# taz.de -- 1.585 Tage Krieg in der Ukraine: Jung sein wollen – trotz Krieg
> Für Teenager ist das Leben schon kompliziert genug. Aber im Krieg wird es
> noch schwerer. Unser Autor hat mit Jugendlichen in Lwiw und Charkiw
> gesprochen.
IMG Bild: Daryna, Danylo und Viola im Urban Camp im westukrainischen Lwiw
Die drei stylisch gekleideten Teenager erinnern eher an Mitglieder einer
K-Pop-Band als an Menschen, die durch russische Angriffe ihr Zuhause
verloren haben. „Manchmal möchte man den Krieg vergessen. Und einfach nur
eine Jugendliche sein, die ihr ganz normales Leben lebt“, sagt die
18-jährige Daryna.
Ich spreche mit Daryna, ihrer jüngeren Schwester Viola und ihrem Freund
Danylo im Urban Camp in Lwiw. Noch vor wenigen Jahren war dies ein
verwaistes Kulturzentrum aus der Sowjetzeit. Heute ist es eine Unterkunft
für junge Geflüchtete, die hier sich hier auch in Streetart und Sport
ausprobieren können.
In der Eingangshalle, in dem noch ein Mosaik im Stil des Sozialistischen
Realismus erhalten geblieben ist, drehen mehrere Teenager auf Rädern und
Inlinern ihre Runden. Eine Tafel zeigt, was man hier alles machen kann, von
Breakdance bis Streetball.
Für Daryna und Viola ist dieser Ort zu einem Zuhause geworden, [1][nachdem
sie das russisch besetzte Gebiet Luhansk verlassen mussten]. Die Ausreise
nach Polen hatte nicht geklappt, sie saßen herum und wussten nicht, was sie
machen sollten. Jetzt arbeitet Daryna gerade an einem Bild im
Graffiti-Stil. Und kann sich eine Zukunft außerhalb der Ukraine, unter
Menschen mit anderer Sprache und Mentalität, nicht vorstellen.
## Vorbilder und menschliche Wärme
Der 17-jährige Danylo hat die Großstadt Charkiw nach Beginn den ersten
Bombardierungen verlassen. Tänzer zu werden ist sein Traum, er hat bereits
einen Bezirkstitel im Breakdance gewonnen.
Früher hatte er überlegt, sich den ukrainischen Streitkräften
anzuschließen, aber mittlerweile macht ihm der Gedanke Angst. Und er denkt
darüber nach, für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Die Jungs, die er im
Breakdance unterrichtet, lieben ihren Lehrer und sähen es lieber, wenn er
bliebe.
„Jugendliche brauchen nicht nur eine Unterkunft, sondern auch menschliche
Wärme und Vorbilder“, sagt Viktor Tschulanowskyj, der Leiter des Urban
Camps. „Wenn sie nur auf der Straße abhängen und Alkohol trinken, ist das
keine Motivation für sie, in der Ukraine zu bleiben“, betont er.
Vor dem russischen Einmarsch hatten er und sein Team mehrere Orte für
Streetart in Charkiw und Kyjiw eröffnet. Die Angriffe machten ihre
jahrelange Arbeit zunichte. Doch trotzdem er nur wenig Geld zur Verfügung
hat, baut er Urban Camp weiter aus. Er gibt auch weiterhin Workshops im
Osten des Landes, wo das für Jugendliche besonders wichtig ist.
## Jugendzentrum Ujawa in Charkiw
„Jugendliche sind wohl am stärksten von dem Krieg betroffen“, sagt Wasilisa
Haydenko, Koordinatorin des Jugendzentrums Ujawa (zu deutsch „Fantasie“) in
Charkiw. „Kleine Kinder werden von ihren Eltern betreut. Aber Teenager,
deren Leben schon ohne Krieg kompliziert ist, sind oft auf sich allein
gestellt“, erklärt sie. Im Ujawa finden Jugendliche die Freiheit, sie
selbst sein zu können. Aber auch Hobbys, psychologische Unterstützung und
die Möglichkeit zu tiefgründigen Gesprächen mit zahlreichen Gästen, die ins
Zentrum eingeladen werden.
[2][Jede halbe Stunde ertönt der Luftalarm], aber niemand beachtet das
groß: in Charkiw ist die Grenze zu Russland so nah, dass man sich sowieso
nirgends verstecken könnte. „Die Wahrscheinlichkeit, durch eine Drohne ums
Leben zu kommen, ist ungefähr so hoch, wie bei einem Verkehrsunfall zu
sterben – das ist Teil unseres Lebens“, erklärt der 20-jährige Musiker
Jehor am Ende einer Diskussion darüber, was es bedeutet, ein
verantwortungsbewusster Staatsbürger zu sein.
Viele seiner Freunde haben die Stadt verlassen, und sein Lieblingsclub
wurde geschlossen, nachdem der Besitzer an die Front gegangen war. Trotzdem
will Jehor nicht zu seiner im Ausland lebenden Mutter ziehen. Er bringt als
DJ anderen das Auflegen bei und möchte weiter in der Ukraine leben.
„Die Soldaten sehen in unseren Kids hier eine Zukunft, für die es sich zu
kämpfen lohnt. Das für mich der Hauptgrund, noch nicht selber an der Front
zu sein“, betont die Koordinatorin Wasilisa.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
26 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Rostyslav Averchuk
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