# taz.de -- Diätendeckel-Debatte in der Linkspartei: Mehr Gelassenheit wagen
> Der Streit in der Linkspartei über eine Gehaltsbeschränkung für ihre
> Abgeordneten zeigt, wie sie sich verändert hat. Er wird unnötig hitzig
> geführt.
IMG Bild: Ihr reicht ein durchschnittliches Gehalt: Ines Schwerdtner, Parteivorsitzende der Linken
Beim Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf. Und offenbar auch jene
„revolutionäre Freundlichkeit“, die die Parteivorsitzende Ines Schwerdtner
für den Umgang untereinander in der Linken propagiert. Mit Inbrunst wird in
der Partei über die Einführung eines Diätendeckels für ihre Abgeordneten
gestritten. Das könnte sogar den Bundesparteitag an diesem Wochenende in
Potsdam überschatten. Aber warum bloß?
Angefangen hat die Auseinandersetzung mit der Wahl von Schwerdtner und Jan
van Aken an die Parteispitze. Eine ihrer ersten Amtshandlungen im Oktober
2024 war es, [1][öffentlichkeitswirksam zu verkünden], nur einen Teil des
ihnen laut Verdi-Haustarifvertrag zustehenden Vorsitzendengehalts zu
behalten. „Wir beide möchten die Welt verändern und da reicht ein
Durchschnittsgehalt, das die Menschen in Deutschland verdienen, völlig
aus“, begründete das damals van Aken.
Nach ihrem Einzug in den Bundestag im Februar 2025 haben sie als
Abgeordnete diese Selbstbeschränkung beibehalten – und wollen sie nun auf
dem kommenden Parteitag für alle Abgeordneten allgemeinverbindlich machen
lassen. Das wäre ein Bruch mit den bisherigen Gepflogenheiten.
Möglicherweise hat es mit der Entstehungsgeschichte der Linkspartei zu tun,
dass es für deren Führungspersonal lange Zeit selbstverständlich war, mehr
zu verdienen als jene arbeitende Bevölkerung, für die sie nach eigenem
Anspruch Politik macht. Als andere linke Parteien, wie die belgische Partij
van de Arbeid, die Schwerdtner gern als Vorbild nennt, eine Begrenzung des
Gehalts für ihre Funktionär:innen und Mandatsträger:innen
beschlossen, waren Parlamentsmandate noch in weiter Ferne. Da fällt eine
solche Entscheidung leichter.
## Streben nach Anerkennung
Die PDS, die Vorläuferin der Linkspartei, war hingegen nie eine kleine,
arme außerparlamentarische Partei, sondern verfügte als Überbleibsel der
einstigen DDR-Staatspartei von Anfang an über Mandatsträger:innen in
den ostdeutschen Ländern und auf Bundesebene. Geprägt war die PDS von
Funktionär:innen, die noch in der SED oder deren Jugendorganisation FDJ
sozialisiert worden waren. Zum einen erschien es ihnen normal, für
politische Arbeit bezahlt zu werden, zum anderen litten sie unter den
Ausgrenzungserfahrungen im bundesdeutschen Politikbetrieb, in dem die PDS
als Paria galt.
Das führte zu einem großen Streben nach Anerkennung. Sie wollten so
behandelt werden wie die Politiker:innen der anderen Parteien, wozu
auch eine entsprechende Vergütung zählte. Zu ihnen gesellten sich mit der
Bundestagswahl 2005 über die WASG zahlreiche hauptamtliche
Gewerkschafter:innen aus Westdeutschland, für die das eigene,
vergleichsweise hohe Gehalt ohnehin selbstverständlich war.
An einen Gehaltsdeckel dachten weder die einen noch die anderen. Im
Gegenteil: Sowohl der aus der PDS stammende Linken-Gründungsvorsitzende
Lothar Bisky als auch dessen von der WASG gekommener Nachfolger Klaus Ernst
ließen sich auf ihre Abgeordnetendiäten noch [2][mehrere tausend Euro von
der Partei drauflegen].
Damit habe er schließlich immer noch weniger in der Tasche als zu seiner
Zeit als IG-Metall-Bevollmächtigter in Schweinfurt, rechtfertigte sich
Ernst. Es gäbe, so befand Bisky, keinen Grund, warum Parteivorsitzende
niedrigere Einkünfte haben sollten als die Vorsitzenden der
Bundestagsfraktion. Denn die erhielten ebenfalls noch eine entsprechend
hohe Zulage. Erst die heutigen Fraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek und
Sören Pellmann beendeten diese Praxis.
## Längst überfällige Debatte
Dass die Linkspartei heute über einen Diätendeckel diskutiert, ist
einerseits Ausdruck ihres Transformationsprozesses, andererseits längst
überfällig. Schließlich hatte schon die italienische PCI, in den 1970er
Jahren stärkste kommunistische Partei Westeuropas, eine strikte Begrenzung
der Gehälter ihrer Abgeordneten. Für den [3][legendären PCI-Generalsekretär
Enrico Berlinguer] war das ein Ausdruck der Nähe zur Arbeiterklasse und
moralischer Integrität – in Abgrenzung zur Raffke-Mentalität der
politischen Konkurrenz. Das ist auch die Botschaft, die der Vorstand der
Linkspartei mit seinem Diätendeckel-Antrag aussenden will.
Es geht der Parteispitze also darum, ein Zeichen zu setzen. Ob es gelingt,
das richtige zu setzen, ist fraglich. Denn dafür wird die Debatte [4][zu
verbissen geführt]. Dabei geht es de facto um eine wesentlich kleinere
Differenz, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, die die
Befürworter:innen und die Gegner:innen eines Diätendeckels trennt.
Da wäre eigentlich mehr Gelassenheit angesagt, um sich auf ein Modell zu
einigen, das sowohl der Intention entspricht, als auch mit dem alle leben
können.
Eine Beispielrechnung: Wie jede:r Bundestagsabgeordnete bekommt die
frühere Parteivorsitzende Janine Wissler eine [5][Diät von derzeit
monatlich 11.833,47 Euro brutto]. Davon gehen jedoch etwa 6.900 Euro für
die Steuer, ihre freiwillige gesetzliche Krankenversicherung und
verpflichtende Mandatsträger:innenbeiträge an die Linke ab.
Hinzukommen 400 Euro Linken-Mitgliedsbeitrag und 380 Euro für den
Solidarfonds der Linksfraktion.
Bleiben etwas über 4.100 Euro, von denen noch ihr Gewerkschaftsbeitrag,
diverse weitere Mitgliedsbeiträge und Spenden abgehen. Bei den meisten
Abgeordneten sieht es ähnlich aus. Das zeigt, dass der immer wieder
mitschwingende Vorwurf, Linken-Abgeordnete würden sich dumm und dämlich
verdienen, nicht der Realität entspricht.
## Auch Gutverdienende können Idealist:innen sein
Wenn die Gegner:innen eines Diätendeckels anführen, er führe dazu, dass
sich Menschen, die in ihrem Beruf mehr als einen Durchschnittslohn
verdienen, nicht mehr für die Linke parlamentarisch engagieren würden, ist
das allerdings nicht minder eigentümlich. Dadurch ginge „Qualität“
verloren, warnt der Linken-Altvordere [6][Gregor Gysi in der Zeit].
Das unterstellt, dass linke Professor:innen, Jurist:innen, Ärzt:innen
oder auch Gewerkschaftsfunktionär:innen nur dann zum politischen
Engagement bereit wären, wenn die Kasse stimmt – was schon eine ziemlich
bösartige Behauptung ist. Dem entgegen steht, was Gysi in dem Interview
noch sagte: „Wenn alle Abgeordneten aber eines Tages nur noch ein
Durchschnittsgehalt verdienten, säßen im Bundestag vor allem Idealisten.“
Dazu wird es sicherlich leider nie kommen. Aber die Vorstellung, dass
wenigstens in der Linksfraktion vor allem Idealist:innen sitzen, sollte
eigentlich keine sein, die gegen einen Diätendeckel spricht.
19 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Gehaltsverzicht-von-neuer-Linkenspitze/!6041282
DIR [2] https://www.stern.de/politik/deutschland/das-gehalt-des-linkspartei-chefs-ist-ernst-ein--raffke--oder-nicht--3536600.html
DIR [3] /Der-Film-Enrico-Berlinguer-zeigt-wie-sich-Italiens-Kommunisten-von-der-Sowjetunion-abnabelten/!6178528
DIR [4] /Linksfraktion-streitet-ueber-ihre-Diaeten/!6177843
DIR [5] https://www.bundestag.de/abgeordnete/mdb_diaeten/mdb_diaeten-214848
DIR [6] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-06/gregor-gysi-linke-parteitag-nahost-antisemitismus-gehaltsdeckel/komplettansicht
## AUTOREN
DIR Pascal Beucker
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