# taz.de -- Kriegsangst in Großbritannien: Moskau und London in der Eskalationsspirale
> Kommandoaktion und Schüsse im Ärmelkanal sowie ein Aufsehen erregender
> Prozess in London: Zwischen Russland und Großbritannien häufen sich
> brenzlige Zwischenfälle.
IMG Bild: Britische Einsatzkräfte gelangen per Fast-Roping aus einem Hubschrauber an Bord der „Smyrtos“
Die „Admiral Grigorowitsch“ ist eines der wichtigsten Kriegsschiffe der
russischen Marine. Die hochmoderne Fregatte, die sogar Marschflugkörper
abfeuern kann, war seit ihrer Inbetriebnahme im russisch besetzten
Sewastopol auf der Krim 2016 vor Syrien im Einsatz und hat die Weltmeere
befahren. Am 15. Juni eröffnete sie im Ärmelkanal vor der britischen
Südküste das Feuer.
[1][„Wir segelten einfach und plötzlich war da vor uns ein Kriegsschiff,]
es stand einfach herum“, erzählte jetzt britischen Zeitungen der Rentner
Alan Kelney, der mit seiner Frau Jane am Montag auf seiner Segeljacht
unterwegs nach Frankreich war. Er habe Kurs gehalten, vom Kriegsschiff –
von dem nicht zu erkennen war, unter welcher Flagge es fuhr und das keinen
Versuch machte, Funkkontakt aufzunehmen – haben unvermittelt die Sirenen
getönt und dann seien von Bord aus Gewehrschüsse gefallen. „Wir haben
unseren Motor angeworfen und sind abgehauen.“ In Frankreich gelandet,
schlugen sie Alarm.
Der britische Premierminister Keir Starmer nannte das russische Verhalten
„rücksichtslos“. Und vor allem ist es gefährlich, auch wenn es um eine
private Segeljacht und nicht um eine Konfrontation zwischen zwei
Kriegsmarinen geht. Als die russische Seite behauptete, die Schüsse seien
von den Briten abgefeuert worden, ging das Rentnerehepaar selbst an die
Presse.
## Eskorte für Öltanker der russischen Schattenflotte
Die „Admiral Grigorowitsch“ wird eng von der britischen Marine überwacht.
Denn das russische Schiff eskortiert seit April ständig Tanker der
sogenannten russischen „Schattenflotte“ von der Nordsee durch den
Ärmelkanal in den Atlantik. Sie bringen russische Ölexporte unter Bruch
geltender Sanktionen auf die Weltmärkte.
Am vergangenen Samstag hat Großbritannien zum ersten Mal einen dieser
Öltanker geentert. In einer mit Kriegsschiffen und Kampfhubschraubern
abgesicherten Operation landeten britische Marinesoldaten in der Nacht zu
Sonntag auf der unter kamerunischer Flagge fahrenden „Smyrtos“, übernahmen
die Kontrolle und brachten das Schiff zum südenglischen Hafen Portland, wo
es jetzt beschlagnahmt liegt.
Russlands Regierung nannte das „illegal“. Großbritannien sprach von einer
„klaren Botschaft an Russland“. Zeitgleich, so die Marine, hätten zwei
weitere britische Kriegsschiffe in der Nähe die „Admiral Grigorowitsch“
überwacht – man wusste um ihre wichtige Rolle.
Dass der Beschuss der britischen Segeljacht durch die „Admiral
Grigoriwitsch“ Russlands Reaktion darauf ist, liegt nahe. Die Sorge ist
nun, dass das nicht das Ende dieser Eskalationsspirale sein dürfte. Kein
Tag vergeht, ohne dass in London Sicherheitsexperten warnen, Russland und
Großbritannien stünden bereits an der Schwelle des Krieges.
## Brandanschläge im Umfeld des britischen Premiers
Nicht nur im Meer. Am Tag, als die Segeljacht im Ärmelkanal unter Beschuss
geriet, sprach ein Gericht in London zwei mutmaßliche Agenten Russlands
schuldig, eine Serie von Brandanschlägen im Umfeld von Premierminister
Starmer verübt zu haben.
Am 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Sieges der Alliierten im Zweiten
Weltkrieg, war in Starmers ehemaliger Wohnstraße in London sein damaliges
Auto, das er nach seiner Amtsübernahme an einen Nachbarn verkauft hatte, in
Flammen aufgegangen. Vier Tage danach brannte in derselben Straße der
Eingangsbereich von Starmers vormaligen Haus, das jetzt seine Schwägerin
bewohnt; zuvor wurde ein weiterer Anschlag auf sein Haus verübt.
Zwei Ukrainer wurden verhaftet, bekannten sich schuldig und man fand bei
ihnen Kommunikation mit einem russischen Botschaftsmitarbeiter. Der wies
ihnen laut Anklage die Anschlagsziele zu und versprach ihnen Bezahlung, nur
um sie hinterher fallenzulassen – „Wegwerfagenten“ nennt man solche
Einwegtäter. Eine am Montag veröffentlichte BBC-Recherche identifizierte
den mutmaßlichen russischen Agentenführer.
## Debatten um höhere Verteidigungsaufgaben
All dies folgt im Rahmen heftiger Sicherheitsdebatten in Großbritannien
seit dem Rücktritt des Verteidigungsministers John Healey am Donnerstag
vergangener Woche im Streit um höhere Verteidigungsausgaben. In seinem
Rücktrittsschreiben nannte er Finanzministerin Rachel Reeves „unwillig“ und
Premierminister Keir Starmer „unfähig“.
Bisher weigert sich die Regierung, ihre Pläne zu revidieren. Sie versucht
auch nach Kräften, die Vorfälle mit Russland im Ärmelkanal
herunterzuspielen. Aber schon am Abend von Healeys Rücktritt hatte der
konservative Sicherheitspolitiker Tobias Ellwood gewarnt: „Moskau nimmt die
schwindende Autorität dieser Regierung und die exponierte Verwundbarkeit
dieses Landes wahr. Wir sollten erwarten, dass unsere Sicherheit sehr bald
von Russland auf die Probe gestellt wird.“
18 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Dominic Johnson
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