# taz.de -- Zerbombte Häuser in der Ukraine: Wenn der Wiederaufbau auf sich warten lässt
> Tausende Ukrainer haben durch russische Angriffe ihren Wohnraum verloren.
> Zwar zahlt der Staat, doch viele Probleme lassen sich nicht mit Geld
> lösen.
IMG Bild: Von russischen Raketen- und Drohnenangriffen zerstörtes Haus in Kyjiw
Tausende Menschen in Kyjiw haben infolge russischer Luftangriffe ihre
Wohnungen oder Häuser verloren oder mussten ihr Zuhause zumindest
vorübergehend verlassen. Grundsätzlich haben Betroffene Anspruch auf
Entschädigungsleistungen. Doch diese Entschädigungen sind bei weitem nicht
ausreichend, kommen oftmals nur mit großer Verzögerung an.
Um die Folgen der Zerstörungen abzufedern, hat die Stadtverwaltung von
Kyjiw verschiedene Hilfsprogramme eingerichtet. Sie richten sich an
Eigentümerinnen und Eigentümer ebenso wie an Mieterinnen und Mieter, deren
Wohnraum durch den russischen Angriffskrieg beschädigt oder zerstört wurde.
Je nach Ausmaß der Schäden und persönlicher Situation kommen
unterschiedliche Leistungen infrage. Bei beschädigtem Wohnraum gibt es
10.000, bei zerstörtem Wohnraum 40.000 Hrywnja.
Ist eine Wohnung oder ein Haus infolge der Schäden unbewohnbar geworden,
können Betroffene zusätzlich für die Dauer eines Jahres eine monatliche
Unterstützung von 20.000 Hrywnja erhalten. Voraussetzung ist allerdings,
dass der Wohnraum zum Zeitpunkt der Antragstellung noch nicht renoviert
wurde. Wer bereits auf eigene Kosten mit umfassenden Reparaturarbeiten
begonnen hat, kann dadurch seinen Anspruch auf die kommunale Unterstützung
verlieren.
## Zusagen, die sich seit Monaten verzögern
Nataliya Masina ist wütend. Seit ihrer Heirat vor acht Jahren lebt sie in
Kyjiw, durch einen russischen Luftangriff am 31. Juli 2025 hat sie ihre
Wohnung verloren. Bei der Explosion neben ihrem Wohnhaus starben 30
Menschen, ihre Wohnung wurde durch die Druckwelle stark beschädigt.
Fenster, Türen, Wände und Möbel sind zerstört, die Wohnung ist unbewohnbar.
Doch von Seiten der Stadt Kyjiw erhält sie nur wenig Hilfe. Die zugesagten
Reparaturen verzögern sich seit Monaten, und die Behörden geben
widersprüchliche Informationen. Gerade einmal umgerechnet 250 Euro hat die
Stadt ihr als einmalige Hilfe bezahlt. Mehrere Kommissionen, so berichtet
sie gegenüber der taz, hätten bestätigt, dass ein vollständiger kapitaler
Wiederaufbau des Hauses nötig sei.
Doch trotz mehrfacher Zusagen haben sie und ihr Ehemann fast ein Jahr nach
dem Angriff immer noch keine nutzbare Wohnung. Die Fenster sind notdürftig
mit Folie gesichert, das Haus steht größtenteils leer, Obdachlose dringen
ein, während die Masinas weiterhin Rechnungen für Versorgungsleistungen
zahlen müssen. Bisher, so Nataliya Masina, hätten die Behörden nur die
Fenster in den Treppenhäusern ersetzt. In der Wohnung selbst sei noch
nichts repariert.
## Wiederaufbau braucht Zeit
Gegenüber der taz bestätigen Boris Rabotnik, Direktor des Bauamtes der
Stadt Kyjiw, und Pawlo Birjuk, stellvertretender Chef der
Swjatoschynska-Bezirksverwaltung, dass man die Situation des Hauses von
Nataliya und Dmytro Masina in der Iwan-Dziuba-Straße 12a dokumentiert habe.
Technische Gutachten durch die städtische „Kyivekspertiza“ und das
staatliche Forschungsinstitut „NDIBK“ zeigten erhebliche Schäden an den
tragenden Strukturen, den Ingenieurnetzen und den Gebäudeelementen.
Sie bestätigten auch, dass ein Wiederaufbau des Hauses, einschließlich
detaillierter Reparaturen in allen 20 Wohnungen des Hauses, beschlossene
Sache sei. Hierzu sei ein öffentliches Ausschreibungsverfahren zur Auswahl
eines Bauunternehmens eingeleitet sowie ein Gutachten einer Projekt- und
Kostenschätzung angefertigt worden. Einige Arbeiten, wie der Einbau neuer
Fenster in den Treppenhäusern, seien bereits abgeschlossen. Nach Angaben
der Bezirksverwaltung soll der Wiederaufbau acht Monate dauern und
voraussichtlich nicht vor dem Frühjahr 2027 abgeschlossen sein. Zuerst wird
das Dach repariert, dann die Treppenhäuser, anschließend die tragenden
Wände, und zuletzt die Wohnungen selbst.
## Wohnraumverlust nach der Flucht
Nina, die ihren Nachnamen nicht in einer Zeitung lesen möchte, hat diese
Probleme nicht. Sie ist aus Cherson nach Kyjiw gezogen, weil sie [1][die
häufigen Drohnenangriffe in ihrer Heimatstadt] nicht mehr ausgehalten hat
und ihre Wohnung durch einen russischen Luftangriff zerstört worden war.
„Hier in Kyjiw wird mir gut geholfen. Ich habe vom Staat eine Hypothek von
420.000 Hrywnja bekommen. Und 10.000 für meine Notargebühren. Wir bezahlen
18.000 Hrywnja jeden Monat zurück. Das ist für uns kein Problem. Mein Mann
verdient gut als Lastenträger in einem Supermarkt“, erklärte sie gegenüber
der taz.
## Zerstörter Wohnraum in besetzten Gebieten
Ljubow Karas (60) hat im ostukrainischen Switlodarsk gelebt, [2][zwischen
Debalzewo und Bachmut]. Vor 40 Jahren war sie aus der Gegend von
Tschornobyl gekommen, war selbst Liquidatorin. Bei den Kämpfen ab 2014 war
ihre Switlodarsker Wohnung teilweise zerstört worden.
Schließlich zog sie 2019 nach Kyjiw. Wer aus den besetzten Gebieten kommt,
also Binnenflüchtling ist, bekommt überhaupt keine Schadensersatzzahlungen,
berichtet sie gegenüber der taz. Die bekomme man nur, wenn eine amtlich
bestätigte Bescheinigung vorliegt, dass der Wohnraum zerstört worden ist.
Doch ukrainische Behörden sind gar nicht in der Lage, die Zerstörung von
Wohnraum in den besetzten Gebieten zu dokumentieren.
Das Haus von Tatjana Masina (nicht verwandt mit Nataliya Masina) steht
noch. Tatsächlich kann sie es aber derzeit nicht betreten. Tatjana Masina
kommt aus dem russisch besetzten Wolnowacha. Kurz bevor der Krieg
Wolnowacha erreicht hatte, musste sie in Kyjiw einige Dinge erledigen. Doch
dann konnte sie plötzlich nicht mehr zurück, denn Wolnowacha war besetzt.
Und natürlich kann sie auch nicht amtlich dokumentieren lassen, dass sie
ihren Wohnraum verloren hat. Ergo bekommt sie auch keine
Kompensationszahlungen.
Auch [3][Olena Topolja, eine bekannte ukrainische Sängerin], wurde Opfer
eines russischen Luftangriffes. Sie hat, so berichtet die ukrainische
Nachrichtenagentur UNIAN, 209.000 Hrywnja staatliche Hilfe bekommen.
Tatsächlich aber hat sie für die Renovierungen 2 Millionen Hrywnja
ausgegeben. Somit wurde der weitaus größte Teil der Reparaturkosten von ihr
selbst getragen.
2 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /1273-Tage-Krieg-in-der-Ukraine-/!6106956
DIR [2] /Ukrainische-Armee/!6173733
DIR [3] https://www.unian.ua/lite/stars/olena-topolya-spivachka-vrazila-sumoyu-viplat-na-remont-kvartiri-pislya-prilotu-novini-kiyeva-amp-13407942.html
## AUTOREN
DIR Bernhard Clasen
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