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       # taz.de -- Kommentar von Stefan Reinecke zum Parteitag der Linkspartei: Kleinkriege wichtiger als Sozialdebatten
       
       Als die schwarz-rote Mehrheit bei der Rente wackelte, hat die Linksfraktion
       der Regierung mit ihrer Enthaltung geholfen. Als Merz bei der Kanzlerwahl
       durchfiel, ermöglichte die neue und ziemlich bunt zusammengewürfelte
       Fraktion Merz pragmatisch den zweiten Wahlgang. In Sachsen und Thüringen
       stützt die Linkspartei faktisch die beiden konservativen
       CDU-Ministerpräsidenten.
       
       Und das ist richtig so. Die Gefahr von rechts außen ist real – und
       erfordert politische Flexibilität. Dass die Linkspartei im Zweifel auch die
       bigotte CDU stützt, die sich feige an ihre realitätsuntaugliche
       Gleichsetzung von AfD und Linkspartei klammert, spricht für ihre
       undogmatische Hellsichtigkeit. Sie kann Feinde von Gegnern unterscheiden.
       Oder muss man sagen – konnte?
       
       Der neue Linkspartei-Chef Luigi Pantisano hat der Bild gesagt, dass es
       „letztlich keinen Unterschied zwischen der CDU gibt, die faschistische
       Politik macht, der AfD oder den Faschisten“. Man muss kein begabter
       Skeptiker sein, um zu begreifen, wer gewinnt, wenn sich Demokraten
       gegenseitig als Faschisten beschimpfen: die AfD.
       
       Pantisano bekam beim Parteitag in Potsdam ohne Gegenkandidaten nur knapp
       über 50 Prozent der Stimmen. Das ist ein historisch miserabler Start. Dass
       der neue Linken-Chef zwei Tage zuvor eine Zusammenarbeit mit der CDU in
       Ordnung fand, um der AfD die Macht zu versperren, macht nichts besser. Die
       Zeiten sind zu ernst fürs Irrlichtern im Grundsätzlichen.
       
       Die Linkspartei hat in Potsdam hingebungsvoll debattiert, mit welchen
       Worten man als deutscher Linker den Nahostkonflikt beschreiben soll. Und
       sie hat Abgeordneten einen Gehaltsdeckel verordnet. Beides wurde mit dem
       erwartbaren moralischen Hochdruck diskutiert. Beides ist für das
       Selbstverständnis der neuen Linken, in die viele Gaza-Aktivisten geströmt
       sind, bedeutsam.
       
       Allerdings ist dies im Sommer 2026 ein recht verschwenderischer,
       selbstbezüglicher Umgang mit der Ressource öffentliche Aufmerksamkeit. Gäbe
       es angesichts von Sozialkürzungen, der geplanten Rentenreform und der
       drohenden AfD-Erfolge bei den Landtagswahlen im Herbst keine wichtigere
       Fragen als die, ob linke Abgeordnete 3.000 oder 3.300 Euro netto verdienen
       sollen?
       
       Bisher ist es der Linkspartei gelungen, juvenilen Aufbruch und Aktivismus
       mit geerdeter Realpolitik zu verknüpfen. Fraktionschefin Heidi Reichinnek
       und auch der zurückgetretene Parteichef Jan van Aken haben einen
       politischen Stil entwickelt, in dem beides Platz hat. Pantisanos Fehltritt
       zeigt den Abgrund, in dem die Linkspartei verschwinden kann, wenn sie auf
       Verbalradikalismus und Selbstbeschäftigung setzt.
       
       22 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Stefan Reinecke
       
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