# taz.de -- Updates vom „Ingebot“: Flockt die Milch
> Automatisierung der Jahrhundert-Dichterin: Auf Bluesky veröffentlicht der
> Bot-Account „Ingebot Bachmann“ alle vier Stunden randomisierte Wortfetzen
> der Autorin.
IMG Bild: ien, 10. Mai 1965: Ingeborg Bachmann liest neue Arbeiten (Freies Geleit; Exil; Geh, Gedanke) im Palais Palffy
Eigentlich ist das natürlich Blasphemie, ein Sakrileg. Da hat doch
tatsächlich jemand das Gesamtwerk der heiligen Ingeborg an einen Bot
angeschlossen, der nun alle vier Stunden ein Bachmann-Zitat auf die
Social-Media-Plattform Bluesky schießt. Und dann der Name des Accounts:
Ingebot Bachmann. Unverschämt ist diese Automatisierung der
Jahrhundert-Dichterin! Und wunderbar!
Mitten zwischen hitzigen Debattensträngen über die Sozial-„Reformen“ der
Bundesregierung und über die Buchvorschüsse von Hanno Sauer, finden sich
nun so schöne Bachmann-Worte wie: „Erlöse mich! Ich kann nicht länger
sterben“.
Schon der Literatur-Twitteraccount „Thomas Mann Daily“, auf dem der
Germanist Felix Lindner 2022/23 jeden Tag einen Auszug aus den Tagebüchern
des Zauberers postete, hatte etwas Anarchisch-Lustiges (29. 3. 1938:
„Rührei-Imbiß. Viel leere Zeit.“). Der Ingebot Bachmann aber treibt die
Entkontextualisierung auf die Spitze, denn er nimmt weder Rücksicht auf die
Datierung eines Zitats noch auf ganze Sätze.
Die herausgerissenen Fetzen aus Lyrik und Prosa der frühen und späteren
Dottoressa bilden in der Bluesky-Timeline allerdings wieder ganz eigene,
wilde Reihen. Zum Beispiel folgt auf den Vers „die Hühner und wirf mir ein
weißes“ der Schnipsel „und jetzt versponnen, verwebt“. Ein anderes dieser
„neuen“ Bachmann-Gedichte lautet: „Halt mir die Rast, wo Bienen uns
bewirten, / brich mit den Blicken ein, / Dunkles zu sagen / noch diesen
Abend, eh die Amsel singt.“
Eine Anfrage der taz an die Macher:innen des Ingebots zum
Warumwiesoweshalb blieb unbeantwortet. Rätselhaft bleibt deshalb auch,
warum das Profilbild des Accounts ein Spiegelei zeigt, Frikadellen (die
Bachmann vielleicht Fleischlaiberl nennen würde) und gebratene Tomaten, äh,
Paradeiser.
Die hocherhabene und geschichtsschwere Bachmann („Wo Deutschlands Himmel
die Erde schwärzt“) hatte auch eine leichte Seite und konnte durchaus
witzeln und lachen. So berichten es mehrere ihrer nahen Zeitgenoss:innen.
Vielleicht hätte sie ein Vergnügen daran gehabt, dass sogar ein Vers-Torso
wie „flockt die Milch“ auf Bluesky drei Likes bekommen kann.
24 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Stefan Hunglinger
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