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       # taz.de -- Auf der Suche nach Stadionruhe: Ein Raum im Nirgendwo
       
       > Die Fifa wirbt mit neu geschaffenen Sensory-Rooms in den Stadien. Gute
       > Idee. Leider weiß in Guadalajara niemand, wo diese eigentlich zu finden
       > sind.
       
   IMG Bild: Platz für Ruheräume gäbe es durchaus im Akron-Stadion in Guadalajara
       
       Gut hat sie geklungen, die Ankündigung. Zum ersten Mal, so die Fifa, werde
       jedes WM-Stadion einen Sensory-Room haben. Er biete „gedimmtes Licht,
       reduzierten Lärm, bequeme Sitzgelegenheiten, Elemente zum Erfühlen und
       Entspannen sowie Fernseher, die beruhigende visuelle Inhalte zeigen“. Das
       richtet sich an Fans, die empfindlich auf Reizüberflutung reagieren. Laut
       Fifa soll das zwischen 5 und 16,5 Prozent betreffen, etwa Fans mit
       Autismus, PTBS, Demenz oder Angstzuständen.
       
       Die Fifa hat da einen großen Punkt. Es gibt noch viele weitere Gruppen, für
       die sich der Besuch eines Stadions mit Lärm, Chaos und vielen Reizen
       belastend oder unerreichbar anfühlen kann: [1][Menschen mit Long Covid]
       oder mit ME/CFS, mit postkommotionellem Syndrom oder anderen Folgen von
       Hirnverletzungen, [2][mit schwerem ADHS] und andere. Endlich also, denke
       ich, hat die Fifa mal eine gute Idee.
       
       Die WM sei „das erste Sportturnier überhaupt“, das von KultureCity, einer
       Organisation für sensorische Barrierefreiheit, als „Sensory Inclusive
       Tournament“ ausgezeichnet worden sei. Diesen Sensory-Room möchte ich in
       Guadalajara besuchen. Ich glaube, dass so etwas vielen Fans wirklich
       weiterhelfen könnte. Wenngleich ich mir bei dem grölenden und trötenden
       mexikanischen Publikum schwer vorstellen kann, dass hier jemand einen
       Sensory-Room braucht.
       
       Voller Zutrauen spreche ich vor der Partie Mexiko – Südkorea eine
       Volunteerin an. Ob sie weiß, wo der Sensory-Room ist. Sie starrt mich
       ratlos an. Sensory was? Nein, nie gehört. Das wird der Soundtrack der
       nächsten Stunde sein. Ich umrunde das Stadion. Umrunde es noch mal innen.
       Ich frage sehr, sehr viele Volunteers. Ratlose Gesichter. Niemand hat je
       davon gehört. Die Medienfrau fragt: Century-Room? Die Security wisse sicher
       Bescheid, sagt eine Volunteerin. Der Volunteer wisse sicher Bescheid, sagt
       die Security. Seine Managerin wisse sicher Bescheid, sagt der Volunteer.
       
       Ein „historischer Meilenstein für die Barrierefreiheit“ seien die Rooms,
       erklärt die Mitteilung. Aber sollten sie nicht auch zu finden sein? Für
       Personen, die kurz vor einem Crash stehen, also einer rapiden
       Verschlechterung ihres Zustands durch Reizüberflutung, wäre die Sucherei
       hier ein Desaster. Ein Volunteer geht für mich auf Schnitzeljagd. Er fragt
       diesen und jenen, zeigt Hilfe suchend auf mich. Nichts. Endlich hat die
       Managerin Zeit. Ob sie mir sagen kann, wo der Sensory-Room ist? „Was soll
       das sein?“, fragt sie kühl. Ich erkläre es bestmöglich, auch darin bin ich
       mittlerweile geübt. „Nein.“ Ob sie denkt, dass es irgendwer wissen könne?
       Ihre Stimme wird noch kühler: „Nein.“
       
       Ich gebe mich geschlagen. Wenn ich kurz vor einem Crash stünde, hätte ich
       ihn eh längst gehabt. Also wieder nichts mit Inklusion bei der Fifa. Dabei
       hatte sie es so hübsch formuliert. „Das dauerhafte Versprechen der Fifa,
       niemanden auszuschließen“, so heißt es in der Mitteilung. Ich denke an all
       die Mexikaner:innen, die mir erzählt haben, dass sie sich keine Tickets
       leisten können. Nein, finanziell ist das natürlich nicht gemeint. Die Fifa
       denkt eher daran, keine Reichen auszuschließen. Aber es gibt da natürlich
       einen Schönheitsfehler: Viele der Menschen, die die Fifa mit ihren
       Sensory-Rooms ansprechen will, sind sehr ernsthaft in ihrem Alltag
       eingeschränkt in einer Welt, die nicht für ihre Bedürfnisse gemacht ist –
       und arbeiten folglich seltener in Jobs, die ihnen ermöglichen, sich ein
       Fifa-Ticket zu leisten. Ich vermute, auch so weit denkt die Fifa nicht.
       
       Ich schaue also stattdessen Fußball. Mexiko gegen Südkorea ist wieder ein
       schwacher Kick [3][in dieser schwachen Gruppe], das Stadion ist nicht
       ausverkauft, Mexiko gewinnt irgendwie 1:0. Menschen, die wegen
       Neurodivergenz nicht hier sein konnten, haben nichts verpasst. Ich hoffe
       trotzdem, dass vielleicht ein Klub die Idee aufnimmt – und besser umsetzt
       als Infantino und Spießgesellen.
       
       19 Jun 2026
       
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