# taz.de -- Ukrainische Angriffe auf Russland: Der Krieg hat Moskau endgültig erreicht
> Der ukrainische Angriff auf eine Moskauer Ölraffinerie war nicht der
> erste, aber der bisher schwerste. Russlands Behörden spielen die Probleme
> herunter.
IMG Bild: Moskau, 18. Juni: Nach einem ukrainischen Drohnenangriff steigt dunkler Rauch auf
Es sind verstörende Bilder aus Moskau, die seit Donnerstag um die Welt
gehen: dicke schwarze Rauchwolken über der Stadt, meterhohe Flammen und
Menschen, die das Weite zu suchen.
Bilder, wie man sie in den letzten viereinhalb Jahren so oder ähnlich aus
ukrainischen Städten kannte, wenn Russland gerade wieder mit Drohnen oder
Raketen Kraftwerke, Einkaufszentren, Schulen oder Wohnhäuser angegriffen
hatte. Tausende ukrainische Zivilisten sind bei solchen Angriffen ums Leben
gekommen. Zehntausende haben ihre Wohnungen und Häuser verloren. Oder
mussten gar gleich ganz vor der russischen Besetzung in andere Landesteile
fliehen.
Doch jetzt ist der Krieg endgültig auch in Russlands Hauptstadt angekommen.
Am Donnerstag griffen die ukrainische Streitkräfte, bereits zum zweiten Mal
in dieser Woche, eine Moskauer Ölraffinerie im Stadtteil Kapotnaja an. Es
ist die größte Raffinerie Russlands, sie liefert 40 Prozent des in Moskau
benötigten Treibstoffs. Die Videos davon, [1][wie der riesige Deckel eines
Öltanks, einem Ufo gleich, in die Luft geschleudert wurde], gingen
mittlerweile viral.
Der groß angelegte Angriff erfolgte wenige Stunden vor dem geplanten
Treffen von Präsident Wladimir Putin mit südostasiatischen Staats- und
Regierungschefs auf einem Gipfel in der Stadt Kasan, etwa 700 Kilometer
östlich der Hauptstadt. [2][Bereits kurz vor dem Wirtschaftsforum in Sankt
Petersburg Anfang Juni hatte die Ukraine ein Ölterminal im Hafen der Stadt
beschossen].
## Moskauer Flughäfen stellen Betrieb ein
Der Moskauer Flughafen Scheremetjewo, der verkehrsreichste Flughafen des
Landes, gab bekannt, dass er die Passagiere während des Raketenangriffs an
„sichere Orte“ evakuiert und den Flugverkehr eingeschränkt habe. Auch drei
weitere Moskauer Flughäfen stellten ihren Betrieb vorübergehend ein.
„Die Luftabwehrkräfte wehren weiterhin einen massiven Angriff ab. Mehreren
Drohnen ist es gelungen, die Raffinerie zu erreichen. Es werden Maßnahmen
ergriffen, um die Folgen zu mildern“, schrieb Moskaus Bürgermeister Sergei
Sobjanin auf Telegram.
Eine weitere Drohne stürzte in ein Wohnhaus im Bezirk Schukowski in der
Region Moskau, während Trümmerteile einer Drohne in einem Einkaufszentrum
in der Nähe der Vororte der Hauptstadt einen Brand auslösten, sagte der
Gouverneur der Region Moskau, Andrej Worobjow. Bei den Angriffen wurden 17
Menschen verletzt.
## Luftangriffe auch auf andere russische Städte
Auch aus anderen russischen Städten gibt es nach ukrainischen Angriffen
ähnliche Bilder. Am Donnerstag wurde ein Öldepot im Gebiet Rostow am Don
nahe der ukrainischen Grenze bombardiert. In den vergangenen Wochen gab es
Angriffe auf zahlreiche Raffinerien und Ölanlagen in allen Teilen
Russlands.
[3][Auf Social Media sieht man Videos davon], wie Moskauer*innen Bilder
von den Bränden und den schwarzen Wolken machen und aufgeregt kommentieren.
„Whow, this is f*cking epic“, hört man einen Mann sagen. Von Panik oder
Entsetzen ist auf all diesen Videos wenig zu sehen. Fast könnte man meinen,
die Menschen in Moskau dächten immer noch, all das beträfe sie nicht und
sei nur so etwas wie ein Bühnenspektakel. Während die Verantwortlichen so
wie Moskaus Bürgermeister so klingen, als sei die Lage unter Kontrolle.
Doch spricht man vor Ort mit den Menschen, klingt das anders als das, was
in offiziellen Verlautbarungen und auch auf Social Media gezeigt wird.
## Folgen der Angriffe auf russische Zivilbevölkerung
Swetlana (Name geändert) aus Moskau war am vergangenen Sonntag mit dem Auto
auf dem Weg von der Datscha zurück in die Stadt. Es ist nicht ungewöhnlich,
dass sich nach einem Wochenende der Autoverkehr Richtung Hauptstadt nur
stockend fortbewegt. Aber dieses Mal sei der Stau auf den Straßen besonders
schlimm gewesen, sagt Swetlana. Die Mittvierzigerin wirkt erschöpft. „Über
sieben Stunden ohne Pause habe ich am Steuer gesessen, normalerweise
brauche ich höchstens drei Stunden.“
Swetlana hat für den Megastau auf der ihr vertrauten Strecke aus dem Gebiet
Twer eine plausibel klingende Erklärung: Zum einen habe es starke Gewitter
gegeben. Hauptgrund sei aber wohl, dass am frühen Sonntagmorgen im
Jaroslawer Gebiet, in Rybinsk, Treibstofftanks durch einen ukrainischen
Drohnenangriff in Flammen aufgingen. Eine bedrohliche Rauchwolke zog
daraufhin gen Himmel.
„Ich habe gehört, dass es dort schwarzen Ölregen gegeben haben soll“,
erzählt Swetlana. Aus dessen Richtung kommende
Wochenendurlauber:innen hätten versucht das betroffene Gebiet weit
zu umfahren und seien deshalb auf die Route von Twer nach Moskau
ausgewichen.
## Behörden reden Probleme klein
Gerüchte machen in Russland schnell die Runde. Per Social Media über
Profile russischer Exilmedien unter die Leute gebrachte Videos und Fotos
ebenfalls. Auf dem Telegram-Kanal Astra sind mit schwarzen Flecken übersäte
Blumen aus der Region zu sehen, der ukrainische Telegram-Kanal Exilenova+
zeigt Fotos von beschmierten Gartenmöbeln und schwarzem Regenwasser auf
Fließen.
Es habe keine Verletzten gegeben, verkündete der Gouverneur des Jaroslawer
Gebiets Michail Jewrajew. Einen Tag später versuchte er die Bevölkerung mit
einer weiteren positiven Nachricht zu beruhigen, die der schwarze Regen
stark verunsichert hatte: „Nach Angaben von Experten handelt es sich bei
diesen Rückständen um gewöhnlichen Ruß, der für Pflanzen und die
Landwirtschaft unbedenklich ist“, er klärte Jewraejw. „Der gleiche Ruß
entsteht auch bei Waldbränden.“ Also alles easy.
Vielleicht stimmt zumindest das mit den Verletzten, vielleicht auch nicht.
Die Behörden sind stets darum bemüht, Folgeschäden von Drohnenangriffen
kleinzureden. Bis zu einem gewissen Grad geht diese Taktik auf, auch weil
die unautorisierte Verbreitung solch unrühmlicher Kausalitäten unter Strafe
steht. Gerede gibt es natürlich trotzdem. So hat Swetlana von einem
Datschennachbarn gehört, dessen Sohn in der Ölraffinerie von Kapotnja
arbeitet, dass bereits Mitte Mai bei einer Attacke fünfzehn Arbeiter ums
Leben gekommen seien. Nach offiziellen Angaben gab es lediglich zwölf
Verletzte.
## Datschenurlaub statt Krim
Am Morgen des 16. Juni brannte die Raffinerie erneut wegen einer Drohne und
musste die Produktion vorübergehend stoppen. Und dann kam der Großangriff
vom Donnerstag. Noch sieht man in Moskau, anders als in zahlreichen anderen
Regionen, keine langen Schlangen an den Tankstellen, aber die Mobilität in
der gerade anlaufenden Urlaubssaison lässt dafür nach. So manche Pläne, mit
dem Wagen auf die Krim zu fahren, haben sich jedenfalls erübrigt. [4][Auf
der Krim ist der Sprit rationiert], Buchungen werden reihenweise storniert.
Wer noch einen vollen Tank hat, sollte es immerhin auf die Datscha
schaffen.
19 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.youtube.com/watch?v=mpzObWu06yQ
DIR [2] /Ukrainische-Angriffe-auf-Russland/!6184107
DIR [3] https://www.instagram.com/p/DZukdwJAJCy/
DIR [4] /Versorgungsprobleme-im-Aggressorstaat/!6186189
## AUTOREN
DIR Gaby Coldewey
DIR Vera Bessonova
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