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       # taz.de -- Professor*in über Klassismus: „Armutsbetroffene Menschen sterben früher“
       
       > Francis Seeck erforscht, wie Menschen wegen Klassenherkunft und
       > Klassenpositionen diskriminiert werden und wie Klasse über Lebenschancen
       > entscheidet.
       
   IMG Bild: Viele trauen sich gar nicht, solch ein Schild hochzuhalten: „Ich bin armutsbetroffen“ auf einer Demo in Hamburg 2022
       
       taz: Francis Seeck, Sie forschen zum Thema „Klassismus“. Was ist das
       eigentlich? 
       
       Francis Seeck: [1][Klassismus] bezeichnet die Diskriminierung anhand von
       Klassenherkunft und Klassenpositionen. Klassismus betrifft zum Beispiel
       Menschen, die die Grundsicherung beziehen, wohnungslose Menschen,
       armutsbetroffene Menschen, Menschen ohne Schulabschluss oder
       Arbeiter*innenkinder im Bildungssystem. Das ist also eine sehr große
       Gruppe.
       
       taz: „Klassismus“ scheint ja so etwas wie eine vergessene
       Diskriminierungsform zu sein, denn in den 1970er Jahren wurde viel mehr
       über soziale Gerechtigkeit und den Unterschied zwischen Arm und Reich
       geredet und gestritten. Dabei ist das Thema doch allumfassend. 
       
       Seeck: Genau. Wir alle werden dadurch beeinflusst, aus welcher sozialen
       Klasse wir kommen. Es prägt zum Beispiel den Habitus: wie man auftritt, wie
       man spricht, wie man sich verhält, was man schön findet. Oder die
       Lebenserwartung: Armutsbetroffene Menschen sterben in Deutschland
       durchschnittlich acht bis zehn Jahre früher als reiche Menschen.
       
       taz: Wie werden arme Menschen außerdem noch diskriminiert? 
       
       Seeck: Zum Beispiel zeigen die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung,
       dass [2][menschenverachtende Einstellungen gegenüber erwerbslosen und
       wohnungslosen Menschen] sehr verbreitet und tief verankert sind.
       
       taz: Hat das nicht auch damit zu tun, dass arme Menschen keine Lobby haben? 
       
       Seeck: Da stimmt. Gruppen wie die „Selbstvertretung wohnungsloser
       Menschen“, das Netzwerk „Ich bin armutsbetroffen“ und
       Erwerbsloseninitiativen werden in politischen Entscheidungsprozessen wenig
       eingebunden und so haben sie kaum Möglichkeiten, mitzugestalten und
       mitzubestimmen.
       
       taz: Aber ist es heute noch zeitgemäß, von Klassen zu sprechen? 
       
       Seeck: Ja, ich halte es weiterhin für zeitgemäß, von sozialen Klassen zu
       sprechen, auch wenn der Begriff in den Sozialwissenschaften unterschiedlich
       diskutiert wird. Zahlreiche Studien zeigen, wie stark die Klassenherkunft
       weiterhin über Lebenschancen entscheidet. Wenn man etwa in Deutschland auf
       die Erbschaften schaut, stellt sich heraus, dass mittlerweile mehr als 30
       Prozent des Gesamtvermögens vererbt wird. Es ist also immer noch sehr
       prägend, in welche Klasse ein Mensch hineingeboren wird.
       
       taz: Ist es nicht auch ein Problem, dass die Armutserfahrungen oft mit
       Scham behaftet sind? 
       
       Seeck: Ja, sehr. [3][Scham ist ein zentraler Bestandteil von Klassismus].
       Armutsbetroffene Menschen schämen sich teilweise, weil ihnen
       gesellschaftlich immer wieder vermittelt wird, sie seien selbst schuld an
       ihrer Lage. Zugleich gab es rund um die Einführung der Hartz-IV-Reformen
       noch eine starke Erwerbslosenbewegung, die dieser Beschämung etwas
       entgegengesetzt hat, mit Wut und auch Humor. Ein Slogan lautete etwa: „Der
       Faulpelz ist der einzige Pelz, den wir uns leisten können.“ Heute ist es
       dagegen so, dass sich Menschen bei Demonstrationen teilweise nicht trauen,
       ein Banner mit dem Satz „Ich bin armutsbetroffen“ hochzuhalten, weil es
       ihnen unangenehm ist.
       
       taz: Ist es nicht auch ein Problem, dass sich viele Menschen gar nicht
       dessen bewusst sind, wenn sie klassistisch diskriminieren? 
       
       Seeck: Ich arbeite viel im Bereich der Antidiskriminierungspädagogik, und
       da ist ein zentraler Punkt: Wir sind alle in einer klassistischen
       Gesellschaft aufgewachsen und von ihr geprägt. Deshalb brauchen
       Berufsgruppen mit besonderer Entscheidungsmacht, etwa Ärzt*innen,
       Jurist*innen, Lehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen, Räume, in denen
       sie ihre eigenen klassistischen Vorurteile und institutionellen Routinen
       reflektieren können.
       
       21 Jun 2026
       
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