# taz.de -- Die Wahrheit: Lebenslänglich Bayer: Danke, Hans!
> Warum unser Autor bei einer Doku über die kabarettistische Truppe
> Biermösl Blosn feuchte Augen bekommen hat? Erfahren Sie, wenn Sie hier
> weiterlesn.
Irgendwas passiert gerade mit mir. Werden meine Augen etwa feucht? Ich
werde doch jetzt nicht losheulen. Es ist doch eigentlich gar nichts. Ich
sitze doch nur vor meinem Laptop und streame eine Doku des Bayerischen
Rundfunks. „Lebenslinien“ heißt sie und zeichnet das Leben von Hans Well
nach. Der Hans. Den kenne ich von früher. Da war er Teil der großen
Biermösl Blosn, eine Berühmtheit. Und ich habe auf kleinen Bühnen in
München Kabarett gespielt und manchmal von einer Karriere als Komödiant
geträumt. Damals sind wir uns ein paar Mal begegnet. Später haben wir ein
paar Mal für die taz zusammengearbeitet.
Als in der Doku die große Karriere der Biermösl Blosn noch einmal
nachgezeichnet wird, weiß ich zunächst wirklich nicht, warum mir die Szenen
so nahe gehen. Die Lieder der Musikkaberettisten, die im Film angespielt
werden, kann ich alle mitsingen. Sie gehören zu mir. Sie haben mich zu dem
gemacht, was ich heute bin – ein bisschen jedenfalls.
Das ist die Geschichte dazu: Als ich in München aufs Gymnasium gekommen
bin, wurde ich zusammen mit ein paar Migranten zum Ergänzungsunterricht
Deutsch verdonnert, weil ich so stark Bairisch geredet habe. Bairisch war
damals in München eher verpönt. Links sein in der Einrichtung, auf die man
mich geschickt hatte, ebenfalls. Neun Jahre später habe ich die Schule als
stolzer Bayer mit linker Gesinnung verlassen. Ich habe mich nicht mehr
geniert für mein Mundwerk. Und bin stolz mit Lederhose, T-Shirt und
Joggingschuhen durch das gerade superschick werdende München gegangen.
Es waren Bayern wie die drei Well-Brüder der Biermösl Blosn, die mir jenes
andere Bayern vorgelebt haben, als dessen Teil ich mich damals gefühlt
habe. Auch wenn ich nun schon seit wirklich sehr langer Zeit in Berlin
lebe, habe ich dieses Zugehörigkeitsgefühl bis heute nicht verloren. Man
kann mir immer noch ganz gut anhören, wo ich herkomme. Dass das so ist, hat
ganz bestimmt mit dem Sound meiner Jugend zu tun, den auch die Biermösl
Blosn geprägt haben. Und jetzt weiß ich es auch. Das ist der Grund, warum
mich diese Doku so berührt.
## Bitter
Traurig macht sie mich auch. Die Trennung der Biermösl Blosn nach 35
Bühnenjahren ist eine bittere Geschichte. Beinahe wird es ein paar Grad
kälter um mich herum, als die Bilder vom blutleeren, letzten Auftritt der
drei auf dem Bildschirm zu sehen sind. Dass der Hans zu den meisten seiner
zahlreichen Geschwister bis heute keinen Kontakt hat, ist schockierend. Die
Familie kann wohl nicht akzeptieren, dass er in seinen Erinnerungen, die
2013 erschienen sind, auch mit der NS-Vergangenheit seines Lehrervaters ins
Gericht geht.
Dann muss ich wieder lächeln bei den Bildern, die den heute 73-Jährigen in
seinem Garten oder mit Frau oder Kindern beim Musizieren zeigen. Und als
ich sehe, dass er die taz auf seinem Tisch in der Stube liegen hat,
sowieso. Danke, Hans! Ohne dich wäre ich nicht der, der ich bin.
19 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Andreas Rüttenauer
## TAGS
DIR Kolumne Die Wahrheit
DIR Bayern
DIR Kabarett
DIR Biermösl Blosn
DIR Kolumne Die Wahrheit
DIR Kolumne Die Wahrheit
DIR Kolumne Die Wahrheit
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Die Wahrheit: Lebenslänglich Bayer: hymnisch!
Was wie ein verspäteter Aprilscherz klingt, ist bayerischer Ernst: Bald
sollen an den Schulen wieder Hymnen gesungen werden. Nur keine fränkische.
DIR Die Wahrheit: Schmunzeln im ländlichen Raum
Lebenslänglich Bayer: Der Baumarkt ist der letzte natürliche Lebensraum des
freistaatlichen Südländers mit Hang zum Carport.
DIR Die Wahrheit: Lebenslänglich Bayer: Fünf fünfte Jahreszeiten
Das Bier geht in die Füße, heißt es im trink- und torkelseligen München.
Aber was ist eigentlich genau mit der „fünften Jahreszeit“ gemeint?