# taz.de -- Sexarbeit im Berliner Kurfürstenkiez: Schutzraum für die einen, Störfaktor für die anderen
> Mit der voranschreitenden Gentrifizierung im Kurfürstenkiez wird die
> Forderung nach Sperrbezirk lauter. Derweil sind Hilfsangebote für
> Sexarbeiter*innen bedroht.
IMG Bild: Bilder aus dem Frauentreff Olga, in dem seit 1987 Sexarbeiter*innen versorgt werden
Die Huren sind seit 150 Jahren da, die Zugezogenen höchstens seit 15. Wer
muss den Kiez räumen? Natürlich die Sexarbeiter*innen. Nach fast 40 Jahren
verliert die Kurfürstenstraße mit dem Frauentreff Olga voraussichtlich eine
der wichtigsten [1][niedrigschwelligen Anlauf- und Beratungsstellen für
drogenkonsumierende Frauen, Trans*frauen und Sexarbeiter*innen.] Der
Mietvertrag der Einrichtung läuft im Juli 2027 aus.
„Wenn der Frauentreff Olga wegfällt, ist niemand mehr da, der diese
Menschen auffängt“, sagt Caspar Tate. „Dann werden Probleme, die man
frühzeitig hätte bearbeiten können, eskalieren. Und für die Nachbarschaft
werden die Konflikte präsenter.“ Tate ist Sexarbeiter und seit 2019 tätig
bei Trans*sexworks, einer selbstorganisierten Beratungsstelle für trans*-,
inter*- und nicht-binäre Menschen. Er ist überzeugt: „Wenn Olga weg ist,
werden einige Frauen auf der Straße sterben.“
Seit 1987 versorgt der Frauentreff Olga Sexarbeiter*innen, vor allem aus
der Armutsprostitution, mit Kondomen, warmen Mahlzeiten, Kleidung und
Konsumutensilien für den Drogengebrauch. Die Einrichtung stellt Duschen und
Ruhemöglichkeiten, es gibt medizinische Unterstützung, Zugang zu
Suchthilfe- und Ausstiegsangeboten. Mit dem Angebot werden täglich rund 80
Menschen erreicht. Darüber hinaus bieten Sozialarbeiter*innen
Sprechstunden für Anwohner*innen an.
„Das große Ziel, ist im Kiez zu bleiben“, sagt Arthur Coffin vom
Drogennotdienst, dem Träger von Olga. Klient*innen hätten sich in einem
Brief direkt an den Vermieter gewandt und ihre Ängste geschildert, doch es
habe kein Interesse an einem Gespräch gegeben. Eine Petition, die den
Erhalt der Einrichtung fordert, zählt inzwischen über 2.500 Unterschriften.
Der Titel lautet „Schutzräume statt Luxus-Café“, denn der Frauentreff soll
einem Café weichen. Die Vermieterin sprach in dem Zusammenhang in einem
Beitrag im RBB von einer „positiven Gentrifizierung“.
## Anwohner*innen demonstrieren gegen Sexarbeiter*innen
Wie positiv die Verdrängung ist, ist umstritten. Fakt ist: In den
vergangenen Jahren wurden Neubauten mit teuren Eigentumswohnungen
hochgezogen, Traditionsorte wie das LSD-Kino und die Woolworth stehen vor
dem Abriss, während Sternerestaurants und Designerlabels einziehen. Die
Sexarbeiter*innen sind den Zugezogenen ein Dorn im Auge. Eine
Sozialarbeiterin von Olga berichtet, dass diese in der Vergangenheit von
Anwohner*innen mit Wassereimern überschüttet und mit Pizzen beworfen
worden seien. Für den 25. Juni haben Anwohner*innen eine Demonstration
auf dem Kirchplatz der Zwölf-Apostel-Gemeinde angemeldet unter dem Motto
„Unser Kiez, unser Zuhause“. Sie fordern ein härteres Vorgehen gegen
Drogenkriminalität sowie ein Sperrgebiet für Straßenprostitution in der
Nähe von Kitas, Schulen und Seniorenheimen.
Für Arthur Coffin steht fest: „Es ist eindeutig ein Verdrängungskampf.“
[2][Käufer*innen von Eigentumswohnungen seien luxuriöse Immobilien
versprochen worden, ohne über den Kiez aufgeklärt worden zu sein]. Manche
von ihnen würden sich verhalten, als seien sie schon immer dort gewesen,
kritisiert er. Ein Zugezogener sagte etwa dem RBB empört: „Das Olga hier
direkt neben dem Wohngebiet anzusiedeln und zu dulden, das ist eine Farce.“
Caspar Tate von Trans*sexworks dreht den Spieß um: „Dieser Straßenstrich
existiert seit 1885. Warum hat man ein Jugendzentrum und eine Kita an einen
aktiven Straßenstrich gebaut? Warum sollen die Frauen, die hier über
Generationen hinweg gearbeitet haben, ihren Arbeitsplatz verlieren?“ Er
vermutet hinter den Demoanmelder*innen Zugezogene. Alteingesessene
hätten eine höhere Akzeptanz gegenüber Sexarbeiter*innen. Auch wenn sie
zunehmend frustriert seien, bestehe Einigkeit darin, dass die Ursachen von
Armut und sozialen Problemen strukturell gelöst werden müssten.
Sebastian Walter, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im
Abgeordnetenhaus, teilt diese Einschätzung. „Es kommt zu mehr Verwahrlosung
im Kiez, es halten sich mehr Menschen mit multiplen Problemen wie Drogen,
Obdach- und Wohnungslosigkeit auf“, so der queerpolitische Sprecher.
Ursache seien auch Verdrängungseffekte: Wenn anderswo geräumt werde, etwa
am Zoo, oder der Görlitzer Park geschlossen wird, verschiebe sich das
Geschehen dorthin. „Es braucht eine gesamtstädtische Strategie.“
## CDU fordert Sperrbezirk
[3][Die Berliner CDU fordert derweil ein stadtweites Verbot von
Straßenprostitution.] Im Wahlprogramm heißt es, sie werde zuerst im
Kurfürstenkiez und rund um den Nollendorfplatz verboten. CDU-Fraktionschef
Dirk Stettner sagte der B.Z.: „Die Frauen werden unter unfassbaren
hygienischen Bedingungen ausgebeutet, Kinder und Jugendliche direkt mit
gekauftem Sex, Drogen, Gewalt konfrontiert.“ Sein Fazit: „Wir müssen
Straßenstriche in ganz Berlin verbieten.“
Caspar Tate, der Peer-to-Peer Beratung auf der Straße macht, widerspricht
dieser Darstellung. Außerdem sei ein Sperrbezirk keine nachhaltige Lösung,
so der Sexarbeiter: „Das Problem wird dadurch nur verlagert.“ Erste
Sexarbeiter*innen seien bereits auf den Leopoldplatz ausgewichen. Das
Problem ist, dort erreichen Hilfsangebote Sexarbeiter*innen nur
schwerer. Ähnliche Kritik kommt von Linken, Grünen und SPD. Sie fordern
starke Hilfsangebote und echte Ausstiegsperspektiven. Tate ergänzt: „Es
braucht bessere Gesundheitsversorgung, einen wirksamen Schutz vor Gewalt,
Ausbau von Streetwork und Notübernachtungen, die rund um die Uhr offen
haben und auch Trans*menschen reinlassen.“
Doch selbst Versuche, eigene Strukturen zu schaffen, scheiterten.
Trans*sexworks plante an der Froben- Ecke Bülowstraße das Nachtcafé Julia
samt Beratungsstelle, Küche, Duschen und Schlafplätzen. Obwohl die
Finanzierung durch Stadt und Bezirk gesichert war, zog die Gewobag den
Mietvertrag im letzten Moment zurück. Stattdessen solle ein Zahnlabor
einziehen, das sei für den „Grundbedarf im Kiez besser geeignet“.
Inzwischen ist ein Friseur in den Räumen. Tate kann die Entscheidung nicht
nachvollziehen: „Die Nachbarn haben das massiv unterstützt. Es wäre eine
Entlastung für den Kiez gewesen.“
Die CDU will am Mittwoch in der Bezirksverordnetenversammlung die
Einrichtung eines Sperrbezirks fordern, inklusive der Einstufung des Kiezes
als kriminalitätsbelasteten Ort (KbO), was anlasslose Kontrollen
ermöglichen würde. „Geht es der CDU noch um eine Lösung für den Kiez oder
darum, Wahlkampf zu machen?“, fragt Grünen-Politiker Sebastian Walter. Für
ihn steht fest: „Der Kiez ist herausfordernd und es muss mehr passieren,
aber die Forderung eines Sperrbezirks löst keine Probleme, sondern führt
nur zur Verdrängung und Illegalisierung.“
17 Jun 2026
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## AUTOREN
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