# taz.de -- Protest gegen die Hamas: Die Hamas ist wieder Ordnungsmacht in Gaza
> Seit der Waffenruhe im Herbst 2025 ist die Hamas wieder präsent im
> zivilen Leben in Gaza. Jetzt begehren die Menschen auf, gegen Korruption
> und Gewalt.
IMG Bild: Das ehemalige Yarmuk-Fußballstadion im Gazastreifen ist inzwischen eine Zeltstadt für Vertriebene
Im Juni vergangenen Jahres veröffentlichte Hiba al-Mashal auf ihrer
Facebook-Seite einen Hilferuf: „Heute jährt sich das abscheuliche
Verbrechen, das die Bewohner von Chan Yunis zutiefst erschüttert hat. Ein
Jahr ist vergangen, seit dem Massaker der Sahem-Einheit, bei dem zwölf
Männer grausam getötet wurden.“ Damals hielten Kräfte dieser dem
Hamas-Innenministerium in Gaza unterstellten Einheit einen Bus an, der in
Richtung einer Lebensmittelverteilstelle unterwegs war.
Sie zerrten zwölf Männer aus dem Bus, warfen ihnen „Kollaboration“ vor,
fesselten sie, schossen auf sie. Einer der Betroffenen war Hiba al-Mashals
Bruder Osama. Er wurde nicht einmal 20 Jahre alt.
Über den Fall berichtete etwa Al-Hayat al-Jadida, die Zeitung der
Palästinensischen Autonomiebehörde. Hiba al-Mashal selbst schreibt auf
Facebook: „Die Hamas-Einheit hat ihren Bruder misshandelt, ihn verbluten
lassen.“
## „Blutgeld“ von der Hamas
Seit dem Vorfall steht die Familie unter Druck. Die Hamas habe Vermittler
an die Familie entsendet, so Hiba al-Mashal – mit dem Ziel, dass diese der
Zahlung des sogenannten „Blutgelds“ zustimmt. „Diya“ heißt dieses Konzept
im islamischen Recht: Eine finanzielle Entschädigung, die bei Verletzungen
an das Opfer oder bei Getöteten an die Hinterbliebene gezahlt werden. Es
gilt im islamischen Recht als Alternative zur Todesstrafe oder Blutrache.
Hiba al-Mashal hingegen schreibt: Damit wolle die Hamas „das Verbrechen
vertuschen“, doch „das Blut unserer Märtyrer“ – ihres Bruders Osama – „ist
nicht käuflich“. Und schließt ihren Post mit: „Die Stunde der Abrechnung
naht unaufhaltsam.“
Osama al-Mashal ist einer von vielen Fällen von schwerer Gewalt der Hamas
gegen die palästinensische Zivilbevölkerung. [1][Insgesamt 249 Fälle zählt
ein Bericht] der „Unabhängigen internationalen Untersuchungskommission für
die besetzten palästinensischen Gebiete, einschließlich Ostjerusalem und
Israel“ der Vereinten Nationen (UN). Er beschäftigt sich mit dem Zeitraum
von August 2024 bis Januar 2026. Mindestens 108 Menschen starben, 384
wurden verletzt. Die Kommission schreibt auch: „Das dürfte nur einen Teil
der Fälle und Opfer darstellen.“
## Willkür und schwere Gewalt
Sieben Fälle hat die Kommission genauer untersucht. Diesen Opfern warfen
mit der Hamas verbundene Sicherheitskräfte angebliche Kollaboration mit
Israel oder kriminelle Aktivitäten vor. „Öffentliche Hinrichtungen und
schwere körperliche Gewalt wurden willkürlich und ohne Gerichtsverfahren
verhängt. Die Hamas nutzte diese Strafen als Mittel, um die Opposition
auszuschalten und den Gazastreifen zu kontrollieren“, so der Bericht.
Und er enthält weitere Vorwürfe. Der Mord an elf Menschen unter dem Vorwurf
der „Kollaboration“ mit Israel sei ein „Verstoß gegen das humanitäre
Völkerrecht und die internationalen Menschenrechtsnormen“. Fünf Fälle
schwerer Gewalt stellten „das Kriegsverbrechen der Folter“ dar. Mehrere
Kinder seien für angeblichen Diebstahl bestraft worden, ohne ein faires
Verfahren. Die öffentlichen Exekutionen sogenannter Kollaborateure werden
zur weiteren Einschüchterung der Bevölkerung genutzt. Der Bericht erwähnt
außerdem sexuelle Gewalt: Gefangene seien gezwungen worden, sich
auszuziehen.
Und: Mitglieder der Hamas hätten palästinensische Zivilisten im
Nasser-Spital in Chan Yunis gefoltert. Auch Hiba al-Mashal schreibt: Ihr
Bruder sei vor den Augen von „Ärzten und Beamten verblutet – eine der
abscheulichsten Komplizenschaften, die das Nasser-Krankenhaus je erlebt
hat.“
Darüber, dass die Hamas das Krankenhaus für ihre Zwecke nutzt – und damit
alle Zivilistinnen und Zivilisten, die sich dort zur medizinischen
Versorgung aufhalten, massiv gefährdet – wurde im Laufe des Krieges immer
wieder berichtet. Auch Quellen der taz im Gazastreifen wiesen darauf hin.
Der aus Gaza stammende, palästinensisch-US-amerikanische Politanalyst Ahmed
Fouad al-Khatib, schrieb dazu im vergangenen November – die [2][sogenannte
Waffenruhe] hatte begonnen – auf X: Das Nasser-Spital sei ein „von der
Hamas betriebenes Polizei-, Geheimdienst-, Folterzentrum und Gefängnis“
geworden. Ein Freund al-Khatibs sei dort gefoltert worden. Hunderte Gazaner
würden von der Hamas festgehalten, befragt, verhört, eingekerkert.
## Die Hamas nutzt zivile Einrichtungen
Wie viele Menschen sich derzeit in Gefangenschaft der Hamas befinden oder
von dieser in jüngster Zeit etwa verhört wurden, lässt sich nicht
unabhängig verifizieren. Quellen der taz im Gazastreifen bestätigen aber:
Immer wieder werden Fälle öffentlich bekannt. Sie bestätigen auch, dass die
Hamas zivile Einrichtungen für ihr Vorgehen nutzt.
Nach dem Beginn des Krieges im Gazastreifen – infolge des Überfalls der
Hamas und anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober 2023 in Südisrael –
waren die Sicherheitskräfte der Hamas in der Öffentlichkeit zunächst kaum
mehr wahrzunehmen, weil sie vor allem als Kämpfer in den Untergrund gingen.
Das änderte sich wieder, [3][vor allem mit dem Beginn der sogenannten
Waffenruhe ab Oktober 2025].
Kurz nach deren Beginn erklärte Ghaith al-Omari, Analyst beim
US-amerikanischen Thinktank Washington Insitute for Near East Policy: „Je
länger die internationale Gemeinschaft wartet, desto mehr gräbt sich die
Hamas ein.“ Genau das ist in den vergangenen acht Monaten passiert.
Sicherheitskräfte der Hamas treten wieder als Ordnungsmacht – bewaffnet,
maskiert und uniformiert, aber auch inkognito – in den Straßen auf. Sie
ziehen wieder Steuern und andere Abgaben ein – vor allem von Händlern, aber
auch von Privatpersonen. Bestimmte Güter, etwa Tabak, werden besonders hoch
besteuert.
Wie die Tageszeitung Asharq al-Awsat berichtet, hatte die Hamas während des
Krieges Schwierigkeiten „bei der regelmäßigen Auszahlung von Gehältern“.
Doch bereits im Dezember 2025 hatte sie die Zahlungen an ihre Mitglieder
zumindest in Teilen wieder aufgenommen, wenn auch auf einem teils deutlich
niedrigeren Niveau als zuvor – „darunter auch an Führungskräfte und Kämpfer
der Izz-al-Din-al-Qassam-Brigaden, dem bewaffneten Flügel der Hamas“. Wer
für die Hamas in ziviler Position arbeitet, erhält weniger. Quellen der taz
berichten von Zahlungen über 700 Schekel, umgerechnet etwa 210 Euro, für
drei Monate.
## Die Bevölkerung als Einnahmequelle
Woher das Geld kommt? Asharq Al-Awsat schreibt: Die Hamas habe zunehmend
Schwierigkeiten, Gelder nach Gaza zu überweisen. Auch deshalb müssten die
„Einnahmen aus eigenen kommerziellen Quellen“ generiert werden. Also: Unter
anderem aus den Taschen der Zivilbevölkerung im Gazastreifen. So bestätigen
es lokale Quellen der taz.
Und während die Hamas sich wieder etabliert, liegen die Leben der
Zivilistinnen und Zivilisten weiter in Trümmern: Etwa 30 Prozent des
Gazastreifens sind für sie überhaupt noch frei zugänglich. Den Großteil des
Gebiets – Tendenz bislang steigend – hält das israelische Militär besetzt.
Die Verhandlungen um einen Truppenabzug und eine Entwaffnung der Hamas sind
in den letzten Monaten ergebnislos geblieben.
## Fast alles muss importiert werden
Laut UN sind über 80 Prozent der Gebäude in Gaza zerstört oder beschädigt.
Noch immer lebt ein großer Teil der Bevölkerung in Zelten und notdürftigen
Unterkünften. Ein großer Teil der landwirtschaftlichen Flächen, die sich
vor allem an der Grenze zu Israel befanden, sind nicht mehr zugänglich. Die
Versorgungslage bleibt trotz anhaltender Hilfstransporte prekär: Der
Großteil der Menschen hat ihre Arbeit verloren; Güter des täglichen Bedarfs
sind teuer, fast alles muss importiert werden.
Über 70.000 Palästinenserinnen und Palästinenser wurden getötet, mehr als
die Hälfte davon laut Daten der Palästinensischen Autonomiebehörde sind
Frauen, Kinder und Senioren. Gegen Israel wird vor dem Internationalen
Gerichtshof wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Völkermordkonvention
ermittelt. Vom Internationalen Strafgerichtshof wurden Haftbefehle gegen
Israels Premier Benjamin Netanjahu und Ex-Verteidigungsminister Joaw
Gallant wegen möglicher Kriegsverbrechen beantragt. Und die Angriffe halten
während der Waffenruhe an, dabei werden auch Zivilisten getötet.
Die Situation ist also, zusammengefasst, eine Katastrophe.
So katastrophal, dass sich Widerstand zu regen scheint. Trotz der Gefahr,
selbst Opfer der Hamas zu werden. Die Menschen im Gazastreifen sind
aufgerufen, am Freitag zu protestieren. An vielen Wänden in Gaza seien
Graffiti zu sehen: „Nieder mit der Hamas“, berichten Quellen der taz.
## Die Hamas versucht, Protestierende einzuschüchtern
Die Hamas hat bereits mit einer Einschüchterungskampagne begonnen. In der
Gruppe nahestehenden Telegramkanälen werden etwa Bilder eines Galgens
verbreitet, mit dem Wort „Bald“. Am Freitag wolle sie angeblich mit Israel
zusammenarbeitende Spione hinrichten. Die Hamas mobilisiere außerdem
bereits ihre Truppen, in Erwartung von Protesten, berichten Quellen der taz
aus Gaza.
Der [4][palästinensische Christ und Aktivist Ihab Hassan] ruft auf X die
internationale Gemeinschaft auf, hinzusehen, die Protestierenden zu
unterstützen. „Die Menschen in Gaza verdienen es, dass ihre Stimmen gehört
werden.“
25 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/coiopt/2606092E.pdf
DIR [2] /Frieden-in-Nahost/!6116474
DIR [3] /Humanitaere-Lage-im-Gazastreifen/!6169490
DIR [4] https://x.com/IhabHassane/status/2069792026179088688?s=20
## AUTOREN
DIR Hisham Al-Masri
DIR Lisa Schneider
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