# taz.de -- Vor dem Nato-Gipfel in Ankara: Belastete Leistungsschau
> Die Türkei lädt zum Nato-Gipfel. Die europäischen Mitglieder wollen Trump
> mit Rüstungsdeals besänftigen und hoffen auf Bilder des Zusammenhalts.
IMG Bild: Polizist:innen in Ankara bei der Vorbereitung des NATO-Gipfels
Die internationale Gipfelsaison steuert ihrem Höhepunkt entgegen – dem
Nato-Treffen im türkischen Ankara. Kurz zuvor traf Nato-Generalsekretär und
„[1][Trump-Flüsterer]“ Mark Rutte noch den US-Präsidenten. Das Ziel: gute
Stimmung machen für Ankara. Rutte zog sämtliche Register, nannte Trump
„Daddy“ und präsentierte eine Schautafel mit der Überschrift „The
Trump-Trillion“. Das Balkendiagramm darauf sollte illustrieren, wie
deutlich die Verteidigungsausgaben der 32 Nato-Mitgliedsstaaten,
insbesondere der europäischen, gestiegen sind.
Während manche Beobachter:innen peinlich berührt waren von so viel
Unterwürfigkeit, bescheinigten einige Nato-Partner Rutte mal wieder, wie
gut er den erratischen US-Präsidenten im Griff und mögliche Störungen im
Vorfeld des Nato-Gipfels ausgeräumt habe.
Das Spitzentreffen kommende Woche in Ankara ist keines, das große
Entscheidungen bringen dürfte. Es geht eher um Bekenntnisse, um
Selbstvergewisserung in Zeiten, die die nordatlantische Allianz mächtig
fordern. Die Ukraine [2][wird nahezu täglich von russischen Streitkräften
angegriffen], die Ukrainer:innen wehren sich und gehen verstärkt in die
Offensive. [3][Ölraffinerien, militärische Anlagen sind Ziele dieser
Attacken], teilweise bis ins russische Hinterland. Zudem gibt es in
Nato-Kreisen die einhellige Meinung, dass wirtschaftlichen Sanktionen den
Kreml [4][in die Enge treiben].
Doch wie Wladimir Putin tatsächlich reagieren wird, ist ungewiss. Klar ist
aber, dass vom Gipfel in Ankara eine deutliche Botschaft an Putin ausgehen
soll: Russland wird als Bedrohung für die Allianz betrachtet. Die Ukraine
wird nicht im Stich gelassen, und wenn es darauf ankommt, steht das
Militärbündnis.
## Bedrohungslage für Nato-Staaten
Entsprechend wurde von Nato-Leuten [5][der Abschuss von Drohnen] in Estland
und Lettland gelobt. Mit markigen Worten. In beiden Nato-Staaten an
Russlands Westgrenze drangen in den vergangenen Wochen solche Drohnen in
den Luftraum ein. Nato-Kampfjets schossen sie ab, ein einmaliger Vorgang
seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine 2022. Bei der Frage
allerdings, wie konkret die Bedrohungslage für die Nato-Staaten ist, will
man sich natürlich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. [6][Hybride und
elektronische Kriegsführung sind längst Teil des gewaltsamen Konflikts] und
machen nicht vor Landesgrenzen halt. Doch selbst vage politische Äußerungen
greift die Rüstungsbranche auf, um für ihre Produkte zu werben.
Die türkische Hauptstadt soll sich den Staats- und Regierungschefs von
ihrer schönsten Seite zeigen, wenn sie zum Nato-Gipfel anreisen. In Ankara
haben die Zufahrtsstraßen neuen Asphalt und Blumendekor, heruntergekommene
Häuser werden hinter Paneelen mit Nato-Schriftzügen verdeckt. Unweit des
Gipfelorts, des bombastischen Präsidentenpalasts, werden die Autokolonnen
auch an einem Messegelände vorbeirollen, auf dem sich die türkische und
internationale Rüstungsindustrie präsentiert.
Mark Rutte hob kürzlich die wirtschaftliche Bedeutung des 36. Treffens der
Staats- und Regierungschefs im Militärbündnis hervor. „Wir werden neue
Verträge im Gesamtwert von mehreren Dutzend Milliarden Dollar bekannt
geben“, sagte er bei einer Veranstaltung des Atlantic Council in
Washington.
Beim Gipfel vor einem Jahr in Den Haag hatten sich die Nato-Staaten darauf
geeinigt, ihre Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 5 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen. Beim diesjährigen Treffen geht es darum,
diese Zusage praktisch zu hinterlegen. Doch die gigantischen
Rüstungsausgaben sollen auch über die derzeitigen Schwächen der Nato
hinwegtäuschen. Trumps Verachtung für das transnationale Bündnis, seine
stümperhaften Annäherungsversuche gegenüber Putin und die offene Bedrohung
von Nato-Partnern wie Grönland beziehungsweise Dänemark, den baltischen
Staaten und Kanada stellen das Bündnis einmal mehr vor existenzielle
Fragen.
## Repression und Düpierung
Auch einen weiteren Affront Trumps würden viele Nato-Staatschefs wohl gerne
schnell vergessen und vergessen lassen. Er komme nur, weil der türkische
Präsident Recep Tayyip Erdoğan ihn eingeladen habe, sagte Trump. Erdoğan
sei „ein starker Mann“, der alles getan habe, um das er ihn je gebeten
habe.
Proteste zum Gipfel wären ein Kratzer an diesem Bild. Schon seit Ende Juni
gibt es ein striktes [7][Demonstrationsverbot in Ankara, Oppositionelle
wurden festgenommen,] kritische türkische Journalist:innen bekamen
keine Gipfelakkreditierung – Trumps Lob gibt dieser Politik Legitimation.
Ganz zu schweigen davon, dass auch die Nato an solchen Maßnahmen
anscheinend nichts Kritikwürdiges sieht.
Die türkische Präsidentschaft möchte dem Nato-Gipfel mit einer Orientierung
Richtung der Golfstaaten einen eigenen Stempel aufdrücken. Erdoğan will vor
allem die Arbeit in der sogenannten Istanbuler Kooperationsinitiative
vertiefen. In diesem Netzwerk verhandelt die Nato mit Bahrain, Kuwait,
Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten über Rüstungsgeschäfte und
gemeinsame verteidigungspolitische Linien.
Zu besprechen gäbe es hier einiges: wie die USA die alliierten Golfstaaten
durch ihren Alleingang im Irankrieg düpiert und gefährdet haben. Die andere
große ungeklärte Frage ist, wie und in welchem Ausmaß die europäischen
Nato-Staaten nach dem Manöver der USA und Israels in der Straße von
[8][Hormus die Aufräumtrupps stellen wollen].
Doch solche Diskussionen bergen aus der Sicht der europäischen
Nato-Mitgliedstaaten und der beim Gipfel ebenfalls anwesenden Ukraine ein
Risiko: weniger Unterstützung nämlich. An der Nato-Ostflanke stellt sich
zusätzlich die Frage, in welchem Umfang Europa künftig auf hier
stationierte US-Truppen verzichten muss. Zuletzt wurde bekannt, dass die
USA unter anderem Aufklärungsdrohnen und acht Tankflugzeuge aus der
Nato-Planung abziehen.
4 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Cem-Odos Güler
DIR Tanja Tricarico
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