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       # taz.de -- Eichenprozessionsspinner in Berlin: Das Jahr der Raupe
       
       > In Berlin sorgt die Ausbreitung der giftigen Eichenprozessionsspinner für
       > Panik. Und die Politik? Reagiert spät und chaotisch.
       
   IMG Bild: Hohes Risiko: Stadtnatur-Rangerinnen Damerius und Völker suchen nach Verdächtigen
       
       Die Hubarbeitsbühne schaukelt ein wenig im Nieselregen an diesem kühlen
       Junitag. Geschickt manövriert der in einen Schutzanzug gekleidete
       Baumpfleger die Plattform durch die Eichenäste. In den Verstecken der Äste
       um ihn herum hängen kleine, flatternde weiße Kugeln fest an den Stämmen. 20
       Meter tiefer erstrecken sich die Gemeinschaftsgärten, die Eichen und die
       Sportplätze der Rehberge, einem Volkspark in Berlins Bezirk Mitte.
       
       An einem Ast, nur wenige Zentimeter von einem Nest entfernt, sind die
       kleinen, dunklen Körper der [1][Eichenprozessionsraupen] zu erkennen. Mit
       einem scharfen Kameraobjektiv könnte man auch ihre Haare sehen, ebenso weiß
       wie ihr seidiges Nest. Özcan Özvural sprüht etwas Klebstoff auf das Nest,
       schiebt die Enden ein paar Mal mit einem Spatel über den Ast – und lässt
       das Raupennest schließlich zusammen mit einigen Eichenästen in seinen
       Plastikeimer fallen.
       
       Die rund drei bis vier Zentimeter lange Raupe hat es geschafft, für
       veritable Aufregung in der Hauptstadt zu sorgen. Überforderte
       Grünflächenämter in den Bezirken riefen die Landesregierung um Hilfe an,
       die wollte zunächst nicht zuständig sein. Dann wurden Sportstätten
       geschlossen, Stadtteilfeste abgesagt, der Druck wurde größer. Am Ende
       berief der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) dann doch für
       Dienstagnachmittag eine Krisensitzung mit den Bezirken ein. Wie konnte es
       dazu kommen?
       
       Im Mai war zunächst alles wie immer. Die Jungraupen dieser Nachtfalterart
       schlüpften und begannen, die Eichenbäume in der Hauptstadt emporzukrabbeln.
       Für Menschen sind vor allem die sogenannten Brennhaare am Körper der Raupe
       ein Problem, die leicht vom Wind verweht werden können. Sie können einen
       brennenden, juckenden Hautausschlag verursachen. Auch im benachbarten
       Brandenburg, in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen
       sind die Raupen im Frühling ein vertrauter Anblick. Aber dann wurde
       ziemlich schnell klar: Dieses Jahr wird in Berlin besonders.
       
       ## „Die Raupen nur zu verteufeln, ist Quatsch“
       
       „Es sind so viele, es hört einfach nicht auf“, seufzt Özcan Özvural. Der
       Geschäftsführer der Gartenbaufirma „Meister Özi“ zieht seine Schutzmaske
       vom Mund. Von Kopf bis Fuß ist der Mann in einen Einweg-Schutzanzug
       gehüllt. Aber selbst der Anzug schützt nicht vollständig. Özvural zieht den
       Ärmel ein Stück hoch. Zwischen dem Ende seines Schutzhandschuhs und dem
       Ärmelabschluss sind kleine rote Flecken zu sehen.
       
       Seit Anfang Juni ist Özvural mit der Bekämpfung der Raupen beschäftigt.
       Seit letzten Mittwoch hätten sie im Volkspark Rehberge 40 [2][Bäume]
       behandelt, erzählt sein Neffe, der ihm am festen Boden dabei assistiert,
       die Nester in Mülltüten wegzuwerfen. „Und noch 25 stehen an“, sagt er. Auf
       der Wiese im hinteren Teil des Parks sind fast alle Bäume mit rot-weißen
       Absperrbändern umwickelt. „Vorsicht Eichenprozessionsspinner“, ist auf den
       Bändern zu lesen.
       
       „Dieser Baum hier hat aber keine Markierung“, bemerkt Biologin Laura
       Damerius und zeigt auf eine Eiche am Wegesrand. Im Stamm hat sich ein
       großes weißes Raupennest gebildet. Das Grünflächenamt komme vermutlich kaum
       hinterher, alle betroffenen Bäume zu markieren, stellt die
       Stadtnatur-Rangerin der Stiftung Naturschutz Berlin fest.
       
       Damerius und ihre Kollegin Simone Völker sind seit sechs Jahren als
       Rangerinnen für die Grünflächen im Berliner Bezirk Mitte zuständig. Zu
       ihrer Jobbeschreibung gehören Umweltbildung für Schulklassen, aber auch die
       Erfassung von Biodaten. Damerius war schon als Kind viel in den Rehbergen
       unterwegs, ihre Familie hat dort eine Kleingartenanlage. Auf die
       Eichenprozessionsspinner ist sie erst aufmerksam geworden, seit sie
       Stadtnatur-Rangerin ist.
       
       „Eigentlich sind Eichenprozessionsspinner Nachtfalter“, erklärt die
       Biologin. Im Frühwinter legen die Schmetterlinge ihre Eier auf den Ästen
       ab, wo sie den Winter überdauern. Wenn die Raupen schlüpfen, ernähren sie
       sich von den Blättern der Bäume – manchmal bis zum Kahlfraß. Dann klettern
       die Raupen wieder herunter und wandern zum nächsten noch bewachsenen Baum,
       wo sie ihre Nester bauen. Diese Phase dauert von Mai bis Anfang Juli. Von
       ihrer charakteristischen, prozessionsartigen Fortbewegung in Kolonnen
       leitet sich auch ihr Name ab.
       
       „Je weiter in seiner Entwicklung der Eichenprozessionsspinner ist, desto
       länger seine Haare“, sagt Damerius. Die weißen Haare dienen den Raupen als
       Schutzmechanismus gegen ihre Fressfeinde, nur wenige Vögel können sie
       verdauen. Und beim Menschen verursachen sie eben Hautausschlag. Gelangen
       die Haare in die Lunge, können Atembeschwerden entstehen. Gelangen die
       Brennhaare in die Augen, kommt es meist zu einer Entzündung. „Besonders
       sensible Gruppen wie Kinder können einen allergischen Schock bekommen oder
       kriegen starke Ausschläge“, sagt Damerius.
       
       An der nur wenige Schritte vom Park entfernten Möwensee-Grundschule sind
       Ende Mai Raupennester an zwei der am Schulhof angrenzenden Bäume entdeckt
       worden. Die Bäume wurden daraufhin vom Grünflächenamt abgesperrt, erzählt
       die Schulsekretärin. Im Bezirk mussten zudem drei Sportanlagen für das
       Training geschlossen werden.
       
       Letzte Woche hat Özvural die Bäume auf dem Gelände des Napoleon-Stadions –
       weiter nördlich im Bezirk – und auf den Sportanlagen des Rehberge-Stadions
       „befreit“. Die Mannschaften des BSC Rehberge mussten einen anderen Platz
       zum Trainieren finden. Auf einem weiteren Fußballplatz im Park sind die
       Tore nach wie vor mit zwei kreuzweise aufgehängten, weiß-roten Bändern
       abgesperrt.
       
       Natürlich störe der Eichenprozessionsspinner in einer Großstadt nochmal
       besonders, sagt Damerius. Hier seien die Menschen auf die Parks und
       Grünflächen für Erholung und Sport besonders angewiesen. Dabei sollten die
       Raupen aber nicht dämonisiert werden, sagt Damerius. „Sie sind ein Teil des
       Ökosystems. Sie haben einen Sinn in der Nahrungskette und leisten auch
       einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des gesamten Kreislaufs. Sie nur zu
       verteufeln, ist Quatsch.“
       
       ## Berlintypischer Behörden-Ping-Pong
       
       Eigentlich hätte man die Raupenschwemme kommen sehen müssen. Seit mehreren
       Jahren gibt es ein Monitoring in Berlin, der Wildtierbeauftragte des
       Berliner Senats Derk Ehlert hat es gemeinsam mit dem Pflanzenschutzamt der
       Senatsverwaltung für Umwelt eingerichtet. Zwischen 2020 und 2024 hat sich
       die Zahl der Fundorte, an denen die Raupen beobachtet wurden, fast
       verdoppelt.
       
       Einerseits werden die Raupen offenbar immer häufiger von der Bevölkerung
       bemerkt und gemeldet, erklärt Ehlert. Vor allem aber wäre ihre Ausbreitung
       in Berlin wie auch deutschlandweit durch trockene Frühjahre begünstigt, die
       aufgrund des Klimawandels immer häufiger auftreten. „Zwar unterscheiden
       sich die Frühjahre in Berlin von denen in Hamburg. Aber grundsätzlich sind
       die Raupen schon längst ein bundes- und europaweites Phänomen“, sagt
       Ehlert.
       
       Jedes Jahr erhielten Eigentümer öffentlicher und privater Grundstücke
       „einen ganzen Sack voller Hinweise“ von ihm, sagt Ehlert, um sie auf die
       Ankunft der Eichenprozessionsspinner vorzubereiten. Das beste wäre zum
       Beispiel gewesen, sagt Ehlert, hätte man bereits im Frühjahr mit dem
       natürlichen biologischen Gegenspieler der Raupe gearbeitet: Nematoden, auch
       Rundwürmer genannt.
       
       Nematoden lieben Raupeneier. Bringt man sie rechtzeitig aus, vernichten sie
       die Raupen, bevor sie schlüpfen können. Bereits im November hätte er die
       Bezirksämter vor der sich abzeichnenden Situation gewarnt. In den Bezirken
       würde das jedoch immer ein bisschen unter den Tisch fallen, sagt Ehlert.
       „Es ist auch eine politische Entscheidung. Nimmt man dafür Geld in die Hand
       oder hofft man, dass der Frühling nass und kalt wird, damit es nicht so
       auffällt?“
       
       Erwartet habe der Bezirk den Befall schon ein bisschen, aber auch nicht so
       stark „da es immer ein bisschen vom Klima im Jahr abhängt“, sagt
       Christopher Schriner, Umweltstadtrat im Bezirksamt Mitte. Erst bei einer
       zentralen Steuerung des Senats mit zusätzlichem Personal und einer
       Finanzierung der Bekämpfungsmaßnahmen könnte der Einsatz von Nematoden
       infrage kommen.
       
       Ein Problem sieht der Stadtrat aber auch in mangelnden Futterquellen für
       natürliche Fressfeinde des Nachtfalters, etwa Meisen. Und der Einsatz
       giftiger Biozide scheide in Wasserschutzgebieten ohnehin aus. In Berlin
       gibt es rund 13 Trinkwasserschutzgebiete mit einer Gesamtfläche von 212
       Quadratkilometern, das ist gut ein Viertel des Stadtgebiets.
       
       Für die kommenden Jahre seien jedoch präventive Maßnahmen im Gespräch,
       versichert der Stadtrat Schriner. So wolle man etwa eine bezirkseigene
       Gruppe für die Raupenbekämpfung aufbauen. Auch der Senat will nun mehr auf
       Prävention setzen. Wie genau, blieb allerdings auch nach der Krisensitzung
       am Dienstag wolkig. Man habe „vereinbart, die bestehenden Beratungsangebote
       und Instrumente weiterzuentwickeln“, verkündete Umweltstaatssekretär
       Andreas Kraus lediglich.
       
       Doch, und das ist der Knackpunkt, gegen den sich die Bezirke zuletzt
       gewehrt hatten: Für die Bewältigung der Krise sollen sie weiterhin allein
       zuständig sein – ein „enttäuschendes Ergebnis“, sagte Schriner dann auch
       nach dem Raupen-Gipfel. „Es ist weder effizient noch vermittelbar, dass
       jeder Bezirk eigene Standards bei Art und Größe der Absperrungen und der
       Priorisierung der Beseitigung entwickelt und umsetzt“, kritisiert der
       Stadtrat. Zudem würden sich die Bezirke gegenseitig die Fachkräfte für die
       Bekämpfung streitig machen.
       
       ## Späte und teure Lösungen
       
       „Entschuldigung! Sind Sie wegen des Eichenprozessionsspinners hier?“, ruft
       ein Mann auf dem Fahrrad von der Straße aus. Yasin Şahin nickt. An diesem
       Tag Mitte Juni inspiziert der Geschäftsführer der
       Schädlingsbekämpfungsfirma „Adler GmbH“ die Bäume auf einem Spielplatz im
       Norden der Stadt. Sein Unternehmen gehört zu den sechs Fachfirmen, die vom
       Bezirksamt Mitte beauftragt wurden, bei der Entfernung der Raupen im Bezirk
       zu helfen. „Super, denn mein Sohn hat am Wochenende dort gespielt und jetzt
       überall Ausschlag“, ruft der Radfahrer. Am Mittwoch werde er sich um die
       Nester rund um den Spielplatz kümmern, versichert der Geschäftsführer der
       Firma. Er gibt dem Vater noch den Tipp mit auf den Weg, Flächen mit vielen
       Eichen in dieser Zeit des Jahres „bei stürmischem Wetter“ besser zu meiden.
       
       Direkt neben Şahin hängen an einer Eiche zwei graue Nester am unteren Ende
       des Stammes. Sie sind schon alt und die Eichenprozessionsspinner haben sich
       bereits eingesponnen. Durch die dunklen Fäden hindurch sind einige braune
       Gespinste zu erkennen. Etwas weiter oben liegt ein ovales, weißes,
       fadenförmiges Gebilde sicher auf dem Stamm. In den Büschen flattern die
       zerrissenen Sicherheitsbänder. Wahrscheinlich hat der starke Wind der
       letzten Tage auch das Warnschild weggeweht, meint Şahin.
       
       „In diesem fortgeschrittenen Larvenstadium bleiben nur noch mechanische
       Bekämpfungsmethoden“, erklärt Şahin, und holt seinen blauen
       Profistaubsauger aus dem Transporter. Ab dem dritten Larvenstadium, das sie
       im Mai und Juni erreichen, bekommen die Raupen ihre Brennhaare. Danach
       müssen die Nester – alte wie neue – vollständig und sorgfältig entfernt
       werden, um zu verhindern, dass die Haare vom Wind verweht werden.
       
       In Brandenburg würden seine Kollegen von den Forstämtern bereits vor dem
       Schlüpfen der Larven beauftragt. Vom Bezirksamt habe er in den letzten
       Jahren noch keine Aufträge für präventive Maßnahmen im Auftrag bekommen.
       
       Die Technik der Absaugung hat der 50-Jährige schon 2014 in den Niederlanden
       erlernt, als er sich dort mit seinem Team weiterbilden ließ. Dort sei die
       Problem-Raupe schon damals bekannt gewesen, erzählt der
       Schädlingsbekämpfer. „Seitdem werden wir in Berlin jedes Jahr mehr mit
       diesem Tier beauftragt“, sagt Şahin. Neben den Aufträgen des
       Grünflächenamts Mitte arbeite er allgemein vorrangig an Anfragen von
       privaten Kitas sowie von Schulen.
       
       Zusätzlich zum Verkleben oder Absaugen werden die Raupen in der Hauptstadt
       auch durch Abbrennen oder eine Heißschaumbehandlung entfernt. Dabei wird
       heißer Wasserdampf durch eine Lanze auf die Raupen gesprüht, wodurch ihre
       Haare unschädlich gemacht und sie getötet werden.
       
       Die Raupenbekämpfung hat dem Bezirk geschätzte 100.000 Euro Mehrkosten in
       diesem Jahr verursacht – doppelt so viel wie im Vorjahr. In den am
       stärksten betroffenen Bezirken, wie Charlottenburg-Wilmersdorf oder
       Treptow-Köpenick, belaufen sich die Kosten sogar auf bis zu 500.000 Euro.
       Die Mehrkosten für die aktuelle Bekämpfung würden sich letztlich auf das
       insgesamt vorhandene Budget für die Baumpflege und damit auch längerfristig
       auf das Aussehen der Grünflächen im Bezirk auswirken. „Der Vorteil ist
       aber, dass man die Grünanlagen immerhin betreten kann“, sagt Schriner
       lakonisch.
       
       Noch vor dem Krisentreffen mit dem Senat hatte der Umweltstadtrat des
       Bezirksamts Mitte auf eine Rückerstattung der Mehrkosten durch den Senat
       gehofft. Für dieses Jahr wird es jedoch nichts, stellte sich bei dem Gipfel
       heraus.
       
       Der Senat will die Raupe auch nach wie vor nicht als Gesundheitsgefahr
       einstufen, sondern sieht sie offiziell weiter als ökologisches Problem, da
       die Brennhaare nur sehr kurzzeitig eine Gefahr für Menschen darstellen.
       Dabei würde der Stempel Gesundheitsgefahr den Bezirken schnellere
       Eingriffsmöglichkeiten in Notfällen und wirksamere Maßnahmen ermöglichen,
       erklärt Schriner. Der Wildtierbeauftragte des Senats stößt aktuell an die
       Grenzen dessen, was er im Rahmen des Pflanzenschutzamts empfehlen kann.
       „Wir müssen die Lage als Gesamtaufgabe des Landes verstehen und auch
       anerkennen, dass es eine Aufgabe sein wird, die uns noch wahrscheinlich ein
       paar Jahrzehnte beschäftigen wird“, sagt Shriner.
       
       „Guck mal, hier ist ein Rotschwanzweibchen!“, sagt Laura Damerius im
       Volkspark Rehberge. Der kleine Vogel fliegt an den beiden
       Stadtnatur-Rangerinnen vorbei direkt in Richtung eines Nistkastens in den
       Eichen. Bald sind seine Astnachbarn auch weg. Anfang Juli verpuppen sich
       die Raupen und verwandeln sich dann in völlig harmlose Schmetterlinge. Die
       an einigen Stellen verstreuten Haare hingegen können noch ein bis zwei
       Monate lang unangenehme Nebenwirkungen haben. Dann ist die Panik vorbei. Es
       wäre dann Zeit für Prävention. Der nächste Mai kommt bestimmt.
       
       19 Jun 2026
       
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