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       # taz.de -- Widerstand im Zweiten Weltkrieg: „Wir haben Platz, ihr könnt kommen!“
       
       > Eine niederländische Dorfgemeinschaft versteckte im Zweiten Weltkrieg
       > Hunderte Jüdinnen und Juden. Ihr Kopf führte Tagebuch – doch ist bis
       > heute kaum bekannt.
       
   IMG Bild: Die Verstecke von damals bei Nieuwlande lassen sich heute noch besichtigen. Sie sind verbunden durch unterirdische Gänge
       
       Manchmal hatte er einfach genug. Genug von der Rumfahrerei auf dem Rad von
       Hof zu Hof, dem Betteln um Verstecke, den Diskussionen mit seinen
       zaudernden Landsleuten, ob, wie lange und wo sie jüdische Menschen
       unterbringen könnten. Dann machte Arnold Douwes seinem Ärger Luft, mit
       besonders wütenden Tagebucheinträgen.
       
       21. November 1943 
       
       Wir hören alle möglichen Ausreden, die in der Regel keinen Sinn machen:
       Kein Platz, kein Versteck, geschwätzige Kinder oder Haushilfen, die
       Hausfrau hat Angst, zu nah an der Straße, zu weit weg von der Straße, keine
       Kinder im Haus, zu viele Kinder im Haus. All diese Ausreden meinen nur
       eines: Ich will nicht helfen, ich bin zu egoistisch, ich will meinen
       Besitz, mein Eigentum, meine Freiheit nicht opfern, um jemandem zu helfen.*
       
       Die Mehrheit der Niederländer dächten nur an sich selbst und seien feige,
       so Douwes.
       
       Weitergemacht hat er trotzdem, Tag für Tag, monatelang. Von Sommer 1943 bis
       Herbst 1944 suchte Douwes in einem winzigen Ort in den Niederlanden,
       umgeben von deutschen und niederländischen Nazis, Verstecke für Hunderte
       jüdische Menschen. Auf Dachböden. In Kammern. In selbstgebauten Höhlen im
       Wald, kaum hoch genug, um darin zu sitzen. In Fluchten unter Kirchenböden.
       Bei Gottesdiensten, heißt es, hätten sich die „Onderduikers“, die
       Untergetauchten, Baumwolle in die Ohren gestopft, weil die Orgel so
       dröhnte. Es gab Verstecke für Babys, Jugendliche, erwachsene Männer und
       Frauen, mitunter auch nichtjüdische Flüchtlinge, die dem Arbeitsdienst der
       Deutschen entkommen wollten.
       
       ## Douwes bestand darauf, nicht allein geehrt zu werden
       
       Douwes’ Prinzip: Alle, die ein Versteck brauchen, konnten kommen. Selbst
       wenn er zunächst nicht wusste, wohin mit ihnen. Mehrere hundert Menschen –
       wie viele genau, ist bis heute unklar – tauchten mit Hilfe von Arnold
       Douwes und seinem Netzwerk unter. Die Rettungsaktionen dokumentierte Douwes
       in seinem Tagebuch.
       
       130.000 Jüdinnen und Juden lebten zu Beginn der deutschen Besetzung in den
       Niederlanden, die meisten in Amsterdam. Rund drei Viertel dieser Menschen
       wurden deportiert und ermordet, anteilig so viele wie sonst nirgendwo in
       Westeuropa. Etwa 20.000 Menschen konnten sich verstecken, viele von ihnen
       mit der Unterstützung von Menschen wie Arnold Douwes.
       
       1965 wurde Douwes, damals 59 Jahre alt, für seinen Einsatz als Gerechter
       unter den Völkern von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte [1][Yad
       Vashem] geehrt. Wesentlich für diese Anerkennung waren die Aussagen von
       über 80 jüdischen Zeuginnen und Zeugen. Douwes selbst bestand darauf, dass
       nicht nur er, sondern auch andere Helfer und das gesamte Dorf geehrt werden
       – mit Erfolg: Fast zwanzig Jahre später erhielten Nieuwlande und 202
       Unterstützerinnen und Unterstützer die bekannteste Auszeichnung von Yad
       Vashem. Nieuwlande, das dicht hinter der deutschen Grenze auf Höhe der
       niedersächsischen Stadt Meppen liegt, wurde das erste derart ausgezeichnete
       Dorf. In den folgenden Jahren sollte mit Le Chambon-sur-Lignon in
       Südfrankreich nur ein weiteres dazukommen.
       
       Nieuwlande? Arnold Douwes? Beide Namen sind selbst in den Niederlanden kaum
       bekannt, trotz des Tagebuchs. Auch ich, mein Vater war Niederländer, bin
       nur durch einen Zufall auf Douwes’ Geschichte gestoßen. Meine Großtante
       Pieternella Muller-van de Perel wurde als Gerechte unter den Völkern
       geehrt, weil sie Douwes unterstützt hatte.
       
       Dass Arnold Douwes so unbekannt ist, hat mehrere Gründe. Sein Tagebuch
       wurde erst 2019 veröffentlicht, auf Niederländisch und Englisch unter dem
       Titel „Das geheime Tagebuch des Arnold Douwes. Rettung in den besetzten
       Niederlanden“. Herausgeber sind zwei Historiker, die auf die deutsche
       Besetzung der Niederlande spezialisiert sind: der Brite Bob Moore und der
       Niederländer Johannes Houwink ten Cate.
       
       Die Wissenschaftler haben Douwes, der 1999 starb, zwar nicht mehr treffen
       können, dafür mit seinen Töchtern und zahlreichen Geretteten und Rettern
       gesprochen. Dem [2][niederländischen Holocaustzentrum NIOD] lag das
       Tagebuch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon 60 Jahre vor – wie
       Tausende andere Tagebücher dieser Art. Denn während des Kriegs waren die
       Niederländer von ihrem Bildungsminister aufgefordert worden, Tagebuch zu
       schreiben – ein einzigartiger Aufruf in Europa. Diese Vielzahl an
       Dokumenten könnte ein Grund sein, warum Douwes’ Aufzeichnungen so lange im
       Verborgenen blieben, sagt Houwink ten Cate.
       
       ## Ähnliche Bedeutung wie Anne Franks Tagebücher
       
       Doch Douwes Bekanntheitsgrad dürfte künftig wachsen. Denn [3][ähnlich wie
       in Deutschland] nimmt auch in den Niederlanden die Auseinandersetzung mit
       der Vergangenheit an Fahrt auf. Nicht zuletzt, weil Anfang des Jahres das
       Zentralarchiv der Sondergerichtsbarkeit (CABR) in Den Haag Hunderttausende
       Akten zugänglich gemacht hat. Seitdem wird es überrannt von
       Niederländerinnen und Niederländern, die wissen wollen, was ihre Verwandten
       im Zweiten Weltkrieg gemacht haben.
       
       Douwes’ Tagebuch könnte in dieser Aufarbeitung eine wichtige Rolle spielen.
       Denn es erzählt eine einzigartige Geschichte des Widerstands. Das
       Holocaustzentrum NIOD misst ihm eine ähnliche Bedeutung bei wie den
       Tagebüchern von [4][Anne Frank] und [5][Etty Hillesum].
       
       Als Arnold Douwes zum Widerstandskämpfer wird, hat er weder Geld noch
       Ansehen. Vom Charisma [6][eines Oskar Schindler] ist der hochgewachsene
       Mann mit den strengen Gesichtszügen weit entfernt. Stattdessen ist der
       Pfarrerssohn widerborstig, eckt immer wieder an – beispielsweise mit seiner
       Entscheidung, anders als alle Männer in seiner Familie in den 200 Jahren
       zuvor, nicht Pfarrer werden zu wollen. Douwes wird Gartenbauer.
       
       Trotzdem habe ihn seine religiöse Erziehung extrem geprägt, sein
       Gerechtigkeitsempfinden geformt: „Arnold war kein einfacher und vielleicht
       nicht mal ein liebenswürdiger Mensch“, erzählt Johannes Houwink ten Cate.
       „Er stammte aus einer Familie, die zur orthodox-reformierten Kirche
       gehörte. Und wenn die sich zu etwas entscheiden, dann ziehen sie das durch,
       ohne Rücksicht auf die Risiken.“
       
       Douwes hat die Deutschen schnell hassen gelernt. Sam Jacobs, einer seiner
       engsten Kinderfreunde, ist Jude. Als der 1941 mit 31 Jahren deportiert
       werden soll, fährt Douwes, so schnell er kann, zu ihm nach Hause. „Aber es
       war zu spät“, [7][erzählt er Jahrzehnte später sichtlich bewegt] im
       Interview mit dem United States Holocaust Memorial Museum.
       
       Sam Jacobs wird einer der ersten niederländischen Juden, den die Deutschen
       in Mauthausen ermordeten, Douwes erfährt wenige Tage nach der Deportation
       von seinem Tod. Kurz darauf schließt er sich dem Widerstand an, nimmt
       zunächst an kleineren deutschfeindlichen Aktionen teil.
       
       Diesen Widerstand gibt es landesweit und auch in Drenthe, der Provinz, in
       der Nieuwlande damals liegt. Hier verweigert der Landwirt und siebenfache
       Vater Johannes Post aus Protest gegen die deutsche Besatzung erst nur
       Steuerzahlungen. Dann beginnt er, illegale Literatur und Flugblätter zu
       verteilen und Dokumente für Jüdinnen und Juden zu beschaffen. 1941 kommt
       Arnold Douwes zu ihm, als er sich wegen seiner deutschfeindlichen Aktionen
       verstecken muss – so hatte er auf selbstgemalten Schildern, die er an
       Telefondrähten befestigte, Deutsche als Ratten bezeichnet oder sich den
       „Judenstern“ angeheftet.
       
       Schnell erkennt Johannes Post das Potenzial von Douwes: Der 35-Jährige ist
       fit, unabhängig, unerschrocken. Zusammen suchen sie nach Verstecken für
       jüdische Flüchtlinge. Rund zwei Jahre Zeit später wird es für Post, der
       wegen seiner Aktionen gegen die Deutschen gesucht wird, brenzlig. Er muss
       in den Untergrund und schließt sich dem nationalen bewaffneten Widerstand
       an, den Landelijke Knokploegen (LKP, auf Deutsch „Landesweite
       Schlägertrupps“), deren Führung er 1943 übernimmt. Ein Jahr später wird er
       von den Nazis gefunden und hingerichtet.
       
       Mit Posts Untertauchen übernimmt Douwes 1943 dessen Aufgaben und sucht
       weiter nach Verstecken für jüdische Menschen, die vor allem aus Amsterdam
       zu ihnen kommen. Denn dort verbreiten Widerständler die Nachricht, dass
       Juden in Drenthe Hilfe finden. Sie melden telefonisch oder schriftlich nach
       Nieuwlande, wer wann kommt.
       
       Unterstützt wird Douwes nach kurzer Zeit besonders von Max Léons, genannt
       Nico, einem gerade 20 Jahre alten Juden, der zu seiner rechten Hand wird.
       Und von Lou Gans und Isidor Davids, genannt Herman und Peter, zwei jungen
       Juden, die zeichnen können und so helfen, Papiere zu fälschen. Zum Netzwerk
       gehören Hunderte Menschen in Nieuwlande sowie in der Provinz Drenthe und
       weiter entfernten Orten wie De Steeg in Gelderland, die Juden verstecken,
       Geld spenden, Lebensmittelkarten erbetteln und Kurierrollen einnehmen.
       
       In dieser Zeit beginnt Douwes sein Tagebuch. Der erste Eintrag ist vom 3.
       Juli 1943. Die codierten Notizen versteckt er in Marmeladengläsern, die er
       im Garten vergräbt. In seinen Einträgen wird offenbar, wie viel Arbeit,
       Selbstaufgabe und Mut nötig war, um die Menschen vor den
       Nationalsozialisten zu verstecken. Vor allem in Drenthe. Denn die Provinz
       gehört damals zu den ärmsten in den Niederlanden und ist eine Hochburg des
       NSB, der niederländischen Variante der NSDAP. In diesem Umfeld Familien zu
       finden, die mitmachen und schweigen, ist äußerst schwierig und hochriskant.
       
       Arnold Douwes hat eine ganz eigene Strategie, Menschen zu überzeugen, sich
       an den Rettungsaktionen zu beteiligen: Er schwindelt sie an. Zunächst
       appelliert er an ihre christliche Überzeugungen, versichert ihnen, dass der
       Unterschlupf maximal für wenige Tage benötigt werde und er die Juden und
       Jüdinnen dann wieder abhole. „Wir haben alle angelogen. Die, die auf der
       Flucht waren, und die, die Unterschlupf bieten sollten. Denen auf der
       Flucht haben wir gesagt: Wir haben Platz, ihr könnt kommen! Aber wir hatten
       keinen Platz“, [8][erzählt Douwes 1988 in einem Interview] mit dem United
       States Holocaust Memorial Museum. „Wir haben gesagt, wir kommen in zwei
       Wochen wieder und holen sie ab. Aber wir sind nicht wiedergekommen.“
       
       Angesichts des steten Stroms neuer Schützlinge sind Douwes und seine Leute
       ununterbrochen auf der Suche nach neuen Unterkünften. Dazu kommt, dass
       immer wieder etwas schiefgeht. Es kommt zu Razzien, die Gastgeber werden
       krank, oder es gibt Streit mit den Schützlingen. Längst sind außerdem Nazis
       und die Polizei auf die Beschützer aufmerksam geworden.
       
       24. November 1943 
       
       Es gab Warnungen über Razzien, also sind mehrere Häuser „gesäubert“ worden
       (die Onderduikers sind von den Beschützern herausgeholt und woanders
       versteckt worden; Anm. der Red.). Wir brauchen sofort Platz für eine Mutter
       mit einem zwei Monate alten Baby, zwei ältere Frauen, einen einjährigen
       Jungen, eine 18-Jährige und einen 21-Jährigen.
       
       6. Dezember 1943 
       
       Wir brauchten dringend einen Platz für einen älteren jüdischen Mann in
       Nieuw-Amsterdam. Sein Gastgeber hat sich bei einem Hundekampf schwer
       verletzt. Wir haben einen Platz gesucht, aber die Telefonleitungen nach
       Nieuwlande waren ausgefallen. Der Mann hat sich umgebracht. 
       
       Immer wieder kämpfen sie zudem mit der Skepsis der Anwohner.
       
       13. Dezember 1943 
       
       Nico und ich haben der Bäckerin Frau Jonkers das Versprechen abgerungen,
       dass sie ein jüdisches Mädchen nimmt. „Keinen Jungen, das ist viel zu
       gefährlich mit dieser Beschneidung“ hat sie gesagt. Als wir rausgingen,
       haben wir gesagt, wenn wir einen Jungen haben, kleiden wir ihn einfach als
       Mädchen. Bis sie das rausgefunden hat, hat sie sich an ihn gewöhnt. 
       
       Arnold Douwes wird das nicht ernst gemeint haben, der Tagebucheintrag ist
       Zeugnis seines schrägen Humors. Doch er weiß, warum die Bäckerin so redet:
       Beschnittene Jungen konnten leicht als Juden identifiziert werden. So
       schildert ein jüdischer Überlebender aus Nieuwlande nach dem Krieg, wie er
       als Fünfjähriger von einer Frau auf der Straße angesprochen wurde, die ihm
       einen Apfel anbot – wenn er zunächst Pipi mache und die Hosen runterlasse.
       Das Kind gehorchte, wurde an der Beschneidung erkannt und gefoltert, damit
       es den Aufenthaltsort seiner Verwandten nenne. Man habe ihm Nadeln unter
       die Fingernägel getrieben, erzählt er. Verraten konnte er nichts, weil er
       nicht wusste, wo seine Familie war.
       
       Verwandte grundsätzlich trennen, auch das ist eine Strategie von Douwes und
       seinen Helfern. Denn SS und Polizei sollen, wenn sie ein Versteck
       entdecken, unter keinen Umständen bemerken, dass es eines von sehr vielen
       Verstecken in der Region ist. Während die Nazis ihre Kontrollen
       verschärfen, Häuser durchsuchen und mitunter einen Unterschlupf ausheben,
       ahnen sie nicht, wie nah schon der nächste ist. Hilfreich ist die
       Landschaft – eine Region mit unwegsamen Kanälen, zahllosen kleinen Brücken,
       schwer passierbaren Sandwegen und weit verteilten Höfen.
       
       Auch wenn das Engagement in der Region immer weiter abnimmt und Douwes
       darüber in seinem Tagebuch regelmäßig verzweifelt, findet er weiterhin neue
       Helfer: Familien mit vielen Kindern, wie so häufig in der tief religiösen
       Region, haben plötzlich noch mehr Kinder, manchmal mit gefärbten Haaren.
       Gäste aus dem zerstörten Rotterdam sind das, wenn jemand fragt. Oft werden
       die Onderduikers auch als Landarbeiter eingesetzt. Sally Kimmel, ein
       Schulfreund von Anne Frank, zum Beispiel. Er lebt als 14-Jähriger ein Jahr
       in Nieuwlande und arbeitet auf dem Feld. Kimmel überlebt und wird später
       Physikprofessor.
       
       Wenn Onderduikers wegen Razzien aus den Häusern müssen, werden sie von
       Douwes und seinem Netzwerk in den Wald gebracht. Dort haben sie Höhlen
       gebaut, erreichbar durch unterirdische Gänge, die man noch heute
       besichtigen kann. In ihnen können die Menschen ausharren, bis ein neues
       Versteck gefunden ist. Auch Arnold Douwes übernachtet manchmal dort. Zum
       einen will er so die Familien schützen, die Flüchtlinge aufgenommen haben,
       zum anderen liebt der Gartenbauer es, bei gutem Wetter draußen zu schlafen.
       
       Die Onderduikers brauchen nicht nur Platz, sie brauchen auch Geld und
       falsche Papiere. Also betteln Douwes und seine Freunde, wo es immer möglich
       ist, um Geld, stehlen Formulare oder fälschen Ausweise und
       Lebensmittelkarten. Douwes hat dabei in seinen Notizen ein feines Gespür
       für Anekdoten und Geschichten, die den Horror auflockern. „In Groningen
       wurden 133.000 Lebensmittelkarten direkt aus dem Drucker gestohlen“,
       schreibt er im Mai 1944 trocken über eine Aktion, die Johannes Post mit
       Kollegen der LKP, der Schlägertrupps, durchgeführt hatte.
       
       Nicht selten gibt es Streit zwischen Gastgebern und Gästen. Denn
       Nieuwlande, das ist nicht Amsterdam mit seinen Cafés und Kulturzentren.
       Nieuwlande, das ist Kartoffeln ernten, Torf stechen, Kühe melken. Für viele
       Flüchtlinge aus Amsterdam ist der Umzug ein zivilisatorischer und
       kultureller Schock. Auch diese Konflikte beschreibt Arnold Douwes
       ungeschönt. In seinem Tagebuch taucht unter anderem eine „Tante Aaltje“
       auf, die sich so oft mit ihren Gastgebern streitet, dass diese keine
       Flüchtlinge mehr aufnehmen wollen.
       
       3. November 1943 
       
       Noch mehr Alpträume wegen Tante Aaltje, die ein perverses Vergnügen daran
       hat, wertvolle Verstecke zu verderben.
       
       Oder der Jude, der sich weigert, auf dem Kartoffelfeld zu arbeiten, und
       stattdessen durchs Dorf läuft. Er behauptet, er sei an den falschen Ort
       gebracht worden, schreibt Douwes.
       
       9. Juli 1943 
       
       Ich sagte ihm, dass er sich nicht nur selbst gefährde, indem er
       herumwandert, als wäre er in einer Art Paradies, nachdem er durch die
       Berührung eines Zauberstabs gegen alle Gefahren der Nazis immun gemacht
       worden war. Ich sagte ihm, ich wisse, dass das Ausgraben von Kartoffeln
       harte Arbeit sei, aber nach ein paar Wochen würde er sich daran gewöhnen.
       Außerdem betreiben wir kein Arbeitsamt. 
       
       Oder die junge Jüdin, „Rahab, die Hure“, wie die Helfer sie nennen, weil
       sie sich mit Deutschen trifft und damit Verstecke gefährdet. Douwes redet
       mit ihr, droht ihr, beschimpft sie – und sucht neue Plätze für sie. Wieder
       verlässt sie ihr Versteck.
       
       2. August 1944 
       
       Ich habe ihr gesagt, dass das ihre letzte Chance ist und sie erschossen
       wird, wenn es nicht funktioniert. Es beeindruckt sie nicht. Tante Eef tanzt
       vor Freude, weil sie weg ist. 
       
       Es war zwar selten, kam aber vor, dass Juden erschossen wurden, die den
       Widerstand gefährdeten. Arnold Douwes selbst scheint zwar nie zu dieser
       Maßnahme gegriffen haben. Man gehe aber von landesweit 40 jüdischen
       Menschen aus, die vom Widerstand ermordet wurden, um das System zu
       schützen, sagt Historiker Johannes Houwink ten Cate. Zur Waffe griffen
       dabei Vertreter der LKP, Posts Truppe.
       
       Denn das Schutzsystem funktioniere nur, wenn Regeln befolgt würden, so
       schreibt es auch Douwes in sein Tagebuch. Eine dieser Regeln: Nicht einfach
       so draußen herumlaufen.
       
       19. Mai 1944 
       
       Acht Onderduikers wurden in Op ’t Landschap verhaftet. Sie waren auf einem
       Filmabend, die Arschlöcher. 
       
       Kinder werden von ihren Eltern getrennt. Ehepaare an verschiedenen Orten
       untergebracht, ohne zu wissen, wo der andere ist. Sich frei bewegen, in der
       Landwirtschaft mitarbeiten oder zur Schule gehen darf nur, wer unauffällig,
       also nichtjüdisch, aussieht.
       
       ## Ständig riskiert er sein Leben, dann wird er verhaftet
       
       Dafür galt, beschreibt Douwes, eine Art Katalog, der auch als Geheimcode
       beim Transport genutzt wurde: A1 ist eine alte Frau, sehr jüdisch
       aussehend, A2 eine alte Frau, etwas jüdisch aussehend, A3 eine alte Frau,
       absolut untypisches Aussehen. Typ E: männliches Kind, Typ I junger Mann.
       Darüber hinaus lesen die Retter alle Briefe, die die Onderduikers an ihre
       Verwandten in Amsterdam oder anderswo schreiben, und zensieren sie rigoros
       – niemand soll den Ort lesen oder erraten, an dem die Schreibenden
       versteckt sind.
       
       Doch so kühl die Retter kalkulieren, so hart sie ihre Schützlinge
       behandeln, so weich können sie auch sein, zum Beispiel wenn es um die
       Kinder geht. In den Niederlanden ist der 5. Dezember, der Sinterklaas, das
       wichtigste Kinderfest, oft wichtiger als Weihnachten.
       
       23. November 1943 
       
       Wir haben ganz viele Pläne für Sinterklaas. Alle versteckten Kinder sollen
       was bekommen. Wir haben Taai-Taai-Figuren (Taai-Taai: ein gewürzter süßer
       Keks; Anm. d. Red.) bei dem einen Bäcker bestellt und Spekulatius bei dem
       anderen, die dafür Zucker- und Buttercoupons von uns bekamen. Peter und
       Herman helfen Gedichte schreiben. (…) Von Freitag auf Samstag haben wir gar
       nicht geschlafen, weil wir die Sinterklaas-Geschenke einpacken mussten.
       
       Douwes selbst verzichtet auf Komfort, außer aufs Rauchen. Zum Geburtstag
       freut er sich über „einen ganzen Beutel mit Zigarettenstummeln“.
       
       Und irgendwann geht es auch für ihn einmal um Gefühle: eine kurze Liebe. Im
       Juli 1944 kommen drei flüchtende junge Frauen, Lies, Ans und Tiet nach
       Nieuwlande. Die drei befreundeten Retter, Herman, Peter und Arnold Douwes
       verlieben sich, Herman in Ans, Peter in Tiet und Douwes in Lies.
       
       31. Juli 1944 
       
       Wir alle drei sind von Amors Pfeil getroffen worden. Diesen Nachmittag sind
       wir zum Versteck gegangen. Herman und Ans sind vorausgegangen „um
       Heidelbeeren zu pflücken“, aber ihr kleiner Korb war leer. Wir kamen etwas
       später. Peter und Kitty kamen nach uns, weil sie „ein Taschentuch suchen
       mussten“, das Kitty verloren hat. 
       
       Das Glück dauert nur ein paar Tage. Lies kommt von einer Reise zu ihrer
       Schwester nicht zurück, Tiet ebenfalls nicht. Frustriert sitzt Douwes bei
       einer seiner Gastgeberfamilien, den Dijks, bei der er manchmal isst und
       schläft.
       
       5. August 1944 
       
       Da saßen wir mit den 125 Dahlien, die wir gekauft hatten. Ich habe
       vorgeschlagen, dass wir sie alle köpfen und nur die Stengel übrig lassen,
       aber Frau Dijk hat mich gehört und gesagt: Vorher schneide ich dir die
       Ohren ab. 
       
       Arnold Douwes riskiert wie seine Kameraden ständig sein Leben. Er wird
       gesucht, das weiß er, und er weiß, dass er hingerichtet würde, sollte er
       entdeckt werden. Am 19. Oktober 1944 schläft er ausnahmsweise mal wieder
       bei Familie Dijk, er ist müde, gerade erst hatte er Kartoffeln, Kohl und
       Zwiebeln zu ihnen gebracht. Die Dijks warnen ihn, er sei hier derzeit nicht
       sicher, trotzdem bleibt er. Als mitten in der Nacht niederländische SSler
       und der deutsche Sicherheitsdienst ins Haus kommen, um ihn zu suchen,
       entscheidet er, nicht zu fliehen. Denn mit seiner Flucht, schreibt Douwes
       später, wäre das Haus durchsucht worden und man hätte nicht nur die
       Lebensmittel entdeckt, sondern auch mehrere versteckte Jüdinnen und Juden.
       
       Also wird er verhaftet, in ein Gefängnis gebracht und gefoltert. Es ist ein
       sensationeller Erfolg für die Nazis, den Mann erwischt zu haben, der alle
       Namen, alle Verstecke der Juden und Jüdinnen im Ort kennt – aber Douwes
       lügt und schweigt, zwei Monate lang. „Wenn Arnold redet, ist die Hälfte von
       Süd-Drenthe verloren“, schreibt sein Freund Max Léons in seinen
       Erinnerungen.
       
       Zuletzt wird Douwes nach Assen verlegt, in ein berüchtigtes
       Untersuchungsgefängnis. Dann wird, so erzählt Léons, ein Hinrichtungstermin
       festgelegt, der 12. Dezember 1944. Doch einen Tag davor werden Douwes und
       31 weitere Inhaftierte von einer LKP-Gruppe befreit. Sie verkleiden sich
       als SS-Chargen, stürmen das Gefängnis und bringen die Gefangenen nach
       wenigen Minuten raus. Zum Auto kann Douwes kaum gehen, „sie haben ihn so
       geschlagen, dass er das Gefängnis mit offenen Wunden verlässt“, so
       beschreibt es Max Léons.
       
       Zurück nach Nieuwlande kann Douwes danach nicht, er wird gesucht. Er kommt
       bei Familien in der Provinz unter, muss aber immer wieder seine Verstecke
       wechseln. Die Gegend wimmelt jetzt von Nazis, die versuchen, den Alliierten
       auszuweichen, und nach Deutschland wollen. Aber Douwes überlebt und kehrt
       nach dem Krieg nach Nieuwlande zurück. Dort sammelt er seine
       Marmeladengläser mit den Tagebuchnotizen ein, insgesamt 35 Notizbücher, und
       überarbeitet sie.
       
       Und er trifft 1945 Henriëtte „Jet“ Reichenberger wieder, die er Anfang 1944
       als 20-Jährige für einige Wochen in Nieuwlande versteckt hatte. Schon
       damals hatten sich die beiden gut verstanden, aber erst jetzt, nach dem
       Krieg, funkt es zwischen ihnen. 1946 heiraten sie.
       
       Doch Arnold Douwes bleibt unruhig, er wandert mit seiner Familie nach
       Südafrika aus, wo sich seine Schwester schon länger niedergelassen hat. Er
       und Jet bekommen drei Töchter und einen Sohn, der kurz nach der Geburt
       stirbt.
       
       Die Familie zieht immer wieder um. Denn auch nach dem Krieg gerät Douwes
       immer wieder in Schwierigkeiten, weil er mit Vorgesetzten streitet oder mit
       Protesten gegen die Apartheid auffällt.
       
       1956 ziehen die Douwes nach Israel, wo der strenge Vater seinen Töchtern
       Radio, Partys und Kino verbietet und ständig über den Krieg spricht. Die
       Familie bleibt arm. Irgendwann hält Jet es nicht mehr aus und lässt sich
       scheiden. 1984 zieht der 77-Jährige Douwes in die Niederlande, wo sich
       seine Nichte bis zu seinem Tod 1999 um ihn kümmert.
       
       In den Jahren nach dem Krieg versucht er immer wieder, sein Tagebuch zu
       veröffentlichen. Schon kurz nach 1945 reicht er es beim NIOD ein, das nicht
       darauf reagiert. Viele Jahre später, nach der Ehrung von Yad Vashem,
       diskutiert er mit der Gedenkstätte ebenfalls über eine Veröffentlichung.
       Warum das trotz aller Bemühungen nicht gelingt, bleibt selbst den
       Historikern, die das Tagebuch 2019 veröffentlichen, ein Rätsel. Denn
       während die Biografie von Johannes Post, veröffentlicht 1948, den
       Widerständler zu einer landesweiten Berühmtheit machte, fand „Das geheime
       Tagebuch des Arnold Douwes“ auch nach seiner Veröffentlichung 2019 wenig
       Beachtung, erzählt Historiker Houwink ten Cate.
       
       In Nieuwlande versucht man die Erinnerung an Arnold Douwes und seine Leute
       indes hochzuhalten. Hier kümmern sich seit Jahren Dutzende Ehrenamtliche um
       das Vermächtnis der Retter. „De Duikelaar“, der Taucher, haben sie das
       Museum genannt – wie die Untergrundzeitung, die Herman und Peter regelmäßig
       herausgaben. In dem ehemaligen Schulgebäude, einem von Rasen umrahmten
       grauen Flachbau, können Besucher die Geschichten der Onderduikers nachlesen
       und Interviews mit Zeitzeugen anschauen. Auf einer Landkarte sind alle Höfe
       und Unterschlüpfe eingezeichnet, manche Verstecke wurden nachgebaut.
       
       In einem der Häuser, in denen Onderduikers untergebracht waren, stand ein
       Spruch an der Wand, der im Museum nachzulesen ist. „Uw vriend heeft een
       vriend, de vriend van uw vriend heeft ook weer een vriend, weet zu
       zwijgen.“ Dein Freund hat einen Freund, und der Freund deines Freundes hat
       auch einen Freund – wisse zu schweigen.
       
       Das Dorf, das einst schwieg, hat heute viel zu erzählen.
       
       *Auszug aus „The Secret Diary of Arnold Douwes“, übersetzt aus dem
       Englischen von Maike Rademaker
       
       5 Jul 2026
       
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