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       # taz.de -- Iran bei der Fußball-WM: Nationalistische Projektionsfläche einer Männerherrschaft
       
       > Einfach nur Fußball gucken, ganz ohne Politik, ist für Iraner:innen
       > oft nicht drin. Das liegt nicht nur an der Zensur der Bilder aus dem
       > Stadion.
       
   IMG Bild: Treffer für Iran: Ball im Tor, Flaggen dahinter
       
       Das Ergebnis ist nicht das Wichtigste. Statt dem 2:2-Unentschieden, das die
       Fußballer in der Nacht auf Dienstag gegen Neuseeland erzielten, achteten
       die Iraner:innen im In- und Ausland vor allem auf die Vielzahl
       politischer, symbolischer und identitärer Konflikte, die den iranischen
       Fußball erneut in ein Schlachtfeld konkurrierender Narrative verwandelt
       haben. „168“ stand auf den goldenen Anstecknadeln, die die Spieler am
       Sonntag trugen, als sie in Mexiko aus dem Flugzeug stiegen.
       
       Das Regime hatte mithilfe des Teams die Opfer des Angriffs auf die
       Mädchenschule von Minab instrumentalisiert. Und nun, Dienstagmorgen, finden
       sich vereinzelt auch solche Plakate unter den Zuschauer:innen im
       Stadion. Dabei will die Fifa seit Jahren gegen politische Bekundungen im
       Stadion vorgehen.
       
       Die Islamische Republik versucht, die Nationalmannschaft zur Stabilisierung
       von Legitimität und nationaler Einheit zu nutzen, will mit ihr Massaker und
       Verluste im Krieg vertuschen. Doch auch Teile der Opposition, insbesondere
       monarchistische Gruppen, instrumentalisieren das Team, um über ihre
       Misserfolge hinwegzutäuschen.
       
       Schahsohn Reza Pahlavi, der sich während des Krieges mit der Ansage „Das
       Regime wird bald fallen“ mit Trump und Netanjahu solidarisierte und
       versprach, „bald in den Iran zu reisen“, ruft jetzt seine Anhängerschaft
       dazu auf, den Fußball als Bühne für alternative nationale Symbole wie die
       Flagge mit dem Löwen und der Sonne zu nutzen. Immer wieder sind
       Ordner:innen im Stadion damit beschäftigt, die Fahnen einzusammeln.
       
       ## Geschlechtsspezifische Diskriminierung
       
       Der Fußball, so positiv ihn Regime und Teile der Opposition darstellen
       wollen, ist für viele Iraner:innen eng mit struktureller Ausgrenzung
       verbunden, vorwiegend mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung. Seit
       Jahrzehnten sind Frauen vom Zutritt zu Fußballstadien ausgeschlossen; der
       Name Sahar Chodayari, bekannt als das „Blue Girl“, ist dabei zu einem
       bleibenden Symbol geworden: eine Frau, die nach dem Versuch, ein Stadion zu
       betreten, strafrechtlich verfolgt wurde und sich 2019 aus Protest selbst
       verbrannte.
       
       Während der Proteste „Frau, Leben, Freiheit“ wurde Fußball in Iran zu einem
       der politisch aufgeladensten sozialen Felder. Während sich das Land 2022
       inmitten massiver Proteste befand, trat die Nationalmannschaft bei der
       Weltmeisterschaft in Katar an – und Fußball wurde unmittelbar mit
       politischer Gewalt verknüpft: Regimekräfte erschossen Mehran Samak, einen
       27-jährigen Mann aus Bandar Anzali, nach öffentlichen Feiern im
       Zusammenhang mit dem Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der WM. Das war
       kein Einzelfall.
       
       Und auch die Sportler selbst gerieten in den vergangenen Jahren ins Zentrum
       staatlicher Repression: Navid Afkari, ein iranischer Ringer, wurde im Jahr
       2020 in Zusammenhang mit landesweiten Protesten hingerichtet; der
       Karatekämpfer Mohammad Mehdi Karami nach den Protesten von 2022. Andere
       Sportler wie Ali Daei werden wirtschaftlich und in Bezug auf ihre
       Sicherheit eingeschränkt oder verhaftet, etwa Voria Ghafouri.
       
       ## Zwischen Sportlichkeit und staatlichen Machtgefühlen
       
       Auch die Situation rund um Sardar Azmoun, den vielleicht besten Spieler
       Irans, wird von vielen nicht rein sportlich interpretiert. Während der
       Proteste 2022 äußerte er sich solidarisch mit Demonstrierenden und geriet
       später in Konflikt mit offiziellen und staatsnahen Medien. Jetzt, zur WM,
       dem größtmöglichen Auftritt für Fußballer, wurde er vom Team
       ausgeschlossen. Nicht so der Nationaltrainer Amir Ghalenoei, dem Nähe zum
       staatlichen Machtgefüge nachgesagt wird.
       
       Daneben existiert aber noch eine weitere Stimme, die der Erschöpfung:
       „Lasst uns doch einfach Fußball schauen“, sagen manche Iraner:innen
       immer wieder.
       
       Doch in der heutigen iranischen Realität ist diese Distanz kaum noch
       möglich. Längst hat der Fußball die Grenzen des Sports überschritten und
       ist zu einem Raum geworden, in dem Politik, Identität, kollektives
       Gedächtnis und Gewalt untrennbar miteinander verwoben sind. Deshalb hat das
       Regime das Spiel in Los Angeles in seinen Staatsmedien ausgestrahlt und
       gefeiert – natürlich mit Zeitverschiebung, um politische Äußerungen im
       Stadion auch gut zensieren zu können.
       
       16 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Mina Khani
       
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