Und nicht
       zuletzt haben US-Milliardäre die schönen Seiten des Fußballs kennengelernt:
       2023 waren mehr als ein Drittel der Männerklubs in Europas Top-Five-Ligen
       ganz oder teilweise in US-Besitz.
       
       Der Wunsch vieler Klubs, große Kohle in den USA einzusammeln, könnte also
       endlich aufgehen. Allerdings ist da immer noch die Sache mit dem Nachwuchs:
       Fußball in den USA hat massive Drop-out-Raten. Das Journal of Sport
       Sciences diagnostizierte jährliche durchschnittliche Ausstiegsquoten von
       fast 24 Prozent. Und laut der Studie State of Play von 2025 ist die
       Teilnahme der 6- bis 17-Jährigen zwischen 2019 und 2024 gar um 3 Prozent
       geschrumpft. Der Fußball steht in den USA nicht allein als Sport mit
       Abbrecherquoten. Befragte Jugendliche nennen vor allem zu wenig Spielzeit,
       aber auch zu wenig Freude, Burn-out, schlechte Trainerqualität und massive
       Kosten. In Spitzenfußballklubs können die Kosten im kompetitiveren
       Jugendbereich jährlich schnell bei bis zu 20.000 Dollar liegen, hinzu
       kommen hohe Reisekosten. Für prekäre Milieus ist das unbezahlbar.
       
       „Die Kosten sind unverschämt“, klagt auch Arturo Rosales. „Die
       Pay-to-Play-Methode ist einer der Hauptgründe, warum wir Talente verlieren.
       In Ländern wie Spanien oder Mexiko würden sie kostenfrei spielen.“ Rosales
       ist U16- und U17-Trainer bei den Dallas Texans und mittlerweile auch
       Technischer Direktor des Klubs. Er beziffert die Kosten, die man dort für
       Beiträge und Reisen im Elitebereich zahle, bei etwa 5.000 bis 6.000 Dollar
       jährlich. In den USA sei das eher eines der günstigeren Angebote, möglich
       durch Investoren und große Sponsoren. „Wir vergeben auch ein paar
       Stipendien, aber das geht nicht für jede und jeden.“ Zumindest aber sei
       Fußball in der Anfangsphase deutlich günstiger als Football oder Eishockey
       mit ihren teuren Materialkosten. Er glaubt, auch das sei ein Faktor für die
       steigende Popularität. Und gewiss spielt auch der Ansehensverlust des
       Footballs wegen der Hirnverletzungen eine Rolle.
       
       ## Mehr Geld in anderen Sportarten
       
       Die traditionellen US-Sportarten tun dem Fußball trotzdem noch weh. „Die
       Kinder hier betreiben zu viele verschiedene Sportarten“, glaubt Rosales.
       „Und wenn sie sich entscheiden müssen, entscheiden sie sich für Football
       oder Basketball, weil das die Hauptsportarten am College sind. Im Moment
       macht man damit mehr Geld.“ Für ihn ist das der größte Dropout-Faktor. Die
       Lage sei durchaus besser geworden. „Aber die Gehälter im US-Fußball könnten
       höher sein.“
       
       Arturo Rosales hat eine recht typische Biografie: Geboren ist er in Mexiko,
       er spielte dort in Nachwuchsakademien. Dann kamen seine Eltern in die USA –
       „für den amerikanischen Traum“, sagt er unironisch – und er wurde hier
       Profi. In den vergangenen zwanzig Jahren aber habe sich die Reichweite des
       US-Fußballs dramatisch geändert. „Das Wachstum ist enorm, vor allem bei den
       Kindern. Wir sind noch nicht auf europäischem Level, aber der Rückstand
       schrumpft.“
       
       Die Auftritte des US-Teams bei der WM bestätigen Letzteres. Für Rosales ist
       der Erfolg des Teams entscheidend für die Zukunft. Immer noch, sagt er,
       würden in Dallas viele Kinder mit mexikanischem, argentinischem,
       kolumbianischem oder iranischem Hintergrund spielen. „Sie atmen Fußball,
       sie spielen auch im eigenen Garten. Aber jetzt verfolgen das US-Team selbst
       Leute, die nie ein Fußballspiel gesehen haben.“ Er bemerke, wie das auch
       für seine Spieler etwas verändere. „Sie nehmen Fußball jetzt ein bisschen
       ernster. Sie sehen die WM-Profis und wollen sein wie sie. Es ist ein
       dramatischer Wandel, der gerade passiert.“ Arturo Rosales ist überzeugt:
       „In zehn Jahren ist Fußball in den USA Nachwuchssport Nr. 1.“ Diesmal soll
       die WM mehr als ein Strohfeuer sein.
       
       4 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Alina Schwermer
       
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