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       # taz.de -- Weltgrößtes Theaterfestival startet: Die Stadt, der Palast und die Dienstleistung Theater
       
       > Was kann Theater heute sein? In der 80. Spielzeit des Festival d’Avignon
       > knüpft Direktor Tiago Rodrigues mit Fragen an die demokratischen
       > Gründer-Utopien an.
       
   IMG Bild: Infrastruktur der Nacht: Jedes Frühjahr wird mit schwerem Gerät die 540 Quadratmeter-Bühne in den Hof des Papstbalast gebaut
       
       Mehr Gegenwart als Avignon gibt es nicht, weil sie sich hier gegen eine
       übermächtige Vergangenheit behaupten muss: Diese scheinbar paradoxe Formel
       macht den Zauber des Festivals von Avignon aus, das am 4. Juli beginnt. Es
       ist ein riesiges Bühnenkunstfestival, vielleicht das größte der Welt. Aber
       in Wirklichkeit ist es viel mehr: „Avignon ist der Ort in der Welt, an dem
       Theater zu sich kommt“, sagt Tiago Rodrigues der taz.
       
       Der portugiesische Regisseur und weltweit gespielte Dramatiker leitet das
       Festival seit 2022. Seine Euphorie ist ungebrochen: Avignon, mit seinen
       94.000 Einwohner*innen nicht gerade eine Metropole, verwandle sich in den
       gut drei Wochen in „eine sehr greifbare Utopie“, sagt er im
       Telefoninterview: „Alle sind da, gemeinsam an einem mythischen Ort wie dem
       Ehrenhof – und voller Liebe“.
       
       Das rauschhafte Erlebnis Avignon hat viel damit zu tun, dass sich das
       Festival und das vor 60 Jahren aus einer Gegenveranstaltung hervorgegangene
       Off-Festival für Besucher*innen zu einer dionysischen Überdosis verbinden:
       Das Off bietet eine unbeherrschbare Masse szenischer Arbeiten. [1][Das
       Festival aber schafft atemberaubende Augenblicke], die bleiben.
       
       Sie entstehen gerade im Zusammenspiel mit der zwölf Meter aufragenden Wand
       des Ehrenhofs, des Cour d’honneur, im Papstpalast. Hier waren Momente
       intimster Zartheit zu erleben, schrillkomische Szenen und brachiale Bilder
       grausamster Gewalt.
       
       ## Brennende Konzertflügel, beinlose Tänzerin
       
       Da ist Romeo Castelluccis [2][rätselhafter brennender Konzertflügel vorm
       gotischen Gebäude]; da sind die ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotos [3][von
       Jeanne Moreaus allererstem Bühnenauftritt 1947]; oder da ist, vergangenes
       Jahr, die beinlose Tänzerin Mariana Tembe, die als Scheherazade [4][in
       Marlene Monteiro-Freitas 1001-Nacht-Choreo]grafie entschlossen die ganze
       Weite der 520-Quadratmeter-Bühne quert, eine Herrin des Raums.
       
       Angekündigt sind 18 Uraufführungen an 22 Tagen. Auch die übrigen
       Inszenierungen sind oft Premieren, also für eine der 39
       Festival-Spielstätten konzipiert. Die Regisseur*innen – 27 Frauen, 20
       Männer – müssen sich auf sie einlassen. Gerade aber auf der
       Eröffnungsaufführung Samstagnacht lastet besonderer Druck: Sie ist
       gezwungen, die geisthafte Präsenz der unsterblichen Bilder ihrer Vorgänger
       im Cour d’honneur zu bewältigen, also sich der Frage zu stellen, was um
       Himmels willen heute Theater sein kann.
       
       Diesmal hat der Chef des Pariser Odéon-Theaters die Ehre: Julien Gosselins
       Produktion heißt „Maldoror“ nach den „Gesängen des Maldoror“, ein
       romanlanges Prosagedicht von 1869. Titelfigur ist ein Übermensch des Bösen.
       Er zermatscht gigantische Glühwürmchen mit Felsen, wiederbelebt
       Suizidanten, schlitzt süße Kinder auf und [5][fährt nachts mit dem Omnibus
       durch Paris]; nur Gott ist schlimmer.
       
       Ein faszinierend-ekliges Werk voller frappierender Visionen: „Le spectacle
       va être un peu long“, warnt Gosselin. Um 22 Uhr beginnt die nächtliche
       Versammlung und soll fünf Stunden lang untersuchen, „weshalb sich Künstler
       auf das Böse einlassen – und ihm mitunter die Hand reichen“.
       
       ## Aus dem Geist der Résistance entstanden
       
       Der Rückbezug auf den vor 55 Jahren gestorbenen Gründer Jean Vilar ist
       Rodrigues wichtig. Das Festival entstand 1947 aus dem Geist der Résistance
       und getragen vom Wunsch nach einem demokratischen Neuanfang Europas. „Es
       ging darum, Orte zu schaffen, an denen dieser Traum real werden kann –
       Räume der Vielfalt“, erklärt Rodrigues.
       
       Weil diese gegenwärtig bedroht seien, habe man die jetzige Ausgabe unters
       Zeichen der Frage gestellt: „In einer Zeit, die von schlechten Antworten
       überquillt, ist die Frage, die uns verbinden kann“, so Rodrigues, „sogar
       wenn die Meinungen komplett auseinandergehen –, ob wir ein Meisterwerk
       erlebt haben oder nur Schrott.“
       
       Vilar hatte Bühnenkunst als Dienstleistung für alle definiert, und als ein
       Grundbedürfnis: „Theater ist zunächst einmal öffentliche Daseinsvorsorge,
       ganz wie Gas, Wasser, Strom“, das gilt als sein Bekenntnissatz. Drei
       Widerstandskämpfer*innen, der Poet René Char und das Galeristenpaar Yvonne
       und Christian Zervos, hatten ihm vorgeschlagen, mit dieser
       demokratisierenden Vision gegen den Palast anzutreten, einen steinernen
       Anspruch auf Herrschaft: 1309 hatte Seine Heiligkeit Clemens V. die
       Papstresidenz an die Rhône verlegt.
       
       ## Sex, Kunst und Wissenschaft
       
       Die Folgezeit gilt als ganz schlimme Phase des Papsttums: Es gab viel Sex
       im Klerus, außerdem erblühten Kunst, Wissenschaft und Liebeslyrik. Nach
       einem guten Jahrhundert ging’s wieder nach Rom. Zurück blieb der
       Monster-Palast, mit dem niemand etwas Gescheites anzufangen wusste. Auch
       Vilar nicht: Dort zu spielen sei „technisch unmöglich“, stellte er bei
       einer Ortsbegehung fest. Und legte los.
       
       Statt der geplanten Spenden für Kriegsversehrte erwirtschaftete die
       Erstausgabe zwar Miese. Dennoch hielt man am fröhlichen Irrsinn fest, hier,
       in der Provinz, und noch dazu jenseits der städtischen Bühnen, Theater zu
       spielen. Man expandierte: Zum Schauspiel kamen Tanz, Performance, [6][auch
       Oper] und [7][Film]. Man besetzte Parks und Klosterkreuzgänge mit
       darstellenden Künsten, Kirchen und Sporthallen.
       
       Jenseits der Touri-Altstadt entstand 2013 ein Festspielzentrum zwischen
       teilramponierten Plattenbauten: So macht sich Kunst auf den Weg zu ihren
       Menschen. Klar, die Tickets kosten. Aber wer bis kurz vor Beginn
       herzklopfend am Eingang wartet, darf gratis rein, wenn Sitze frei sind –
       und die kindliche Freude, wenn’s geklappt hat, gehört ganz bestimmt zu
       Avignon dazu.
       
       ## Werbung überall in der Stadt
       
       In der City sind die Wände vollgepflastert mit KI-gestalteten Plakaten in
       DIN A4. Kostümierte drücken Passant*innen alle paar Schritte Flyer in die
       Hand, während zehn Meter weiter sich ein Ensemble aufbaut, um das sich
       sofort ein Zuschauerkreis bildet. So machen sich die 1.432 Truppen des
       wuchernden Off-Festivals bemerkbar. Die Akteur*innen präsentieren nun einen
       szenischen Appetizer für ihr Stück, das bald um die Ecke in irgendeiner der
       141 Hinterhof- und Kellerbühnen gezeigt wird.
       
       In denen beginnt alle anderthalb Stunden ein anderes Stück, das erste um 9,
       das letzte um 23 Uhr: Auf 30.000 Vorstellungen kommt man so in drei Wochen,
       dreimal so viele, wie auf Berlins institutionell geförderten Bühnen im
       Jahr. Daher rinnt im Juli Theater durch alle Gassen, ungesteuert, „wir
       organisieren das nicht“, sagt Harold David, Vizedirektor des Trägervereins
       Avignon Festival & Compagnies (AFC).
       
       Unwiderstehlich überschwemmt es die Plätze und Cafés. Ensembles und
       Bühnenbetreiber vereinbaren Gastspiele. Der AFC koordiniert die Daten
       [8][in einem telefonbuchdicken Programm]. „Wir haben null künstlerischen
       Einfluss“, so David.
       
       ## Off ist subversive Aktion gegen "Palast-Kultur"
       
       Das heutige Verhältnis von In und Off lässt sich als spannungsarmes
       Nebeneinander beschreiben. Frühere Feindseligkeiten spielen keine Rolle.
       Sie zu vergessen wäre aber schade. Denn entstanden ist das Off aus einer
       subversiven Aktion gegen den gefühlten Kolonialismus der Palast-Kultur.
       
       André Benedetto, [9][ortsansässiger Dramatiker], hatte 1966 mit seinem
       [10][Théâtre des Carmes] einfach mal während des Festivals keine
       Sommerpause gemacht, um zu zeigen, dass seine – [11][wirklich
       interessanten!] –Stücke ebenfalls der Rede wert waren und dass seine
       Schauspieler auch etwas konnten: seine neueste Entdeckung etwa, ein
       16-Jähriger namens Daniel Auteuil, der hatte doch Talent.
       
       Ein beherrschbarer Konflikt. Doch der schwelte weiter, [12][verband sich
       1968] mit dem revolutionären Geschehen – [13][und dann: krawumm!] Zu dem
       Eklat gibt es viele [14][zeithistorische Aufsätze] und Bücher, auch
       Primärdokumente wie die jargontriefende Streitschrift „Der Prozess gegen
       das Festival von Avignon“. Mit der rief Jean-Jacques Lebel, [15][ein damals
       weltbekannter Künstler,] zur Zerstörung von Vilars Theaterutopie auf, die
       ein bloßer „supermarché de l’art“ sei, blanker Kommerz. Ein Jenseits davon,
       beglückende Anarchie, das verhieß ihm nur der Wildwuchs des Off.
       
       ## Ohnmacht der Graswurzelinstitution
       
       „Das Off ist heute Frankreichs größter Markt für Live-Auftritte“, fasst
       Harold David im Videocall nüchtern [16][die weitere Entwicklung] zusammen.
       Bei einem Einsatz von nur 67.000 Euro öffentlichen Mitteln wird dem Off ein
       regionalwirtschaftlicher Effekt von gut 20 Millionen Euro zugerechnet: Es
       wäre eine Macht. Aber als Graswurzelinstitution wird es zur Ohn-Macht, wenn
       es gilt, sich in Debatten einzubringen, etwa weil die eigenen Leute
       betroffen sind. So steht [17][im Zentrum des aktuellen kulturpolitischen
       Skandals Alexis Michalik], und den nennt David „ein wahres Kind des Off“.
       
       Dass der rechtsextreme Bürgermeister von Castres Michaliks [18][gefeiertes
       Zeitstück „Passeport“] als zu flüchtlingsfreundlich aus dem
       Stadttheaterspielplan gestrichen hatte, hatte vom Bischof bis zur
       Ministerin die ganze Bandbreite der französischen Kultur dies als Zensur
       verurteilt, und selbstredend hat sich auch Tiago Rodrigues im Namen des
       Festival d’Avignon solidarisiert.
       
       Nur halt das Off nicht. Erst jetzt, nach Wochen des Schweigens, traut sich
       das AFC-Direktorium ein Statement zu: „Die freie künstlerische Äußerung zu
       verhindern, weil sie nicht zum eigenen politischen Programm passt, ist eine
       schreiende Gefahr für die Demokratie“, heißt es darin. Man wolle die Sache
       auch im Programm aufgreifen, verrät David der taz: Der gute Alexis [19][sei
       ja wie jedes Jahr auch diesmal da], und „wir sind im Gespräch“. Denn ein
       Podium über künstlerische Freiheit, da kann doch keiner etwas dagegen
       haben. Das muss doch irgendwie klappen.
       
       4 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.radiofrance.fr/franceculture/podcasts/serie-une-histoire-du-festival-d-avignon
   DIR [2] /Theaterfestival-in-Avignon/!5179082
   DIR [3] https://festival-avignon.com/en/edition-2018/programme/i-am-all-of-you-listening-jeanne-moreau-a-life-of-theatre-4885
   DIR [4] /Tanzperformance-auf-Europatour/!6103931
   DIR [5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Compagnie_g%C3%A9n%C3%A9rale_des_omnibus
   DIR [6] /Renovierung-oder-Reanimation/!1787308&s=einstein+on+the+beach+avignon&SuchRahmen=Print/
   DIR [7] /Festival/!5197856
   DIR [8] https://www.calameo.com/festivaloffavignon/read/007594426c657196cebf6
   DIR [9] https://fresques.ina.fr/en-scenes/fiche-media/Scenes00113/andre-benedetto-evoque-son-parcours-de-1966-a-la-maison-d-arret.html
   DIR [10] https://theatredescarmes.com/
   DIR [11] https://lesarchivesduspectacle.net/p/16113-Andre-Benedetto
   DIR [12] https://www.linflux.com/monde-societe/mouvements-sociaux/aux-origines-de-mai-68-les-avant-gardes-americaines-3-3/
   DIR [13] https://journals.openedition.org/erea/6370?lang=en
   DIR [14] https://sciencespo.hal.science/hal-01044643/file/odeon-villeurbanne-avignon-la-contestation-par-le-theatre-en-mai-juin-et-juillet-1968.pdf
   DIR [15] /Von-Dada-bis-in-die-Gegenwart/!5944345
   DIR [16] /Theaterfestival-in-Avignon/!5088817
   DIR [17] /Kulturkampf-in-Frankreich/!6186117
   DIR [18] https://www.nytimes.com/2024/01/30/theater/alexis-michalik-passeport.html
   DIR [19] https://www.chenenoir.fr/event/intra-muros-dalexis-michalik/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Benno Schirrmeister
       
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