URI: 
       # taz.de -- Neue Biografie des Fotografen Fred Stein: Mit der Leica im Exil
       
       > Fred Stein porträtierte Willy Brandt, Bertolt Brecht und Anna Seghers.
       > Eine Biografie erinnert an den Fotografen, der vor den Nazis fliehen
       > musste.
       
   IMG Bild: Willy Brandt und Rosa Lenz nahe Paris, um 1937, fotografiert von Fred Stein
       
       Wohl zu jedem Buchstaben des Alphabets findet sich eine Person der Kultur-
       und Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts, die von dem Fotografen Fred
       Stein porträtiert wurde. Ob Willy Brandt, Bertolt Brecht, Alfred Döblin,
       Lion Feuchtwanger, Stefan Heym, André Kertész, Golo, Heinrich, Klaus und
       Thomas Mann, Erwin Piscator, Anna Seghers, Gabriele Tergit, Ernst Toller,
       Herbert Wehner, Peter Weiss oder Arnold Zweig, um nur einige zu nennen:
       Alle saßen vor seiner Kamera.
       
       Seine Porträts des Physikers Albert Einstein und der Philosophin [1][Hannah
       Arendt] nutzte die Deutsche Post 2005 und 2006 als Motive für Briefmarken.
       Obwohl Fred Stein auf diese Weise in aller Munde war, in den letzten Jahren
       durch Ausstellungen und prächtige Fotobände gewürdigt wurde, bleibt sein
       Bekanntheitsgrad wohl auf den Kreis von Fotografie-Enthusiasten beschränkt.
       
       Daniel Siemens, Professor für europäische Geschichte an der Universität
       Newcastle in Nordengland, möchte mit der ersten Biografie das Wissen um den
       deutsch-jüdischen Fotografen Fred Stein erweitern.
       
       Stein hatte sich parteipolitisch zuerst in der SPD, ab 1931 in der
       „Sozialistischen Arbeiterpartei“ engagiert. Als Jude und Sozialist doppelt
       gefährdet, floh er gemeinsam mit seiner Frau im Oktober 1933 nach Paris.
       Das gemeinsame Hochzeitsgeschenk, eine Leica-Kleinbildkamera, ermöglichte
       die entscheidende Wende in Steins Berufsleben, er selbst brachte es auf die
       Kurzformel: „Dresden vertrieb mich, so wurde ich Fotograf.“
       
       ## Badezimmer als Dunkelkammer
       
       Die Wohnung im Montmartre wurde zum „Studio Stein“, das Badezimmer zur
       Dunkelkammer. Es wurde nicht nur von den Steins genutzt, zu ihren
       Untermietern zählte die aus Stuttgart stammende, ebenfalls nach Paris
       geflohene Gerta Pohorylle. An ihrer Seite ihr Freund André Friedmann, beide
       fröhlich und ausgelassen fotografiert von Fred Stein im Café du Dome, dem
       Treffpunkt vieler Emigranten. Beide sollten später unter ihren
       Künstlernamen Gerda Taro und Robert Capa durch ihre Fotoreportagen aus dem
       Spanischen Bürgerkrieg weltweite Beachtung finden.
       
       Zu den Besuchern der Steins zählte auch der im skandinavischen Exil lebende
       [2][Willy Brandt,] der sich sehr genau erinnerte: „Ich begegnete Fred
       Stein, als wir beide Flüchtlinge waren … Für seine Zeit war er sehr
       avantgardistisch, ein brillanter Fotograf … Er war ein echter Visionär.“
       
       Siemens folgt den fotojournalistischen Anfängen seines Protagonisten,
       beschreibt die Arbeitsteilung der Eheleute – „Fred machte die Akquise und
       die allermeisten Aufnahmen, während die Lilo die Filme entwickelte und
       Abzüge retuschierte.“ Siemens verschweigt nicht die materiellen Nöte des
       Paares und beleuchtet zugleich ihr sozialistisches und publizistisches
       Engagement.
       
       Dass dem Historiker Siemens dabei das Faible Steins für den Alltag und das
       Leben der Einwohner Paris ein wenig aus dem Blick gerät, könnte beklagt
       werden. Stein, der als Autodidakt das fotografische Handwerk erlernte,
       durchstreifte mit der Leica Paris. Dank eines sensiblen Gespürs für
       ungewöhnliche und flüchtige Momente nahm er bestechende Alltagsszenen der
       Stadt und ihrer Bewohner auf, ohne je voyeuristisch zu sein.
       
       Paris blieb für das Ehepaar Stein nur eine Zwischenstation auf ihrem
       Emigrationsweg. Nach Kriegsbeginn wurde die Familie – 1938 kam die Tochter
       Marion zur Welt – als „feindliche Ausländer“ interniert. Auf
       abenteuerlichen Wegen flohen sie nach Marseille. Dank der Hilfe von Varian
       Fry und dem „Emergency Rescue Committee“ gelang ihnen im Juni 1941 die
       Emigration in die USA, nach New York, wo 1943 der Sohn Peter geboren wurde.
       
       ## Straßenschluchten Manhattans
       
       Auch die amerikanische Metropole erschloss sich Stein mit der Kamera. Seine
       [3][mit der Leica] oder der Rolleiflex aufgenommenen Fotos erfassen die
       Straßenschluchten Manhattans, die Wolkenkratzer ebenso wie die spielenden
       Kinder in Harlem, den Schuhputzer, die Frauen in Little Italy. Aufnahmen,
       die seinen Ruf als Pionier der Straßenfotografie rechtfertigten. Steins
       starke Identifikation mit der neuen Heimat fand ihren gedruckten
       Niederschlag in dem 1947 erstmals erschienenen Fotobuch „Fifth Avenue“
       sowie Jahreskalendern zu New York für 1948 und 1949.
       
       1961 hielt sich Stein für drei Monate in Deutschland auf, um circa 100
       Prominente aus Kultur, Wirtschaft und Politik zu fotografieren. Noch im
       gleichen Jahr abgedruckt in dem gemeinsam mit dem Kunstkritiker Will
       Grohmann herausgegebenen dreisprachigen Buch „Deutsche Portraits“. Siemens
       verweist in seiner von Sympathie getragenen Biografie auch auf ein anderes
       Herzensprojekt Steins, eine Anthologie literarischer Texte mit dem
       Arbeitstitel „Das war nicht unser Deutschland. Deutsche Dichter und Denker
       gegen das Dritte Reich. Ein Lesebuch für die Kommenden“. Ein Buch, das
       trotz großer Anstrengungen Steins leider ungedruckt blieb.
       
       Auf die selbst gestellte Frage des Biografen, „wie man Erfolg misst und was
       Erfolg überhaupt ist“, verweist Siemens auf Steins „Integrität und
       gedankliche Unabhängigkeit“. Für Siemens war Fred Stein ein Mann, der mit
       seiner Fotokamera versucht hat, die „Unbehaustheit des modernen Menschen
       zumindest für Augenblicke“ zu überwinden. Eine lesenswerte, zuweilen
       essayistisch geschriebene Biografie über einen beeindruckenden Fotografen!
       
       19 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Neue-Biographie-ueber-Hannah-Arendt/!5964063
   DIR [2] /SPD-Ostpolitik-von-Brandt-bis-heute/!6007106
   DIR [3] /Simenon-Fruehling-in-Luettich/!5925420
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Wilfried Weinke
       
       ## TAGS
       
   DIR Fotografie
   DIR Exil
   DIR Paris
   DIR Manhattan
   DIR Willy Brandt
   DIR Politisches Buch
   DIR Geschichte
   DIR Emigranten
   DIR Ausstellung
   DIR Literatur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Buch über Abweisung vertriebener Juden: Im Niemandsland
       
       Historikerin Susanne Heim zeigt in einer Studie, wie die Staaten nach 1933
       die vertriebenen Juden abwiesen. Eine präzise Chronik von Verbrechen und
       Versagen.
       
   DIR Italienischer Historiker Carlo Ginzburg: Er machte den Müller Menocchio weltberühmt
       
       Carlo Ginzburg ist Wegbereiter der Microstoria. Seine
       Geschichtswissenschaft im Kleinen wandte sich gegen den Universalismus von
       Herrschaftsgeschichte. Ein Nachruf.
       
   DIR Deutschsprachige Fotografen im US-Exil: Bis heute auf den Titelseiten
       
       Deutschsprachige Emigranten machten in 1930er Jahren New York zum Zentrum
       der Fotografie. In „Urban Eyes“ erzählt die Kunsthistorikerin Helene Roth
       davon.
       
   DIR Fotografien von Fred Stein in Berlin: Who’s who der künstlerischen Welt
       
       Im Exil in Paris wurde aus dem angehenden Juristen Fred Stein ein Fotograf.
       Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt seine Porträts.
       
   DIR Roman über Fotografin Gerda Taro: Zwischen Streiken und Tanzen
       
       Helena Janeczeks Roman „Das Mädchen mit der Leica“ ist eine Hommage an die
       Fotografin Gerda Taro – und ein komplexes Zeitpanorama.