URI: 
       # taz.de -- Rückgang von veganen Alternativen: Ist die Kuhmilch wieder da?
       
       > Der Marktanteil für Milchalternativen stagniert, zugleich wird das
       > Tierprodukt in manchen Kreisen wieder hip. Kippt da was?
       
   IMG Bild: Superfood aus dem Euter: Auf TikTok wird Rohmilch als Wundermittel für reine Haut und ein starkes Immunsystem abgefeiert
       
       Hafer, Soja, Erbse, Mandel, Kokos, Reis, Dinkel, Hirse – und neulich stand
       sogar Hanfmilch im Regal. Unaufhaltbar schien in den vergangenen Jahren der
       Siegeszug der Milchalternativen. Für den es ja auch handfeste Gründe gibt,
       seien es der ökologische Fußabdruck der Kuhmilchwirtschaft oder die
       schlechten Bedingungen der modernen Tierhaltung. Und so lässt sich mit dem
       eigenen Konsum auch noch die Welt verbessern. Zumindest ein bisschen.
       
       Doch womöglich erreicht der Markt für pflanzliche Milchalternativen so
       langsam eine Sättigungsgrenze. Laut einer YouGov-Studie ging 2025 die
       Käuferreichweite in Deutschland erstmals leicht zurück, von 44,8 auf 43,8
       Prozent. In den USA sind die Zahlen sogar noch deutlicher. Dort sank der
       Absatz im Jahr 2024 um knapp 6 Prozent. Gleichzeitig tranken die
       US-Amerikaner*innen erstmals seit 2009 wieder mehr Kuhmilch als im Vorjahr.
       
       Die Milch wird dabei nicht nur konsumiert, sondern auch inszeniert. Bereits
       2021 beobachtete die Autorin Emily Sundberg [1][im New York Magazine], dass
       Vollmilch offiziell zurück sei – und stellte fest, dass „hot girls“ in
       hippen Cafés plötzlich wieder ganz bewusst nach Kuhmilch verlangten. Die
       Milchnostalgie hat sogar einen eigenen Kleidungstrend hervorgebracht. Das
       taillierte „Milkmaid Dress“ mit Puffärmeln und nostalgischen Blumenprints
       tragen auf TikTok und Instagram [2][vor allem Tradwives], die damit ihr
       traditionelles Frauenbild zelebrieren. Sie melken Kühe von Hand, unterlegen
       ihre Videos mit Texten über Erdung und Naturverbundenheit und stilisieren
       Milch zum Symbol für Reinheit und Echtheit.
       
       Die Sehnsucht nach dieser Symbolik kommt nicht von ungefähr. Milch ist
       schon lange kulturgeschichtlich aufgeladen. Sie steht für Weiblichkeit,
       Fruchtbarkeit, Fürsorge und zugleich für Überfluss und Wohlstand. In der
       biblischen Vorstellung eines Landes, in dem „Milch und Honig fließen“, wird
       sie zum Symbol für Fülle, Versorgung und ein gutes Leben ohne Mangel.
       
       In der Make-up- und Beautywelt wird der Begriff „Milk“ entsprechend gerne
       verwendet. Cleansing Milks, Milk Serums, Milk Toners und viele weitere
       Produkte versprechen cremige Texturen, Reinheit und eine idealisierte
       „natürliche“ Schönheit. Kosmetikunternehmerin Hailey Bieber inszeniert
       dabei ein Zusammenspiel aus Pflege und erotischer Aufladung, indem sie sich
       in Werbespots für ihre Feuchtigkeitscreme „Glazing Milk“ das Produkt über
       den Körper gießen lässt. Und der Fotograf Jaroslav Wieczorkiewicz umhüllte
       Models bereits 2013 in einer Fotoserie anstelle von Kleidung mit
       spritzender weißer Milch.
       
       ## Früher grüner Selleriesaft, heute ungefiltertes Kuhprodukt
       
       Die erotische Konnotation von Kuhmilch spielt auch [3][im Film „Babygirl“]
       von 2024 eine Rolle. In einer Schlüsselszene trinkt Nicole Kidman ein
       ganzes Glas auf ex – was sie dann konsequenterweise bei der Verleihung des
       National Board of Review Awards für ihre Hauptrolle auf offener Bühne
       wiederholt hat. Und dann ist da noch Gwyneth Paltrow. Im Podcast „The
       Skinny Confidential“ verriet sie 2024, dass sie jeden Morgen Rohmilch in
       ihren Kaffee gibt, unpasteurisiert, unbehandelt, direkt vom Euter.
       
       Was früher der grüne Selleriesaft war, ist in bestimmten Internet-Bubbles
       heute das ungefilterte Kuhprodukt. Auf TikTok wird Rohmilch als neues
       Superfood für reinere Haut, Gewichtsabnahme und ein starkes Immunsystem
       abgefeiert. Dazu passt die wachsende Skepsis gegenüber den Risiken von
       „Ultra-Processed Foods“, also [4][hochgradig verarbeiteten Produkten].
       Während viele Pflanzendrinks mit einer langen Liste an Zusätzen hantieren,
       wirkt das Euterprodukt mit seiner minimalen Zutatenliste plötzlich wie das
       ultimative Clean-Eating-Heiligtum. Dass der tatsächliche Nährstoffvorteil
       gegenüber normaler Supermarktmilch laut Ernährungsmedizinern marginal ist,
       wird dabei gern ignoriert. Genau wie das reale Risiko: Weil Rohmilch nicht
       erhitzt wird, [5][warnen Behörden wie das Bundeszentrum für Ernährung] vor
       möglichen schweren Infektionen.
       
       Zudem liefert Kuhmilch von Natur aus mehrere Gramm Eiweiß pro 100
       Milliliter plus Kalzium, während man sich mit einem Haferdrink primär
       Wasser und Kohlenhydrate in den Kaffee kippt. In einer Zeit, in der gefühlt
       auf jedem zweiten Produkt im Supermarkt [6][fett das Wort PROTEIN prangt],
       dockt die klassische Vollmilch so geschmeidig an [7][die moderne Gym- und
       Fitness-Kultur] an.
       
       Das Verlangen nach dem Unverfälschten betrifft nicht nur das Milchregal.
       Auch der Veggie-Hype der letzten Jahre beginnt gerade zu schwächeln. So ist
       in Deutschland bei den Fleischalternativen das stete Wachstum der
       Absatzzahlen zum Erliegen gekommen, während der Fleischkonsum nach Jahren
       des Rückgangs statistisch [8][wieder leicht ansteigt].
       
       In Zeiten globaler Krisen und politischer Unsicherheiten wächst bei manchem
       vielleicht auch das Bedürfnis nach dem Vertrauten, nach Halt und visueller
       Erdung auf dem Teller. Andere sind vielleicht auch einfach müde. Ändern, so
       das Gefühl, lässt sich sowieso nichts, und wenn die Welt schon untergeht,
       dann schwindet auch die Bereitschaft, den Fehler permanent bei sich selbst
       und im eigenen Konsumverhalten zu suchen. Wo die politische Korrektheit
       erschöpft ist, wird das konservative, vermeintlich Echte wieder attraktiv.
       Der Griff zur Kuhmilch ist in diesem Kontext vielleicht auch ein Akt gegen
       das schlechte Gewissen, das man im Alltag einfach nicht mehr dauerhaft
       tragen will.
       
       5 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.grubstreet.com/2021/08/whole-milk-is-back.html
   DIR [2] /Kurz-Doku-Tradwives-beim-ZDF/!6113401
   DIR [3] /Film-Babygirl-mit-Nicole-Kidman/!6062340
   DIR [4] /Hochverarbeitete-Lebensmittel-Kinder-essen-immer-mehr-davon-mit-bedrohlichen-Folgen/!6134916
   DIR [5] https://www.bzfe.de/presse/pressemeldungen-archiv/rohmilch-besser-mit-vorsicht-geniessen
   DIR [6] /Foodtrend-High-Protein-Produkte/!5865026
   DIR [7] /Ernaehrung-im-Alter-Nicht-nur-Sportler-brauchen-extra-Protein/!6138308
   DIR [8] https://www.bzfe.de/presse/pressemeldungen-archiv/aktuelle-zahlen-zum-fleischverzehr-in-deutschland
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Lilli Messer
       
       ## TAGS
       
   DIR wochentaz
   DIR Genuss
   DIR Hafermilch
   DIR Vollmilch
   DIR Veganismus
   DIR Social-Auswahl
   DIR TikTok
   DIR Landwirtschaft
   DIR Ernährung
   DIR Kinderfrage
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Konkurrenzkampf in der Milchwirtschaft: Riesenkonzern darf Deutschlands größte Molkerei übernehmen
       
       Die EU-Kommission hat keine Wettbewerbsbedenken, wenn die dänische Arla das
       Deutsche Milchkontor (DMK) schluckt. Bauern sind in der Frage uneins.
       
   DIR Produktion von Fleischalternativen: Der Veggie-Burger-Boom ist vorbei
       
       Ob Seitanschnitzel oder Tofuwurst – vegane und vegetarische
       Fleischersatzprodukte sind immer beliebter geworden. Nun schrumpft der
       Markt erstmals.
       
   DIR Kinder fragen, die taz antwortet: Mit welcher Milch stillen Mütter?
       
       Kommt bei Müttern Kuh- oder Hafermilch aus der Brust? Jede Woche
       beantworten wir hier eine Kinderfrage. Diese Frage kommt von Pauline, 4
       Jahre alt.​