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       # taz.de -- Drohnenabwehr der Ukraine: Auf der Jagd
       
       > Mit immer mehr und immer besseren Drohnen greift Russland die Ukraine an,
       > die Verteidiger intensivieren ihr Training. Über einen tödlichen
       > Wettlauf.
       
   IMG Bild: Die Abfangdrohnen starten von der Ladefläche eines Pickups aus
       
       Es ist ein Aprilabend kurz vor acht Uhr. Die Abendsonne zieht lange
       Schatten über ein weites Feld nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw.
       Zwei junge Soldaten sitzen vor Computermonitoren im Laderaum eines
       umgebauten Kleinbusses. Vor dem einen leuchtet eine Karte der Ukraine, auf
       der sich Ansammlungen kleiner weißer und roter Pfeile bewegen. Neben dem
       Bulli parkt ein Pick-up, auf dessen Ladefläche, versteckt unter einer
       Plane, ein Katapult montiert ist. Ein paar Männer verkabeln auf einem
       Klapptisch aufgereihte Drohnen, sie erinnern ein wenig an große
       Modellflugzeuge. Es ist die neuste Generation Abfangdrohnen des Systems
       Merops, eine billige Alternative zu klassischen Raketen, mit der die
       ukrainische Luftverteidigung neuerdings russische Drohnen jagt. Die Männer
       hier draußen werden heute Nacht lernen, sie zu fliegen – denn Russland soll
       wieder einen Großangriff geplant haben.
       
       Abfangdrohnen revolutionieren derzeit die Luftverteidigung. In der Ukraine,
       die als erstes Land der Welt einen ausgewachsenen Drohnenkrieg gegen
       Russland führt, machen sie inzwischen ein Drittel aller Abschüsse aus. Auch
       im Westen wächst das Interesse an dieser neuen Technologie. Besonders seit
       der [1][US-Angriff auf Iran] im Frühjahr die Unterlegenheit konventioneller
       Waffen gegenüber Schwärmen iranischer Billigdrohnen zeigte.
       
       Abfangdrohnen sind das kostengünstige Gegenmittel. Wie man sie erfolgreich
       einsetzt, das macht die Ukraine derzeit vor. Doch wie lange die neuen
       Methoden Bestand haben werden, muss sich zeigen. Der russisch-ukrainische
       Luftkrieg zeigt aktuell auch eine unheimliche Eskalationsdynamik, deren
       Ende nicht absehbar ist.
       
       Draußen auf dem Feld nördlich von Kyjiw ist die Sonne inzwischen
       untergegangen. Zartrosa bricht sich das Licht der letzten Strahlen im Dunst
       über dem Horizont. Seit Stunden schon herrscht Luftalarm über der Region.
       Die Drohnenjäger haben ihr Lager nahe eines angrenzenden Waldes
       aufgeschlagen. „Damit wir notfalls in Deckung gehen können“, sagt Trainer
       Oleksandr, der bei seinem Decknamen „Van Gogh“ genannt werden will. Den
       Namen trägt er wegen seiner Vorliebe für den niederländischen Künstler und
       weil er ihm mit seinen rotblonden Haaren wirklich etwas ähnelt. „Zuletzt
       gab es öfter direkte Attacken auf mobile Teams wie uns“, sagt Van Gogh.
       
       Van Gogh gehört zur Freiwilligenorganisation Dignitas, die die Trainings in
       Kooperation mit unterschiedlichen Drohnenherstellern und in Absprache mit
       der regulären Luftwaffe durchführt. Wie viele ukrainische NGOs hat sie ihre
       Wurzeln im Jahr 2014, als die späteren Gründer in der Revolution gegen das
       damalige Janukowitsch-Regime Spenden für Protestequipment sammelten. Und
       später auch Drohnen für die Verteidiger im Donbass. Heute ist Dignitas eine
       der einflussreichsten Lobbyorganisationen der Ukraine für neue
       Verteidigungstechnologien.
       
       Van Gogh ist Dignitas nach Russlands Großangriff 2022 beigetreten und hat
       seitdem „praktisch alles über Drohnen gelernt“, wie er sagt – von einfachen
       Aufklärungsdrohnen bis hin zu den neusten Abfangdrohnen, zu denen er jetzt
       die Trainings leitet. Vor 2022 betrieb Van Gogh eine Baufirma für kleine
       Einfamilienhäuser und Datschen. Auch jetzt ist die Firma sein „Day-Job“,
       wie er sagt. Doch die Nachtschichten zehren an seinen Kräften. Fast jede
       zweite Nacht ist er hier draußen auf dem Feld.
       
       Die Pfeile auf dem Monitor der Drohnenpiloten sind mittlerweile mehr
       geworden. Besonders im Nordosten nahe der russischen Grenze. Die Karte
       vereint die Live-Informationen Dutzender Radarteams im ganzen Land. Weiß
       ist alles, was der Radar in der Luft entdeckt hat – Vögel, Wolken oder eben
       auch Raketen und Drohnen. Anhand von Größe, Geschwindigkeit und Flughöhe
       identifiziert und markiert die Luftwaffe die feindlichen Drohnen. Wechselt
       ein Pfeil die Farbe von Weiß nach Rot, hat die Luftwaffe ihn als
       potenzielle Gefahr markiert. Gelb bedeutet: eindeutig identifizierte
       feindliche Drohne. Im Minutentakt werden die weißen Pfeile nun rot und
       vereinzelt auch gelb.
       
       Halb neun. Vereinzelt nähern sich Drohnen dem Standort der Trainingscrew.
       Noch sind sie 80 Kilometer entfernt, je nach Geschwindigkeit würde es
       zwischen 20 und 40 Minuten dauern, bis sie hier wären. Der Co-Pilot vor dem
       Computerbildschirm fügt sie per Mausklick in ein Kartenprogramm auf einem
       separaten Laptop – der sogenannten Ground Control – hinzu. Später, wenn der
       Pilot seine Drohne startet, werden dort auch ihre Flugdaten auftauchen und
       der Co-Pilot wird ihn lotsen. „Wir werden die feindlichen Drohnen im Auge
       behalten“, erläutert Van Gogh, „aber vielleicht werden sie zwischenzeitlich
       auch schon von den Crews weiter im Osten abgefangen werden.“
       
       1.000 bis 1.200 solcher Abfangcrews gibt es mittlerweile in der gesamten
       Ukraine, schätzt Van Gogh. Die gesamte Luftverteidigung ist auf drei Linien
       angeordnet – eine nahe der Front im Osten und Süden, eine zieht sich durch
       die Zentralukraine und die dritte verteidigt den westlichen Teil des
       Landes. Neben den Interceptor-Crews gehören dazu auch mobile Teams mit
       schweren Maschinengewehren und anderen Flakgeschützen sowie teure
       Hightechsysteme. Die deutschen Iris-T etwa oder die US-amerikanischen
       Patriots, die vor allem für den Abschuss von Marschflugkörpern und
       ballistischen Raketen gedacht sind. Doch mit der zunehmenden Masse
       russischer Billigdrohnen kommt den Abfangdrohnen eine immer größere
       Bedeutung zu.
       
       Setzte Russland in den ersten acht Monaten seiner Invasion gerade einmal 86
       Drohnen ein, so sind es heute monatlich mehrere tausend. Erst kürzlich
       brach Russland wieder einen Rekord: mit fast 1.500 Drohnen und Raketen in
       nur 24 Stunden. Und nicht nur die Anzahl hat sich verändert, sondern auch
       das, was die Drohnen können.
       
       „Früher flogen die russischen Drohnen nicht höher als drei Kilometer“, sagt
       Van Gogh. „Tief genug, um sie mit einem Maschinengewehr vom Himmel zu
       holen.“ Das reicht jetzt oft nicht mehr.
       
       Russland entwickelte Drohnen, die deutlich höher fliegen können. Bald kamen
       auch Drohnen dazu, die unterwegs ihre Richtung ändern, und heute setzen die
       Angreifer ganze Schwärme manövrierfähiger Drohnen ein, die besonders im
       vergangenen Herbst und Winter die Flugabwehr überforderten. Zeitweilig
       erreichten gut ein Fünftel der feindlichen Geschosse ihr Ziel. Das lag zum
       einen am Fehlen amerikanischer Patriot-Raketen, die als Einzige die
       russischen Hyperschallraketen wirksam abfangen können. Die USA haben deren
       Lieferung im vergangenen Jahr mehrfach verzögert.
       
       Aber auch die Zahl der Abfangcrews reichte angesichts dieser neuen
       Dimensionen nicht mehr aus. Eine Reform der Luftverteidigung war dringend
       nötig. Der im Januar ins Amt gehobene neue Verteidigungsminister
       [2][Mykhailo Fedorov] versprach eine Neuorganisation.
       
       Abfangdrohnen sind ein wichtiger Teil dieser Neuaufstellung. Denn die
       können nicht nur höher fliegen, sondern die Piloten, die sie steuern,
       können damit regelrecht Jagd auf feindliche Drohnen machen. Haben sie im
       vergangenen Herbst nur etwa 30 Prozent aller angreifenden Drohnen
       abschießen können, so liegt ihr Anteil jetzt bei gut der Hälfte.
       
       ## US-Vorräte wurden in Iran verschossen
       
       Dignitas hat an dem Konzept mitgearbeitet, das die neuen Abfangdrohnenteams
       systematisch in die Luftverteidigung integriert und sie effektiver macht.
       „Vorher war die Luftverteidigung ehrlich gesagt ziemlich fragmentiert und
       etwas chaotisch“, sagt Van Gogh. „Jetzt haben wir von jeder Einheit die
       besten Methoden genommen und die Arbeitsweise vereinheitlicht.“ Mit Erfolg,
       wenn man Fedorov glaubt: Ihm zufolge hat die Luftwaffe im April 90 Prozent
       aller russischen Drohnen abgefangen.
       
       Selbst bei den Großangriffen im Mai und Juni, als unter anderem die
       [3][zentrale Kirche des Kyjiwer Höhlenklosters] getroffen wurde, konnten
       mehr als 90 Prozent der Drohnen abgefangen werden. Nicht abzufangen waren
       dagegen viele der deutlich zahlreicher eingesetzten Raketen. Wegen ihrer
       hohen Geschwindigkeit kann man sie nicht mit Drohnen, sondern nur mit
       bestimmten Flugabwehrraketen bekämpfen, von denen die Ukraine zu wenige
       hat. Besonders US-amerikanische Patriots sind dauerhaft knapp, vor allem
       seit die US-Armee einen Großteil der weltweit verfügbaren Vorräte in Iran
       verschossen hat.
       
       Doch das bedeutet nicht, dass Drohnen keine Schäden mehr anrichten. Wenn in
       einer Nacht von 600 Drohnen nur ein Zehntel durchkommt, ist die Zerstörung
       trotzdem dramatisch. Das eigentliche Ziel bleibt daher eine vollständige
       Abwehr. Verteidigungsminister Fedorov strebt vorerst 95 Prozent an.
       
       Es ist nun kurz nach Neun. Auf der Radarkarte sind inzwischen auch einige
       blaue Pfeile zu sehen – Abfangdrohnen anderer Verteidigungsteams. Am
       Horizont hinter dem dunklen Feld, in Richtung Kyjiw, steigen lautlos
       Feuerbälle auf – es sind mobile Teams, die in der Ferne mit
       Maschinengewehren auf russische Drohnen schießen.
       
       Auf dem Monitor sieht man, dass eine der Drohnen über einem Industriegebiet
       am Stadtrand von Kyjiw kreist. Sie wird von mehreren blauen Pfeilen
       verfolgt, die sich ihr gleichzeitig aus unterschiedlichen Richtungen
       nähern. Daneben stehen in winzigen Buchstaben die Namen der Pilotencrews,
       die jetzt Jagd auf sie machen. Dann sind der gelbe Drohnenpfeil und einer
       der blauen Pfeile von der Karte verschwunden. „Wahrscheinlich erfolgreich
       abgeschossen“, sagt Van Gogh.
       
       Ein weißer, kalter Vollmond steht jetzt draußen am Himmel. Die Männer
       werden schweigsam. Manche ziehen sich in die in der Nähe geparkten Autos
       zurück. Das Warten erschöpft sie. Gleichzeitig sind Nächte wie diese für
       viele wie eine Art Auszeit.
       
       „Erzähl mir etwas“, bittet einer der Soldaten namens Sascha, während er
       unaufhörlich herumstapft, um warm zu bleiben. „Irgendetwas aus dem normalen
       Leben. Ich bekomme davon ja nichts mehr mit.“ Saschas Gesichtsfarbe ist
       dunkel, die Haut gegerbt nach Wochen und Monate im Freien. Er und zwei
       Kameraden, mit denen er hier ist, haben im vergangenen halben Jahr
       pausenlos als Luftverteidiger an der Front in Charkiw gekämpft. Hier können
       sie sich erholen vom ständig lauernden Tod, der Eintönigkeit des
       Soldatenalltags und körperlicher Anstrengung. In wenigen Tagen wird Sascha
       sogar seine Frau und seine vier Kinder wiedersehen können.
       
       Wie Sascha haben die meisten Trainingsteilnehmer schon Kampferfahrung als
       Luftverteidiger oder als Piloten klassischer Drohnen. Doch Dignitas
       trainiert inzwischen auch Zivilisten. Kürzlich hat die Regierung neue
       Regeln eingeführt, die dies in begrenztem Rahmen erlauben.
       
       „Der Fokus der regulären Luftwaffe liegt auf der Verteidigung der
       kritischen Infrastruktur in den Städten“, sagt Van Gogh, der selbst in
       einem Kyjiwer Vorort lebt. „Doch immer wieder fallen Trümmer abgeschossener
       Drohnen im Umland herab und verursachen Schäden oder Verletzte.“ Inzwischen
       hätten einige Dörfer schon eigene Abfangcrews. „Wenn die Drohnen dort
       draußen abgefangen werden, fallen die Trümmer bestenfalls aufs freie Feld.“
       Insgesamt gebe es trotz aller Verbesserungen noch immer Lücken in der
       Verteidigung, sagt Van Gogh. Anfang April zum Beispiel hat eine ganze
       Gruppe von russischen Drohnen die östlichen Luftverteidigungslinien
       durchbrochen, und es kam zu schweren Treffern in mehreren Städten der
       Westukraine. „Deshalb brauchen wir dauerhaft mehr Verteidigungslinien und
       statt wie jetzt 1.500 landesweit mindestens 2.000 Abfangdrohnenteams.“
       
       Vier Minuten vor Mitternacht. Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe.
       Mehrere Männer drängen sich um das Piloten-Team in dem Minibus und starren
       gebannt auf den Radarbildschirm. Ein weißer Pfeil nähert sich dem blauen
       Kreis, der ihren Sektor markiert. Ein noch nicht identifiziertes
       Flugobjekt. Dann geht alles ganz schnell.
       
       ## Hier sind Fortgeschrittene am Werk
       
       Einer der Männer aus Saschas Team eilt zu den Drohnen auf dem
       Tapeziertisch, packt die erste in der Reihe und presst sie auf den Tisch,
       während er dem Piloten im Bus etwas zuruft. Das Aufbrausen des
       Drohnenmotors zerreißt die Stille, sein Echo schallt aus dem nahen Wald
       zurück. Zügig testen die Soldaten alle anderen Funktionen und setzen die
       Drohne auf das Katapult. Kurz herrscht gespannte Stille. Doch dann
       verschwindet das Objekt auf der Radarkarte. Die Männer seufzen. Wieder
       heißt es: warten.
       
       Van Gogh beschließt, ein Nickerchen zu machen. Doch genau da piept sein
       Handy: Ein Uhr nachts, sie dürfen endlich fliegen.
       
       Die meisten gelben Drohnenpfeile auf dem Radarmonitor der Piloten sind zwar
       verschwunden. Abgefangen, bevor sie den Sektor der Trainingscrew hier auf
       dem Feld überhaupt erreichen konnten. Echte russische Drohnen können sie
       deshalb keine mehr jagen. Doch der Luftraum ist jetzt frei genug für reine
       Übungsflüge. Die sind während eines laufenden Angriffs normalerweise
       verboten. Aber zum Fliegen sind sie schließlich hier.
       
       Laut zählt der Co-Pilot im Bus bis drei, einer der Männer draußen lädt das
       Katapult auf der Ladefläche des Pick-ups, während der Pilot den Motor der
       Drohne startet, die mit einem Knall hinauf in den dunklen Nachthimmel
       saust. Pink, orange und türkis leuchten die Wolken auf den Wärmebildern der
       Drohne. Auf einem separaten Bildschirm neben dem Radarmonitor verfolgt der
       Pilot, was sie aus der Höhe sieht. Mit einem Steuergerät in der Hand, das
       aussieht wie ein klassischer Gaming-Controller, lenkt er die Drohne. Der
       Co-Pilot sieht vor sich auf seinem Laptop das – nun zu Übungszwecken
       virtuell generierte – Ziel und sagt dem Piloten, wie er fliegen muss, 10
       Grad weiter links, etwas mehr nach oben. Hier sind Fortgeschrittene am
       Werk, in wenigen Minuten ist die Mission erfüllt.
       
       Doch dann geht etwas schief. Anders als bei einer echten Mission wollen sie
       die Drohne nun zurückholen, um sie später wieder zu verwenden. Schließlich
       kostet jede Drohne 5.000 Dollar – die Lieferungen für die Amerikaner in der
       Golfregion kosteten sogar an die 15.000. Doch als die Drohne schon wieder
       in Sichtweite ist, verliert sich plötzlich das Funksignal und die Drohne
       stürzt in den nahegelegenen Wald. „Der Akku hat sich wohl zu schnell
       entladen“, sagt Van Gogh.
       
       Fehler wie dieser sind beabsichtigt. Die Drohnen, mit denen die Soldaten
       heute trainieren, sind Prototypen im Entwicklungsstadium. Neu ist die
       sogenannte Auto-Target-Funktion. Darüber kann die Drohne ihr Ziel, sobald
       sie es mithilfe eines Befehls durch den Piloten erkannt hat, eigenständig
       verfolgen. „Doch im Augenblick lässt die Automatik die Drohne noch zu
       schnell beschleunigen und aufsteigen, dabei verbraucht der Akku zu viel
       Strom“, sagt Van Gogh.
       
       Mithilfe der Flugdaten, die Dignitas den Entwicklern der Firma nach jedem
       Training zur Verfügung stellt, will der Hersteller das Problem beheben und
       die neue Drohne zur Marktreife bringen.
       
       ## Ein Wettlauf um Überlegenheit
       
       Van Gogh sieht in der Auto-Target-Funktion den nächsten notwendigen
       Entwicklungsschritt. Auch weil diese Funktion die Absatzmöglichkeiten in
       westlichen Rüstungsmärkten steigern dürfte. „Selbst wenig geübte Piloten
       können damit problemlos Drohnen fliegen“, erläutert er. „Das macht sie
       besonders für große potenzielle Käufer wie Deutschland oder die USA
       interessant.“
       
       Aber vor allem ist sie für den Schutz des ukrainischen Luftraums
       entscheidend. Denn die weißen Flecken in der Luftverteidigung kommen nicht
       nur durch Personalmangel zustande, sondern sind auch eine technische Frage.
       Wann immer die Ukraine bessere Waffen oder Strategien für die Verteidigung
       entwickelt, erfindet Russland noch bessere Methoden, um diese zu umgehen.
       „Die Drohnen zum Beispiel, die Russland von der Krim startet, können über
       dem Meer extrem niedrig fliegen, sodass unsere Radare in der Südukraine sie
       dort nicht erfassen“, sagt Van Gogh. „Wir müssen ihnen deshalb mit unseren
       Abfangdrohnen von der Küste aus ins Landesinnere hinterherjagen. Doch weil
       das Land dort ansteigt, reißt die Funkverbindung schnell ab. Mit der
       Auto-Target-Funktion kann die Abfangdrohne ihr Ziel auch noch erreichen,
       wenn die Verbindung zum Piloten längst unterbrochen ist.“ Es ist ein
       ständiger Wettlauf um die Überlegenheit.
       
       Im Frühjahr 2025 konnte die Luftwaffe mit Abfangdrohnen noch einen Großteil
       der russischen Angriffe abwehren. Aber ab Mai wurde die Flugabwehr
       zunehmend löchriger, im Herbst zerstörte Russland binnen weniger Wochen
       erhebliche Teile der [4][Energieinfrastruktur]. Die Quittung kam im Winter,
       als die Menschen bei zweistelligen Minusgraden monatelang in Dunkelheit und
       Kälte lebten. Die Gründe dafür waren vielfältig und lagen nicht allein bei
       der Luftverteidigung. Aber die Entwicklung zeigt, wie schnell sich
       technologische Vorteile verschieben können.
       
       Denn die Innovationskraft der Ukraine wirkt auch wie ein Katalysator für
       die Drohnen-Entwicklung Russlands – und damit auch russischer Alliierter
       wie Nordkorea, Iran oder China.
       
       2022 schickte Russland nur vereinzelte Drohnen mit einem fest
       einprogrammierten Ziel. Heute kann es mit ganzen Drohnen-Verbänden
       angreifen, die untereinander kommunizieren und dem Piloten selbst aus
       Tausenden Kilometern Entfernung erlauben, Ziele anzusteuern. Die Zahl
       nächtlicher Drohnenangriffe hat sich allein in den letzten zwölf Monaten
       verdreifacht – ein unheimlicher Vorgeschmack auf die kommenden Jahre und
       auf künftige Kriege.
       
       ## Eine Abfangrate von fast 93 Prozent
       
       Halb fünf Uhr morgens. Die Landschaft schimmert im blauen Zwielicht, das
       den nahenden Sonnenaufgang ankündigt. Van Gogh lenkt den Minibus, der über
       Nacht als Basis des Abfang-Teams diente, durch noch schlafende Dörfer
       zurück zu seinem geheimen Abstellort in Kyjiw. Vor ihm auf der Landstraße
       fährt der Pick-up mit dem Katapult Schlangenlinien. Der Fahrer droht
       einzuschlafen, um das zu verhindern ruft er Sascha auf dem Handy an. Zurück
       zur Basis ist es noch eine halbe Stunde.
       
       Dann piepen die Smartphones, nach insgesamt fast zwölf Stunden ist der
       nächtliche Luftalarm endlich aufgehoben. Später trifft per
       Telegram-Messenger das allmorgendliche Update der Luftwaffe ein: In der
       Nacht hat Russland mit 268 Drohnen und einer ballistischen Rakete
       angegriffen, 15 Treffer, ein Schaden durch herabfallende Drohnentrümmer,
       249 Drohnen wurden abgeschossen. Eine Abfangrate von fast 93 Prozent: fast
       so viel wie der Verteidigungsminister versprochen hat. Auf die ukrainische
       Luftwaffe und ihre Abfangdrohnen ist wieder Verlass – vorerst jedenfalls.
       
       7 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/angriffe-iran-usa-100.html
   DIR [2] /Regierungsumbau/!6143647
   DIR [3] /Russische-Angriffe-auf-Kulturstaetten/!6187249
   DIR [4] /Zerstoerte-Infrastruktur/!6140492
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Lieselotte Hasselhoff
       
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