# taz.de -- Präsidentenwahl in Kolumbien: Die Linke „ausweiden und auslöschen“
> In der Stichwahl am Sonntag treffen der Ultrarechte Abelardo de la
> Espriella und der Linke Iván Cepeda aufeinander. Der Wahlkampf war
> unterirdisch.
IMG Bild: Anhänger des Kandidaten Abelardo de la Espriella bei einer Wahlkampf-Veranstaltung in Buga, Kolumbien
In Kolumbien wird am kommenden Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Letzten
Umfragen zufolge liegt der ultrarechte, selbst ernannte Outsider und
„Tiger“ Abelardo de la Espriella mit zwischen acht und vier Prozentpunkten
vorn. Er hatte im ersten Wahlgang am 31. Mai 43,74 Prozent der Stimmen
erhalten. Dort trifft er auf den Zweitplatzierten, den linken
Umfragefavoriten Iván Cepeda von der Regierungspartei Pacto Histórico, der
auf 40,9 Prozent kam – ein Schock für die Linke. Der Endspurt verspricht,
noch aggressiver zu werden.
Kolumbien ist politisch traditionell ein polarisiertes Land. Grob gesagt,
teilt sich die Karte in die rechte Andenregion und die linken
Küstenregionen plus Bogotá. Doch noch nie war der Wahlkampf, geprägt von
Desinformation und dem Einsatz von KI, so hart und ging so unter der
Gürtellinie – darin sind sich Analyst*innen einig. Die gegnerischen
Lager beziehungsweise ihre Anhänger*innen titulierten sich als Ratte,
Kakerlake, Guerillero, Faschist und Paraco (Paramilitär).
Guerillero ist das Wort, mit dem traditionell alles, was links sein könnte,
stigmatisiert wird. Faktisch gibt es jedoch keine Guerilla mehr in
Kolumbien – keine Gruppe, die einen Umsturz will. Die verbliebenen
bewaffneten Gruppen gehen ausnahmslos ihren kriminellen Geschäften nach.
Aber das Wort hat ein Revival erlebt.
Gabriel Ramírez (31) ist kein Fan der Petro-Regierung. Cepeda findet er
hingegen gut. Etwas altmodisch, mit Fehlern im Wahlkampf, aber integer –
ein Linker, der sich für die Opfer eingesetzt habe.
## Beschimpft und bedroht
Mit seiner Kumpels aus der Wandergruppe habe er nach dem Schock vom 31. Mai
beschlossen, für Cepeda Wahlkampf zu machen. Seitdem sei er nach der Arbeit
jeden Tag unterwegs auf der Straße, verteile Flugblätter und mache Musik.
Er sei beschimpft und bedroht worden, habe aber auch viel Zuspruch
erfahren.
Das Wahlkampfmaterial hätten sie nicht einmal drucken müssen. „Das ist
alles noch von der ersten Runde übrig.“ Cepedas Leute seien sich so sicher
gewesen, dass sie nicht einmal das ganze Material verteilt hätten. Es habe
ein paar Auftritte mit Cepeda gegeben, ein wenig Wahlwerbung online. „Die
Zahlen in den Umfragen sind schlecht – aber das war vor vier Jahren bei
Petro auch so“, sagt Ramírez.
Da hätte Gustavo Petro um ein Haar gegen den Trump-Verehrer und
Tiktok-Baulöwen-Opa Rodolfo Hernández verloren. Unlängst engagierte Cepeda
noch eine Strategin, die seinerzeit Hernández’ Onlinestrategie verantwortet
hatte. „Im Vergleich zu Abelardo wirkt Rodolfo heute wie eine barmherzige
Nonne“, sagt Ramirez. „Abelardo macht Angst.“
Abelardo de la Espriella hat mehrfach angekündigt, dass er die Linke
„ausweiden“ (destripar) und „auslöschen“ werde, sollte er die Wahl
gewinnen. Zuletzt hatte er eine Liste von Oppositionellen aufgestellt, die
US-Behörden überwachen und ihnen die Visa wegnehmen sollen.
## Viele Gerüchte
Iván Cepeda hat kürzlich gegen de la Espriella wegen Verbrechen gegen die
Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH)
Strafanzeige erstattet – konkret: wegen mutmaßlicher Verbindungen zu
Paramilitärs. Zudem sah er sich genötigt, bei [1][einer Pressekonferenz]
mit einem Gesundheitszeugnis zu belegen, dass er seit 2022 krebsfrei ist.
Die Gegenseite habe Gerüchte gestreut, dass er zu krank sei, um Präsident
zu werden.
Es gab keine einzige Debatte über Vorschläge und Ideen zwischen den beiden
Kontrahenten. Stattdessen redeten sie mit Influencern und kommunizierten
auf sozialen Medien. Ausgerechnet die Unterstützung von Kolumbiens erstem
linken Präsidenten Gustavo Petro könnte dem linken Kandidaten zum
Verhängnis werden. Petro ist es gesetzlich verboten, sich in den Wahlkampf
einzumischen, solange er noch im Amt ist.
Doch das scherte ihn nicht. Im Gegenteil – er erklärte sich sogar zum
obersten Wahlkämpfer für Cepeda. Ein weiteres Erbe, das dem Ultrarechten in
die Arme spielen könnte: [2][die sogenannte constituyente], die Petro
unbedingt wollte. Damit ist eine verfassungsgebende Versammlung gemeint, um
die Verfassung von 1991 zu ändern. Diese Idee findet nicht einmal unter
allen Anhänger*innen der Regierungspartei Anklang.
Iván Cepeda und Petro haben sich erst nach der ersten Runde von der
constituyente verbal verabschiedet – und setzen stattdessen auf eine „große
nationale Übereinkunft“. Was der Rechten im Wahlkampf viel Zeit
verschaffte, das als Beweis dafür aufzugreifen, dass die Linke die
kolumbianische Demokratie zu ihren Gunsten umkrempeln wolle.
## Mehrere Staatsbürgerschaften
Paradoxerweise sind viele Punkte aus de la Espriellas eigenem Wahlprogramm
mit der aktuellen Verfassung nicht vereinbar. Ob er tatsächlich Präsident
werden kann, ist ebenfalls fraglich. Er verfügt neben der kolumbianischen
und italienischen auch über die US-Staatsbürgerschaft.
Dafür musste er einen Eid ablegen, der laut Jurist*innen und
Ex-Verfassungsrichter*innen im Falle seines Wahlsieges [3][zu einem
Loyalitätskonflikt] führen könnte. US-Präsident Donald Trump hat sich auch
in diese Wahl auf dem südamerikanischen Kontinent eingemischt – und dem
Ultrarechten Abelardo de la Espriella seine Unterstützung zugesichert.
Die heiße Phase des Wahlkampfs fällt mitten in die
Fußballweltmeisterschaft. Kolumbien hat gerade sein erstes WM-Spiel 3:1
gegen Usbekistan gewonnen. Ausgerechnet um die Nationalmannschaft hatte
sich noch ein Zwist entsponnen.
Cepeda hatte de la Espriella angegriffen, weil dieser das Trikot der
Nationalmannschaft bei Auftritten trug – ebenso wie seine Fans. Das Trikot
sei ein Nationalsymbol, das allen Kolumbianer*innen gehöre,
argumentierte Cepeda.
Ein Gericht untersagte de la Espriella zeitweise das Tragen des Trikots,
ein anderes hob das Urteil auf. Geschenkt, dass kolumbianische
Politiker*innen jeglicher Couleur das Trikot in der Vergangenheit
getragen hatten. Sogar Petro, als er die Nationalmannschaft verabschiedete.
Und zuletzt trug und verteilte Cepedas Wahlkampfteam selbst das gelbe
Shirt. Das Kuriose: D[4][e la Espriella hasst erklärtermaßen Fußball].
18 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://elpais.com/america-colombia/elecciones-presidenciales/2026-06-16/ivan-cepeda-revela-su-certificado-medico-tras-meses-de-especulaciones-estoy-en-las-mejores-condiciones-de-salud-para-ejercer-la-presidencia.html
DIR [2] https://elpais.com/america-colombia/elecciones-presidenciales/2026-06-04/petro-cede-en-su-obstinacion-y-desecha-la-idea-de-convocar-una-constituyente.html
DIR [3] https://www.lasillavacia.com/en-vivo/juristas-advierten-conflicto-de-lealtades-por-nacionalidad-abelardo/
DIR [4] https://elpais.com/america-colombia/elecciones-presidenciales/2026-06-08/la-disputa-entre-cepeda-y-de-la-espriella-desgarra-la-camiseta-de-la-seleccion-colombia-en-visperas-del-mundial.html
## AUTOREN
DIR Katharina Wojczenko
## TAGS
DIR Kolumbien
DIR Präsidentenwahl
DIR Ultrarechte
DIR Kolumbien
DIR Fußball-WM
DIR Kolumbien
DIR Kolumbien
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Stichwahl in Kolumbien: Selbsternannter „Tiger“ macht das Rennen
In Kolumbien gewinnt der rechtsextreme Kandidat Abelardo de la Espriella
die Stichwahl. Er schlägt zunächst versöhnlichere Töne an als im Wahlkampf.
DIR Kolumbiens Mannschaft bei der WM: Kinder des Konfliktes
9 von 26 kolumbianischen Nationalspielern kommen aus den am stärksten vom
Krieg gezeichneten Regionen. Bei manchen ist die eigene Familie betroffen.
DIR Präsidentschaftswahl in Kolumbien: Rechts und Links kommen in die Stichwahl
Der ultrarechte Neuling Abelardo de la Espriella gewinnt den ersten
Wahlgang. Der linke Iván Cepeda wird mit 3 Prozentpunkten Rückstand
Zweiter.
DIR Kolumbien vor den Wahlen: Zwischen Actionfilm und Inklusion
Am Sonntag sind in Kolumbien Präsidentschaftswahlen. Cepeda, Kandidat der
Linken, muss wohl in die Stichwahl – gegen einen Ultrarechten.