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       # taz.de -- Autismus und Schule: Unverstanden, unerwünscht, ausgeschlossen
       
       > Viele autistische Kinder gehen aktuell nicht zur Schule, weil die
       > Lernumgebung für sie nicht passt. Expert:innen mahnen nun mehr
       > Anstrengungen an.
       
   IMG Bild: Schulhof einer Grundschule in Haltern: In Nordrhein-Westfalen wird Autismus als besonderer Unterstützungsbedarf benannt
       
       Kinder und Jugendliche, die von Autismus betroffen sind, machen an
       deutschen Schulen teils traumatische Erfahrungen. Das zeigt [1][eine
       Studie], die die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) am Donnerstag
       veröffentlicht hat.
       
       In ihrer Stellungnahme fordern die 16 Bildungsforscher:innen die
       Ministerien auf, die Bedürfnisse dieser Gruppe systematischer in den Blick
       zu nehmen – und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ein regulärer
       Schulbesuch für alle Betroffenen möglich wird. „Derzeit müssen Eltern
       oftmals für die Unterstützung für ihre Kinder kämpfen“, kritisiert die
       Bielefelder Professorin für „schulische Inklusion und sonderpädagogische
       Professionalität“ Birgit Lütje-Klose, die die Stellungnahme koordiniert
       hat.
       
       Tatsächlich berichten betroffene Eltern immer wieder, dass ein normaler
       Schulalltag für ihr Kind kaum möglich ist. Gründe hierfür sind, dass
       [2][autistische Kinder und Jugendliche] häufig kein für sie passendes
       Lernumfeld vorfinden, es an Schulen oft an individueller Unterstützung wie
       Schulbegleitung sowie alternativen Unterrichtsformaten wie
       Distanzunterricht fehlt. Zu diesen Erfahrungen kämen häufig noch „Mobbing,
       Bullying und andere Formen der Diskriminierung“, sagte die
       SWK-Co-Vorsitzende Felicitas Thiel. Wegen dieser Belastungen hätten
       Autist:innen ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen und
       Suizidalität. Mit ihrer Stellungnahme, so Thiel, wolle die SWK auf diese
       sehr heterogene und vulnerable Gruppe aufmerksam machen.
       
       Ein Begriff, viele Ausprägungen 
       
       Unter dem Begriff Autismus verstehen Mediziner:innen ein ganzes
       Spektrum an neurologischen Entwicklungsstörungen, [3][die sich sehr
       unterschiedlich äußern können]. Die offizielle Diagnose lautet daher auch
       Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Typische Merkmale sind, dass Betroffene
       besonders sensibel für äußere Reize wie Lärm oder Berührungen sind,
       Probleme in der sozialen Interaktion zeigen sowie ein starkes Bedürfnis
       nach Routinen haben. Allerdings ist auch verbreitet, dass Betroffene
       bestimmte Verhaltensmuster verschleiern. Betroffene Eltern berichten, dass
       Schulen deshalb teils medizinische Diagnosen infrage stellen und eine
       gesonderte Unterstützung für ihr Kind nicht notwendig finden.
       
       Wie viele Menschen hierzulande von ASS betroffen sind – und wie gut ihre
       schulische Inklusion gelingt – kann nur geschätzt werden. Die
       Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von rund einem Prozent der
       Bevölkerung aus, zu den Schulkarrieren ist so gut wie keine Aussage
       möglich.
       
       „In Deutschland liegen keine gesicherten Daten vor, wie viele
       Schüler:innen mit welchen Unterstützungsbedarfen auf welchen Schulformen
       unterrichtet werden und welchem Förderbereich sie zugewiesen sind“, sagt
       dazu Bildungsforscherin Lütje-Klose. „Wir wissen auch nicht, welche
       autistischen Kinder über längere Zeiten nicht oder nur eingeschränkt zur
       Schule gehen“. Die SWK fordert daher, solche Daten systematisch zu erheben.
       
       Ein weiteres strukturelles Problem ist laut SWK, dass es bundesweit sehr
       unterschiedliche Regelungen im Umgang mit Autismus an Schulen gibt. So
       haben etwa nur vier Länder ([4][Berlin], Bremen, Hamburg und
       Schleswig-Holstein) überhaupt einen eigenen Förderschwerpunkt Autismus; ein
       entsprechendes Förderzentrum gibt es nur in Schleswig-Holstein.
       
       In den übrigen 12 Bundesländern bleibt Familien dann die Wahl zwischen
       einer inklusiven Regelschule ohne entsprechenden Förderschwerpunkt oder
       eine Förderschule mit einem der anderen Förderschwerpunkte, etwa „Geistige
       Entwicklung“. Hier sind viele autistische Schüler:innen jedoch nicht nur
       unterfordert, auch die Lernumgebung ist oft nicht passend für ihre
       Bedürfnisse.
       
       In sieben Ländern keine rechtliche Grundlage 
       
       In Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und
       Sachsen-Anhalt wird Autismus immerhin als besonderer Unterstützungsbedarf
       benannt, in den übrigen sieben Bundesländern gibt es bislang gar keine
       rechtliche Grundlage für autistische Schüler:innen. Auch hier sieht die SWK
       dringenden Handlungsbedarf, um die in der UN-Behindertenrechtskonvention
       festgeschriebenen „individuell angepassten Unterstützungsmaßnahmen“ für
       alle Betroffenen zu gewährleisten.
       
       Das betrifft auch die heikle Frage, wie autistische Schüler:innen
       beschult werden sollen, wenn ein dauerhafter Schulbesuch nicht möglich ist.
       Die SWK verweist auf das Ausland, in dem beispielsweise digitaler
       Fernunterricht oft leichter möglich sei. In Deutschland hingegen gibt es
       eine gesetzliche Präsenzpflicht. Ausnahmen gewähren die Schulämter „nur in
       absoluten Ausnahmefällen“, heißt es in der SWK-Stellungnahme.
       
       Nachholbedarf gibt es aus Sicht der Expert:innen auch in der
       Lehrkräftebildung. Laut SWK fehlt an den Schulen häufig Wissen, wie man am
       besten mit autistischen Schüler:innen umgeht. Die Professorin
       Lütje-Klose verweist auf wirksame Modellprojekte wie „Schule & Autismus –
       schAUT“ oder „INCLASS“, über die Lehrkräfte sich schulintern fortbilden
       können. Zudem empfiehlt die SWK, dass künftig alle angehenden Lehrkräfte
       schon im Studium für den Umgang mit autistischen Kindern sensibilisiert
       werden sollten und auch mehr spezifische Module im Studium der
       Sonderpädagogik geschaffen werden.
       
       Für die Schulen selbst empfehlen die Autor:innen der SWK-Stellungnahme
       den schrittweisen Aufbau einer autismussensiblen Lernumgebung. Dazu gehören
       neben präventiven Maßnahmen gegen Mobbing auch der Abbau von Barrieren,
       etwa durch ruhige Rückzugsorte für autistische Schüler:innen, sowie
       Konzepte und personelle Ressourcen für die individuelle Betreuung
       betroffener Kinder und Jugendlicher. Um all das möglichst bundesweit
       einheitlich zu gestalten, empfiehlt die SWK eine „politische
       Autismusstrategie“ nach dem Vorbild Englands oder Neuseelands. Diese solle
       dann aber auch mit finanziellen Ressourcen unterlegt sein, um die
       entsprechende Infrastruktur an den Schulen aufbauen zu können.
       
       18 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.swk-bildung.org/veroeffentlichungen/stellungnahme-autistische-kinder-und-jugendliche-in-der-schule-unterstuetzen/
   DIR [2] /Expertin-ueber-Klischees-zu-Autismus/!5923006
   DIR [3] /Psychologin-ueber-Autismus/!6044990
   DIR [4] /Inklusion-in-Berlin-/!6113916
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ralf Pauli
       
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