# taz.de -- Seltsamer Kiosk in Regensburg: Vom Fliegenpilz, der zum Glückspilz wurde
> In Regensburg steht ein als Fliegenpilz gestalteter Kiosk aus den 1950er
> Jahren. In den 2020ern half der Kiosk, den Drogenhandel einzudämmen. Wie
> bitte?
IMG Bild: Eine wirklich markante und gut duftende Anlaufstelle
Diese Geschichte hat in den 1950er Jahren ihren Anfang, es soll wieder
aufwärts gehen in Deutschland, wirtschaftlich und mental. In Wangen im
Allgäu baut die Firma Waldner Maschinen für die Milchproduktion, inspiriert
vom örtlichen Kuhaufkommen und laut Selbstdarstellung weltweit erfolgreich.
Der damalige Chef Anton Waldner ist Anfang 30 und ein Geschäftsmann mit
Weitblick: Wo Milch ist, braucht es Milchtrinker*innen, also muss der
Milchdurst angekurbelt werden. Waldner denkt sich einen Kiosk aus, an dem
[1][Milch] verkauft werden soll. Der Kiosk soll klein und schnell
aufzubauen sein.
## Rote Kappe, weiße Punkte
Ob mit Hilfe von Halluzinogenen ersonnen oder auch nicht: Waldner gibt dem
Kiosk die Form eines überdimensionalen Fliegenpilzes. Ein Kiosk mit 4,80
Meter Durchmesser, über vier Meter hoch, rote Kappe, weiße Punkte.
Daran kommt niemand vorbei: Die alten Säcke nicht, die den Milchpilz für
eine amerikanische Albernheit halten. Die Kinder nicht, die Fliegenpilze
aus Märchen und den „[2][Lurchi“-Comics] dieser Zeit kennen. Die
Jugendlichen nicht, die beim Milchpilz einen mondänen Bananenshake trinken
– den alten Säcken zum Trotz.
Waldner [3][verkaufte insgesamt 49 Exemplare] des Milchpilzes, einer davon
geht nach Regensburg. Ein Milchpilz in Ostbayern? Nein, in Regensburg heißt
er Milchschwammerl. Oder auch nur Schwammerl. Sein Standort ist in einer
Parkanlage zwischen Bahnhof und Innenstadt.
Der Regensburger Milchpilz steht [4][seit 2003 unter Denkmalschutz] und hat
viel erlebt: Die Milch ist ihm abhanden gekommen in einer Phase, in der er
als Dönerbude genutzt wurde.
Den Optimismus hat er verloren, als um ihn herum der Drogenhandel florierte
und es auf einmal hieß, Regensburg habe einen Brennpunkt. Eine No-go-Area
im pittoresken Regensburg. Ausgerechnet um das Schwammerl herum. Das war
die Lage Anfang des Jahrzehnts. Und heute geht es dem Schwammerl so gut,
wie lange nicht.
In die Brennpunktzeit hinein kam Florian Rottke, der das Schwammerl im Jahr
2022 übernahm. Rottke hatte zunächst mit Jugendlichen zu tun, die am
Schwammerl Lachgas aus Sahnekapseln konsumierten und mit zwei bis drei
Leuten, die zwar dealten, dies aber geräuschlos.
Danach, im Frühjahr 2023 wechselte das Milieu. Die Dealer wurden mehr, sie
wurden lauter und aggressiver. „Die waren auf Krawall gebürstet, es gab
Pfeifkommandos, sie hatten Stress untereinander“, sagt Rottke. „Sie haben
Passanten angepöbelt und Frauen nachgepfiffen. Dann ist das in der
öffentlichen Wahrnehmung eskaliert.“
Die Dealer, das war schnell klar, kamen aus dem [5][Regensburger
Ankerzentrum] für Geflüchtete. Für die örtliche AfD und für Teile der
Presse ein gefundenes Fressen: von einem „Ort der Angst“ und
„Migranten-Gangs“ war zu lesen, und dann machte auch noch die Nachricht von
einer Vergewaltigung die Runde. Später stellte sich heraus, dass die
Vergewaltigung eine Erfindung gewesen war. Aber der [6][Politik reichte es
so oder so]: Die Polizei stellte dem Schwammerl einen dauerparkenden
Streifenwagen zur Seite, baute neue Straßenlampen auf und installierte eine
Videoüberwachung. Das verdrängte die Dealer. Problem offiziell gelöst,
inoffiziell geht es in einer anderen Ecke weiter.
Florian Rottke gehört selbst dem Regensburger Stadtrat an über ein Mandat
der sozial-progressiven, von Ex-SPDlern gegründeten Partei Die Brücke. Das
Mittel der Videoüberwachung ist ihm nicht sympathisch, aber, so schrieb er
in einem Gastbeitrag für die deutsch-türkische Zeitschrift Haber, „hier im
Park ist sie vielleicht für den Moment eine notwendige Unterstützung“.
## Der Pilz in einer integrativen Rolle
Die Rolle des Schwammerls sieht er als integrativ an, als Ort des
Austauschs. Als die Lage noch nicht eskaliert war, tranken die Dealer bei
ihm ihren Espresso und die Polizei wollte wissen, wie die Lage ist. Rottke
hat versucht, eine Brücke zu bauen – dem Programm seiner Partei
entsprechend.
Als die Gangart der Dealer rauer wurde, halfen keine Brücken mehr. Rottke
versuchte trotzdem zu deeskalieren – Alarmismus gab es seitens der
Boulevardpresse genug.
Und dann passierte noch etwas: Das Schwammerl zog am Konflikt unbeteiligte
Menschen an – einfach, weil es dort einen guten [7][Kaffee] in guter
Atmosphäre gab. Für die sorgte Rottke mit Ideen wie dieser: Wer mag, kann
für seinen Kaffee doppelt bezahlen und wer kein Geld hat, kann fragen, ob
jemand doppelt bezahlt hat. Falls ja, kriegt der*die Geldlose einen Kaffee
spendiert. Von Unbekannt.
Kürzlich wurde außerdem gegenüber vom Schwammerl eine Open-Air-Tanzfläche
eingeweiht. Dort trifft sich nun im Sommer unter anderem die Regensburger
Tangoszene zum Freilufttanz. Das heißt: Der Ort wird belebt. Für
potenzielle Drogendealer ist das Gift.
„Der Ansatz ist empfehlenswert“, sagt Rottke. Und so klingt die Geschichte
vom Regensburger Milchschwammerl ein bisschen wie ein Märchen: Es war
einmal ein Fliegenpilz, der zum Glückspilz wurde.
14 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Milch/!t5014739
DIR [2] https://www.lurchis-welt.de/
DIR [3] https://www.waldner.de/de/ueber-uns/milchpilz/
DIR [4] https://www.geodaten.bayern.de/denkmal_static_data/externe_denkmalliste/pdf/denkmalliste_merge_362000.pdf
DIR [5] /Fluechtlingsunterkuenfte-in-Bayern/!5760626
DIR [6] https://www.bayern.de/herrmann-mehr-sicherheit-in-regensburg-2/
DIR [7] /Kaffee/!t5010887
## AUTOREN
DIR Klaus Irler
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