# taz.de -- Innenministerkonferenz ab Mittwoch: Abschiebefantasien der Union
> Auf der Innenministerkonferenz wird erneut über die Rückkehr von
> Syrer*innen in ihre alte Heimat diskutiert.Konflikt ist dabei
> vorprogrammiert
IMG Bild: Abschottung und Abschiebung bleibt ein beherrschendes Thema beim Treffen der Innenminister*innen
„Ich brauche die – bei allem Respekt für das, was Unionspolitiker fordern“,
sagt Peter Bollhagen. „Die“ – das sind die Syrer, die in seinem
Malerbetrieb in Bremen arbeiten. Angesichts des ständigen Mangels an
Personal und Auszubildenden ist der Malermeister überzeugt: „Handwerk wird
ohne Zuwanderung nicht funktionieren.“
Bilal, der seinen Vornamen nicht nennen will, ist einer der derzeit sieben
Syrer, die in dem Betrieb arbeiten, und sieht das genauso. Im Herbst soll
er das Geschäft übernehmen, wenn Bollhagen sich aus dem Tagesgeschäft
zurückzieht. Er sagt: „Ich habe mir hier ein Leben aufgebaut, zahle meine
Steuern, bin Vater geworden.“
[1][Es gibt Tausende Geschichten] wie die von Bilal: Menschen, die aus
einem verwüsteten Land flohen und heute die deutsche Gesellschaft
mittragen. Trotzdem diskutiert die Politik ab Mittwoch erneut, ob die
Syrer*innen gehen sollen. Bei der Innenministerkonferenz (IMK) in
Hamburg hat das unionsgeführte Hessen das Thema auf die Tagesordnung
gesetzt.
Hessens CDU-Innenminister Roman Poseck forderte schon vor der dreitägigen
Konferenz, Abschiebungen nach Syrien auszuweiten. Bisher wurden Deutschland
nur einzelne Straftäter dorthin zurückgezwungen. Indirekt machte Poseck
deutlich, dass möglichst viele der 900.000 Syrer*innen in Deutschland
zurückkehren sollten. Rund zwei Drittel von ihnen besitzen einen temporären
Schutztitel, der ihnen zumindest theoretisch wieder entzogen werden kann.
## Einigkeit bei Dublin-Fällen
Unions-Bundespolitiker*innen fordern das seit Monaten immer wieder. [2][Im
Frühjahr nannte Bundeskanzler Friedrich Merz als Ziel, 80 Prozent der
Syrer*innen sollten gehen], erklärte dies später aber als
Missverständnis.
Die SPD-Minister*innen unter Führung Niedersachsens widersprechen solchen
Forderungen auf der IMK. Sie haben einen Antrag an den ebenfalls anwesenden
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) eingebracht: Er solle eine
verlässliche Bleibeperspektive für alle Syrer*innen schaffen, die
arbeiten. Das müsse auch für jene gelten, die bisher nur geduldet sind,
also keinen Aufenthaltstitel haben, aber nicht abgeschoben werden können,
etwa weil sie eine Ausbildung machen.
Einigkeit herrscht unter den Ländern dagegen darüber, dass der Bund künftig
die Bearbeitung der sogenannten Dublin-Fälle übernehmen soll. Dabei geht es
um Geflüchtete, die zwar nach Deutschland kamen, deren Asylantrag aber
eigentlich andere Staaten prüfen müssten, weil sie dort zuerst EU-Boden
betraten. Bisher liegt die Abschiebung solcher Personen bei den Ländern,
die Bundesregierung will die Verfahren zentralisieren. Geschehen ist
bislang nichts.
„Wer für ein Verfahren zuständig ist, muss die Menschen auch wieder
aufnehmen“, sagte die Innensenatorin Bremens, Eva Högl, der taz vorab:
„Eine bessere Abstimmung und eine zentrale Steuerung der Rückführungen
können dabei helfen.“
Wiebke Judith, rechtspolitische Sprecherin von Pro Asyl, sagte der taz:
„Für die Betroffenen ist egal, wer die Abschiebung durchführt – für sie
geht es vor allem um die Frage, in was für eine Situation sie abgeschoben
werden.“ Die Innenminister*innen sollten aufhören nur über
Abschottung zu sprechen und stattdessen dafür sorgen, dass Geflüchtete den
Schutz bekommen, den sie bräuchten.
## Die Sorge vor einem ersten AfD-Innenminister
Abseits des Migrationsthemas wollen die Innenminister*innen auch über
öffentliche Sicherheit und Zivilschutz sprechen. Dafür ist auch
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius vor Ort. Er stellte Mitte Mai
zusammen mit Dobrindt einen „Pakt für Zivilschutz“ vor. Dieser soll 10
Milliarden Euro umfassen, mit denen unter anderem eine neue Kommandostelle,
Ausrüstung für Helfer*innen und Warntechnik finanziert werden.
Hintergrund sind Sorgen vor einem Krieg mit Russland.
Und dann ist da noch die AfD. Die IMK in Hamburg könnte die letzte ohne
Beteiligung der extrem rechten Partei sein. In Umfragen zur Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt liegt die AfD nahe an der absoluten Mehrheit. Erstmals seit
1945 könnte damit eine rechtsextreme Partei in einem Bundesland regieren –
und einen Innenminister stellen. [3][Das hätte beim Thema Sicherheit
weitreichende Folgen.]
So kündigt die AfD seit Langem an, in diesem Fall das Landesamt für
Verfassungsschutz umzubauen. In der Innenministerkonferenz liegt nach
taz-Informationen nun eine Beschlussvorlage vor, wonach die
„Zentralstellenfunktion“ des Bundesamts für Verfassungsschutz gestärkt
werden soll – eingebracht aus Mecklenburg-Vorpommern. Das böte die
Möglichkeit, dass das Bundesamt in Sachsen-Anhalt im Ernstfall eingreifen
könnte. Wie das konkret aussehen würde, sagt keiner der Beteiligten.
Möglich wäre, dass das Bundesamt dann etwa Personal oder Daten zum Thema
AfD oder Rechtsextremismus an sich zieht.
Außerdem wird erwogen, künftig mehr Sperrvermerke für sensible
Informationen einzuführen, die dann nicht mehr allgemein zugänglich wären.
Für den Fall, dass ein AfD-Innenminister künftige Innenministerkonferenzen
blockieren könnte, da dort bislang Einstimmigkeit erforderlich ist, erwägt
man, dieses Prinzip in einem solchen Fall abzuschaffen.
16 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Fachkraeftemangel-in-Deutschland/!6057702
DIR [2] /Abschiebungen-nach-Syrien/!6167761
DIR [3] /Drohende-AfD-Regierung-in-Ostdeutschland/!6177987/
## AUTOREN
DIR Frederik Eikmanns
DIR Konrad Litschko
## TAGS
DIR Innenminister
DIR Syrer
DIR Abschiebung
DIR Sachsen-Anhalt
DIR Innenministerkonferenz
DIR Schwerpunkt AfD
DIR GNS
DIR Alexander Dobrindt
DIR Innenministerkonferenz
DIR Migration
DIR Schwerpunkt AfD
DIR Justizministerkonferenz
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Sicherheit in den Bundesländern: Innenminister suchen die Nähe zur Bundeswehr
Bei der Innenministerkonferenz ging es auch um den Aufbau „ziviler
Verteidigungsfähigkeit“. Erstmals war bei dem Treffen ein
Verteidigungsminister zu Gast.
DIR Innenministerkonferenz in Hamburg: Scharfe Töne gegen Ausländer
Innenminister der Länder wollen Kampf gegen Missbrauch von Sozialleistungen
verstärken und Hürden für Abschiebung straffälliger Flüchtlinge senken.
DIR Konferenz der Innenminister: Fest im Kopf verankert
Immer wieder steht das Thema Migration bei konservativen
Politiker*innen auf der Agenda. Dabei ist die große Reform des
Asylsystems durch.
DIR Umgang mit der rechtsextremen Partei: Die letzte Konferenz der Innenminister ohne AfD?
Heikles Thema auf der Innenministerkonferenz: Wie umgehen mit der AfD,
sollte sie in Sachsen-Anhalt regieren? Das würde zu mehreren Problemen
führen.
DIR Bewegung im Sexualstrafrecht: Noch kein Votum für „Ja heißt Ja“
Die Justizministerkonferenz lehnte am Freitag mit knapper Mehrheit eine
Verschärfung des Sexualstrafrechts ab. Allerdings soll „Ja heißt Ja“ bald
zumindest für Jugendliche eingeführt werden.