# taz.de -- Wiederbelebung ausgestorbener Arten: Mäuse mit Mammutfell
> Die US-Genfirma Colossal Biosciences möchte mit viel Geld ausgestorbene
> Tiere zurückbringen. In der Fachwelt sorgt das für Skepsis und
> Faszination.
IMG Bild: Das Wollmammut in einer Illustration aus dem Jahr 1867. Die Mammutsteppe, die die Tiere einst prägten, existiert längst nicht mehr
Die US-Genfirma Colossal Biosciences startet 2021 mit einem medialen
Paukenschlag. Oder besser formuliert: mit einem urzeitlichen Aufstampfen.
Zusammen mit dem renommierten Genetiker George Church von der Harvard
University verkündet sie, innerhalb von acht Jahren Mammuts zurückbringen
zu wollen. De-extinction nennen sie das, also die Wiederbelebung längst
ausgestorbener Arten. Das mediale Interesse ist so groß, dass Gründer Ben
Lamm und Genetiker Church über Tage zu digitalen Pressegesprächen im
Halbstundentakt laden.
Im Gespräch klingt das Mammut-Projekt plötzlich nur noch halb so verrückt.
Church stellt gleich klar: Es geht nicht um „echte“ Mammuts aus uralten
DNA-Schnipseln, sondern um genetisch veränderte asiatische Elefanten. Sie
sind die nächsten Verwandten der vor 4.000 Jahren ausgestorbenen
Eiszeitriesen. Mithilfe von Gentechnologie sollen sie auf ein Leben in den
letzten [1][Permafrostgebieten] der Welt vorbereitet werden, etwas mehr
Speckschicht, viel mehr Fell, bessere Verträglichkeit mit den eisigen
Temperaturen.
Neu ist die Idee nicht. Schon seit Jahren trägt Church sie
öffentlichkeitswirksam vor sich her. Dabei hat er vermeintlich gute
Argumente. Mammuts könnten helfen, den Klimawandel abzufedern. Im eisigen
Boden der Tundra sind große Mengen Methan gespeichert. Durch die
menschengemachte Erderwärmung droht das Auftauen und damit ein fataler
Klimakipppunkt. Die schweren Mammuts trampeln Erde und Schnee fest und
kühlen damit den Boden. Außerdem fressen die großen Tiere Bäume und
Sträucher ab, wodurch die Landschaft heller wird, mehr Sonnenlicht
zurückstrahlt und sich weniger erwärmt.
So weit jedenfalls die Theorie. Sie ist umstritten. Denn die Mammutsteppe,
das weiträumige Grasland, das die Tiere einst prägten und bewohnten,
existiert längst nicht mehr. Und das Mammut war in der Eiszeit nicht
allein: Das Ökosystem bestand aus Dutzenden von großen, ebenfalls
ausgestorbenen Arten, Wollnashörnern, Riesenhirschen oder Steppenbisons. Im
Zweifel würde mit den Mammuts kein Klimaschutzprojekt entstehen, sondern
ein eiszeitlicher Zoo. Deshalb fehlten Church für seine
Klima-Mammut-Mission lange das nötige Geld, das Team und die
Laborkapazitäten.
## Die Firma inszeniert sich geschickt
Doch genau daran mangelt es bei Colossal Biosciences längst nicht mehr.
Über 615 Millionen US-Dollar Risikokapital wurden bereits eingesammelt, der
Firmenwert wird inzwischen auf 10 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ein
wichtiger Grund für diese Summen ist die geschickte mediale Inszenierung
der eigenen Erfolge. So wurde im März 2025 eine wuschelige, niedliche
Mammutmaus vorgestellt. Aus einem Datensatz von 121 Mammut- und
Elefantengenomen hatte das Colossal-Forschungsteam eine Handvoll Gene
ausgemacht, die entscheidend für Haareigenschaften und Kälteanpassung sind,
und ähnliche Gene anschließend in Mäusen verändert.
So süß das Ergebnis auch erscheint, ein Durchbruch auf dem Weg zum Mammut
ist das jedoch nicht. Das Science Media Centre hatte verschiedene
Forschende [2][um eine Einschätzung gebeten]. „Wollmäuse wurden in Laboren
und von Mäusezüchtern schon viele Male zuvor erzeugt. Und es ist nicht
möglich festzustellen, welchen Einfluss die mammutinspirierten
Veränderungen auf die Wollmaus hatten“, erklärte Tori Herridge,
Paläobiologin an der Universität Sheffield. Dazu kommt eine ernüchternde
Erfolgsquote: Weniger als zehn Prozent der genveränderten Embryonen führten
zu lebenden Jungtieren, und das bei vergleichsweise einfachen Eingriffen an
der bestens erforschten Labormaus. Mit anderen Worten: Vom bis 2028
angekündigten ersten Mammut-Kalb ist man noch weit entfernt.
Dem medialen Interesse tat und tut das keinen Abbruch. Nur wenige Wochen
später präsentierte die Firma den nächsten PR-Knaller, drei
Schattenwolfwelpen namens Romulus, Remus und Khaleesi. Die Wolfsart ist
bereits vor 12.000 Jahren ausgestorben, hat aber durch die Fantasyserie
„Game of Thrones“ große Berühmtheit erlangt. Ihren Namen zu nutzen, war ein
geschickter Schachzug in Sachen Aufmerksamkeit. Aber eigentlich waren auch
diese Welpen eher eine Grauwolfmogelpackung. Angepasst wurde das Erbgut an
20 Stellen in 14 Genen. Das Gesamtgenom des Grauwolfs hat etwa 19.000 Gene.
Die „Hybriden“ sind also genetisch deutlich näher mit dem Grauwolf verwandt
als mit einem echten Schattenwolf. Und beide Wolfsarten teilen sich einen
sechs Millionen Jahre alten Vorfahren. Nah verwandt ist anders. Die
minimalen Genanpassungen sollen trotzdem für dichtes, helles Fell, eine
größere Statur und ein spezielles Heulen sorgen. Der Beweis dafür steht
noch aus. Im Moment wachsen die Tiere laut Colossal Biosciences in einem
weitläufigen, streng gesicherten Naturschutzgebiet auf und werden von
Forschenden beobachtet. Wissenschaftliche Daten zu ihrer Entwicklung wurden
bisher nicht veröffentlicht.
## Biodiversitätskrise wird dadurch nicht gelöst
Und so halten sich weiter Faszination und Skepsis in der Fachwelt die
Waage. „Auch wenn die Ergebnisse gerne aufgebauscht werden, sind die
Projekte von Colossal Biosciences ohne Frage faszinierend. Denn mal
ehrlich, wer würde nicht gerne mal ein Mammut sehen“, sagt Carsten Nowak,
Leiter des Senckenberg Zentrums für Wildtiergenetik. Außerdem werde mit
viel Geld die Gentechnologie weiterentwickelt, und auch die öffentliche
Debatte um [3][neue Wege des Artenschutzes] sei wichtig.
Für eine Rettung der Biodiversität hält Nowak De-extinction dennoch nicht.
„Wir sollten uns nicht einfach darauf verlassen, dass wir das Aussterben
einfach zurückdrehen können. Ohne mehr Anstrengungen in Sachen Artenschutz
werden wir die Biodiversitätskrise nicht lösen“, sagt er. Bisher ist es
nicht einmal möglich, fast ausgestorbene Populationen wie die des
Nördlichen Breitmaulnashorns mit Gentechnik zu stabilisieren. Und ob
mittelfristig der Aufbau einer selbsterhaltenden, genetisch vielfältigen
Population gelingt, die fit genug für ein Leben in freier Natur ist, bleibt
fraglich. Gendatenbanken mit Erbgut möglichst vieler Tiere sind daher eher
eine Wette auf die Technologien der Zukunft als eine bereits wirksame
Artenschutzmaßnahme. Bei länger ausgestorbenen Tieren fehlt zudem die
ökologische Nische, die sie einst besetzten.
Von der Skepsis aus der Wissenschaft lässt man sich bei Colossal
Biosciences kaum beeindrucken. Im Mai 2026 wurde der nächste vermeintliche
Durchbruch verkündet: Aus künstlichen Eiern in der Größe gewöhnlicher
Hühnereier seien erfolgreich Küken geschlüpft. Die Firma gibt an, diese
Eier in großer Zahl herstellen zu können. Ganz neu ist das Verfahren nicht,
die Erfolgsquoten sind überschaubar – und in der Pressemitteilung macht
Colossal Biosciences dazu keine Angaben. Belastbare wissenschaftliche Daten
fehlen ebenfalls.
Dabei könnten verbesserte künstliche Eier durchaus interessant sein, etwa
in der Zucht effektiverer Nutztiere oder bei der Herstellung medizinisch
nutzbarer Proteine. Den Nutzen für den Artenschutz hält Gernot Segelbacher
von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg dagegen für überschaubar. „Im
internationalen Vogelschutz spielt die Erhaltungszucht für wenige Arten
eine gewisse Rolle, aber die Haupttreiber sind Habitatverlust, invasive
Arten und mangelnde Nahrung oder direkte Verfolgung“, sagte er dem Science
Media Center.
Selbst wenn man im großen Stil züchten würde, wären die Ursachen von
Rückgang und Aussterben damit nicht beseitigt. Colossal Biosciences hat
ohnehin andere Ziele. Mit den künstlichen Eiern sollen ausgestorbene Vögel
zurückgebracht werden. Ganz oben auf der Liste stehen der flugunfähige
Dodo, die Wandertaube und die Südinsel-Riesenmoa. Für die Rückkehr der
Letzteren hat Hollywood-Regisseur Peter Jackson unlängst 14 Millionen
US-Dollar gespendet. Die größten Exemplare wurden fast vier Meter groß und
wogen 230 Kilogramm, entsprechend riesig müssten auch die künstlichen Eier
sein. Selbst wenn dieser technologische Sprung gelingt, würden daraus kein
Moa schlüpfen, sondern die genetische Annäherung an eine Art, an deren
Aussterben wir Menschen vor knapp 700 Jahren maßgeblich beteiligt waren.
18 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Auftauende-Permafrostboeden/!5904471
DIR [2] https://www.sciencemediacenter.de/angebote/kueken-schluepfen-aus-kuenstlichem-ei-26121
DIR [3] /Kuenstliche-Intelligenz-und-Artenschutz/!5925086
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